Jean-Paul N’Djoli (li.) blieb bisher deutlich hinter den Erwartungen.
Gianluca Lombardi
Über die gesamte Spielzeit gelang es dem FC Wil nicht, dem Spiel eine eigene Prägung zu geben. Etoile Carouge bestimmte Tempo und Rhythmus, nutzte die vorhandenen Räume konsequent und liess den Gastgebern kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Die Unterlegenheit der Wiler zeigte sich dabei nicht nur in den Abläufen, sondern auch im Auftreten auf dem Platz.
Schon in der ersten Halbzeit fehlte es den Gastgebern an Zugriff. Carouge trat aktiver auf, kombinierte flüssiger und nutzte die grosszügigen Räume konsequent. Das 0:1 durch Bouchlarem war folgerichtig, ebenso das 0:2 durch Correia (40.), der einmal mehr unbedrängt zum Abschluss kam. Dass Wil durch einen sehenswerten Distanzschuss von Kaiba kurz vor der Pause auf 1:2 verkürzen konnte, schmeichelte dem Spielverlauf eher, als dass es ihn widerspiegelte.
Frühe Entscheidung
Nach dem Seitenwechsel blieb eine Reaktion aus – und genau das ist der zentrale Kritikpunkt. Wer nach einer schwachen ersten Hälfte mit einem Tor Rückstand aus der Kabine kommt, muss eine andere Körpersprache zeigen. Doch stattdessen wirkte Wil weiterhin passiv, ideenlos und fehleranfällig. Der entscheidende Treffer zum 1:3, nach knapp einer Stunde, fiel nach einem Aufbaufehler, symptomatisch für die Verunsicherung im Wiler Spiel. Auch danach blieb ein Aufbäumen lange aus.
Erst als Carouge Torhüter Signori, wenige Minute vor Ablauf der regulären Spielzeit, des Feldes verwiesen wurde, rüttelten sich die Gastgeber selbst wach und rannten an. Die Hypothek war aber bereits zu gross und die Durchschlagskraft vorne, einmal mehr, nicht vorhanden.
Sachlich betrachtet offenbart dieses Spiel mehrere strukturelle Probleme. Defensiv stimmt die Abstimmung nicht, die Abstände sind zu gross, das Zweikampfverhalten zu halbherzig. Offensiv fehlt es an Abschlussstärke, Kreativität und Tempo. Die Statistik mit einer der schwächsten Offensiven der Liga ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieser Defizite.
Vor diesem Hintergrund wirkt das formulierte Saisonziel, Platz fünf, zunehmend unrealistisch. Die Realität sieht anders aus: Der FC Wil steckt, auch wenn der Vorsprung auf Bellinzona aktuell noch beruhigend erscheint, im Abstiegskampf. Neun Punkte können in dieser Liga schnell schmelzen, insbesondere wenn direkte Duelle noch ausstehen.
Das richtige Mindset finden
Entscheidend wird nun die mentale Ausrichtung. Es reicht nicht, sich mit soliden Phasen oder einzelnen Punktgewinnen gegen stärkere Teams zufriedenzugeben. Die Mannschaft muss akzeptieren, dass es nicht um obere Tabellenplätze geht, sondern um das Vermeiden des Abstiegs. Diese Einsicht ist Voraussetzung für eine entsprechende Mentalität: mehr Aggressivität, mehr Entschlossenheit, mehr Widerstandsfähigkeit.
Die bevorstehende Länderspielpause kommt zur richtigen Zeit. Sie bietet Gelegenheit zur Analyse und zur Neujustierung. Klar ist aber auch: Ohne eine deutliche Steigerung in allen Bereichen wird der FC Wil die verbleibenden Spiele nicht erfolgreich gestalten können. Der Ernst der Lage ist spätestens nach dieser Niederlage nicht mehr zu übersehen. Zumindest sind es aber aktuell noch neun Punkte Vorsprung, die den Wilern zumindest ein bisschen Sicherheit geben sollten.
Telegramm:
FC Wil 1900 – Etoile Carouge FC 1:3 (1:2)
Lidl Arena, Wil: 1171 Zuschauer – SR: Schelbli.
Tore: 27. Bouchlarhem 0:1, 37. O. Correia 0:2, 44. Kaiba 1:2, 55. O. Correia 1:3.
Wil: Muslija; Bohon Diet, Kaiba, Schmid, Ato-Zandanga (83. Schreiber); Jacovic, Ndau; Breedijk (64. Aliu), N’Djoli (64. Bytyqi), Hajij (64. Hajij); Rapp (74. Saho).
Carouge: Antonio; Rüfli, Felder, Zrankeon, Hoxha (80. Philippin); Alves, El Jaouhari, Escorza (80. Essiena); O. Correia (86. Sene), Itaitinga (81. Samba), Bouchlarhem (90. Diallo).
Verwarnungen: 11. Jacovic, 16. Hoxha.
Bemerkungen: Wil ohne Diarra, Selmonaj, Staubli (alle verletzt), Rutz, Tische-Rottensteiner und Berisha (alle nicht im Aufgebot). Carouge ohne Caslei (gesperrt), Strohbach, Diallo, Harrington, Walker, Bossiwa Bessolo (alle verletzt), Maouche, Dias Patricio und Atanga (alle nicht im Aufgebot). – Platzverweis: 86. Signori (Rot).