Eigentlich könnte es sich Herbert Grönemeyer ganz einfach machen. Er könnte sich seine Band schnappen und die besten Songs aus seinem Repertoire aus inzwischen mehr als 40 Jahren erfolgreicher deutscher Musik zum Besten geben. Er könnte seine größten Hits von „Männer“ über „Mensch“ und „Alkohol“ bis hin zu „Der Weg“ spielen und am Ende wäre sein Publikum wahrscheinlich wunschlos glücklich.
Doch Grönemeyer verleiht seiner Musik auf der aktuellen Tour eine ganz neue Note und erfindet sich dabei sogar ein bisschen neu. Zwischenzeitlich tummeln sich bis zu 40 Musikerinnen und Musiker neben ihm auf der Bühne. Ein zwanzigköpfiger Chor, ein Streichorchester und seine Band machen den Abend in der ausverkauften Olympiahalle zu einem besonderen Erlebnis. „Mittendrin und akustisch“ verspricht Grönemeyer bei der Tour-Ankündigung und er hält Wort. In der Mitte der Konzerthalle steht die Bühne. Darauf tigert Grönemeyer von Ecke zu Ecke, er tanzt, singt und juchzt fast drei Stunden.
Grönemeyer in der Olympiahalle München: Sanfte Klänge und deutliche Worte
Grönemeyer, in einem offenen, hellen Hemd mit ein bisschen zu langen Ärmeln, legt zart los. Mit Chor singt Grönemeyer am Valentinstag das Lied „Unfassbarer Grund“. Den Valentinstag betont er mehrfach selbst und fordert „Restliebe, die vom Tag noch übrig bleibt“. Er singt die Liedzeile „Ach wäre Liebe nur ein Wort“ und hat damit die Fans schon auf seiner Seite, bevor er mit einem seiner größten Hits, „Bochum“, schon früh am Abend die Stimmung steigen lässt.
Während der deutsche Ausnahmekünstler 2024 noch in seiner Heimat Bochum mehrmals das Fußballstadion des VfL Bochum ausverkaufte und dabei auf seine reine Männerband setzte, überzeugt er an diesem Abend mit sanften Klängen eines divers besetzten Orchesters mit Streichern, einem Chor und seiner Band. Hervor sticht der Percussion-Musiker Mark Essien, der nicht nur mit seinem Solo beim Lied „Mambo“ mit voller Energie trommelt, rasselt und scheppert.
Grönemeyer selbst steht im Zentrum der Bühne, sitzt mal ruhig am Klavier oder spielt bei „Männer“ selbst die Ukulele. Doch meistens streift er von Bühnenecke zu Bühnenecke, bewegt seine Hüften, deutet Tänze an. Ein bisschen wirkt der Künstler wie ein Boxer in seinem Ring. Er interagiert mit seinen Fans und gluckst glücklich nach seinen Liedern.
Herbert Grönemeyer bezieht klar Position gegen Rechts
Was an diesem Abend auffällt: Grönemeyer – sonst gerne auch mal ein Nuscheler – gibt sich große Mühe, bei den ruhigeren Liedern deutlich zu singen. Das verleiht dem ein oder anderen bekannten Song eine ganz andere Note. Dabei singt er aber nicht nur seine Lieder: Grönemeyer versucht sich als Geschichtenerzähler und betont Songzeilen anders und spielt mit klaren Gesten. Er singt vom Widerstand und deutet mit seinen Beinen einen festen Stand an. Er breitet die Arme aus, wenn es bei einem seiner neuen Songs „Flieg“ übers Fliegen geht, und dreht sich bei „Zeit, dass sich was dreht“. Klare Worte findet er zwischen seinen Songs und zeigt klare Kante gegen Rechts. Grönemeyer sagt: „Wir müssen die Demokratie verteidigen“, und fordert: „Keinen Millimeter nach rechts.“ Danach stimmt er „Fall der Fälle“ an und erklärt, dass es bei dem Lied um eine Frau geht, die sich in der Antifa engagiert.
Grönemeyer überzeugt an diesem Abend vor allem mit seinen ruhigeren Liedern, die nahegehen. Bei „Der Weg“ – sein wohl emotionalster Song, den er 2002 nach dem Tod seiner Frau schrieb – kullern im Publikum vereinzelt Tränen. Danach gelingt es ihm aber immer wieder, das Publikum mit seinen lockereren und größten Songs mitzureißen, und so wird aus seinem 20-köpfigen Chor irgendwann ein einziger riesiger Chor: Sein Publikum singt „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen, so schön“. Grönemeyer stimmt am Klavier mit ein.
Grönemeyer begeistert Fans in der Olympiahalle
Nach 90 Minuten verlässt Grönemeyer das erste Mal die Bühne, kommt mit Bier und neuem Hemd wieder, trinkt ein paar Schlucke, pfeffert sein Bier ins Publikum und spielt nochmals mehr als eine Stunde. Seine Fans tanzen zwischendurch Schulterwalzer (eine Mischung aus Schunkeln und Tanzen, das für das ältere Publikum auch gut im Sitzen geht), sie klatschen und genießen. Zu den Klängen von „Der Mond ist aufgegangen“ verlassen die Fans nach fast drei Stunden glücklich und voller Liebe die Olympiahalle.
Grönemeyer strahlt auch. „Was Schöneres gibt’s nicht im Leben“, sagt er über seinen Auftritt. Er lobt seine Fans mit „ihr solltet euch auch so mal zum Singen treffen“ und verabschiedet sich mit einem „Servus“. Mit fast 70 Jahren ist Grönemeyer immer noch nicht fertig. 2027 wird er dann wieder die Arenen füllen – wahrscheinlich mit weniger Streichern und ohne Chor.
Manuel Andre
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Herbert Grönemeyer
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