
AUDIO: Bildschöne Bücher: «Walter Ophey – Zeichnungen» (4 Min)
Stand: 15.02.2026 06:00 Uhr
Walter Ophey gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Rheinischen Expressionismus. Ein neues Buch präsentiert erstmals seine faszinierenden Zeichnungen, die durch besondere Kreidetechniken lebendig wirken.
Er muss immer farbige Finger gehabt haben. Abgebildet auf der vorletzten Seite ist das «Arbeitsmaterial» des Künstlers. Eine Schachtel Pastellkreiden, Polychromos aus dem Hause A. W. Faber. Die Kreiden sind, bis auf wenige, zerbrochen, aber auch die Stückchen liegen wohlgeordnet in ihren kleinen Fächern. Damit also hat der Maler und Zeichner Walter Ophey gearbeitet. In seiner Autobiografie notiert er: «Ich bin Maler und gehe viel mit dem Zeichenbuch über Land und zeichne allerlei Sachen, wie Berge, Telegraphenstangen, Menschen, Schiffe, Flüsse, Eisenbahnbrücken, alte Städte und Fabriken und fast sämtliche Gegenstände, die es gibt.»
Linien, die Geschichten erzählen
Zwei Zeichnungen auf einer Doppelseite, beide im Jahr 1923 entstanden. Auf dem linken Bild «Berglandschaft mit Wald» fließen ultramarinblaue Linien schwungvoll zum Horizont. Jede Linie ist verwischt. Der Wald am unteren Bildrand ist so stilisiert, dass man auch aufgestellte Surfboards, und statt der Berge am Horizont ein aufgewühltes Meer vermuten könnte. Die strengen, gerundeten Rauten unten, die weichen Linien oben.

Die Zeichnungen von Walter Ophey haben bis heute große Strahlkraft.
Ganz ähnlich funktioniert die Aufteilung auch beim zweiten Bild auf der rechten Seite: «Baumgruppe vor Bergkuppen». Hier ist allerdings die Baumgruppe im Vordergrund in azurblaue Linien gekleidet, die spitzenbewährt wie riesige Löwenzahnblätter in der Landschaft stehen und zwei Drittel des Blatts einnehmen. Die Bergkuppen sind drei hingeworfene und nach unten verwischte schwarze Linien, auf dem hintersten Berg steht ein kleiner, schiefer Kirchturm.
Die Kunst, Bewegung einzufangen
Die Anfänge der charakteristischen «offenen Zeichnungen», wie Ophey sie nannte, liegen zwischen 1912 und 1914, schreibt der Kunsthistoriker und Mitherausgeber Daniel Cremer: «Der entscheidende, letzte Schritt auf dem Weg zu seinem so unverwechselbaren Zeichenstil gelingt Ophey 1914. Er beginnt, die Kreidestriche zu verwischen, zunächst mit dem Pinsel, später mit einem kleinen Wattebäuschen oder direkt mit dem Finger.»
Dabei fällt besonders auf, dass er die Kreide nur zu einer Seite der Linien hin verreibt, sodass Plastizität und Dreidimensionalität entstehen. Selbstverständlich wäre das alles weder beeindruckend noch besonders ohne Opheys Fähigkeit, Umrisse schnell und auf den Punkt aufs Blatt zu bringen.
Zwischen Kriegsalltag und Kreativität
1915 wird Walter Ophey einberufen, sein Einsatzort ist Culm an der Weichsel. «Das strenge Winterwetter lässt ihn, der regelmäßig unter Atemwegsinfektionen und Asthma leidet, sofort schwer erkranken», schreibt die Kunsthistorikerin Dr. Gunda Luyken. Im Lazarett zeichnet Ophey. «Er studiert in immer neuen Variationen Genesende, die sich einzeln oder in Gruppen mit Liegen, Sitzen, Lesen oder Kartenspielen beschäftigen», so Luyken.

Mit schnellem Strich verlieh Walter Ophey seinen Motiven unverwechselbare Ausdruckskraft.
Auf dem Bild «Sitzende» etwa, aus dem Jahr 1915, sieht man den dunkelroten Umriss eines Menschen von hinten, der im Schneidersitz auf einem Bett aus drei blauen Linien sitzt. Die ihm gegenüber platzierten Figuren sind hellrot und orange umrahmt, die Fenster gelb. Viel ist in diesen Zeichnungen in Bewegung. Wie auch die Häuser und Kirchtürme bei Stadtansichten gern gebogen und gezogen sind, beulen sich nun die Fenster, wabern die Bettgestelle, fast als würde ein Luftzug hindurchziehen und alles zum Schwingen bringen.
Zeichnungen aus einer anderen Welt
Bereits bei einer seiner frühen Ausstellungen zeigt Walter Ophey seine Zeichnungen. Sie fallen sogleich auf. So schreibt Johanna Arntzen 1907 in «Masken», der «Wochenschrift des Düsseldorfer Schauspielhauses»: «Da war eine Empfindung in der Zeichnung, als seien das Dinge aus einer anderen Welt. (…) Ophey ist befähigt, dieses Traumbewusstsein zu materialisieren.»
Es ist eine große Freude, dass uns diese «Dinge aus einer anderen Welt» durch den liebevoll gestalteten Band wieder nahegebracht werden.

Walter Ophey – Zeichnungen
von Daniel Cremer, Gunda Luyken (Hg.)
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Wienand
ISBN:
978-3-86832-784-7
Preis:
36 €