Dieses Bild – es hat etwas Unwirkliches. Als sei es einem Mafia-Film entnommen. Doch es ist echt und entstammt der Nachkriegswirklichkeit. Aufgenommen wurde es in Stuttgart in der Reinsburgstraße, in der heute alles so bürgerlich-friedlich und aufgeräumt erscheint. Wäre es kein Schwarz-Foto, sähe man das Blut auf dem Pflaster. Dunkelrot.

Das Bild zeigt einen mit einem weißen Tuch verhüllten Leichnam. Man sieht die Blutlache auf Kopfhöhe förmlich größer werden. Über den Toten gebeugt steht eine junge Frau. Sie fasst sich verzweifelt mit der Hand an den Kopf. Daneben hält eine ältere Frau ein Mädchen in den Armen. Aus den Gesichtern spricht Entsetzen. Auf einer anderen Aufnahme vom Tatort ist eine Frau zu sehen, die auf dem Pflaster neben dem zugedeckten Toten sitzt. Mit ausgestreckten Füßen. Ein Ausdruck vollkommener Leere.

Entstanden sind diese Fotos am 29. März im Jahr 1946. Kurz zuvor hatte in der oberen Reinsburgstraße eine Razzia stattgefunden. Mehr als 200 Polizisten waren daran beteiligt. Der Anlass: angebliche Schwarzmarktgeschäfte. Heute weiß man: Die Razzia war antisemitisch motiviert.

In der Reinsburg- und der Klugestraße hatte die US-Militärregierung damals ein Lager für „Displaced Persons“ eingerichtet – Menschen, die fernab ihrer Heimat gestrandet waren. Darunter waren viele Jüdinnen und Juden aus der Stadt Radom in Polen, Überlebende des Holocaust. Bis zu 1500 Menschen waren zwischen 1945 und 1949 in dem Camp untergebracht, ein fast vergessenes Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte.

Das Lager galt als Vorzeige-Camp. Davon zeugten prominente Besucher, die sich ein Bild davon machten: US-General Dwight D. Eisenhower, David Ben Gurion, der spätere erste Ministerpräsident Israels, oder die Menschenrechtsaktivistin und US-Präsidentengattin Eleanore Roosevelt.

Die „KZler“ leisteten bei der Polizei-Razzia Widerstand

Umso dramatischer die Ereignisse jenes Märztages vor 80 Jahren, als die Polizei in dem Camp aufmarschierte. Dass sich seine Bewohner so kurz nach ihrer Befreiung erneut bewaffneten Deuschen gegenübersahen, ließ die Situation eskalieren. Die „KZler“, wie sie sich selbst nannten, leisteten Widerstand. Die Polizei feuerte Schüsse ab. Dabei wurde der 36-jährige Shmuel Dancyger aus nächster Nähe von einer Kugel tödlich in den Kopf getroffen.

Es ist er, den das Foto zeigt. Auf dem Boden liegend und mit einem weißen Tuch verhüllt vor dem Haus, Nummer 197 B, wo er wohnte. Noch am selben Tag wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Bad Cannstatt beigesetzt. Die Übersetzung der Inschrift auf seinem Grabstein lautet: „Hier ist der Märtyrer Shmuel Awraham, Sohn von Noah Dancyger, begraben, geboren im Jahr (5)670 in Radom, Polen, der durch eine Kugel von Mördern fiel, als er sich in der Stunde des bewaffneten Überfalls der deutschen Polizei auf die Bewohner des jüdischen Zentrums in Stuttgart am 26. des Monats Adar II 5606 zur Wehr setzte. Möge seine Seele in den Bund des Lebens aufgenommen sein.“

Dieses Plakat am Shmuel-Dancyger-Platz an der Reinsburg-/Rotenwaldstraße zeigt Bewohner des DC-Camps bei einem Protestzug am 4. April 1946. Anlass war der gewaltsame Tod des Holocaust-Überlebenden Shmuel Dancyger. Polizisten durften das Camp nach dem tödlichen Vorfall vom 29. März 1946 nicht mehr betreten. Foto: Jan Sellner

Welche Tragik! Dabei schien sein Leben auf fast wundersame Weise gerade eine andere, gute Wendung zu nehmen. Dancyger hatte das Ghetto in seiner 100 Kilometer südwestlich von Warschau gelegenen Heimatstadt Radom überlebt. Überlebt hatte er auch das Vernichtungslager Auschwitz, in dem er von seiner Frau Regina und den beiden Kindern Yaffa und Marek 1944 gewaltsam getrennt worden war. Ebenso einen Todesmarsch nach Mauthausen. Nach der Befreiung durch US-Soldaten war er zuerst in Linz und dann in einem Sanatorium in Paris untergekommen. Dort hörte er von dem DP-Camp in Stuttgart, in dem, so hieß es, Überlebende aus Radom einquartiert waren. Ob er hoffen konnte, dort seine Frau Regina und seine Tochter Yaffa und Marek, seinen Sohn, wiederzufinden?

Seine Witwe und den Kindern gelang 1947 die Auswanderung nach Palästina

Als Shmuel Dancyger in Stuttgart eintraf, irgendwann zwischen Dezember 1945 und Januar 1946, verwandelte sich die vage Hoffnung in wunderbare Gewissheit. Seine Frau und die Kinder hatten ebenfalls überlebt. Nach zwei Jahren voller Angst und Sorge waren sie wieder beisammen!

Nur wenige Wochen später jedoch, an jenem 29. März 1946, zerbrach ihre kleine Welt, und diesmal sollte es endgültig sein. Die Reinsburgstraße, so schreibt die Stuttgarter Journalistin Tina Fuchs, „ist der Ort unendlichen Glücks, als sich die Familie Dancyger nach Auschwitz wiederfindet. Und sie ist Tatort der größten Tragödie, als die Polizei aufmarschiert und der Vater erschossen wird, nachdem die Familie gerade erst wiedervereint war“.

Ein Jahr danach gelang Regina Dancyger und ihren Kindern die Auswanderung nach Palästina. Sie begann ein neues Leben, heiratete noch einmal und zog mit ihrem zweiten Mann, Israel Goldblum, und Sohn Marek 1952 nach Kanada. Die 16-jährige Tochter, blieb im neu gegründeten Staat Israel.

Die Journalistin Tina Fuchs machte sich auf eine Reise in die Vergangenheit

Der Tod Shmuel Dancygers, der weltweit Schlagzeilen macht, blieb ungesühnt, der Schütze wurde nie zur Verantwortung gezogen. Für die Stuttgarter Journalistin Tina Fuchs war das einer der Gründe, sich mit Dancygers Schicksal und mit dem Lebensweg seiner Familie zu befassen. Seit sechs Jahren lässt sie dieses Thema nicht los.

Auf ihrer Reise in die Vergangenheit machte sie intensive Begegnungen. In Stuttgart lernte sie die junge Historikern Josefine Geib kennen, die in der Reinsburgstraße 199 aufgewachsen ist, dem Nachbarhaus, vor dem Shmuel Dancyger erschossen wurde. 2024 erschien ihr Buch „Tödliche Razzia. Antisemitismus, Polizeigewalt und die Erschießung eines Auschwitz-Überlebenden in Stuttgart 1946“. Nach langem Suchen stieß Fuchs auch auf Howard Dancyger, den Enkel Shmuel Dancygers, der Kunstberater ist und in Kanada lebt. Der heute 62-Jährige hatte dasselbe Interesse. Er wollte herausfinden, warum sein Großvater in Stuttgart sterben musste. Es drängte ihn danach.

„Wenn ich den Schlüssel in meinem Mercedes umdrehe, dreht sich Hitler im Grabe um“

Gemeinsam begaben sich Howard Dancyger und Josefine Geib auf die Spurensuche in Archiven von Stuttgart bis New York , begleitet von Tina Fuchs, die darüber einen Dokumentarfilm drehte. Der Titel: „Sechs Millionen. Und einer.“ – in Anspielung auf die rund sechs Millionen von den Nazis ermordeten Jüdinnen und Juden – und auf jenen „einen“, Shmuel Dancyger, der 1946 in Stuttgart von Polizistenhand zu Tode kam. Die Emotionen, die dieses Vorhaben weckte, beschreibt Tina Fuchs als zutiefst prägend. Auch eine Zeitzeugin, die in New York lebende Autorin Eva Mekler, die wie die Dancygers aus Random stammt, spielte dabei eine wichtige Rolle.

Diese Gedenktafel erinnert an dem nach ihn benannten Platz an Shmuel Dancyger. Das Foto zeigt ihn mit seinem Sohn Marek in der Reinsburgstraße in Stuttgart. Foto: Jan Sellner

Der emotionale Höhepunkt dieser Reise in die Vergangenheit war eine Begegnung mit Marek Dancyger, dem heute 85 Jahre alten Sohn von Shmuel Dancyger. Unter dem Namen Morris Dancyiger lebt er mit seiner Frau Ann ebenfalls im kanadischen Calgary. Er, der als Fünfjähriger miterlebt hatte, wie sein Vater erschossen wurde, mied jahrzehntelang jeden Kontakt mit Deutschland und mit Deutschen. Nach gutem Zureden seines Sohnes Howard fand er sich schließlich doch für eine Filmaufnahme bereit – ohne allerdings zu sprechen. „Er schweigt, notierte die Filmemacherin Fuchs: „Als würde er dem Leid einen Sinn geben, wenn er darüber redete.“ Gesprochen hat Morris Danziger nur im Off. „Jedes Mal, wenn ich den Zündschlüssel in meinem Mercedes umdrehe, dreht sich Hitler im Grabe um, weil ich dieses Auto fahre“, sagte er ihr.

Morris Dancyger – das ist der Junge, der bei der Auschwitz-Befreiung gefilmt wurde

Fuchs nennt das Treffen mit Morris Danziger „einen der bewegendsten Momente“ ihres Lebens. Dies auch im Wissen, dass es sich bei ihm, der in Kanada Pharmazie studierte, um eines der Kinder handelt, das nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 einem Kameramann der Roten Armee den tätowierten Arm entgegenstreckte. Die Szene ist in dem Film „Die Todesmühlen“ enthalten. 1946 wurde er in Kinos in der US-Besatzungszone gezeigt, um den Deutschen die Gräuel der Nazis vor Augen zu führen.

Die Erinnerungsarbeit von Tina Fuchs, Josefine Geib und Howard Danziger führte am Ende zu einem 90-minütigen Dokumentarfilm. Premiere war im Mai 2025 in der jüdischen Community in Calgary. Nun ist er Bestandteil einer Foto-Ausstellung vom 27. März bis 3. Mai in den „Querungen“ des Württembergischen Kunstvereins, die Shmuel Dancyger und den Displaced Persons in der Reinsburgstraße gewidmet ist – 80 Jahre nach der tödlichen Razzia.

Die Nachforschungen ergaben auch Hinweise auf den damaligen Todesschützen. Aus der Tatsache dass er unbehelligt blieb, schließt Fuchs auf einen „ungebrochenen Antisemitismus in der Nachkriegszeit“. Immerhin hat sich Stuttgart an Shmuel Dancyger erinnert – wenn auch spät. Seit vergangenen September ist der Platz an der Reinsburg-/Rotenwaldstraße nach ihm benannt, um damit auch ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Die Initiative ging von den Künstlerinnen Ann-Kathrin Müller und Judith Engel aus. „Shmuel Dancyger 1910 – 1946. Vater, Ehemann, Auschwitz-Überlebender“ steht auf dem Schild. Großvater zu sein, war ihm nicht vergönnt. Howard, der Enkel, war bei der Einweihung dabei.

Der Fall Shmuel Dancyger – die Ausstellung

Ausstellung
In der Ausstellung „Der Fall Shmuel Dancyger“ “ in den „Querungen“ im Württembergischen Kunstverein zeigt der Lernort Geschichte vom 27. März bis 3. Mai zeigt rund 200 Fotos aus dem DP-Viertel in der Reinsburgstraße, das dort von 1945 bis 1949 bestand. Sie stammen aus Archiven in Israel, Amerika und Deutschland und werden hier erstmals gezeigt. Abgebildet sind die Ankunft und der Alltag der „KZler“, wie sie sich nannten, die tödliche Razzia, die darauffolgenden Proteste, und später die Ausreise. Eine digitalisierten Zeitreise will die Reinsburgstraße von1946 erfahrbar machen. Gefördert wird die Ausstellung durch das Bildungsprogramm gegen Antisemitismus der Baden-Württemberg-Stiftung.

Begleitprogramm
Der Film „Sechs Millionen. Und einer.“ von Tina Fuchs wird am 15 April um 18,30 Uhr, am Sonntag, 19. April und bei der Finissage am 3. Mai jeweils um 17 Uhr in den Ausstellungsräumen gezeigt. Außerdem am gezeigt am 22. April im Atelier am Bollwerk. Am Sonntag, 29. März, gibt es ein Gespräch unter dem Motto „Stumme Zeugen“, an der die Zeitzeugin Eva Mekler und Elliot Finsburg, Sohn des Fotografen Bernhard Ginsburg teilnehmen wird, der das Leben im Stuttgarter DC-Camp dokumentierte. Howard Dancyger, Sohn des erschossenen Shmuel Dancyger, ist digital zugeschaltet. Der Lernort Geschichte, eine außerschulische Bildungseinrichtung der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH, bietet im Rahmen der Ausstellung Projekttage für Schulklassen an. red