Milena Brandt und ihr Partner wollen Deutschland verlassen. Den Entschluss fassen sie Anfang vergangenen Jahres. Damals arbeitet sie als Physiotherapeutin in der Praxis ihrer Mutter und begleitet am Wochenende Handballteams. „Wir haben gemerkt, dass unser Alltag uns hier nicht gefällt“, sagt die 26-Jährige.

Ihr Freund ist gelernter Kaufmann und spielt selbst Handball. Sie sehnen sich nach mehr Freizeit und einem Leben, „in dem jeden Tag die Sonne scheint“. Im September kündigen sie ihre Wohnung, verkaufen ihre Einrichtung und wandern mit kleinem Startkapital nach Palamós an die Costa Brava aus. „Wir waren nicht glücklich, haben zu viel gearbeitet, und Freunde und Familie sind zunehmend in den Hintergrund gerückt.“

„Wir brauchen die Köpfe dieser Generation“

Das Paar hat das zur Wirklichkeit gemacht, worüber viele junge Menschen hierzulande nachdenken. Ein Fünftel der 14- bis 29-Jährigen hat konkrete Pläne, aus Deutschland wegzuziehen, 41 Prozent können sich ein Leben im Ausland vorstellen. Das zeigt die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck“.

Für die Politik ist das ein Alarmsignal. Der demografische Wandel schreitet voran und die Wirtschaft benötigt dringend Fachkräfte. „Wir brauchen die Köpfe dieser Generation“, sagt Studienautor Kilian Hampel. Umso wichtiger sei es, ihre Sorgen ernst zu nehmen, statt ihnen „Faulheit” zu unterstellen.

Kilian Hampel c: Marc-Steffen Unger Co-Studienautor Kilian Hampel.

© MARC-STEFFEN UNGER

Dass junge Menschen zu Beginn ihrer Karriere häufiger mit einem Leben im Ausland liebäugeln, sei aus der Forschung bekannt, sagt Hampel. Er hat die Untersuchung gemeinsam mit Kollegen und dem Institut für Demoskopie Allensbach konzipiert und geleitet. Befragt wurden etwa 2000 Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren.

Das ist ein ernstzunehmendes Signal.

Kilian Hampel, Co-Studienautor

Dass ein so großer Anteil erwägt, Deutschland zu verlassen, sei mehr als nur „ein unverbindliches Gedankenspiel“, sagt Hampel. „Das ist ein ernstzunehmendes Signal.“ Er sieht als Treiber für das Phänomen fehlende Zukunftsaussichten in Deutschland. Die Mehrheit der Befragten rechnet nicht damit, dass sich zentrale Lebensbereiche in den kommenden Jahren verbessern.

Bei der Lebensqualität und wirtschaftlichen Entwicklung gehen sogar mehr 14- bis 29-Jährige als im Vorjahr von einer Verschlechterung aus. Und auch beim gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Wohnraumsituation und den politischen Verhältnissen sieht die Jugend kaum Aussicht auf Besserung. In anderen Ländern wünschten sie sich einen besseren Lebensstandard und verlässlichere Zukunftsperspektiven.

Nicht Geld, sondern Lebensqualität steht im Fokus

Brandt selbst war nach der Schule ein Jahr in Barcelona. „In Spanien habe ich mich viel freier gefühlt“, sagt sie. Vor Ort wollte sich das Paar selbstständig machen. Ihr Ziel: mehr Freizeit, mehr Freiheit und eine bessere finanzielle Perspektive.

Milena Brandt c: Milena Brandt Physiotherapeutin Milena Brandt lebte zeitweise in Spanien.

© Milena Brandt

Andere Länder erscheinen vielen jungen Menschen attraktiv wegen „höherer Lebensqualität, funktionierender Infrastruktur oder einem entspannteren Lebensmodell“, sagt Autor Hampel. „Es geht also nicht nur um Geld, sondern um ein Gesamtbild von Zukunft: verlässlich, lebenswert, erreichbar.“

Armut und psychische Belastung als Gründe zum Auswandern

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass diejenigen, die Deutschland verlassen wollen, häufiger Schulden haben, sich stärker von Armut bedroht fühlen und wenig an das Elternhaus gebunden sind. Unter ihnen sind zudem mentale Belastungen überdurchschnittlich verbreitet. Sie befinden sich etwa doppelt so häufig in Behandlung und geben öfter an, eine zu benötigen als junge Menschen ohne Auswanderungspläne.

Auffällig ist auch der Geschlechterunterschied: 25 Prozent der jungen Männer haben konkrete Abwanderungspläne, bei jungen Frauen sind es 17 Prozent. Diese Werte korrelieren laut Hampel mit Faktoren wie dem Gefühl, finanziell abzurutschen, Schulden zu haben oder einer größeren Nähe zur AfD – Sorgen, die bei jungen Männern laut Studie stärker ausgeprägt sind.

Ohnmachtsgefühl wächst

Die junge Generation ist in einem durchgehenden Krisenmodus aufgewachsen. Pandemie, Inflation, geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit und Diskussionen über KI und Arbeitsplatzsicherheit hätten ihr Zukunftsbild geprägt, meint der Co-Autor. Nicht verwunderlich sei es, dass die Forschenden seit Jahren ein „wachsendes Ohnmachtsgefühl“ bei Jugendlichen erkennen würden.

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Der Wert zur geplanten Auswanderung wurde erstmals erhoben, Vergleichszahlen gibt es daher nicht. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung kommt dennoch zu ähnlichen Ergebnissen: Rund ein Fünftel der Befragten zieht in Erwägung, Deutschland zu verlassen, aber nur zwei Prozent haben konkrete Pläne.

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Für Milena Brandt und ihren Freund tauchen die ersten Hürden auf, als Brandt schwanger wird. Zwar geht sie davon aus, alles in Spanien regeln zu können, doch schon die Anmeldung scheitert ohne festen Wohnsitz. „Die Traumvorstellung vom Leben am Urlaubsort ist schnell dem Alltag gewichen“, sagt die 26-Jährige.

Mitte Dezember packen sie ihre Sachen und ziehen zurück nach Deutschland. In wenigen Tagen soll ihr gemeinsames Kind zur Welt kommen.