5 neue Medikamente vor der Zulassung, 13 weitere mit erweiterten Einsatzgebieten – die jüngste Sitzung des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur markiert einen weiteren wichtigen Schritt für die Behandlung verschiedener Krebsarten und seltener Erkrankungen. Ein Überblick [1].
Adstiladrin (Nadofaragene firadenovec) beim Blasenkarzinom
Mit der Empfehlung zur bedingten Zulassung von Adstiladrin erweitert der Ausschuss das therapeutische Spektrum bei einer besonders schwer zu behandelnden Patientengruppe: dem BCG-refraktären nicht-muskelinvasiven Blasenkarzinom. Hier handelt es sich um eine Form von Blasenkrebs, die auf die oberflächlichen Schichten der Blase begrenzt ist, jedoch nicht mehr auf die Standardtherapie mit dem Bacillus Calmette-Guérin (BCG) anspricht. Dadurch steigt das Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung deutlich, und die Behandlung wird klinisch anspruchsvoll.
Adstiladrin (Nadofaragene firadenovec) ist eine intravesikal applizierte Gentherapie. Sie wird als Monotherapie bei erwachsenen Patienten mit BCG-unresponsivem NMIBC mit Carcinoma in situ – mit oder ohne papillären Tumoren – eingesetzt. Es handelt sich um einen nicht-replikationsfähigen, rekombinanten Adenovirus-Vektor (Typ 5), der das Transgen für Interferon alfa-2b in Urothel- und Tumorzellen einschleust. Die lokale Expression von IFNα2b führt zu einer Aktivierung der antitumoralen Immunantwort direkt im Blasengewebe.
Die klinische Evidenz basiert auf einer einarmigen, offenen, multizentrischen Zulassungsstudie mit 103 Patienten. Dabei wurde eine komplette Ansprechrate von 53,4% (95%-KI: 43,3–63,3) erreicht. Die mediane Dauer des Ansprechens lag bei 9,7 Monaten – ein klinisch relevanter Effekt in einer Population mit begrenzten Behandlungsoptionen und hohem Progressionsrisiko.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Dysurie, Pollakisurie, Hämaturie, Blasenspasmen sowie Infektionen der Harnwege. Auch systemische Symptome wie Fatigue, Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen wurden beobachtet, insgesamt jedoch in einem handhabbaren Rahmen.
Imdylltra (Tarlatamab) beim kleinzelligen Lungenkarzinom
Mit Imdylltra (Tarlatamab) empfiehlt die EMA eine neue zielgerichtete Immuntherapie für erwachsene Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium (ES-SCLC), deren Erkrankung nach platinbasierter Erstlinientherapie progredient ist.
Das kleinzellige Lungenkarzinom ist zwar vergleichsweise selten, zeichnet sich jedoch durch ein aggressives Wachstum und eine schlechte Prognose aus. Trotz initial guter Ansprechraten auf die Erstlinientherapie kommt es häufig zu Rezidiven, wobei die therapeutischen Optionen im weiteren Verlauf begrenzt sind.
Tarlatamab ist ein bispezifischer Antikörper und wirkt als sogenannter T-Zell-Engager: Er bindet simultan an das Tumorantigen DLL3 auf den Krebszellen sowie an CD3 auf T-Zellen. Dadurch werden T-Zellen gezielt an Tumorzellen herangeführt, aktiviert und zur Freisetzung zytotoxischer Proteine sowie inflammatorischer Zytokine stimuliert, was letztlich zur Tumorzelllyse führt.
Die Zulassungsempfehlung basiert auf einer randomisierten, offenen Phase-III-Studie mit 509 Patienten mit rezidiviertem ES-SCLC nach platinbasierter Therapie. Im Vergleich zur Standardtherapie (Topotecan, Lurbinectedin oder Amrubicin) zeigte sich unter Tarlatamab eine deutliche Verlängerung des medianen Gesamtüberlebens (OS) auf 13,6 Monate gegenüber 8,3 Monaten – entsprechend einer Reduktion des Sterberisikos um 40%. Auch das progressionsfreie Überleben (PFS) verbesserte sich (median 4,2 vs. 3,2 Monate).
Das Sicherheitsprofil wird maßgeblich durch immunvermittelte Nebenwirkungen geprägt. Besonders relevant sind das Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS) sowie das immun-effektorassoziierte Neurotoxizitätssyndrom (ICANS), die potenziell lebensbedrohlich verlaufen können und eine frühzeitige Erkennung sowie ein strukturiertes Management erfordern. Häufige weitere Nebenwirkungen umfassen unter anderem Fatigue, Anämie, Neutropenie, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Hyponatriämie.
Zepzelca (Lurbinectedin) beim kleinzelligem Lungenkarzinom
Eine weitere Therapieoption für Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium (ES-SCLC) könne Zepzelca (Lurbinectedin) werden; auch hier liegt eine positive Stellungnahme vor. Sie betrifft insbesondere den Einsatz als Erhaltungstherapie in Kombination mit Atezolizumab bei Patienten, deren Erkrankung nach einer Induktionstherapie nicht progredient ist.
Lurbinectedin gehört zu den antineoplastischen Wirkstoffen und greift gezielt in die Transkriptionsprozesse von Tumorzellen ein. Durch Bindung an CG-reiche DNA-Sequenzen verdrängt es Transkriptionsfaktoren, hemmt die RNA-Polymerase II und führt über eine Störung der Genexpression letztlich zu Zellzyklusarrest und Apoptose. Damit adressiert der Wirkstoff einen zentralen Mechanismus der Tumorproliferation.
Die klinischen Daten zeigen einen klaren Vorteil in der Erhaltungstherapie: In Kombination mit Atezolizumab konnte sowohl das progressionsfreie Überleben als auch das Gesamtüberleben im Vergleich zu einer alleinigen Atezolizumab-Erhaltung signifikant verbessert werden. Auch wenn konkrete Zahlen im Rahmen der CHMP-Mitteilung nicht berichtet wurden, unterstreichen die Ergebnisse den klinischen Nutzen dieses Kombinationsansatzes in einer Indikation mit weiterhin ungünstiger Prognose.
Häufig beobachtet wurden Übelkeit, Fatigue sowie hämatologische Toxizitäten wie Anämie, Thrombozytopenie und Neutropenie.
Joenja (Leniolisib) bei Activated PI3 Kinase Delta Syndrom (APDS)
Grünes Licht gab es ebenfalls für Joenja (Leniolisib), die 1. gezielte Therapie für Patienten mit dem Activated PI3 Kinase Delta Syndrom (APDS), einer seltenen primären Immundefizienz. Zugelassen werden soll das Präparat für Jugendliche ab 12 Jahren sowie für Erwachsene mit einem Körpergewicht von mindestens 45 kg.
Ursache von APDS sind Mutationen in den Genen PIK3CD oder PIK3R1. Das führt zu einer Überaktivierung des PI3Kδ-Signalwegs mit konsekutiver Fehlregulation von B- und T-Zellen. Leniolisib setzt genau hier an: Als selektiver PI3Kδ-Inhibitor hemmt es die katalytische Untereinheit p110δ und normalisiert dadurch die immunologische Dysbalance.
Die klinische Evidenz basiert auf einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit insgesamt 31 Patienten. Unter Leniolisib zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Lymphadenopathie sowie eine Normalisierung des Immunphänotyps, insbesondere durch einen Anstieg naiver B-Zellen. Auch Milzparameter verbesserten sich, unter anderem mit einer Reduktion des Volumens der Indexläsionen. Ein Einfluss auf die Infektionsrate konnte hingegen nicht nachgewiesen werden.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Kopfschmerzen, Erbrechen, Alopezie, Gewichtszunahme sowie eine Abnahme der Neutrophilenzahl.
Bopediat (Furosemid) bei Ödemen
Der Ausschuss hat ebenfalls empfohlen, Bopediat (Furosemid) einer pädiatrischen Zulassung zu erteilen. Das Arzneimittel ist zur Behandlung von Ödemen kardialer, renaler und hepatischer Herkunft sowie zur Therapie der Hypertonie bei Kindern von der Geburt bis zum Alter von unter 18 Jahren mit chronischer Nierenerkrankung vorgesehen.
Der Zulassungsantrag erfolgte im Rahmen eines sogenannten Hybridverfahrens. Dabei stützt sich die Bewertung teilweise auf bereits vorliegende präklinische und klinische Daten eines Referenzarzneimittels, wird jedoch durch neue, spezifische Daten ergänzt. Damit steht künftig eine gezielt für die pädiatrische Anwendung entwickelte Therapieoption zur Verfügung.
13 Zulassungserweiterungen
Der CHMP hat zudem die Erweiterung der Anwendungsgebiete für insgesamt 13 bereits in der EU zugelassene Arzneimittel empfohlen.
Besponsa (Inotuzumab-Ozogamicin) ist als Monotherapie zur Behandlung pädiatrischer Patienten ab einem Alter von 1 Jahr mit CD22-positiver B-zell-Vorläufer-ALL indiziert: beim ersten Rezidiv nach allogener hämatopoetischer Stammzelltransplantation (HSCT), nach einem ersten Rezidiv bei Patienten mit sehr hohem Risiko (VHR), nach einem zweiten oder weiteren Rezidiv sowie bei refraktärer Erkrankung. Patienten mit Philadelphia-Chromosom-positiver (Ph+) Erkrankung sollten zuvor alle relevanten Therapieoptionen, die auf BCR-ABL abzielen, ausgeschöpft haben.
Capvaxive (21-valenter Pneumokokken-Konjugatimpfstoff) ist zur aktiven Immunisierung zur Prävention invasiver Erkrankungen und Pneumonien durch Streptococcus pneumoniae bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 2 bis unter 18 Jahren indiziert, die zuvor eine vollständige pädiatrische Grundimmunisierung gegen Pneumokokken erhalten haben.
Feraccru (Eisen(III)-Maltol) ist zur Behandlung von Eisenmangel bei Erwachsenen sowie bei Jugendlichen ab einem Alter von 12 Jahren indiziert.
Hetronifly (Serplulimab) ist in Kombination mit einer Fluoropyrimidin- und platinbasierten Chemotherapie zur Erstlinientherapie bei erwachsenen Patienten mit nicht resezierbarem, lokal fortgeschrittenem, rezidiviertem oder metastasiertem Plattenepithelkarzinom des Ösophagus indiziert, sofern die Tumoren eine PD-L1-Expression mit einem Combined Positive Score (CPS) von ≥ 5 aufweisen.
Darüber hinaus ist Hetronifly in Kombination mit Carboplatin und Pemetrexed zur Erstlinientherapie bei erwachsenen Patienten mit nicht-plattenepithelialem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) ohne nachweisbare EGFR-, ALK- oder ROS1-Mutationen vorgesehen. Dies gilt sowohl für Patienten mit lokal fortgeschrittener Erkrankung, die nicht für eine Operation oder Radiotherapie geeignet sind, als auch für Patienten mit metastasiertem NSCLC.
Hympavzi (Marstacimab) ist zur routinemäßigen Prophylaxe von Blutungsepisoden bei Patienten ab 12 Jahren mit einem Körpergewicht von mindestens 35 kg indiziert. Dies umfasst Patienten mit Hämophilie A (angeborener Faktor-VIII-Mangel) sowohl ohne Faktor-VIII-Inhibitoren bei schwerer Erkrankung (FVIII < 1%) als auch mit vorhandenen Faktor-VIII-Inhibitoren.
Ebenso ist Hympavzi für Patienten mit Hämophilie B (angeborener Faktor-IX-Mangel) vorgesehen – sowohl ohne Faktor-IX-Inhibitoren bei schwerer Erkrankung (FIX < 1%) als auch bei Vorliegen von Faktor-IX-Inhibitoren.
Imcivree (Setmelanotid) ist zur Behandlung von Adipositas und zur Kontrolle des Hungergefühls bei Erwachsenen sowie bei Kindern ab einem Alter von 4 Jahren mit erworbener hypothalamischer Adipositas (aHO) infolge einer Schädigung oder Funktionsstörung des Hypothalamus indiziert.
Lojuxta (Lomitapid) ist als Zusatz zu einer fettarmen Diät und anderen lipidsenkenden Arzneimitteln – mit oder ohne LDL-Apherese – zur Behandlung von erwachsenen und pädiatrischen Patienten ab einem Alter von 5 Jahren mit homozygoter familiärer Hypercholesterinämie (HoFH) indiziert.
Trametinib (Trametinib) ist als Monotherapie oder in Kombination mit Dabrafenib zur Behandlung von erwachsenen und jugendlichen Patienten ab 12 Jahren mit nicht resezierbarem oder metastasiertem Melanom mit einer BRAF-V600-Mutation indiziert. In Kombination mit Dabrafenib ist Trametinib zudem zur adjuvanten Behandlung von erwachsenen und jugendlichen Patienten ab 12 Jahren mit Melanom im Stadium III mit einer BRAF-V600-Mutation nach vollständiger Resektion vorgesehen. Informationen zu einer weiteren Indikationserweiterung waren bei Redaktionsschluss noch nicht verfügbar.
mRESVIA (ein mRNA-Impfstoff) ist zur aktiven Immunisierung zur Prävention von Erkrankungen der unteren Atemwege (LRTD), verursacht durch das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), bei Personen ab einem Alter von 18 Jahren indiziert.
Namuscla (Mexiletin-Hydrochlorid) ist zur symptomatischen Behandlung der Myotonie bei Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren mit einem Körpergewicht von mindestens 20 kg, bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren sowie bei erwachsenen Patienten ab 18 Jahren mit nicht-dystrophen myotonen Erkrankungen indiziert.
Retsevmo (Selpercatinib) ist als Monotherapie zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit fortgeschrittenem, RET-Fusions-positivem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) indiziert, die zuvor nicht mit einem RET-Inhibitor behandelt wurden.
Darüber hinaus ist Retsevmo als Monotherapie zur Behandlung von erwachsenen sowie jugendlichen Patienten ab 12 Jahren bei fortgeschrittenem RET-Fusions-positivem Schilddrüsenkarzinom, das refraktär gegenüber radioaktivem Jod ist (sofern eine Radiojodtherapie grundsätzlich in Betracht kommt), bei fortgeschrittenem RET-mutiertem medullärem Schilddrüsenkarzinom (MTC) sowie bei fortgeschrittenen RET-Fusions-positiven soliden Tumoren, wenn nicht-RET-gerichtete Therapieoptionen nur einen begrenzten klinischen Nutzen bieten oder bereits ausgeschöpft sind, vorgesehen. Die Patientenselektion sollte in allen Fällen biomarkerbasiert erfolgen.
Sotyktu (Deucravacitinib) ist als Monotherapie oder in Kombination mit Methotrexat (MTX) zur Behandlung der aktiven Psoriasis-Arthritis bei erwachsenen Patienten indiziert, die auf eine vorherige krankheitsmodifizierende antirheumatische Therapie (DMARD) unzureichend angesprochen haben oder diese nicht vertragen haben.
Tafinlar (Dabrafenib) ist als Monotherapie oder in Kombination mit Trametinib zur Behandlung von erwachsenen und jugendlichen Patienten ab 12 Jahren mit nicht resezierbarem oder metastasiertem Melanom mit einer BRAF-V600-Mutation indiziert.
In Kombination mit Trametinib ist Dabrafenib zudem zur adjuvanten Behandlung von erwachsenen und jugendlichen Patienten ab 12 Jahren mit Melanom im Stadium III nach vollständiger Resektion vorgesehen.
Darüber hinaus ist Dabrafenib in Kombination mit Trametinib zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem differenziertem Schilddrüsenkarzinom mit einer BRAF-V600E-Mutation indiziert, die refraktär gegenüber einer Radiojodtherapie sind oder für diese nicht infrage kommen und deren Erkrankung während oder nach einer vorangegangenen systemischen Therapie progredient ist.
Tecovirimat SIGA (Tecovirimat) nicht mehr bei Mpox einsetzen
Der Ausschuss für Humanarzneimittel hat seine Überprüfung von Tecovirimat SIGA (Tecovirimat) abgeschlossen, einem antiviralen Arzneimittel, das zur Behandlung von Pocken, Mpox und Kuhpocken zugelassen ist – allesamt Infektionen durch Orthopoxviren. Im Ergebnis empfiehlt der Ausschuss, Tecovirimat SIGA künftig nicht mehr zur Behandlung von Mpox einzusetzen. Über dieses Thema berichtet Medscape im Detail.
Weitere Bewertungen
Im Rahmen einer erneuten Prüfung hat der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) seine ursprüngliche Bewertung bestätigt und empfiehlt weiterhin, die beantragte Änderung der Zulassung für Hetlioz (Tasimelteon) abzulehnen. Konkret ging es um eine Indikationserweiterung zur Behandlung nächtlicher Schlafstörungen bei Erwachsenen sowie bei Kindern im Alter von 3 bis 15 Jahren mit Smith-Magenis-Syndrom – einer seltenen genetischen Erkrankung, die unter anderem mit Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten und ausgeprägten Schlafstörungen einhergeht. Die entsprechende Stellungnahme wurde im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung am 16. März 2026 verabschiedet.
Auch wurde ein Zulassungsantrag für ein neues Arzneimittel zurückgezogen: Blarcamesin (Anavex) war zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit und anderer Demenzformen entwickelt worden, wird jedoch vorerst nicht weiter im Zulassungsverfahren verfolgt.