New Orleans – Mehr als 6 Stunden Bildschirmzeit pro Tag stehen bei jungen Erwachsenen mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko und einem höheren Body-Mass-Index (BMI) in Zusammenhang – unabhängig vom Ausmaß körperlicher Aktivität, wie eine neue Beobachtungsstudie nahelegt.
Zwar erwies sich die Bildschirmzeit als eigenständiger Prädiktor für erhöhte Blutdruck- und Cholesterinwerte sowie für einen höheren BMI. In Kombination mit geringer körperlicher Aktivität verstärkten sich die Effekte jedoch deutlich: Beide Faktoren wirkten synergistisch auf BMI und Blutdruck, so die Autoren der Studie. Ihre Resultate haben sie bei den 26. Annual Scientific Sessions des American College of Cardiology (ACC) 2026 präsentiert [1].
Zain Islam
„Die zentrale Erkenntnis ist, dass übermäßige Bildschirmzeit bei jungen Erwachsenen als eigenständiger und beeinflussbarer kardiovaskulärer Risikofaktor betrachtet werden sollte“, erklärte Erstautor Zain Islam. „Wichtig ist auch, dass die Zusammenhänge mit ungünstigen kardiometabolischen Markern selbst nach Berücksichtigung des Aktivitätsniveaus bestehen bleiben. Das bedeutet: Bildschirmzeit ist ein eigenständiger modifizierbarer Faktor für das Herz-Kreislauf-Risiko.“
Assoziation zwischen der Bildschirmzeit und kardiovaskulären Risikomarkern
Islam und Kollegen haben eine prospektive Beobachtungsstudie mit 382 Erwachsenen aus Pakistan durchgeführt. Ihre Teilnehmer beantworteten einen Fragebogen zur täglichen Bildschirmzeit und zur körperlichen Aktivität. Außerdem wurden verschiedene klinische Parameter erhoben, darunter der Body-Mass-Index (BMI), der Taillenumfang, der Blutdruck sowie das Nüchtern-Lipidprofil.
Mit Regressionsanalysen untersuchten Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit, körperlicher Aktivität und kardiovaskulären Risikomarkern. Sie wollten wissen, ob die Probanden außerhalb von Arbeit oder Schule mehr oder weniger als 6 Stunden täglich Bildschirme nutzten – etwa Smartphones, Tablets, Computer oder Fernseher. Bei körperlicher Aktivität ging es darum, ob mehr oder weniger als 150 Minuten Bewegung pro Woche angegeben wurden.
Die Ergebnisse zeigen eine unabhängige Assoziation zwischen einer täglichen Bildschirmzeit von mindestens 6 Stunden und ungünstigen kardiovaskulären Parametern: Der systolische Blutdruck lag im Schnitt um 17,9 mmHg höher, das LDL-Cholesterin war um 28,5 mg/dl erhöht und der BMI um 2,9 Punkte höher (für alle: p < 0,001).
Im Vergleich dazu war ein höheres Maß an körperlicher Aktivität (mindestens 150 Minuten pro Woche moderat bis intensiv) unabhängig mit günstigeren Werten verbunden: Der Taillenumfang war um 6,2 cm geringer; die Triglyzeridwerte waren um 38,9 mg/dl niedriger (für alle: p < 0,001).
Besonders deutlich fiel der Effekt bei ungünstiger Kombination aus: Teilnehmer mit viel Bildschirmzeit bei wenig körperlicher Aktivität wiesen signifikant häufiger ungünstige Werte beim BMI und beim systolischen Blutdruck auf (p < 0,05).
Keine einfachen Erklärungen
Doch wie lässt sich die Beobachtung deuten? Die Mechanismen sind wahrscheinlich komplex. Dazu zählen laut Islam unter anderem physiologische Effekte von Bewegungsmangel, Schlafstörungen, psychosoziale Belastungen durch digitale Inhalte sowie ungünstige Verhaltensmuster während der Nutzung, etwa eine erhöhte Kalorienaufnahme. „In Summe können diese Faktoren zu einem ungünstigen kardiometabolischen Profil beitragen“, so Islam.
Die Forscher haben im nächsten Schritt untersucht, ob dieser Zusammenhang auch in heterogeneren Populationen bestehen bleibt und objektivere Messmethoden der Bildschirmnutzung – etwa gerätebasierte Tracking-Daten – einbeziehen. „Langzeitstudien mit harten kardiovaskulären Endpunkten sowie Interventionsstudien, die den Effekt verringerter Bildschirmzeiten auf kardiometabolische Parameter untersuchen, sind jetzt wichtig, um Kausalität und klinische Relevanz besser zu verstehen“, erklärte er.
Alles in allem hält der Experte, falls sich der Zusammenhang bestätigt, bei Ärzten ein Umdenken für erforderlich. „Digitales Verhalten ist zu einem zentralen Bestandteil des modernen Lebensstils geworden und sollte in die Bewertung kardiovaskulärer Risiken berücksichtigt werden», so Islam. „Dabei müssen Präventionsstrategien sowohl Bewegungsmangel als auch übermäßige Bildschirmzeit zum Ziel haben, mit einem klaren Fokus auf strukturierten Verhaltensänderungen und digitaler Gesundheitskompetenz.“
Mehr als nur Bewegungsmangel
Die Ergebnisse würden zeigen, dass Bildschirmzeit „nicht nur ein Ersatzmaß für Bewegungsmangel“ darstelle, sondern eigenständig mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko und einem höheren BMI assoziiert sei, erklärte Prof. Dr. Srihari Naidu, Professor für Medizin am New York Medical College, gegenüber Medscape.
Srihari Naidu
„Die Studie ist wichtig, weil die Gesellschaft zunehmend die Risiken eines stark technologiegeprägten Lebens erkennt – sei es im privaten oder beruflichen Kontext. Gleichzeitig wird es in einer Zeit, in der junge Erwachsene viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, immer schwieriger, kardiovaskuläre Risiken in den Griff zu bekommen“, so Naidu, der nicht an der Studie beteiligt war.
Er hält es für sinnvoll, dass Ärzte ihre Patienten künftig auch nach der täglichen Bildschirmzeit fragen, ähnlich wie nach der Schrittzahl. „Das sind einfache Orientierungswerte dafür, wie wir unseren Tag strukturieren. Sie können dazu beitragen, bewusste Pausen von Smartphone und Computer in den Alltag einzubauen“, erklärt Naidu.
Allerdings handele es sich bei der Studie nicht um ein kontrolliertes Experiment. Es gebe bislang keine Belege dafür, dass eine Verringerung der Bildschirmzeit tatsächlich Risikofaktoren oder kardiovaskuläre Ereignisse verringere, gibt Naidu zu bedenken. Dennoch sei es wichtig, Lebensstil-Faktoren im Gespräch zu thematisieren.
„Eine geringe Schrittzahl und wenig Bewegung bei gleichzeitig hoher Bildschirmzeit – beide Faktoren sind eng mit sitzendem Verhalten und Adipositas verknüpft – können Ausgangspunkt für ein Gespräch über den Lebensstil und über Interventionen, auch Medikamente, sein“, so Naidu. „Wenn die Bildschirmzeit sehr hoch ist, sollten wir alle kardiovaskulären Risikofaktoren konsequent im Blick behalten und behandeln, einschließlich Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht.“
Neue Technologien, neue Probleme
Naidu vergleicht die Situation mit früheren Entwicklungen wie der Verbreitung von Fernsehapparaten oder Konsolen für Videospiele, die ebenfalls zu mehr Bewegungsmangel geführt haben. Verschwunden ist keine der Technologien von selbst.
„Der Unterschied ist heute, dass wir all das jederzeit auf dem Smartphone dabeihaben – und daher praktisch alle Menschen, unabhängig vom Alter, auf unterschiedliche Weise und aus verschiedenen Gründen betroffen sind“, sagte er. „Jeder sollte seine eigene Bildschirmzeit kritisch hinterfragen und sie – zusammen mit der täglichen Schrittzahl – als Anstoß nutzen, sich stärker auf gesundheitsfördernde Aktivitäten zu konzentrieren, etwa soziale Kontakte, Bewegung oder bewusst bildschirmfreie Zeiten.“
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com.