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30. März 2026
In Genf, einem der wichtigsten Zentren internationaler Diplomatie, wird täglich über die großen Krisen unserer Zeit verhandelt – über Kriege, Fluchtbewegungen und die Zukunft der globalen Zusammenarbeit. Immer deutlicher wird: Politische Lösungen allein reichen oft nicht aus. Vertrauen, Zusammenhalt und Dialog spielen eine entscheidende Rolle – auch zwischen Religionen.
Genau hier bringt der Souveräne Malteserorden eine besondere Perspektive ein. Seit über 900 Jahren steht er im Dienst der Armen, Kranken und Vertriebenen – und verbindet diese humanitäre Tradition heute mit einer aktiven Rolle in der internationalen Diplomatie bei den Vereinten Nationen.
Während der UN-Weltwoche der interreligiösen Harmonie 2026 in Genf machte der Orden deutlich: Interreligiöser Dialog ist kein abstraktes Konzept, sondern ein konkretes Instrument, um humanitäre Hilfe zu ermöglichen, Vertrauen aufzubauen und Frieden zu fördern – gerade in Krisenregionen.
Christian Peschken (EWTN) traf Botschafterin Marie-Thérèse Pictet-Althann, die Ständige Beobachterin des Souveränen Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Genf, und sprach mit ihr über die Ziele, die Rolle und auch den Ruf des Ordens in der internationalen Diplomatie – insbesondere darüber, wie der Malteserorden seine humanitäre Mission, seinen Einsatz für die Menschenwürde und sein Engagement im interreligiösen Dialog im Umfeld der Vereinten Nationen in Genf konkret einbringt.
Wie versteht der Malteserorden – im Licht der Worte Christi im Matthäusevangelium (Mt 25,40): „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ – seine diplomatische und humanitäre Mission als konkrete Umsetzung dieses Evangeliumsauftrags?
Der Malteserorden versteht diesen Vers als geistliche Grundlage seiner Mission. Er erkennt Christus gegenwärtig in den Armen, den Kranken, den Alten, den Flüchtlingen und in allen, die leiden. Ihnen zu dienen ist nicht einfach nur humanitäre Hilfe, sondern eine unmittelbare Begegnung mit Christus selbst. Der Orden versteht Matthäus 25,40 daher nicht als inspirierenden Leitspruch, sondern als einen konkreten und praktischen Auftrag. Für den Malteserorden ist die Sorge für die Verwundbarsten keine Option, sondern genau der Ort, an dem Christus begegnet wird.
In Anlehnung an Lumen gentium, das die Kirche als Zeichen und Werkzeug der Einheit beschreibt: Wie gelingt es dem Malteserorden, seine ausdrücklich katholische Identität zu bewahren und gleichzeitig im interreligiösen Dialog sowie in der multilateralen Zusammenarbeit mitzuwirken?
Die katholische Identität des Malteserordens zeigt sich in der klaren Anerkennung seiner Wurzeln. Sie ermöglicht es, im Dialog offen aus der eigenen Tradition zu sprechen – vorausgesetzt, man kennt seinen Glauben gut. Wie Papst Benedikt XVI. betonte, sind Glaubenskenntnis, gegenseitiger Respekt, Klarheit der eigenen Sendung und das Bewusstsein einer gemeinsamen Menschlichkeit entscheidend für einen glaubwürdigen interreligiösen Dialog.
Wie kann Ihrer Ansicht nach die katholische Soziallehre dazu beitragen, multilaterale Institutionen zu erneuern, sodass sie nicht nur politischen Interessen dienen, sondern dem Gemeinwohl und der von Gott gegebenen Würde jedes Menschen gerecht werden?
Im Kern bietet die katholische Soziallehre keine technischen Lösungen, sondern eine moralische Vision. Multilaterale Institutionen dürfen nicht nur Arenen nationaler Interessen sein, sondern müssen Instrumente gemeinsamer Verantwortung für die Menschheitsfamilie werden. Politische Entscheidungen müssen den Menschen Vorrang vor geopolitischen Vorteilen geben. Wirtschaftssysteme sollen dem menschlichen Wohlergehen dienen, nicht nur dem Wachstum. Flüchtlinge, Arme und marginalisierte Nationen dürfen niemals zu Verhandlungsmasse werden.
Wie integriert der Malteserorden seine geistliche Identität – sein Charisma, den Glauben zu verteidigen und den Armen zu dienen – in seine diplomatische Arbeit im säkularen Umfeld der Vereinten Nationen?
Die geistliche Identität des Malteserordens zeigt sich ganz konkret in seiner humanitären und diplomatischen Arbeit. Das säkulare Forum der Vereinten Nationen hindert uns in keiner Weise daran, unsere geistlichen Werte einzubringen. Auch wenn wir in einem weltlichen Umfeld wirken, verleugnet der Orden seinen Glauben nicht. Vielmehr übersetzt er seine spirituellen Überzeugungen in die Sprache der Menschenwürde, des humanitären Schutzes und internationaler Verantwortung.
In vielen Ihrer Statements betonen Sie, dass der Glaube uns dazu verpflichtet, die Würde jedes einzelnen Menschen zu erkennen – als Teil einer gemeinsamen Menschheitsfamilie. Wie übersetzt der Malteserorden dieses theologische Prinzip, das in der Überzeugung wurzelt, dass jeder Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen ist, ganz konkret in seine humanitäre Arbeit – insbesondere in Konfliktregionen und in Situationen von Flucht und Vertreibung?
Die humanitäre Arbeit des Malteserordens gründet auf einem grundlegenden Prinzip: Hilfe ohne jede Form der Diskriminierung – unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit. Unsere Unterstützung richtet sich stets nach den konkreten Bedürfnissen der Menschen, denen wir dienen. Dieses Prinzip gilt in allen Situationen, ob in Konfliktgebieten oder bei Naturkatastrophen weltweit.
Das Charisma des Malteserordens besteht darin, den Glauben zu verteidigen und den Armen sowie den Leidenden zu dienen. Wie stellt der Orden sicher, dass seine geistliche Identität nicht nur bewahrt bleibt, sondern auch aktiv zum Ausdruck kommt – in seiner medizinischen, humanitären und diplomatischen Arbeit, insbesondere in multilateralen Kontexten wie den Vereinten Nationen?
In unserer medizinischen und humanitären Arbeit achten wir den Glauben und die Würde jedes einzelnen Menschen. Auch in unserer multilateralen Diplomatie ermöglicht uns der Status als Ständiger Beobachter bei den Vereinten Nationen, unsere christlichen Werte einzubringen und zugleich das grundlegende Menschenrecht auf Religions- und Glaubensfreiheit zu verteidigen. In diesem Zusammenhang engagieren wir uns aktiv im interreligiösen Dialog und in der Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern aller Staaten.
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Sie haben die Arbeit des Malteserordens in Ländern wie dem Libanon hervorgehoben, wo humanitäre Hilfe Menschen über religiöse Grenzen hinweg zusammenbringt. Welche konkrete Rolle kann der Orden auf Grundlage dieser Erfahrungen dabei spielen, interreligiöses Vertrauen und Zusammenarbeit zu stärken – als praktische Grundlage für Frieden und Stabilität?
In Krisensituationen sind lokale Akteure, insbesondere religiöse Gemeinschaften, oft die ersten, die Hilfe leisten. Deshalb fördern wir die Zusammenarbeit zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, um Widerstandskraft zu stärken, Spaltungen zu überwinden und sicherzustellen, dass niemand zurückgelassen wird. Darüber hinaus engagieren wir uns in der International Freedom of Religion or Belief Alliance, arbeiten mit der Interparlamentarischen Union zusammen, und ich bin Ehrenpräsidentin von Religions for Peace International.
Ist der Malteserorden angesichts seiner 900-jährigen Mission und seiner globalen diplomatischen Präsenz heute in der Lage, genug zu tun – nicht nur um Hilfe zu leisten, sondern auch moralische Führung zu übernehmen und die internationale Gemeinschaft stärker zur Verteidigung der Menschenwürde anzuhalten? Und gibt es politische oder institutionelle Hindernisse, die das Handeln des Ordens einschränken?
Keine einzelne Institution kann allein ausreichen oder genug tun. Durch unsere multilaterale Diplomatie können wir unsere grundlegenden Werte mit vielen Partnern teilen. Im Menschenrechtsrat etwa setzen wir uns entschieden für die Würde jedes Menschen ein und suchen Unterstützung in der internationalen Gemeinschaft. Gleichzeitig zeigt sich in Konflikten immer wieder, dass humanitäre Hilfe nicht selbstverständlich Zugang erhält. Dieser kann durch militärische Gruppen, aber auch durch staatliche Behörden blockiert werden.
Gerade deshalb ist es notwendig, mit allen Konfliktparteien im Dialog zu bleiben, um den Zugang zu den Opfern von Gewalt und Krieg zu ermöglichen. Als Ständiger Beobachter bei den Vereinten Nationen besitzt der Malteserorden zwar kein Stimmrecht, doch wir können an allen Diskussionen und Debatten teilnehmen, die zur Verabschiedung von Resolutionen führen. Auf diese Weise können wir unsere Stimme einbringen und für Menschenwürde, humanitären Zugang und internationale Verantwortung eintreten.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.
Original-Interview in Genf aufgenommen von Christian und Patricia Peschken sowie Ignatius Mugwagwa | Produktionsleitung in Genf: Patricia Peschken, Laetitia Rodrigues, Alex Mur | Konzept, Übersetzung, Schnitt, Moderation: Christian Peschken für Pax Press Agency, im Auftrag von EWTN Deutschland und CNA Deutsch.
