Im Onko-Blog dieser Woche berichten wir über diese neuen Studien und Themen, welche die Krebstherapie verbessern können:
Prostatakarzinom: Östrogenpflaster wirken vergleichbar gut wie LHRH-AgonistenLeberkrebs: KI-Modell zur Risikovorhersage entwickeltKopf-Hals-Tumoren: ctDNA-Messung ermöglicht risikoadaptierte TherapiestrategieMultiples Myelom: Definitionen der Nicht-Transplantationsfähigkeit uneinheitlichKrebsforschung: Etwa 10% der Publikationen sind potenziell FakeProstatakarzinom: Östrogenpflaster wirken vergleichbar gut wie LHRH-Agonisten
Bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem Prostatakarzinom war transdermales Östrogen hinsichtlich des 3-Jahres-metastasenfreien Überlebens LHRH-Agonisten nicht unterlegen (87,1% vs. 85,9%). Hitzewallungen waren seltener, Gynäkomastien traten jedoch häufiger auf. Dies ergab eine randomisierte Nichtunterlegenheitsstudie der Phase 3 aus Großbritannien. Ihre Ergebnisse sind im New England Journal of Medicine erschienen.
Grundlage der Therapie eines lokal fortgeschrittenen, nicht-metastasierten (Stadium M0) und metastasierten (Stadium M1) Prostatakarzinoms ist die Senkung des Testosteronspiegels im Serum auf Werte unter 50 ng/dl. Meist werden dafür LHRH-Agonisten eingesetzt, die auch den Östradiolspiegel senken, was zu erhöhten Lipid- und Glucosewerten im Serum und zu Hitzewallungen führen kann.
Alternativ können Östrogene verwendet werden. Sie senken den Testosteronspiegel über einen negativen Feedback-Mechanismus zwischen Hypothalamus und Hypophyse. Gleichzeitig verringern sie die Folgen eines Östrogenmangels. Orales Östrogen (Stilbestrol) senkt zwar den Testosteronspiegel und verbessert die Therapieergebnisse beim Prostatakarzinom, geht aber mit vermehrten thromboembolischen Ereignissen einher, die auf den First-Pass-Effekt in der Leber und erhöhte Konzentrationen von aus der Leber stammenden Plasmaproteinen und Gerinnungsfaktoren zurückzuführen sind.
Transdermal appliziertes Östrogen umgeht den First-Pass-Effekt und ist deshalb mit einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre thromboembolische Ereignisse verbunden.
In der Phase-3-Studie wurden zwischen 2007 und 2022 genau 1.360 Patienten an 75 Zentren in Großbritannien mit lokal fortgeschrittenem Prostatakarzinom randomisiert mit Östrogenpflaster (100 µg Östradiol alle 24 h) oder LHRH-Agonisten behandelt.
Das metastasenfreie Überleben (MFS) über 3 Jahre lag mit dem Östrogenpflaster bei 87,1% und mit LHRH-Agonisten bei 85,9%. Damit war die Nichtunterlegenheit nachgewiesen. Bei den Männern, welche die ihnen zugewiesene Behandlung fortgesetzt haben, blieben die Testosteronwerte in beiden Behandlungsarmen bei 85% der Patienten auf Kastrationsniveau.
Das 5-Jahres-OS war unter transdermalem Estradiol mit 81,1% leicht besser als mit 79,2% in der Vergleichsgruppe.
Hitzewallungen traten unter LHRH-Agonisten doppelt so häufig auf (89% vs. 44%), während transdermales Östradiol das Risiko einer Gynäkomastie verdoppelte (85% vs. 42%).
„Aufgrund dieser Ergebnisse können Östrogen-Pflaster als Alternative zur Testosteronsuppression bei Männern mit metastasiertem Prostatakrebs im Stadium M0 und im nodalen Stadium N0 oder N+ in Betracht gezogen werden“, so die Schlussfolgerung der Autoren. „Die Pflaster scheinen genauso wirksam wie Standard-LHRH-Agonisten gegen Prostatakrebs zu sein und sind mit einer geringeren Inzidenz der kurz- und langfristigen Nebenwirkungen verbunden, die mit dem Östrogenmangel während der Behandlung mit LHRH-Agonisten einhergehen.“
Leberkrebs: KI-Modell zur Risikovorhersage entwickelt
Ein internationales Team unter Beteiligung von Forschern aus verschiedenen deutschen Universitätskliniken hat ein KI-Modell entwickelt, um das Risiko für Leberkrebs (HCC) auf Basis routinemäßig erhobener klinischer Daten, wie Vorerkrankungen, Laborwerten sowie Lebensstilfaktoren zu prognostizieren.
Wie die Arbeitsgruppe in Cancer Discovery berichtet, nutzte sie prospektiv erhobene multimodale Daten von über 900.000 Personen und 983 HCC-Fällen aus der UK Biobank-Studie und dem „All of Us“-Research Program der NIH.
Das Modell übertraf bisherige etablierte HCC-Risikoscores. Besonders bemerkenswert ist, dass die Vorhersageleistung auf Basis von Routinedaten vergleichbar mit Modellen war, die auf aufwendigen Genom- oder Stoffwechseldaten (Metabolom) beruhen. PRE-Screen-HCC ordnet Personen in niedrige, mittlere und hohe Risikogruppen ein und könnte so helfen, Ultraschall-Screenings gezielter einzusetzen.
Kopf-Hals-Tumoren: ctDNA-Messung ermöglicht risikoadaptierte Therapiestrategie
Die multizentrische Phase-2-Studie EP-STAR zeigt, dass bei Epstein-Barr-Virus-positiven Nasopharynxkarzinomen die Messung der zirkulierenden Tumor-DNA (ctDNA) eine risikoadaptierte Therapiestrategie (RAT) ermöglicht. Dadurch verbessert sich das Überleben der Patienten im Vergleich zur derzeitigen Standardtherapie. Eine chinesische Arbeitsgruppe hat die Ergebnisse in Nature publiziert.
Zunächst untersuchte die Arbeitsgruppe, wie viele initiale Chemotherapiezyklen mit Gemcitabin und Cisplatin (GP-NAC) erforderlich waren, um die ctDNA zu eliminieren. Anhand dieser Informationen teilte sie die Probanden in eine Niedrigrisikogruppe, die eine standardisierte Behandlung erhielt, und in 2 Gruppen mit mittlerem und hohem Risiko ein, die risikoadaptiert behandelt wurden (RAT). Die Gruppe mit mittlerem Risiko wurde nach der Chemoradiotherapie mit metronomischem Capecitabin (eine kontinuierliche Chemotherapie) behandelt. Die Gruppe mit hohem Risiko erhielt parallel zur Chemoradiotherapie eine Erhaltungstherapie mit Sintilimab.
In den beiden RAT-Gruppen war die Wahrscheinlichkeit, 3 Jahre nach der Behandlung rezidiv- oder progressionsfrei zu sein, mit 89,1% der Patienten höher als bei Personen einer externen Kontrollgruppe mit vergleichbarem ctDNA-Risiko, die jedoch eine Standardtherapie erhielten (74,4%).
Die RAT-Strategie wurde gut vertragen und beeinträchtigte die subjektiv empfundene Lebensqualität der Teilnehmer nicht wesentlich. Eine Kosten-Nutzen-Analyse bestätigte den klinischen Nutzen und die wirtschaftliche Machbarkeit der Strategie.
Multiples Myelom: Definitionen der Nicht-Transplantationsfähigkeit uneinheitlich
Eine systematische Übersichtsarbeit im British Journal of Haematology zeigt, dass in Studien mit Myelom-Patienten, die für eine autologe Stammzelltransplantation (ASCT) nicht geeignet sind, eine genaue Definition der Nichteignung häufig fehlt. Außerdem unterscheiden sich die Parameter für die Definition stark. Nach Aussage der Autoren erschwert das Fehlen einer evidenzbasierten Definition der Nicht-Transplantationsfähigkeit die Interpretation von Studiendaten und die klinische Entscheidungsfindung.
Hochdosiertes Melphalan, gefolgt von einer ASCT, ist derzeit Standard für geeignete Patienten mit neu diagnostizierten multiplen Myelomen (NDMM). Ein erheblicher Anteil der Patienten gilt jedoch aufgrund von Alter, Begleiterkrankungen, Allgemeinzustand und/oder Gebrechlichkeit als ungeeignet für die ASCT.
Die US-amerikanische Arbeitsgruppe analysierte die Daten aus 55 randomisierten, kontrollierten Studien der Phasen 2-4, in die Patienten mit NDMM eingeschlossen wurden, die für eine ASCT nicht geeignet waren oder deren ASCT verschoben worden ist. Nur 47% der Studien definierten die Kriterien für den Verzicht auf eine ASCT genau. Das Alter als Grenzwert (meist ≥ 65 Jahre) wurde ggf. in Kombination mit anderen Kriterien in 44% der Studien eingesetzt. Nur in 2 Studien hatten Forscher genau definiert, welche Begleiterkrankungen einen Ausschlussgrund darstellten.
Der Allgemeinzustand der Patienten wurde in den Studien sehr unterschiedlich dokumentiert. Nur 22% der Studien setzten geeignete Instrumente zur Erfassung der Gebrechlichkeit ein. Der Parameter sei nach Aussage der Autoren jedoch ein Schlüsselfaktor zur Beurteilung der Transplantationsfähigkeit.
Krebsforschung: Etwa 10% der Publikationen sind potenziell Fake
Mit Hilfe eines KI-Modells haben Forscher herausgefunden, dass fast 10% aller onkologischen Publikationen aus Paper Mills (Definition siehe unten) stammen. Die Autoren gehen davon aus, dass die Krebsforschung ein Hauptziel der betrügerischen Unternehmen ist, berichten sie im BMJ.
Sogenannte Paper Mills produzieren gegen Bezahlung gefälschte Publikationen, die in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert werden. Damit können die in Fake-Publikationen aufgeführten Autoren ihre Publikationsliste „aufhübschen“. Paper Mills bieten laut Wikipedia, das Fälschen von Daten und Texten sowie das Eingreifen in den Begutachtungsprozess als Dienstleistung an.
Eine französisch-australische Arbeitsgruppe hat ein KI-Modell mit Hilfe von 2.202 zurückgezogenen Publikationen aus Paper Mills trainiert und mit unabhängigen Daten validiert. In onkologischen Fachzeitschriften wurde anschließend die Häufigkeit von unseriösen Publikationen ermittelt. Das Tool fand in 2,6 Millionen Publikationen 261.245 problematische Veröffentlichungen (9,87%). Dabei zeigte sich von 1999 bis 2024 ein deutlicher Anstieg hinsichtlich der Gesamtzahl, aber auch hinsichtlich der Veröffentlichung in Zeitschriften mit dem höchsten Impact-Faktor.
Publikationen aus China wurden am häufigsten (36%) als problematisch eingestuft, gefolgt von Iran (20%) und Saudi-Arabien (16%). Bei den Arbeiten aus Deutschland waren 1,9% verdächtig.
Die größten Verlage hatten einen niedrigeren Prozentsatz von etwa 10% an problematischen Publikationen, wiesen absolut jedoch die höchsten Zahlen auf mit 40.293 (Springer Nature), 39.753 (Elsevier) und 28.330 (Wiley) verdächtigen Papers auf.
Publikationen zu Magenkrebs stammten mit 22% am häufigsten aus Paper Mills, gefolgt von Osteosarkom (21%) und Leberkrebs (20%).
Inhaltlich befassten sich die Paper-Mill-Publikationen vorwiegend mit Krebsbiologie und Grundlagenforschung, mit Entwicklung und Analyse von Therapien sowie mit Diagnose und Prognose.
Nach Meinung der Autoren ist das Ergebnis besorgniserregend. Es unterstreicht die Notwendigkeit erhöhter Wachsamkeit seitens der Zeitschriften, Gutachter und Forschenden.