Mitten in Stuttgart befindet sich ein Raum, 7,50 mal 27,40 Meter groß, der aus einem der Schlösser des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. stammen könnte. So prächtig und verspielt wirkt er – erst recht nach der jetzt abgeschlossenen zweijährigen Renovierung. Das frisch aufgetragene Gold der Medaillons und Pfeiler glänzt nur so.
Und mit der Bezeichnung „Schloss“ liegt man durchaus richtig. Denn der Raum, von dem hier die Rede ist, befindet sich im Südflügel des Alten Schlosses. Es handelt sich um die Schlosskirche, nach Meinung der Stiftskirchengemeinde, die diese Kirche betreut, „ein Juwel unter Stuttgarts Kirchen“. In jedem Fall ist es die erste nach der Reformation in Württemberg errichtete evangelische Kirche, die zunächst gar nicht wie eine Kirche aussieht, schon gar nicht wie eine protestantische, weil dieses Gotteshäusle erstens reich geschmückt ist und zweitens in die Breite geht, statt in die Tiefe.
Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler will die Schlosskirche der Öffentlichkeit besser zugänglich machen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Veranlasst hatte den Bau Herzog Christoph, der für seine Hofgemeinde einen standesgemäßen Raum schaffen wollte. Baumeister war Aberlin Tretsch, eingeweiht wurde die Schlosskirche am 11. Dezember 1562. Zuvor befand sich an dieser Stelle das Brunnenhaus der alten Wasserburg. Etwas mehr als 300 Jahre später, 1865, wurde die zwischenzeitlich als Lagerraum für die Bibliothek des Klosters Weingarten genutzte Schlosskirche von König Karl und Architekt Alexander von Tritschler auf den neuesten, neogotischen Stand gebracht. Die Empore wurde ersetzt und neue Kirchenfenster eingesetzt, die dann im Zweiten Weltkrieg zu Bruch gingen. Als einziger Bereich des Alten Schlosses hat sie ansonsten sowohl den verheerenden Brand von 1931 als auch die Bombardements 1944/45 unbeschadet überstanden. Das versetzt Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler heute in die Lage zu sagen, die Schlosskirche „ist in der Art von 1562 und in der Ausstattung von 1865 erhalten“.
Pfarrer Vosseler „Viele Leute kennen die Schlosskirche noch nicht“
Und nun ist sie auch noch renoviert. Zwei Jahre lang waren die Bauleute am Werk, hatten die Wände gereinigt, den Stuck erneuert, die Bemalungen aufgefrischt. Kosten: 532 000 Euro. Die Rechnung geht an das Land, das Eigentümer der Schlosskirche ist und diese an die evangelische Gesamtkirchengemeinde vermietet hat. Verschiedene evangelische Gemeinden ohne eigenen Raum, wie die arabische, die portugiesischsprachige und die lettische Gemeinde, genießen hier Gastrecht. Genutzt wird die Schlosskirche auch intensiv durch die Stiftsmusik. Zudem findet hier Kindergottesdienst statt.
Vosseler ist mit dem Ergebnis der Renovierung hochzufrieden. Sie eröffnet neue Möglichkeiten. So will er den edlen Raum, den man vom Hof des alten Schlosses durch eine schmucklosen Eingangstür betritt, der Öffentlichkeit besser zugänglich machen. „Viele Leute kennen die Schlosskirche noch nicht“, sagt er. Der Dornröschenschlaf hat auch damit zu tun, dass die Kirche bisher nur eine Stunde in der Woche geöffnet hatte. Das soll sich ändern. Ein neues Nutzungskonzept ist in Arbeit. Ziel ist es, den Raum auch für „den Austausch in der Stadtgesellschaft zu nutzen“. Dabei will Vosseler sich an dem Bildprogramm der Schlosskirche orientieren, das frühere Fürsten/Politiker, Theologen und Musiker zeigt – von Karl dem Großen bis Paul Gerhardt. Die Schlosskirche eigne sich sehr gut als Forum für Diskurse in der Gesellschaft, meint er. Zugleich verweist er auf einen „dunklen Fleck“ in der Geschichte dieser Kirche: die Nutzung durch die sogenannten Deutschen Christen in der Zeit des Nationalsozialismus. Damals, so wird erzählt, habe ein Hitler-Porträt auf dem Altar gestanden. „Der Führer war wichtiger als Jesus“, sagt Vosseler. Er hofft, dieses Kapitel noch besser erforschen zu können. Allerdings gebe es dazu keine Unterlagen mehr. Die Deutschen Christen waren nach Kriegsende urplötzlich verschwunden.
„Bis Juli sind die Termine schon alle ausgebucht.“
Matthias Vosseler, Stiftspfarrer
An diesem Karfreitag um 15 Uhr können Gottesdienstbesucher die Schlosskirche betreten und sich ein Bild von dem architektonischen „Juwel“ machen. Von Mai an finden auch wieder Trauungen und Taufen an diesem Wunschort vieler Paare und Familien statt. „Bis Juli sind die Termine schon alle ausgebucht“, sagt Vosseler. Auf Orgelklänge muss zunächst allerdings noch verzichtet werden. Die alte Orgel wurde an eine Gemeinde bei Paris verkauft.
Die neue König-Katharina-Orgel, hergestellt von dem Vorarlberger Orgelbauunternehmen Rieger, wird in den kommenden Wochen an Ort und Stelle auf der Empore aufgebaut und gestimmt, wie Marie Kaufmann, Geschäftsführerin der Stiftsmusik erklärt. Die Kosten von 850 000 Euro sind zu einem Großteil (700 000 Euro) durch Spenden finanziert, unter anderem durch die Berthold-Leibinger-Stiftung. Für einzelne Orgelpfeifen werden noch „Paten“ gesucht. Der Einweihungstermin für die Orgel steht bereits fest: Am 11./12. Juli erwacht die Schlosskirche mit Konzerten und Führungen wieder vollends zum Leben.