Semaglutid und Tirzepatid zählen zu den häufig verordneten Wirkstoffen zur Behandlung des Typ-2-Diabetes sowie zum chronischen Gewichtsmanagement. Während Semaglutid als GLP-1-Rezeptoragonist wirkt, adressiert Tirzepatid sowohl den GLP-1- als auch den GIP-Rezeptor.
In jüngerer Zeit mehren sich Berichte über ungewöhnliche sensorische Nebenwirkungen, insbesondere Dysästhesien und Allodynie. Eine Fallserie der Endokrinologin Dr. Susan Ahern und ihres Teams von der University of California in Los Angeles liefert nun neue Hinweise auf solche Komplikationen. Die Beobachtungen deuten auf dosisabhängige und reversible Effekte hin [1].
Fall 1: Eine 56-jährige, übergewichtige Frau
Eine 56-jährige Patientin befindet sich zur Behandlung ihres Übergewichts in einem Krankenhaus in Los Angeles. Zunächst erhält sie über sechs Monate hinweg täglich bis zu 3 mg Liraglutid als subkutane Injektion. Anschließend wird die Therapie auf 2,4 mg Semaglutid einmal wöchentlich umgestellt.
Unter der neuen Medikation klagt die Patientin über Dysästhesien. Sie beschreibt ihre Haut als schmerzhaft und empfindlich, ähnlich einem Sonnenbrand. Die Beschwerden bestehen über etwa sechs Wochen und bilden sich anschließend spontan zurück.
Fall 2: Ein 75-jähriger Typ-2-Diabetiker
Ein 75-jähriger Mann mit Typ-2-Diabetes, bestehender Neuropathie und chronischen Rückenschmerzen erhält zunächst orales Semaglutid in einer Dosis von 14 mg täglich.
Im weiteren Verlauf wird die Therapie auf subkutanes Tirzepatid umgestellt. Die Behandlung beginnt mit 2,5 mg wöchentlich und wird schrittweise bis auf 15 mg gesteigert. Kurz nach Erreichen dieser Maximaldosis entwickelt der Patient ein ausgeprägtes, brennendes Gefühl am gesamten Körper – typisch für eine Allodynie.
Die Beschwerden halten etwa zwei Wochen an und klingen zunächst spontan ab. Sechs Monate später tritt nach antibiotischer Behandlung einer dentalen Infektion ein Rezidiv auf, diesmal zusätzlich begleitet von Odynophagie. Hinweise auf eine orale Candidose bestehen nicht.
Nach Absetzen von Tirzepatid gehen die Symptome vollständig zurück. Eine erneute Therapie mit oralem Semaglutid (14 mg täglich) verträgt der Patient gut. Auch subkutane Semaglutidgaben bis 2 mg wöchentlich führen nicht zu einem Wiederauftreten der Beschwerden.
Diskussion
„Dies ist die erste Fallserie über tirzepatidassoziierte Allodynie oder Dysästhesien“, betonen die Autoren. Zwar werden ähnliche Nebenwirkungen bereits in Studien zu Semaglutid beschrieben, sie finden sich jedoch bislang nicht konsistent in den offiziellen Nebenwirkungsprofilen [2-3]. Auffällig ist der mögliche dosisabhängige Zusammenhang: Die Beschwerden treten vor allem bei höheren Dosierungen auf und bilden sich entweder spontan oder nach Absetzen der Medikation zurück.
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen – insbesondere in Neurologie, Dermatologie und Allgemeinmedizin – für diese potenziellen Nebenwirkungen sensibilisiert sein sollten. Angesichts der stetig steigenden Verordnungszahlen von GLP-1- und GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten gewinnt dieses Wissen zunehmend an Bedeutung.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.de.