Heidi Scheuerle ist am 8. Oktober 1996 verschwunden. Bis heute wurde der Fall nicht aufgeklärt.

Heidi Scheuerle ist am 8. Oktober 1996 verschwunden. Bis heute wurde der Fall nicht aufgeklärt.

Kapo Aargau

Eine junge Frau auf dem Weg zu ihrem ersten Dreh – und plötzlich verliert sich jede Spur. Fast 30 Jahre nach dem Verschwinden von Heidi Scheuerle bleiben zentrale Fragen ungeklärt. Im Oktober 2026 droht der Fall zu verjähren. blue News spricht mit Zeitzeugen von damals.

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

Die 26-jährige Filmpraktikantin Heidi Scheuerle verschwand am 8. Oktober 1996 auf dem Weg zu einem Dreh nach Weil am Rhein, nachdem sie zuletzt beim Rastplatz Forrenberg bei Winterthur per Autostopp gesehen wurde.Vier Jahre später wurden in einem Wald bei Spreitenbach menschliche Knochen gefunden, die 2002 per DNA-Abgleich als Überreste von Scheuerle identifiziert wurden.Magdalena Kauz war im Jahr 1996 die Vorgesetzte von Heidi Scheuerle beim SRF und erinnert sich an die Zeit vor und nach dem Verschwinden.Da Ermittler von einem möglichen Tötungsdelikt ausgehen, läuft die Verjährungsfrist nach 30 Jahren am 8. Oktober 2026 ab – neue Hinweise könnten den Cold Case jedoch theoretisch noch aufklären.

Am 8. Oktober 1996 verschwindet Heidi Scheuerle spurlos. Die 26-jährige Filmpraktikantin wollte für einen Dreh nach Weil am Rhein reisen – doch dort kommt sie nie an.

Vier Jahre später findet ein Pilzsammler Knochen in einem Waldstück bei Spreitenbach im Kanton Aargau. Ein DNA-Abgleich bringt 2002 die bittere Gewissheit: Die Überreste gehören Heidi Scheuerle.

Ein Täter wurde nie gefunden. Weil die Ermittler trotzdem von einem möglichen Tötungsdelikt ausgehen, gilt eine Verjährungsfrist von 30 Jahren. Diese läuft nun am 8. Oktober 2026 ab – dann ist Heidi Scheuerle genau drei Jahrzehnte lang verschollen.

Was ist damals passiert? Und was bedeutet es, wenn der Fall im Oktober ohne neue Informationen verjährt? blue News folgt den Spuren und zeichnet die Geschichte von Heidi Scheuerle noch einmal nach.

Eine junge Frau mit grosser Leidenschaft für Film

Heidi Scheuerle war 26 Jahre alt, neugierig auf die Welt, intelligent und begeistert von Filmen. Sie lebte in Kreuzlingen TG in einer WG mit zwei Freundinnen. Im Oktober 1996 beginnt sie ein fünfwöchiges Praktikum beim Schweizer Fernsehen SRF. Dort möchte sie das Handwerk des Filmens lernen. Für Scheuerle ist es eine grosse Chance. Doch die fünf Wochen Praktikum wird sie nie beenden.

Heidi Scheuerle war 26 Jahre alt, als sie verschwunden ist. 

Heidi Scheuerle war 26 Jahre alt, als sie verschwunden ist. 

Kantonspolizei Aargau

Ein Detail beschäftigt ihr Umfeld schon damals: Heidi Scheuerle trampte häufig. Sie liebte das Reisen per Autostopp – eine Gewohnheit, die ihr später möglicherweise zum Verhängnis wurde. Am Dienstag, dem 8. Oktober 1996, erhält Scheuerle ihren ersten eigenen Auftrag. Für einen kurzen Beitrag soll sie nach Weil am Rhein (DE) reisen. Im Vitra Design Museum wird eine neue Ausstellung eröffnet.

In einer späteren Ausgabe der «Tagesschau» erinnern sich ihre Mitbewohnerinnen daran, wie aufgeregt sie war. «Sie freute sich sehr», erzählt eine von ihnen. Verabschiedet habe sie sich kaum. «Sie meinte nur, sie komme am Dienstagabend wieder nach Hause.» 

Die Spur verliert sich am Rastplatz

Für die Reise entscheidet sich Scheuerle erneut fürs Trampen. Die Reisekosten hätte ihr Arbeitgeber übernommen – doch sie fährt per Autostopp. Eine Swissair-Mitarbeiterin nimmt sie mit und fährt sie bis zum Rastplatz Forrenberg Nord bei Winterthur. Dort steigt Scheuerle aus, um eine nächste Mitfahrgelegenheit zu suchen.

An dieser Tankstelle wurde Scheuerle zuletzt gesehen.

An dieser Tankstelle wurde Scheuerle zuletzt gesehen.

Maps

Ein Lastwagenchauffeur sieht sie kurze Zeit später noch auf dem Rastplatz stehen. Wenige Minuten danach ist sie verschwunden. Was in dieser kurzen Zeit passiert ist, konnte bis heute nicht rekonstruiert werden. Ab diesem Moment verliert sich jede Spur.

Ein Vermisstenfall voller Rätsel

Zwei Tage später wird Heidi Scheuerle als vermisst gemeldet. Die Polizei startet umfangreiche Ermittlungen. Zahlreiche Personen werden überprüft, Hinweise verfolgt und Spuren ausgewertet. Doch die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Wer nahm Scheuerle am Rastplatz mit?

Zunächst führt die Kantonspolizei Thurgau die Ermittlungen – weil Scheuerle auf dem Rastplatz im Kanton Thurgau zuletzt gesehen wurde. Später übernimmt die Kantonspolizei Aargau den Fall. Denn es werden Überreste in der Nähe von Spreitenbach gefunden. Auch sie bleibt erfolglos. 

Im Jahr 2000 wird der Vermisstenfall dann in der Fernsehsendung «Aktenzeichen XY … ungelöst» vorgestellt. Für die Familie ist klar: Ein Suizid kommt nicht infrage. Auch die Ermittler gehen davon aus, dass Scheuerle Opfer eines Verbrechens geworden ist. Doch auch die Sendung bringt nicht das ein, was man sich erhofft hatte: Neue Hinweise.

Ein Pilzsammler findet Knochen in einem Waldstück zwischen Dietikon und Spreitenbach. (Roter Kreis markiert den Fundort)

Ein Pilzsammler findet Knochen in einem Waldstück zwischen Dietikon und Spreitenbach. (Roter Kreis markiert den Fundort)

Swiss Topo

Am 28. Oktober 2000 macht dann ein Pilzsammler oberhalb von Spreitenbach eine grausame Entdeckung: In einem Waldstück nahe der Zürcher Kantonsgrenze findet er einen menschlichen Schädel. Erst im Frühjahr 2002 bringt ein DNA-Abgleich mit der Mutter der Verschwundenen Gewissheit: Die Überreste gehören zu Heidi Scheuerle.

Erinnerungen aus der SRF-Redaktion

Eine Person, die der Fall bis heute nicht losgelassen hat, ist Magdalena Kauz. Sie arbeitete damals beim Schweizer Fernsehen und war unter anderem für die Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten zuständig.

Im Gespräch mit blue News erinnert sie sich an Heidi Scheuerle. «Ich habe Heidi kennengelernt, als sie bei uns als Praktikantin anfing», erzählt Kauz. «Ich mochte sie sofort, weil sie so speziell war – ein totaler Film-Fan, fast schon ein Film-Nerd. Man konnte mit ihr endlos über Filme reden.»

Scheuerle sei extrem neugierig gewesen und habe alles verstehen wollen. «Sie stellte viele Fragen und wollte genau wissen, wie ein Dreh funktioniert – nicht nur oberflächlich, sondern wirklich im Detail.» Mehrmals nahm Kauz sie mit ans Set.

«Sie schaute zuerst einfach zu, sog alles auf und stellte danach wieder Fragen», erinnert sich Kauz. Manchmal half Scheuerle auch bei kleinen Dingen. «Ich erinnere mich an eine Szene, in der sie sogar kurz im Bild war und einen Geist spielte. Es ging um einen bereits verstorbenen Künstler – und sie fand das unglaublich spannend.» Für Kauz war schnell klar, dass Scheuerle für Film brannte. «Sie wollte wirklich verstehen, wie Fernsehen funktioniert.»

War das Autostoppen der Grund für das Verschwinden?

Ein Thema sorgte jedoch immer wieder für Diskussionen: das Trampen. «Sie kam oft per Autostopp zur Arbeit», erzählt Kauz. «Als sie mir das erzählte, war ich ehrlich gesagt schockiert.» Sie habe Scheuerle sofort darauf angesprochen. «Ich sagte ihr klar: Was du privat machst, ist deine Sache. Aber für die Arbeit sollst du nicht trampen.»

Die roten Punkte markieren den Startpunkt und das Ziel von Heidi Scheuerle am 8. Oktober. Der blaue Stern markiert die Raststätte bei der Scheuerle zuletzt gesehen worden ist. Das Kreuz markiert den Fundort der Überreste der damals 26-Jährigen.

Die roten Punkte markieren den Startpunkt und das Ziel von Heidi Scheuerle am 8. Oktober. Der blaue Stern markiert die Raststätte bei der Scheuerle zuletzt gesehen worden ist. Das Kreuz markiert den Fundort der Überreste der damals 26-Jährigen.

Swiss Topo

Auch der damalige Chef Christian Eggenberger reagierte deutlich. «Er sagte ihr ebenfalls, dass das nicht geht – schon aus Sicherheitsgründen und weil man nie weiss, ob man pünktlich ankommt.» Scheuerle habe versprochen, damit aufzuhören. Doch offenbar hielt sie sich nicht daran.

Dann kam jener Auftrag, an den sich Kauz bis heute erinnert. «Es war ein kurzer Beitrag geplant – vielleicht 30 oder 40 Sekunden – über eine Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein», sagt sie. Das Datum habe sich bei ihr eingebrannt. «Der 8. Oktober 1996. Das vergesse ich nicht.»

Gemeinsam bereiteten sie vor, was Scheuerle drehen sollte. Am Drehort wartete bereits ein Kamerateam – sie musste also nicht alleine filmen. «Aber sie musste von Kreuzlingen nach Weil am Rhein kommen.»

Kurz vor dem Termin habe ihr Chef Scheuerle noch einmal zu sich ins Büro gerufen. «Er sagte ihr ganz klar: Sie soll nicht per Autostopp reisen. Das sei nicht akzeptabel.» Er habe sogar verlangt, dass sie garantiere, dass sie es nicht mache.

Der Moment des Schocks

Doch am Drehort erschien Scheuerle nie. «Christian rief mich an und fragte, ob sie sich bei mir gemeldet habe», erzählt Kauz. «Das hatte sie nicht.» Auch in der WG habe zunächst niemand gewusst, wo sie war.

Schon früh habe sie ein ungutes Gefühl gehabt. «Ich wusste sofort: Das ist nicht normal. Heidi war nicht jemand, der einfach schwänzt.» Im Gegenteil: Sie habe diesen Dreh unbedingt machen wollen. «Sie war vielleicht nervös, aber sehr motiviert. Sie wollte zeigen, dass sie das kann.» Als später bekannt wurde, dass Scheuerle offenbar doch wieder per Autostopp unterwegs gewesen war, sei die Situation noch beunruhigender geworden. «Da wurde es richtig beängstigend.»

In den Jahren danach hörte Kauz lange nichts von den Ermittlungen. «Man wusste irgendwann, dass sie zuletzt bei der Raststätte Forrenberg gesehen wurde.» Erst Jahre später tauchten einzelne Gegenstände auf: ein Rucksack, ein Schuh, ein Schlüssel und Knochen – unter anderem der Schädel und ein Stück Beckenknochen.

So sah der Fundort im Wald aus. Magdalena Kauz sah sich den Ort an.

So sah der Fundort im Wald aus. Magdalena Kauz sah sich den Ort an.

Kantonspolizei Aargau

Der Schlüssel neben den Knochen, soll zu einer Firma gehört haben. Es sei ein Sicherheitsschlüssel gewesen, diese seien damals laut Kauz verzeichnet gewesen. So konnte man herausfinden, zu welcher Firma der Schlüssel gehörte. Erst dadurch konnte der Bezug zu Scheuerle hergestellt werden. «Dann machte man den DNA-Abgleich mit der Mutter und der Schwester – und erst dann war klar: Es ist Heidi.» Eine eindeutige Todesursache liess sich aus den Überresten nicht mehr bestimmen.

Eigene Recherchen und eine besondere Faszination

Der Fall liess Kauz lange nicht los. «Ich begann später selbst zu recherchieren und sprach auch mit Ermittlern – etwa mit dem damaligen Ermittlungsleiter Urs Winzenried.» Sie besuchte sogar den Fundort oberhalb von Spreitenbach. «Der Ort wirkte auf mich so, als müsste jemand Ortskenntnis gehabt haben», sagt sie. «Die Gegenstände und die Knochen lagen in der Nähe eines Waldwegs, den man wohl kennen musste, um an die Stelle zu gelangen.»

Irgendwann musste Kauz einen Schlussstrich ziehen. «Ich bekam Albträume. Der Fall liess mich nicht mehr los.»

Eine Erinnerung ist ihr besonders im Kopf geblieben. Kauz habe im Zuge ihrer Recherche mit einem engen Freund von Heidi Scheuerle gesprochen. Dieser habe ihr erzählt, dass sich Scheuerle stark für Serienmörder und Kriminalfälle interessiere. «Sie war fasziniert von solchen Geschichten», sagt Kauz. «der Freund von ihr erzählte mir sogar von einer Reise in die USA und davon, dass sie hoffte, vielleicht einmal einen Serienmörder zu treffen.»

Scheuerle soll nicht nur eine Faszinazion für Kriminalfälle gehabt haben. Im Zuge dessen soll sie auch ihre «Technik» beim Trampen entwickelt haben. Gegen über Kauz erwähnte sie das Vorgehen so: «Sie sagte, sie steige nie in Lastwagen, nur zu Einzelpersonen – keine Paare. Und sie schaue sich den Fahrer immer zuerst einige Minuten genau an.» Sie glaubte, Menschen so einschätzen zu können. Heute wirkt diese Erinnerung tragisch. «Dass sie ausgerechnet beim Trampen verschwunden ist – das ist schwer zu begreifen.»

Die Verjährung

Adrian Schuler, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Aargau, sagt zur baldigen Verjährung des Falls gegenüber blue News: «Bis heute konnten im Fall Heidi Scheuerle keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden, die nicht bereits öffentlich bekannt waren.» In solchen Fällen müsse man alle möglichen Szenarien prüfen. Eine Verjährung, als der Zeitpunkt, ab wann ein Anspruch nach Ablauf einer bestimmten Frist nicht mehr gerichtlich durchgesetzt werden kann, wird juristisch abgeklärt. 

«In Cold Cases geht man immer vom schwersten möglichen Delikt aus», erklärt Schuler. Im Fall Scheuerle wäre das ein Tötungsdelikt – dieses verjährt nach 30 Jahren. Die Behörden stuften ein Tötungsdelikt als höchst wahrscheinlich ein; ein abschliessender gerichtlicher Nachweis liegt bislang nicht vor.

Kann der Fall noch gelöst werden?

Der damalige Kripo-Chef der Kantonspolizei Aargau und heute pensionierte Urs Winzenried, übernahm die Ermittlungen im Jahr 2000. Er erinnert sich noch gut an die grossen Suchaktionen und an eine ausgesetzte Belohnung für Hinweise. «Ausgeschlossen ist es nie, dass ein Fall auch nach 30 Jahren noch aufgeklärt wird», sagt Winzenried auf Anfrage von blue News.

Doch mit der Zeit werde es immer schwieriger. Die Kantonspolizei habe die Ermittlungen vor einigen Jahren noch einmal überprüft – ohne neue Resultate. Man könne nur hoffen, dass sich irgendwann ein Zeuge meldet.

Fast 30 Jahre nach ihrem Verschwinden ist also noch immer unklar, was Heidi Scheuerle an jenem Oktobertag genau 1996 passiert ist. Und wenn sich kein neuer Hinweis ergibt, könnte der Fall bald endgültig ungelöst bleiben.

Die Kantonspolizei ist weiterhin für jeden Hinweis offen. Menschen, denen etwas aufgefallen ist, oder etwas wissen, können sich bei der Kapo Aargau unter 062 835 81 81, oder unter info@kapo.ag.ch melden. Hinweise können auch per E-Mail unter redaktion.news@blue.ch oder per Whatsapp unter 079 282 27 12 eingereicht werden.