Das schweizer Radio 1 zählt zu den glühenden Gegnern der UKW-Abschaltung in der Schweiz
Ist die UKW-Abschaltung ein Thema in den wichtigsten europäischen Märkten? Wir haben uns umgeschaut.
Der analoge UKW-Hörfunk ist auch heute noch das Maß aller Dinge beim terrestrischen Radioempfang. Während alle anderen Technologien längst digitalisiert sind, funkt der alte Hörfunkstandard seit nunmehr 75 Jahren unbeirrt. Mit DAB+ steht längst ein weit leistungsfähigerer, neuer Standard bereit. Doch dieser setzt sich nur langsam durch und das auch nur aufgrund von „Zwangsmaßnahmen“ wie einer Verpflichtung in neuen Fahrzeugen sowie vielen mobilen und stationären Empfängern.
Nur in Norwegen sind der öffentlich-rechtliche Rundfunk und viele Privatradios komplett auf DAB+ umgestiegen. Lokale Sender funken aber immer noch auf UKW. In der Schweiz ist die UKW-Abschaltung, die Ende 2026 erfolgen sollte, gestoppt worden, das analoge Radio läuft nun mindestens bis 2032 weiter. Wir haben uns einmal umgeschaut: Wo in den wichtigsten europäischen Märkten ist eine UKW-Abschaltung überhaupt ein Thema?
Großbritannien: Anfang von Ausstieg ab 2030 möglich
Auf der Insel steht zunächst eine andere Abschaltung an: Noch immer wird in Großbritannien die Mittelwelle rege genutzt und erst so langsam beginnen die BBC sowie Privatradios sich von den AM-Frequenzen zu trennen. Die britische Regierung prüft aktuell, ob in den 2030er-Jahren ein geordneter Übergang weg von UKW sinnvoll sei.
Die Überprüfung soll Veränderungen im Hörverhalten, Verschiebungen im gesamten Audiomarkt und die Auswirkungen neuer Technologien wie Sprachassistenzsysteme oder Künstliche Intelligenz analysieren. Die Regierung wolle auch untersuchen, wie sich künftige Entscheidungen zum digitalen terrestrischen Fernsehen auf den Radiomarkt auswirken könnten. Wird das terrestrische Fernsehen abgeschaltet, kommen auf die Radio-Veranstalter höhere Standortmieten bei Sendetürmen zu. Ein Parallelbetrieb von UKW und DAB/DAB+ könnte dann unverhältnismäßig teuer werden.
Ein fixes Datum für einen UKW-Ausstieg gibt es aber nicht. Obwohl DAB/DAB+ bereits weit verbreitet ist, setzt Großbritannien auf einen marktgetriebenen Übergang, bei dem UKW schrittweise an Bedeutung verliert, aber nicht abrupt abgeschaltet wird.
Überraschend hat das öffentlich-rechtliche Radio France vor wenigen Tagen angekündigt, sich noch in diesem Jahr von rund 300 UKW-Frequenzen trennen zu wollen. Komplett abgeschaltet wird die FM-Kette des Jugendsenders Mouv‘, der künftig sogar nur noch im Internet verbreitet werden soll, also auch seinen DAB+-Platz zugunsten eines neuen Kindersenders aufgibt. Zudem werden viele UKW-Frequenzen bei der Kulturwelle France Musique gestrichen.
Die Medienbehörde Arcom erwägt einen kompletten UKW-Ausstieg bis zum Jahr 2033. Dies ist aber kein fixes Datum. Letztendlich wird wie in anderen Ländern auch in Frankreich der Markt darüber entscheiden, ob UKW zu diesem Zeitpunkt bereits auslaufen kann. Kenner der Szene bezweifeln das.
Deutschland: Schleswig-Holstein prescht vor
Hierzulande wird prinzipiell seit den frühen 2000er-Jahren schon über einen UKW-Ausstieg diskutiert. Einige Bundesländer hatten bereits gesetzliche Abschaltdaten, die aber immer wieder verworfen wurden. Aktuell ist Schleswig-Holstein das einzige Bundesland, das einen UKW-sukzessiven Ausstieg bis zum Jahr 2031 beschlossen hat. Bisher wird diese Roadmap eingehalten: Mit Radio Bob! und Delta Radio haben bereits zwei landesweite Privatradios ihre UKW-Verbreitung aufgegeben, auch Deutschlandradio und der NDR haben bereits Frequenzen abgeschaltet. Eine Warnung kommt von Krisenstäben, die vor einer kompletten UKW-Abschaltung warnen, da die Bevölkerung dann nicht mehr ausreichend in Krisenfällen mit Radio versorgt werden könnte.
In anderen Bundesländern haben vor allem Deutschlandradio und die ARD-Anstalten UKW-Frequenzen abgeschaltet. So haben etwa der Bayerische Rundfunk (BR) und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) mehrere UKW-Sendeanlagen stillgelegt. Der Privatfunk fordert, dass sich die UKW-Abschaltung alleine am Markt orientieren soll. Einige wenige, kommerzielle Veranstalter haben bereits UKW-Frequenzen aufgegeben oder sich komplett aus dem analogen Hörfunk zurückgezogen.
Spanien: DAB+ noch in den Kinderschuhen
Da in Spanien DAB+ noch in den Kinderschuhen steckt, ist ein UKW-Ausstieg auf der iberischen Halbinsel noch kein Thema. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte zunächst zugunsten eines weiteren DAB+-Ausbaus seine Mittelwellenfrequenzen zum Jahresende 2025 abgeschaltet. Privatradios strahlen ihre Programme in DAB+-Muxen vorwiegend auf halblegaler Basis aus. Diese sind vor allem in Großstadtregionen, aber auch Ferieninseln wie Mallorca und Ibiza gestartet. Noch lange bleibt in Spanien aber der analoge UKW-Hörfunk das Maß aller Dinge.
Belgien: Studie hält UKW-Ausstieg schon 2030 für denkbar
In Belgien könnte die UKW-Abschaltung für Radiostationen zumindest laut einer Studie aus dem Jahr 2024 schon zum 1. Januar 2031 möglich sein – zumindest in Flandern, dem niederländischsprachigen Teil Belgiens. Ein Abschaltszenario werde laut einer von Medienminister Benjamin Dalle in Auftrag gegebenen Untersuchung der Universität Gent und der Beratungsfirma BrightWolves als realistisch einschätzt.
Die Radiostudie zeige, dass immer mehr Menschen in Flandern digital Radio hören. Aktuell werden 50 Prozent der Radiosendungen über UKW, 30 Prozent über DAB+, 14 Prozent über Internetradio und 5 Prozent über digitales Fernsehen empfangen. Diese Anteile dürften in den kommenden Jahren weiter zugunsten der digitalen Empfangswege steigen.
Allerdings müssten ausreichend viele Menschen auf digitales Radio umgestiegen sein, um UKW vollständig abschalten zu können, heißt es laut der Studie. Wetten können abgeschlossen werden, dass es auch 2031 noch Töne auf der UKW-Skala bei unseren Nachbarn geben wird.
Niederlande: UKW-Ausstieg allgemein angedacht, aber ohne fixes Datum
Auch in den benachbarten Niederlanden ist der UKW-Ausstieg ein Thema. Angestrebt ist allerdings nicht ein abrupter, landesweiter Stichtag, sondern ein langsamer Prozess, der stark auf die Förderung von DAB+ setzt. Bis es soweit ist, werden UKW-Lizenzen turnusmäßig neu versteigert. Erst zum 1. September 2025 wurden regionale Radiofrequenzen in den Niederlanden neu geordnet, was die UKW-Landschaft noch einmal grundlegend verändert hat. Bereits seit längerem müssen alle kommerziellen Inhaber von UKW-Lizenzen ihre Programme parallel auch auf DAB+ verbreiten.
Italien: RAI prüft UKW-Ausstieg
Der öffentlich-rechtliche Sender RAI hatte im Jahr 2022 Aufsehen erregt mit der Aussage, dass man sich einen UKW-Ausstieg schon im Jahr 2030 vorstellen kann. 2025 sollten die ersten Frequenzen abgeschaltet werden. Da dies jedoch nicht erfolgt ist, dürfte auch das ambitionierte Ausstiegs-Datum inzwischen hinfällig sein. Nichtsdestotrotz baut die RAI das Digitalradio DAB+ derzeit im großen Stil aus. Auch Privatradios setzen zunehmen auf DAB+, ohne aber bisher ihre UKW-Frequenzen aufzugeben.
UKW-Kanäle abgeschaltet hat bereits die öffentlich-rechtliche Rundfunk Anstalt Südtirol (RAS), die keine Programme selbst veranstaltet, sondern Sender aus dem Ausland per Rebroadcasting verbreitet, um die deutschsprachige Bevölkerung zu versorgen. Die RAS setzt auf DAB+ als neuen Hauptverbreitungsweg. Anders als auf UKW kann man auf diesem Weg nicht nur Programme des Österreichischen Rundfunks (ORF), sondern auch öffentlich-rechtliche Programme aus Deutschland und der Schweiz in Südtirol terrestrisch senden. Auch der Privatsender Beats Radio kann so sein Programm in Südtirol auf DAB+ übertragen und nutzt Kapazitäten der RAS.
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