Der Countdown läuft. In wenigen Monaten feiert das berühmteste Stuttgarter Mieter-Quartier – die Stuttgarter Weissenhofsiedlung – den 100. Geburtstag. Viele der Reihen-, Ein- und Mehrfamilienhäuser sind 1927 von Le Corbusier, Mart Stam und Co. im Stil des Neuen Bauens errichtet worden. Architekten wie Walter Gropius und Mies van der Rohe, die auch am Bauhaus in Weimar und Dessau lehrten, haben dort ihre Vorstellungen vom zeitgemäßen Wohnen mit viel Licht und Luft realisiert.
Stuttgarter Architekten haben sich inspirieren lassen und an anderen Orten der Stadt solche Häuser im Stil des Neuen Bauens für ihre Kunden entworfen. Wer in den 1920ern und 1930ern zur Avantgarde gehören wollte, wohnte im schnörkellosen Flachdach-Haus mit großen Fenstern, Balkons, Terrassen. Dieser Architektur-Spaziergang stellt die kleinen Villen und ihre Baumeister ins Zentrum. Da die meisten auf Halbhöhen stehen, sind einige Höhenmeter zu absolvieren.
Architektur-Spaziergang zu Ikonen der Neuen Sachlichkeit in Stuttgart – nebst heutigen Architektenhäusern und alten Villen. Foto: STZN/Yann Lange 1. Oßwalds Stuttgarter Halbhöhen-Villa
Wer an der Haltestelle Gerokstraße aussteigt, schaut in Richtung Merzschule – dort haben Reichel Schlaier Architekten aus Stuttgart einen Schulneubau entworfen, der sich dezent mit dunkler Fassade und Glasfronten in Richtung Wald wendet. Es geht nun stadteinwärts auf der Pischekstraße – leider nicht wirklich zugänglich hinter dem Hotel Geroksruhe findet sich ein Wohnhaus aus der Entwurfsfeder vom Weissenhofsiedlungs-Bauleiter Richard Döcker. In die Einfahrt blinzeln ist aber erlaubt.
Gänswaldweg 6 in Stuttgart-Ost – Haus von Ernst Otto Oßwald. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Rechts führt der Weg in die Gänsheidestraße, dann rechts hinauf in den Gänswaldweg 6. Eine feine Gegend mit toller Aussicht in Richtung Bad Cannstatt und vielen auch modernen Villen. Doch ganz ehrlich – das hoch am Berg thronende Haus Freytag sticht sie aus. Entworfen wurde es von Ernst Otto Oßwald, dem Architekten des schönsten Hochhauses in Stuttgart. Gemeint ist der Tagblatt-Turm. Das Wohnhaus steht am Steilhang, mit umlaufenden Fensterbänden und Vorsprüngen und wirkt von jeder Seite betrachtet wieder anders. Der Bau wurde 1926 fertig, also ein Jahr vor der Weissenhofsiedlung.
2. Villa von Behr & Oelkrug
Jetzt es stramm bergab in die Gänsheidestraße bis zur großen Kreuzung, diese bitte überqueren und dann die Planckstraße nach unten spazieren und nach links einbiegen, hinauf in die Gerokstraße. Rechts, Hausnummer 75, findet sich ein streng in seinen Formen daherkommendes Flachdachhaus im Stil des Neuen Bauens von 1929 – 1930, geplant von Rudolf Schweitzer.
Der Architekt hatte wenige Jahre zuvor noch Gründerzeitvillen entworfen – zur fast schon geheim gelegenen Villenkolonie Am Hohengeren existiert ein Architektur-Spaziergang (hier ist der Link zum Text). An dem kleinen Platz linkerhand steht ein weiteres Haus aus der Zeit von Julius Kocher, datiert auf 1929.
Dann geht’s direkt weiter in die Grüneisenstraße, links in die Hackländerstraße, vorbei an der Kita Gänsheide mit der schön hellen Fassade, 2018 entworfen vom Stuttgarter Architekturbüro D’Inka Scheible Hoffmann Lewald Architekten. Nun rechts in die Gänsheidestraße, dann bei der Christuskirche rechts in die Adolf-Kröner-Straße 10.
Das Stuttgarter Architekturbüro Fehrle + Tennigkeit hat das Juwel vor einigen Jahren saniert. Gebaut wurde es 1928 von Rudolf Behr und Karl Oelkrug – entworfen noch vor dem Bau der Weissenhofsiedlung. Allerdings mit Sprossenfenstern, die waren im Formenkatalog des Neuen Bauens nicht mehr vertreten – ebenso nicht die zwei Statuen auf flachem Sockel an der Fassade. Schön aber dennoch! (Sie stehen auf der Denkmalliste des Landesamts für Denkmalpflege im Land).
Villa von den Stuttgarter Architekten Behr und Oelkrug in der Adolf-Kröner-Straße 10. Foto: STZN/Golombek
Die beiden Architekten haben auch Kirchen im Bauhaus-Stil gebaut, später wendeten sie sich dem sogenannten „Heimatstil“ mit seiner Liebe zum Satteldach zu. Die in der NS-Zeit entstandene Wichernkirche in Bad Cannstatt (erbaut von 1937 bis 1939) zeugt unmissverständlich davon. Sie schaut fast aus wie ein Wohnhaus, wäre da nicht die Glockenstube, die kaum höher als ein Schornstein in den Himmel ragt.
3. Das Haus von Döcker
Dass sich zu Beginn der 1930er Jahre der politische Wind drehte, ist nicht nur an der Baubiografie von Behr und Oelkrug abzulesen. Richard Döcker war Bauleiter der Weissenhofsiedlung, der Architekt hat auch dort Projekte realisiert, seine Häuser sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Pech hatte auch sein Haus in der Gröberstraße 20, das die dritte Station. (Von der Adolf-Kröner-Straße geht es also wieder zurück links in die Gänsheidestraße, beim Café Hummel gibt’s Brezeln und Getränke zur Stärkung. Immer weiter auf der Straße bleiben, links in die Sandbergstraße und rechts in die Gröberstraße.)
Richard Döcker und die Bauherrschaft hätte lieber ein Flachdach gehabt. Die NS-Behörde war dagegen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Richard Döcker hat das Wohnhaus für den Ingenieur Wunibald Kamm von 1932 bis 1933 gebaut. Gegen seinen Willen musste er, weil die Bauvorschriften es nun vorgaben, ein Walmdach statt eines gewünschten Flachdaches planen. Dieses Zeugnis deutscher Baukultur (und Unkultur) steht unter Denkmalschutz. Wie fast bei allen Bauhaus-Gebäuden fällt die schöne Bepflanzung mit Nadelhölzern auf, die zum südlichen Charme der Bauten beiträgt – auch beim nächsten Objekt.
4. Hummels Villa in einer besonderen Stuttgarter Straße
Von der Gröberstraße biegt man rechts in die Payerstraße, dann in die Richard-Wagner-Straße. 1931, als das Haus Hummel gebaut wurde, war die Straße noch nach Heinrich Heine benannt, da er jüdischen Glaubens war, benannten die Nationalsozialisten die Straße um. An der Hausnummer 63 bitte stehen bleiben und staunen: Auf den Hang getupft ist das Haus mit Flachdach, kompakte Würfelform, Dachterrasse, Grüßbalkon, brauner Putz und rostrote Klappläden, umsäumt von Kiefern.
Haus des Stuttgarter Architekten Clemens Hummel in der Richard-Wagner-Straße 63. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Erbauer war Clemens Hummel, der zuvor dem Historismus verpflichtet war, der Architekt hat für sich selbst im Stil des Neuen Bauens entworfen und lebte dort bis zu seinem Tod 1938. Das Stuttgarter Büro für Architektur hat das Haus vorbildlich saniert. Hier geht’s zum Text.
5. Bloch und Guggenheimer auf dem Bopser
Nun steht ein längerer Fußweg an. Bitte retour bis zu einem Haus, an dessen Mauer vorm Gebäude einige Froschfiguren zu finden sind, dann nach links in den Steingrübenweg die Treppen und den steilen Weg bergab gehen. Wie lauschig und grün es da ist. An einem weißen Tiny-Haus vorbei geht es bis zur Biegung, da findet sich eine Villa von heute von den Stuttgarter Architekten Bottega + Ehrhardt. (Was besonders gelungen daran ist – hier ist zum Nachlesen der Text zum Haus für eine Familie mit mehreren Kindern).
Hier geht es steil hinab zur Sonnenbergstraße. Foto: StZN/NG
Unten an der Sonnenbergstraße angekommen, wo sehr viele hübsche Backstein-Gründerzeitvillen stehen, bitte erst rechts und dann links die Neefstraße hinauf bis zum Schild „Oberer Reichelenbergweg“ gehen, da führen dann die Stäffele auf den Bopser. Viele Bäume und Sträucher und schiefe Stufen, linksseitig sieht man irgendwann die Villa Hummel, rechts kann man einen Blick auf das Doppelhaus mit Mansardenwalmdach, Erker und Erkertürmchen erhaschen, das der Architekt der Stuttgarter Markthalle, Martin Elsaesser, für die eigene Familie und die des Malers Robert Weise entworfen hat.
Geschafft. Zum Glück steht da eine Holzbank direkt neben der Treppe. Wer nach rechts schaut, sieht ein mächtiges Wohnhaus. Schindeln, Holzbalkone, Erker – alle Gestaltungselemente, die das Landhausstilherz begehrt, sind an der Villa Müller-Burk aus dem Jahr 1910 von dem Stuttgarter Architekten Richard Dollinger zu entdecken. Der Weg führt aber nach links, dann rechts die Bopserwaldstraße hinauf. Haus Nummer 55 ist das Haus Frankenstein, benannt nach dem Bauherren, dem jüdischen Kaufmann Otto Frankenstein, erbaut 1929 vom Architektenduo Bloch und Guggenheimer.
Oscar Bloch und Ernst Guggenheimer konnten nach 1933 nur noch unter erschwerten Bedingungen arbeiten, da sie jüdischen Glaubens waren. Bloch starb 1937, Guggenheimer überlebte den NS-Terror. Er plante nach dem Krieg in Stuttgart auf den alten Fundamenten der 1938 von den Nationalsozialisten verbrannten Synagoge einen neuen Sakralbau, gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Hans Jauß.
Haus in der Stuttgarter Bopserwaldstraße 55 von Oscar Bloch und Ernst Guggenheimer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Im Stuttgarter Norden und Westen hatten Bloch und Guggenheimer Häuser im Stil des Neuen Bauens entworfen, begonnen hatten sie ihre Karriere ähnlich wie ihre Kollegen Schweitzer und Hummel mit Gründerzeitstil- und Landhausvillen. An schönen Tagen kann man nun einen Bewohner des fein sanierten Flachdachbaus in der Bopserwaldstraße auf der Dachterrasse mit Reling stehen sehen. Das schlanke Wohnschiff ist gut in Form bis heute.
Aussicht auf Stuttgart
Wer nun schon geschafft ist, darf noch ein paar Meter weiter hinauf gehen, auf die Stadt hinunterblicken und das großartige Tagblatt-Turm-Hochhaus von Architekt Oßwald bewundern. Und sich überlegen, wie gelungen oder nicht gelungen die 4-Giebel-Neubauten direkt daneben wirken. Der Spaziergang kann hier ausklingen – hinunter die Bopserwaldstraße und vielleicht doch noch ein letzter Aufstieg zum Teehaus im Weissenburgpark? Sonst geht es direkt hinunter zur Stadtbahnhaltestelle Dobelstraße.
Alle anderen gehen von der Bopserwaldstraße nach rechts in die Wernhaldenstraße und bewundern die alten und neuen Landhäuser. Die Route mündet in die Straße Im Oberen Kienle. Das Haus mit der Nummer 96 findet sich nicht auf der Denkmalschutzliste, wirkt aber wie eine heutig renovierte Bauhaus-Villa. (Achten Sie auf passgenau in die Mauer eingebaute Abfalltonnen: Auch Praktisches kann gut gestaltet sein.)
Eichhörnchen in der Stuttgarter Villensiedlung
Weiter, weiter und nun bitte einmal nach rechts schauen, da findet sich ein interessantes Haus mit Tonnendach und Skulptur im Garten. Links sind die ersten Hanggärten, mit Glück sieht man ein Eichhörnchen, wie es sich am Holzlattenzaun festkrallt und einen anschaut. Die Kienlestaffel führt hinunter an den Waldrand.
Dann biegt man ab nach links, geht an den Schrebergärten und an einem Spielplatz entlang. Wer stets Tischtennisschläger bei sich führt, spielt eine Partie. Nach einigen Metern trifft man in der Straße Im Unteren Kienle auf erste Häuser.
6. Im Unteren Kienle zum Brunnen des Architekten
Rechterhand steht ein sehr hübsches Wohnhaus mit Schindelfassade, daneben jeweils zwei Doppelhäuser, sie alle hat der fleißige Architekt Karl Hengerer erbaut (er hat auch die Arbeitervillen im Osten und das Baronenviertel im Norden entworfen sowie die Altstadtsanierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund um den Hans im Glück-Brunnen gestemmt). Das Ensemble ist baukulturell wertvoll und steht unter Denkmalschutz, das werden die Menschen zu beachten haben, deren Haushälfte derzeit saniert wird.
Die Straße führt weiter bergab bis zu einer Weggabelung mit Baum und Himmelfahrtsbrunnen – samt Bank zum Ausruhen. Der vom Verschönerungsverein Stuttgart errichtete Brunnen aus dem Jahr 1868 mit achteckiger klassizistischer Säule besteht aus Schilfsandstein, verrät die Homepage stuttgarter-bruennele.de.
Seit einer Sanierung ist die Trinkwasserschüttung solarenergiebetrieben. „Unter mehreren Entwürfen entschied sich der Verein für den Vorschlag von Carl Walter, seinerzeit Direktor der Baugewerkschule und Ausschussmitglied im Verschönerungsverein von 1867 bis 1871“, ist auf der Homepage des Vereins zu lesen.
Himmelfahrtsbrunnen an der Ecke Im Unteren Kienle und Sonnenbergstraße. Foto: Golombek
Von da lässt sich der Spaziergang in Richtung Innenstadt beenden – einfach links hinunter in die Sonnenbergstraße, unten links in die Dobelstraße. Schon steht man an der viel befahrenen Hohenheimer Straße und merkt, wie schön ruhig es zuvor überall war – und wie grün.
Extra-Runde: Ein Eis und ein Mehrfamilienhaus im Stil des Neuen Bauens
Dies ist eine mögliche Route vom Himmelfahrts-Brunnen über die Eisdiele am Eugensplatz bis zum Mehrfamilienhaus im Bauhausstil. Foto: StZN/Yann Lange
Ganz unternehmungslustig heute? Dann geht es vom Brunnen entweder auf der Sonnenbergstraße stadteinwärts und bald schon rechts in die Stafflenbergstraße, dann in die Diemershaldenstraße bis zur Eisdiele Pinguin.
Oder man steigt noch weiter hinauf. Dann geht es vom Brunnen rechts in die Sonnenbergstraße, die an der Kurve in die Richard-Wagner-Straße mündet, den Berg hinauf. Immer schön der Straße folgen, dann an der Villa Reitzenstein (rechts) vorbei, links auf Stuttgart hinunterschauen und auf der Heinrich-Heine-Höhe pausieren, bis man an der Haltestelle Bubenbad auskommt.
Wer nun Lust auf ein Eis und eine Rarität hat – ein denkmalgeschütztes Mehrfamilienhaus im Stil der Neuen Sachlichkeit, geht die Georg-Elser-Staffel hinunter in die Diemershaldenstraße bis zum Eugensplatz. Ein Eis an der Eisdiele Pinguin, dann links die Alexanderstraße hinunter bis zur Hausnummer 8 b – das Gebäude hat 1934 der bulgarische Architekt Stantscho Stantscheff im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaut.
Mehrfamilienhaus in der Stuttgarter Alexanderstraße 8 b von Architekt Stantscho Stantscheff. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Für den idyllischsten Weg weiter in die Innenstadt geht es ein paar Meter bergauf, dann links zwischen zwei Häusern in die schmale Gaisburgstraße hinunter zum Olgaeck. Dort steht das Geschäftshaus eines berühmten Architekten der Nachkriegszeit, zu dem ebenfalls ein Architektur-Spaziergang existiert. Wie der Baumeister heißt und welches Gebäude gemeint ist, wird in der Bildergalerie verraten.
Info
Länge
Der Spaziergang ist 4,1 Kilometer lang, es geht ordentlich steil bergab und bergauf und wieder bergab.
An- und Abfahrt
Start: Stadtbahn „Geroksruhe“ U15. Schluss: Stadtbahnhaltestelle „Dobelstraße“ U5-U7, U12.
Einkehrmöglichkeiten
Unter der Woche kann man sich in der Konditorei Café Hummel (Gänsheidestraße 39) mit Brezeln und Getränken eindecken. Wer beim Haus in der Bopserwaldstraße seinen Spaziergang beendet und das Wetter das Draußensitzen ermöglicht, hat es nicht mehr weit bis zum Jugendstilpavillon mit Biergarten und Blick auf die Stadt, dem „Teehaus im Weißenburgpark“ (Hohenheimer Str. 119). Sollte man sich entscheiden, den Spazierweg vom Brunnen wieder hinauf bis zur Richard-Wagner-Straße zu bewältigen, kann im griechischen Restaurant „Ilysia“ am Bubenbad (Gänsheidestraße 41) einkehren oder im Café Hummel.
Geeignet für
Menschen, die gern Stäffele steigen und Stuttgarts besondere Topografie erleben möchten. Und die bei Bauhaus nicht nur an Heimwerkerläden denken.