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Seiser Alm/Südtirol (Italien) – Es schneit. Der Weg ist als solcher nicht mehr zu erkennen – nur noch eine Ahnung unter kniehohem Weiß. Wer vom Pfad abkommt, versinkt bis zur Hüfte. Fast zwei Stunden dauert der Weg hinauf. Und dann steht er da. Ein älterer Mann. Barfuß. Blaues Stoffhemd, dünne Hose. Keine Mütze, keine Handschuhe. Die Füße nackt im Schnee. Er beugt sich hinunter, taucht die Hände in die Flocken und wäscht sich das Gesicht.
Der Mann heißt Ulrich Senoner (67). Seit sieben Jahren lebt er als Einsiedler auf einer kleinen Hütte auf der Seiser Alm auf 2050 Metern, am Fuße der Langkofel-Gruppe in den Dolomiten (Südtirol/Italien). Früher arbeitete er als Architekt, lebte in Wien, später in Berlin und Potsdam. Dort hatte er alles: ein eigenes Büro, eine Frau und zwei Kinder (11, 13). Er entwarf Häuser, sogar ein ganzes Dorf. In Blankensee (Mecklenburg-Vorpommern) wollte er ein Ökodorf entstehen lassen, Grundstück und Zusagen waren schon in der Tasche. Doch dann kippte alles. Die Nachbarn des geplanten Dorfes sträubten sich. Ulrichs Projekte verschwanden in der Schublade. Kurz darauf zerbrach auch seine Ehe. Seine Frau zog mit den Kindern nach Schleswig-Holstein. Ulrich musste und wollte neu anfangen.
Als er 2019 auf die Alm zog, trug er sein Hab und Gut in einer alten Kraxe den Berg hinauf – einem großen Holzkorb, geschnallt auf den Rücken. „Sie war extrem schwer“, erinnert sich Ulrich. Rund sechs Stunden war er unterwegs, musste immer wieder Pausen einlegen.

Kein Kühlschrank, keine Spüle: BILD-Reporter Matteo Tomada (links) besucht Ulrich Senoner in seiner Almhütte
Foto: Robert Gongoll
Klein, aber erstaunlich geräumig
Ulrich öffnet die Eingangstür seiner Almhütte, bittet herein. Ein alter Holzherd, ein Tisch, eine Eckbank, ein Stuhl, zwei Bodenschubladen, die auch als Couch dienen, eine schmale Küchenzeile – ohne Spüle oder Kühlschrank – und zwei Fenster. Im hinteren Teil der Hütte ist ein enger, fensterloser Schlafbereich mit einem Bett, der mit einer Schiebetür abgegrenzt ist. Alles eng. Und doch wirkt der Raum größer, als er ist. „Das liegt daran, dass ich die Möbel auf Hüfthöhe herabgesetzt habe, damit der Blick auf die Außenwände gelangt“, erklärt der Eremit. Ein alter Architekten-Trick.

Die Füße nackt im Schnee. Den schmilzt er, wenn die Quellen in der Wiese im Winter zugefroren sind
Foto: Robert Gongoll
In einem Behälter liegen Orangenschalen, ihr Duft füllt den Raum. Auf dem Herd köchelt Tee mit Ingwerscheiben und Artemisia, einem bitteren Wildkraut. Stolz zeigt Ulrich seine Gewürzsammlung. „Ich habe sie alle selbst gepflückt und hergestellt, aus Pflanzen aus der Umgebung“, sagt Ulrich. Brennnessel, Schafgarbe und Löwenzahn finden sich dort. Besonders stolz ist er auf sein Heu, das er im Sommer mit der Sense mäht. „Das Heu ist ein guter Baustoff, ich habe damit meine Hütte und meinen Stadel nebenan isoliert. Auch meine Matratze für den Winter habe ich aus Heu gemacht. Die vielen Wirkstoffe darin übertragen sich beim Schlafen auf meinen Körper. Im Sommer schlafe ich hingegen im Stadel, direkt auf dem Heu.“
Kein Strom, kein Bad, kein Stress
Die Hütte ist für ihn mehr als ein Zuhause. „Malgafutura“ nennt er sie – Hütte der Zukunft. Hier oben will er ausprobieren, was ein Mensch wirklich braucht. „Ich will zeigen, dass ein autarkes Leben möglich ist – auch hier oben“, sagt er. Berlin, sagt er, habe ihn müde gemacht. Termine, Verpflichtungen, Rechnungen, Kompromisse. „Alle stehen unter Dauerstress, nie haben sie genug Geld, ständig jammern sie“, sagt er. Immer wieder habe er an seine Großeltern denken müssen. „Sie hatten nicht viel, lebten einfach, ohne großen Komfort. Aber sie liebten sich – und sie waren glücklich, haben nie gejammert.“ Als Kind war er mit ihnen hier oben auf der Alm. Eine Erinnerung, die ihn nie losließ.

Gästebett aus Heu im Stadel. Im Sommer schläft er hier selbst
Foto: Robert Gongoll
Viel braucht er hier oben nicht. Strom gibt es keinen, nur eine kleine Solarzelle für das Handy. Auch seine Kleidung ist überschaubar. Zwei Regale stehen in seinem Zimmer, darin ein paar dicke Wollpullover, Hemden, Hosen und etwas Unterwäsche. Vieles wurde ihm geschenkt. „Ich kaufe keine Kleidung mehr“, sagt Ulrich. Fließendes Wasser gibt es nur an einigen Quellen in der Wiese. Im Winter muss er sie freilegen, oft sind sie zugefroren. Dann schmilzt er Schnee. Bad oder Dusche gibt es nicht, nur ein Kompost-Klo im Stadel. „Meine Vorfahren haben sich nur selten gewaschen. Tiere duschen auch nicht. Der Körper reinigt sich von selbst, er kommt auch Monate ohne Baden aus“, sagt Ulrich.

Gekocht wird auf einem alten Holzherd
Foto: Robert Gongoll
Kiwis in den Bergen
Komplizierter wird es beim Essen. Auf über 2000 Metern wächst nicht viel. Ulrich versucht es trotzdem. Neben Kartoffeln hat er Obstbäume gepflanzt, sogar Kiwis. „Vielleicht überleben sie ja“, sagt er. Irgendwann will er sich auch Hühner und vielleicht Schafe zulegen. Bis dahin ist er auf Lebensmittel aus dem Dorf angewiesen. Ins Dorf geht Ulrich nur selten – und wenn, dann zu Fuß. „Ich bekomme hier viel Besuch. Viele bringen mir etwas mit.“ Dafür dürfen sie im Heu übernachten und das Einsiedlerleben ausprobieren. „Jeder ist willkommen – wenn er sich vorher anmeldet.“

Im Winter schaufelt er zugeschneite Wasserquellen frei – und hofft, dass sie nicht zugefroren sind
Foto: Robert Gongoll
Wer Ulrich besuchen will, meldet sich meist bei seinem Neffen Tobias (24). Er begleitet seinen Onkel seit einiger Zeit, fährt immer wieder hinauf auf die Alm und dokumentiert das Leben dort mit der Kamera. Auf Instagram folgen dem Projekt unter @malgafutura fast 100.000 Menschen. Tobias arbeitet an einer Dokumentation über das Einsiedlerleben seines Onkels – vielleicht, sagt er, schaffe es der Film eines Tages sogar bis zu den Oscars.
Freiheit mit Hausnummer
Ob Ulrich dann noch auf der Hütte ist, steht in den Sternen. Denn auch als Einsiedler hier oben lassen sich gesellschaftliche Zwänge nicht abschütteln. Ganz ohne Geld geht es nicht. Ulrich besitzt noch ein Konto, seine Ersparnisse gehen langsam zur Neige. Auch die Verwaltung erreicht ihn. Seit Kurzem schraubte man ihm eine Hausnummer an die Hütte – 74/1. „Scheint so, als hätte ich jetzt meinen Wohnsitz hier. Genau weiß ich es aber nicht“, sagt Ulrich. Auch seine Kinder fehlen ihm, er sieht sie nur selten und wünscht, sie könnten öfter zu Besuch kommen, am besten ganz zu ihm ziehen in die Natur. Doch das liege nicht in seiner Hand.

Als Architekt entwarf Ulrich Senoner ein komplettes Ökodorf in Mecklenburg-Vorpommern, das aus umweltfreundlichen Baustoffen errichtet werden sollte. Das Projekt scheiterte
Foto: Privat
Hinzu kommt, dass seine Großeltern ihm die Hütte nicht vererbt haben. Inzwischen gehört der Grund samt Hütte einem Nachbarn, der auf der anderen Seite des Hügels eine größere Alm betreibt. Zuvor hatte Ulrichs Cousin das Anwesen verkauft – Ulrich fehlte das Geld, um es selbst zu übernehmen. Vorerst darf er bleiben, Miete zahlt er nicht. Wie lange noch, ist offen. Auch hier oben gibt es keine Garantie auf ein sorgenloses Leben. Ob er deshalb nicht doch das Leben in der Stadt vermisse, den Komfort, die Gesellschaft? Ulrich hält kurz inne. Mit einem breiten Lächeln schüttelt er den Kopf. „Nein!“