Bauen im Bestand am Pfaffenwald in Stuttgart

Heutzutage verbindet das komplett sanierte Wohnhaus in Stuttgart-Vaihingen aus den 1930er Jahren historische Bausubstanz mit einer modernen, klaren Architektursprache. Und zu dieser Weitererzählung gehört es eben auch, unsere wesentlich liberalere Lebensweise mit der einstigen Baukultur zu versöhnen, und zwar respektvoll. Das ist längst nicht selbstverständlich, nicht alle potenziellen Hausbesitzer haben Lust auf das Bauen im Bestand, weshalb Stefanie Larson sagt: „Es ist doch toll, dass es Menschen gibt, die den Bestand bewahren wollen.“

Und es ist auch toll, dass es Büros wie lohrmannarchitekten gibt, in dem der umweltsensible und ökologische Umgang mit Altbauen zur geschäftlichen DNA gehört. Es ist ein bekanntes Büro, das 2001 von dem Architekten Holger Lohrmann in Stuttgart gegründet wurde, und das er mittlerweile gemeinsam mit Stefanie Larson leitet. Die Bürogemeinschaft ist auch Fördermitglied bei Architects for Future, eine Bewegung, die sich für einen nachhaltigen Wandel in der Baubranche einsetzt.

Stefanie Larson vom Stuttgarter Architekturbüro lohrmannarchitekten plädiert nachdrücklich für den Erhalt und umweltgerechte Sanierung von Bestandsbauten. Foto: lohrmannarchitekten

Es war keine leichte Herausforderung, diese in die Jahre gekommene und mehrfach schon umgebaute und verbastelte Doppelhaushälfte ist ein neues Zuhause für eine fünfköpfige Stuttgarter Familie umzuwandeln. Die Bauherrin, die bereits in diesem gewachsenen Viertel in Stuttgart-Vaihingen lange gelebt hat und nun das freigewordene Objekt dank eines wertvollen Nachbarschaftstipps erwerben konnte, hatte ziemlich genaue Vorstellungen von der ästhetischen Anmutung, von den Materialien und den Farben des innenarchitektonischen Umbaus (mehr zu dem Sanierungsprojekt findet sich unter dem Instagram-Account der Bauherrin unter instagram.com/cappuccino_um_10).

Doch der Weg dahin war anspruchsvoll. Um den räumlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, wurde neben einer Aufstockung des Erkers im ersten Obergeschoss durch einen Holzständerbau ebenfalls das Dach zum Wohnraum ausgebaut und über eine neue Treppe erschlossen. „Im Erdgeschoss gab es zuvor fünf Zimmer, die zum Teil recht dunkel waren“, erklärt Franziska Heller, Innenarchitektin bei lohrmannarchitekten. „Also haben wir sämtliche Wände entfernt und dafür eine Stahlkonstruktion eingesetzt, sodass der Wohnraum und der Küchenbereich nun offen und angenehm hell sind.“ Das klingt folgerichtig, diese Öffnung und Freilegung.

Konzeptstudie, Fotos und Notizen für das neue Haus in Stuttgart

Die Kunst aber besteht darin, alles in ein harmonisches Ganzes zu überführen. Dazu gehört eben auch ein intensiver Dialog mit der Bauherrenschaft. „Am Anfang steht in der Regel eine Konzeptstudie“, erklärt Stefanie Larson. Einerseits. Andererseits hatte die Bauherrin in den letzten Jahren vor dem Kauf des Hauses am Pfaffenwald Fotos und Notizen von inspirierenden Häusern und Orten, auch von Reisen gesammelt, die sie in den Annäherungsprozess mit Stefanie Larson und Franziska Heller einbrachte.

Individualität als Visitenkarte des Stuttgarter Büros

Nur so entstehen am Ende Unikate, die individuell auf den jeweiligen Ort abgestimmt sind und im Zusammenspiel mit dem Umfeld die richtige Atmosphäre schaffen. „Bauen ist Vertrauen“, sagt Stefanie Larson. „Wir haben keinen Stil, den man sofort erkennt. Es geht ja nicht um unsere architektonische Visitenkarte, wir bauen für die Menschen, für den Ort. Nur das ist uns wichtig.“

Die Wände, ein haptisches Erlebnis

Das Ergebnis ist im besten Sinne des Wortes eindrucksvoll. Der konsequente Einsatz natürlicher Materialien und Farben hat eine dermaßen beruhigende Wirkung auf einen, dass man sich am liebsten auf den einfachen und so raffinierten Boden legen würde: ein Gussboden, der im Erdgeschoss aus natürlichen Biopolymeren gefertigt wurde. Man will die Oberflächen berühren und spüren, sie laden förmlich dazu ein. Vor allem die angerauten und abgetönten Kalkputzoberflächen im gesamten Haus: an den Decken, Wänden, eigentlich überall. Ein haptisches Erlebnis.

Dazu das Holz, die freigelegten Balken im Treppenbereich, das feingliedrige Geländer von einem erfahrenen Schlosser aus dem Stuttgarter Süden. „Wir haben mit regional ansässigen Handwerkern gearbeitet, die wir meist gut kennen“, sagt Franziska Heller, „die kurzen Wege waren uns wichtig.“

Große Glasfront und schöner Garten

Glücklich war auch die Wahl des Ortes, denn es handelt sich um eine Doppelhaushälfte in einer luftig gesetzten Siedlung. Anders gesagt: es gibt einen schönen Garten mit altem Baumbestand, die Nachbarhäuser sind weit genug entfernt, um sich nicht beengt zu fühlen. Eine große Glasfront lässt viel Tageslicht ins Erdgeschoss, die Natur wird ins Innere über eine erhöhte Terrasse geholt.

Wohnküche aus weißgeölten Eichenschränken

Die große Wohnküche aus weißgeölten Eichenschränken und einer Kücheninsel bildet einen warmen Kontrast zu den Kalkputzwänden. Eiche an den Fenstern, und auch im Obergeschoss bildet das Holz ein Leitmotiv: lange Eichendielen in allen Zimmern (für die Kinder) und im Flur, dann auch im Obergeschoss, wo sich elterliche Schlafzimmer befindet. Das Bad ist ohne Fliesen, auch hier wurde mit Kalkputz gearbeitet.

Vor dem Gebäude stehend erkennt man, wie akribisch man das innenarchitektonische Konzept auch für die Außenhülle angewendet hat. Das Dach besteht nun auch dunkelroten Ziegeln, passend zu den braunen Blechverkleidungen an den Gauben. Und auch die Fassade, wen wundert es noch, erhielt einmal einen Kalkputz in Besenstrich.

Den Stuttgarter Fernsehturm im Blick

Alles wirkt wie aus einem Guss. Franziska Heller: „Die architektonische Idee war die der Zurückhaltung, Ruhe und Wertigkeit.“ Man könnte auch sagen: Das Haus hat etwas von einer zweiten Haut, die einem Geborgenheit und Schutz gibt. Und wenn man dann aus dem Badezimmer unter dem Dach durch das kleine Fenster sieht und in der Ferne den Stuttgarter Fernsehturm in der Sonne blitzen sieht, will man gar nicht mehr raus aus diesem alten, für die Zukunft geretteten Haus.