Die Wechseljahre machen sich in Wellen bemerkbar. Das betrifft nicht nur die Symptome, das betrifft auch die Thematisierung. Derzeit gibt es wieder einen Peak, im Vergleich zu früheren mit einem Novum.

Auch in Romanen rückt die Menopause nämlich jetzt in den Mittelpunkt, besonders erfolgreich in den vergangenen Jahren: „Auf allen Vieren“ von Miranda July. Die dänische Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen wiederum sammelte Erfahrungsberichte und Expertenwissen in aller Welt und machte daraus ihren Dokumentarfilm „Mein neues altes Ich“, der immer noch in manchen österreichischen Kinos zu sehen ist. Im Interview mit dem „Standard“ erzählte sie, dass skurriler Weise das Thema Menopause, das immerhin die Hälfte der Menschheit irgendwann betrifft, für manche Sender „zu nischig“ gewesen sei…

Trotzdem geht die Wahrnehmung der Wechseljahre als vernachlässigtes oder auch (aus patriarchalischen Gründen oder Scham) verdrängtes Tabuthema teilweise weit an der Realität vorbei. Die Geschichte des öffentlichen Redens und Schreibens darüber ist viel reicher und länger, als man meinen könnte. Auch wenn die Frauen selbst sehr spät begannen, daran teilzuhaben: Das geschah erst ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zunächst im Kontext der bürgerlichen Frauenbewegung, oft mit dem Anliegen, dieser beschwerlichen Phase (auch) etwas Positives, eine neue Freiheit abzugewinnen.

In ihrem 1993 publizierten Manifest „The Change“ schrieb die australische Feministin Germaine Greer, sie habe in der Literatur früherer Zeiten nach Vorbildern für den Umgang mit der Menopause gesucht. Doch nicht einmal verschlüsselt habe sie Hinweise darauf gefunden. Kein Wunder. Dass die Wechseljahre in ferner Vergangenheit noch inexistent erscheinen, hat natürlich damit zu tun, dass Frauen ihre Lebenserfahrungen so gut wie nie schriftlich ausdrücken konnten und durften. Das Ende der weiblichen Fruchtbarkeit wäre aber wohl ohnehin kein großes Thema gewesen, da Frauen aufgrund der niedrigen Lebenserwartung diese Phase oft gar nicht erreichten.

Was vor dem 19. Jahrhundert darüber kursierte, war vor allem von fehlendem Wissen und misogynen Vorstellungen geprägt. Da wurde zum Beispiel noch im 18. Jahrhundert ein fälschlich dem mittelalterlichen Dominikaner und Gelehrten Albertus Magnus zugeschriebener Text veröffentlicht, der behauptete, das Ende der Menstruation sei gefährlich für die Umwelt der Frau. Das sich stauende Blut würde nämlich böse Gemütsregungen in ihr hervorrufen und ihre Augen infizieren – und durch ihren Blick dann auch Menschen um sich herum.

Den Wendepunkt brachte Paris. Ende des 18. Jahrhunderts war es das unbestrittene Zentrum der medizinischen Welt. An riesigen Krankenhäusern wie dem Hôtel-Dieu oder der Maternité wurde zum ersten Mal systematisch Gynäkologie gelehrt. Ärzte befassten sich spezifisch mit dem Ende der Menstruation und ihren körperlichen und seelischen Begleiterscheinungen, führten das Thema zumindest in Fachkreisen aus der Schamzone heraus, veröffentlichten darüber: und das ein halbes Jahrhundert früher als in anderen Ländern wie England. Sie reagierten damit offenbar auch auf Bedürfnisse ihrer an Beschwerden leidenden weiblichen Klientel aus den oberen Gesellschaftsschichten. Man kann sagen, die Menopause war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine spezifisch französische „Krankheit“. Der Fokus verschob sich dabei – auf die Gefahr für die Frau selbst.

Von den „großen Gefahren, die dem Ausfall dieser Funktion vorausgehen, ihn begleiten und ihm folgen“ schrieb im Jahr 1805 der französische Arzt L.J.S. Jallon in seiner Dissertation, und fügte hinzu: „Dies ist zweifellos der Grund für die Bezeichnung ,kritisches Alter’“. Man sprach vom „kritischen Alter“, ja vom „gefährlichen Alter“. Das war nichts anderes als die Entsprechung zum gebräuchlichen Begriff „Klimakterium“, der aus der antiken Astrologie stammt und eine gefährliche, zu durchlebende Zeit bezeichnet.

Diese gefährliche Phase wurde ursprünglich für beide Geschlechter verwendet (mehr dazu später), nun rückte die weibliche in den Fokus. Mit der Gefahr meinte man nun aber nicht die Gefahr für die Gesellschaft – das kam im 19. Jahrhundert teilweise wieder (weil die Frau in dieser Phase instabil, unberechenbar sei etc.). Die Ärzte meinten vielmehr die negativen Auswirkungen der ausbleibenden Menstruation für die Frau selbst; man assoziierte diese Umstellung mit vielen physischen und psychischen Leiden. Der französische Aufklärer Denis Diderot etwa beschrieb die Wechseljahre als „lange und gefährliche Krankheit“.

Dabei hatten die französischen Mediziner zwar noch falsche Erklärungen (wie das sich verhängnisvoll im Körper stauende Blut). Doch die Symptome der Frauen, die sie beschreiben, klingen zum Teil frappierend heutig: Von Hitzewallungen („Feuer und Hitze im Körper“) über Schlaflosigkeit, Schmerzen im ganzen Körper, bis zu „Traurigkeit“ und „Melancholie“. Später kommen auch Reizbarkeit, Unruhe, Stimmungsschwankungen in den Beschreibungen vor („allerlei Bizarrerien”, fasst das der deutsche Chirurg und Geburtshelfer Dietrich Heinrich Wilhelm Busch 1839 flapsig zusammen). Dabei waren die Autoren stark vom neuen Biologismus der Aufklärung geprägt: Die Schwäche und Unterlegenheit der Frau wurde nun nicht mehr religiös, sondern biologisch begründet.

Mit dem „kritischen“ oder „gefährlichen Alter“ wurden in Frankreich Begriffe geboren, die nachhaltigen Einfluss hatten. Noch wirksamer war der Begriff „Menopause“. 1816 schlug Charles Pierre Louis de Gardanne in seinem Werk über die „Frauen, die in das kritische Alter eintreten“ den Begriff „ménespausie“ vor. In der zweiten Auflage 1821 wurde er durch das weniger sperrige „menopause“ ersetzt, abgeleitet von den altgriechischen Wörtern „menos“ für Menstruation und „pausis“ für Ende, Unterbrechung. Der Terminus verbreitete sich rasch in der medizinischen Literatur, auch in anderen Sprachen. Seitdem sind die Wechseljahre als eigene und wichtige Phase im weiblichen Leben etabliert.

Und was ist mit dem Mann? Erstaunlich alt ist die Rede von der „männlichen Menopause“. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen englische Ärzte, den französischen Terminus auch für Männer zu verwenden. Die Idee einer männlichen Menopause habe ihn begeistert, schrieb später etwa Sigmund Freud: Er vermutete, sie könne Ursache von Angststörungen bei Männern sein. Auch der ab dem fünften Lebensjahrzehnt einsetzende Schwund der männlichen Sexualhormone kann physische wie psychische Beschwerden verursachen (von Bauchfett und Muskelabbau bis zu depressiven Verstimmungen, Schlaflosigkeit und Ängstlichkeit). Da die Andropause aber anders als die Menopause langsam und kontinuierlich erfolgt, erhielten ihre Auswirkungen weit weniger Aufmerksamkeit – und das ist bis heute so. Auch Männer könnten sich also durchaus diskriminiert fühlen.

Der weibliche Wechsel wiederum wurde die längste Zeit vor allem (und nicht verwunderlich) als negative Lebensphase, als eine Art Krankheit, als Weg in den Mangel gesehen. Eine positive Sicht auf diese Zeit – als Um- im Sinne von Aufbruch – wurde erst propagiert, als Frauen gesellschaftlich nicht mehr auf die Rolle von Ehefrau und Mutter beschränkt waren, sich nicht mehr darauf festlegen ließen.

War dieser positive Spin früher ganz inexistent? Wohl nicht. Aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts etwa ist eine hübsche Umschreibung für die Menopause überliefert: „Das Geschäft hat zu.“ Darin drückt sich nicht nur eine realistische Sicht auf die damalige Rolle der Frau als Gebärmaschine aus, sondern auch Humor – und vermutlich eine gute Portion weibliche Erleichterung.