Mannheim – 19% der Erwachsenen in Deutschland sind adipös. Zucker – vor allem in Softdrinks und hochverarbeiteten Lebensmitteln – gilt als einer der Hauptfaktoren für Fettleibigkeit. Dass der Zuckerkonsum dringend reduziert werden sollte, ist klar. Doch Süßstoffe statt Zucker? Dass man damit eher vom Regen in Traufe kommt, hob Dr. Marco Witkowski auf der 92. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim hervor [1].

Eine Möglichkeit zur Zuckerreduktion ist die Zuckersteuer: In Mexiko und Großbritannien wurde eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. Eine Analyse von Haushaltseinkäufen in Mexiko zeigte: Dadurch ging der Kauf zuckerhaltiger Softdrinks um knapp 10% zurück. In Modellrechnungen wird prognostiziert, dass eine 10%ige Reduktion von Softdrinks kardiovaskuläre Ereignisse um bis zu 3% verringern könnte. 

Auch der Nutri-Score soll gesündere Kaufentscheidungen fördern. Nach aktuellen Anpassungen schneiden zuckerhaltige Lebensmittel jetzt noch schlechter ab. Die Neueinstufung soll sowohl Konsumenten zu gesünderen Entscheidungen anregen als auch Hersteller dahingehend beeinflussen, ihren Produkten weniger Zucker beizusetzen. 

Neueste Studien könnten Risikobewertungen zu Süßstoffen liefern

Noch häufig gelten Lightprodukte mit kalorienarmen Süßstoffen als gesunde Alternative – sind es aber nicht, betonte Witkowski, Charité, Universitätsmedizin Berlin. Er verwies auf eine eigene Studie zu Zuckeralkoholen mit nordamerikanischen und deutschen Kohorten, in der über einen Zeitraum von 3 Jahren gezeigt werden konnte, dass Patienten mit erhöhten Erythrit-Konzentrationen im Blut ein erhöhtes Schlaganfall- und Herzinfarkt-Risiko aufwiesen. 

Weitere experimentelle Studien lieferten Hinweise darauf, dass der Zuckerersatzstoff selbst Risiko-Trigger ist: Unter Erythrit sind die Thrombozyten reaktiver, verklumpen schneller, können leichter Gerinnsel bilden und ein Herzkranzgefäß verstopfen. Ähnliche Ergebnisse konnten für eine erhöhte Konzentration von Xylit (Birkenzucker) im Blut festgestellt werden. 

Anstehende Studien vergleichen künstliche und natürliche Süß- und Zuckerersatzstoffe. Wie Witkowski berichtete, zeigen sich für mehrere dieser Stoffe eine gerinnungsfördernde Wirkung und Assoziationen mit klinischen Ereignissen. Bei Stevia hingegen fand sich kein Hinweis auf kardiologische Risiken. Witkowskis Einschätzung nach könnten die Ergebnisse dazu beitragen, verschiedene Süßstoffe unter Vorbehalt als risikoreicher bzw. risikoärmer zu klassifizieren.

Impfungen sind fester Bestandteil der kardiovaskulären Prävention

Menschen mit Herzerkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe von Atemwegserkrankungen, etwa durch Infektionen mit Pneumokokken, RSV, SARS-CoV-2 oder Influenzaviren. Dennoch lag 2024 die Impfquote für Influenza bei den über 60-Jährigen bei nur 34%, die Impfrate gegen Herpes Zoster bei 24% und gegen Pneumokokken bei 21%. Und die Impfung gegen COVID-19 – ab 60 jährlich von der STIKO empfohlen – erreicht nur eine Quote von 13%, berichtete Prof. Dr. Dr. Stephan Schirmer, Kaiserslautern.

Schirmer betonte, dass Impfungen „kein Zusatz, sondern ein fester Bestandteil der kardiovaskulären Prävention“ sind und erinnerte daran, dass das Risiko für einen Myokardinfarkt innerhalb der ersten 7 Tage nach einer Infektion mit Influenza um das 6-Fache erhöht ist. Gleichzeitig zeigen randomisierte Studien, dass die Influenza-Impfung kardiovaskuläre Ereignisse signifikant – um etwa 28% – reduzieren kann. „Der Zusammenhang zwischen Infektionen und kardiovaskulären Ereignissen ist kein Randphänomen, es handelt sich hier um einen relevanten und beeinflussbaren Risikofaktor“, erklärte Schirmer und forderte einen Perspektivenwechsel: „Impfungen sollten nicht länger ausschließlich als Maßnahme zur Vermeidung infektiöser Erkrankungen verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil der kardiovaskulären Risikoreduktion.“

Impfungen sollten nicht länger ausschließlich als Maßnahme zur Vermeidung infektiöser Erkrankungen verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil der kardiovaskulären Risikoreduktion.

Prof. Dr. Dr. Stephan Schirmer

Taugen Wearables für die Früherkennung von Bluthochdruck?

In Deutschland leidet jede 3. erwachsene Person an Bluthochdruck, viele von ihnen, ohne es zu wissen. Dabei gilt Bluthochdruck als der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor. Digitale Tools könnten bei der Früherkennung einer Hypertonie eine größere Rolle spielen, meinte Prof. Dr. Christina Magnussen, Stellvertretende Klinikdirektorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Neue Generationen von Wearables integrieren inzwischen aufblasbare Manschetten und ermöglichen eine direkte Blutdruckmessung am Handgelenk. „Smartwatches ersetzen kein Blutdruckmessberät – können aber zu einem wichtigen Frühwarnsystem werden“, so Magnussen. Der entscheidende Vorteil der Tools liege nicht in der einzelnen Messung, sondern in der kontinuierlichen Beobachtung. Wiederholte, alltagsnahe Daten könnten Veränderungen durchaus sichtbar machen. So entstehe ein neues Prinzip der Früherkennung: nicht punktuell, sondern longitudinal.

Smartwatches ersetzen kein Blutdruckmessberät – können aber zu einem wichtigen Frühwarnsystem werden.

Prof. Dr. Christina Magnussen