Mit dem neuen Indie-Stealth-Titel „Ereban: Shadow Legacy“ treten wir ein in ein sterbendes, von Konzern-Imperien geprägtes Sci-Fi-Universum, in dem die letzte Nachfahrin einer vergessenen Spezies, die von uns gespielte Ayana, nicht nur über lebenswichtige Geheimnisse, sondern über einen ganz eigenen Körper-Code verfügt – nämlich die Fähigkeit, sich in Schatten zu verwandeln, durch sie hindurchzugleiten und aus dem Dunkel heraus zuzuschlagen. Lichtgeflutete Korridore, verlassene Industriekolonien und High-Tech-Anlagen werden so zu einem zweiten, subtilen Regelwerk: Wer hier leben will, lernt, dass Schatten Bewegungsfreiheit versprechen und Sci-Fi-Gadgets bloß die technische Ergänzung einer sehr alten, fast mythologischen Logik sind.

Die Ästhetik des Debüts von Baby Robot Games sitzt zwischen Comic-Flair, düster-stilisierter Dystopie und transparenzliebender, halb-abstrakter Grafik: Die Umgebungen wirken nicht realistisch, aber konsistent, als hätte ein Zeichner mit einem starken Hang zu Schraffuren und Halbtonbereichen die Welt von Helios entworfen.

Diese Visuals sind nicht nur Set-Dekoration, sondern nervöser Nerv der Spielmechanik: Schattenwände, Lichtkegel, Projektionen und dynamische Lichtquellen werden zu einem Ballett, in dem jede Entscheidung – ob man sich durch die Schatten schiebt, einen Lichtschacht überwindet oder einen Wächter mit einem nicht-tödlichen Gadget aus dem Verkehr zieht – sofort in Feedback übersetzt wird.

So entsteht ein Spiel, das sich weder als „Assassin’s Creed“-Neffe noch als Aragami-Klon verkaufen möchte, sondern als eigenständiger Versuch, „Stealth“ als eine Art choreografische Praxis zu begreifen, in der Körper, Umgebung und Technologie eine gemeinsame Grammatik bilden.

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Worum geht’s in „Ereban: Shadow Legacy“?


Szenen wie diese erinnern uns auch an das tolle Stealth-Game "Steel Seed". - © Baby Robot Games

Szenen wie diese erinnern uns auch an das tolle Stealth-Game «Steel Seed».
| © Baby Robot Games

In „Ereban: Shadow Legacy“ schlüpfen wir in Ayana, die letzte Ereban, eine Spezies, die im Lauf der Zeit von Konzern-Propaganda, Krieg und kolonialer Ausbeutung buchstäblich „vergessen“ wurde. Die Erzählung entfaltet sich in einem Universum, das von Helios dominiert wird, einem Energie-Imperium, das die Sonne als Ressource, Symbol und Waffe missbraucht. An mehreren Stellen scheint die Welt bereits zu kollabieren: Das Klima kippt, es gibt ökonomische Krisen und soziale Ungleichheit – Motive, die sich wie ein düsteres Hintergrundrauschen durch die Level ziehen.

Unsere Aufgabe ist zunächst eine sehr persönliche: Ayana soll ihre eigene Herkunft, ihre Vergangenheit als Mitglied einer fast ausgelöschten Spezies und die Rolle von Helios in deren Auslöschung aufklären.

Parallel dazu wird die Welt von einem größeren Schatten bedroht – ein Verschmelzen von ökologischer Krise, technischer Überwachung und moralischem Bankrott.

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Was hat uns gefallen?


Durch Licht und Schatten: Raffinierte Schatten-Mechaniken bestimmen den Weg durch die futuristische Spielwelt. - © Baby Robot Games

Durch Licht und Schatten: Raffinierte Schatten-Mechaniken bestimmen den Weg durch die futuristische Spielwelt.
| © Baby Robot Games

Was „Ereban: Shadow Legacy“ wirklich von der mittelgroßen Masse an Stealth- und Plattform-Spielen abhebt, ist: Die Schattenverschmelzung als Kernmechanik. Ayana kann sich in dunkle Bereiche einziehen, als würde sie in eine zweite Naturphase wechseln – aus dem Licht tritt sie in die Schatten, aus dem sichtbaren Körper in eine Art flüssigen, halbphysischen Zustand.

Diese Fähigkeit ist das fundamentale Ordnungssystem des Spiels: Treppen, Wände, Lichtschleier, Patrouillenwege – all das ergibt erst dann Sinn, wenn man begreift, dass jede Bewegung im Schatten eine andere Art von Bewegung ist, nämlich eine, die der Welt kurzzeitig „entzieht“, was sie messen kann.

Die Level sind so gebaut, dass sie mehrere Lösungswege erlauben: Man kann sich schleichend durch eine Halle bewegen, die Schattenwände nutzen, um Gegner aus dem Hinterhalt zu überwältigen, oder einen vollständig nicht-tödlichen Pfad wählen, der auf Gadgets, Ablenkungen und temporäre Ausschaltungen setzt.

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Es ist ein befriedigendes Gefühl, wenn wir mit Ayana unbemerkt einen feindlichen Roboter überwältigen. - © Baby Robot Games

Es ist ein befriedigendes Gefühl, wenn wir mit Ayana unbemerkt einen feindlichen Roboter überwältigen.
| © Baby Robot Games

Die visuelle Sprache ist ebenfalls verdienstvoll. Das Spiel arbeitet mit einem stark stilisierten Look, der irgendwo zwischen Comic-Ästhetik, Sci-Fi-Illustration und reduziertem 3-D-Rendering angesiedelt ist. Licht- und Schatteneffekte sind nicht nur technisch sauber implementiert, sondern narrativ aufgeladen: Licht ist unmittelbar mit Kontrolle, Überwachung und Macht verbunden, Schatten mit Unfolgsamkeit, Widerstand und potenzieller Gefahr.

Stundenlang kann man in den Korridoren von Helios-Kolonien lauern, sich in die Schatten drücken und Lichtschächte umrunden, bis sich die Manipulation von Lichtquellen zu einer Art subtiler Architektur-Kunst entwickelt – und das, ohne dass das Spiel explizit als „art game“ posiert.

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Was hat uns nicht gefallen?


Immer schön verborgen bleiben und die Dunkelheit nutzen, um unentdeckt das Ziel zu erreichen. - © Baby Robot Games

Immer schön verborgen bleiben und die Dunkelheit nutzen, um unentdeckt das Ziel zu erreichen.
| © Baby Robot Games

So schön und ideenreich „Ereban: Shadow Legacy“ ist: Das Spiel hat leider auch Schwächen. Die Spielzeit ist knapp und die Welt weniger umfangreich, als man es sich als Sci-Fi-Fan mit einer Vorliebe zu großen Erzählbögen wünschen würde.

Während die Kernidee, die Level-Architektur und die Steuerung uns sicher ins Spiel saugen, hinterlässt die Länge den Eindruck, dass das Universum von Helios und den Ereban nicht nur unfertig ist, sondern als würde hier ein viel größerer, vielleicht episodischer Zyklus auf einer schmalen, preislich smarten Basis ausprobiert.

Die Story verspricht episch, liefert aber eher kompakt. Die moralischen Fragen nach Schuld, Verantwortung, Kolonialismus und Überlebensrecht werden in der Erzählung angesprochen, ohne dass sie in allen Strängen so tief durchgezogen werden, wie es das Setting eigentlich verlangen würde.

Man merkt, dass das Studio Literaturkenntnisse hat und politische Andeutungen mag, doch die Charaktere – vor allem alle jenseits von Ayana – bleiben eher funktional: Helios-Agenten als Wächter, Sekundärfiguren als Informanten, Rebellen als grobe Silhouetten.

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Immer wieder treffen wir, wie hier in den lichtdurchfluteten Ruinen, auf feindliche Wächter – visuell prägnant inszeniert im stilisierten Sci-Fi-Look. - © Baby Robot Games

Immer wieder treffen wir, wie hier in den lichtdurchfluteten Ruinen, auf feindliche Wächter – visuell prägnant inszeniert im stilisierten Sci-Fi-Look.
| © Baby Robot Games

Technisch ist das Spiel meistens solide, aber auch nicht makellos. In einigen Bereichen leidet die Immersion, weil die Umgebung etwas lebendiger wirken könnte: Räume wirken farblich eintönig oder leer, als ob am Level-Design bis auf die wichtigen Schattenpfade und Patrouillenwege nicht weiter gearbeitet wurde.

Die visuelle Kraftlinie – Schatten, Licht, Architektur – wird dort, wo sie wirklich zählt, mit großer Präzision gehalten, aber in den Zwischenräumen wirkt die Welt wie eine Filmkulisse, bei der man noch nicht so richtig weiß, ob sie im fertigen Film überhaupt vorkommen soll.

Zudem bleibt die erzählerische und spielmechanische Radikalität irgendwo ein bisschen unentschieden. Das Spiel will es beiden Spielertypen recht machen: Den puristischen, katzenartigen Stealth-Nerden, die keine Sekunde gesehen werden wollen, und jenen, die gelegentlich auch mit Waffen und Gadgets brutaler vorgehen. Hier hätten wir uns mehr Klarheit gewünscht.

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Unser Fazit zu „Ereban: Shadow Legacy“

„Ereban: Shadow Legacy“ ist ein spannendes, ambitioniertes Debüt. Die Schattenverschmelzung ist keine bloße Gimmick-Mechanik, sondern eine echte Leitidee, die Steuerung, Level-Design und Spiel-Ästhetik zu einem erkennbaren, eigenständigen Ganzen verbindet.

Gleichzeitig bleibt es ein Erstlingswerk, und das merkt man an den Stellen, die man in einem größeren Titel nicht so schnell akzeptieren würde: knappe Spielzeit, etwas blasse Weltfülle, Charaktere, die mehr als Motoren dienen als als Personen, und gelegentlich eine leise Unsicherheit, ob das Spiel sich eher als moralisch experimentelles Stealth-Epos oder als schnell konsumierbares Indie-Action-Spiel positionieren will.

Für Fans von subtilen, ideenstarken Spielen ist „Ereban: Shadow Legacy“ aber eine lohnende, wenn auch nicht vollständig ausgereifte Investition.

„Ereban: Shadow Legacy“ ist seit dem 16. April 2026 für Playstation 5 und Xbox Series X|S erhäktlich und kostet rund 20 Euro. Das Spiel ist ab 16 Jahren freigegeben. Seit dem 10. April 2024 ist das Spiel außerdem für PC erhältlich.

Transparenzhinweis: Für den Test wurde uns vom Publisher ein kostenloses Review-Exemplar zur Verfügung gestellt. Dies hatte keinen Einfluss auf unsere Wertung. Wir haben das Spiel auf der Playstation 5 Pro getestet.

Teilwertungen:

Gameplay: 8/10
Story / Präsentation: 7/10
Technik: 7/10
Umfang / Content: 6/10
Innovation: 8/10

Gesamtbewertung: 7/10

INFORMATION

Kaufempfehlung

Für wen lohnt sich „Ereban: Shadow Legacy“?

Stealth-Puristen und Taktik-Spieler: Wer lautloses Vorgehen, clevere Routenplanung und perfektes Timing liebt, bekommt hier ein ungewöhnliches Stealth-System mit echtem Eigencharakter.

Indie- und Gameplay-Experiment-Fans: Spieler, die frische Ideen schätzen, finden mit der Schattenmechanik ein kreatives Konzept, das sich spürbar von Genre-Standards abhebt.

Atmosphäre- und Stil-Liebhaber: Wer Wert auf visuelle Handschrift, klare Designideen und stimmige Sci-Fi-Welten legt, wird die Licht-/Schatten-Ästhetik zu schätzen wissen.

Eher nichts für: Spieler, die ein großes, episches Sci-Fi-Abenteuer mit tiefer Story, viel Umfang und stark ausgearbeiteten Figuren erwarten – dafür ist das Spiel zu kurz und erzählerisch zu kompakt.