In TV-Seriengeschichten erzeugt das Sterben einer Hauptfigur einen emotionalen Schock in der Zuschauergemeinde. Tränendrüsen werden vorsätzlich gemolken. Manchmal wird ein Tod mitsamt seinen Folgen aber auch unter Fachleuten diskutiert.

Gewiss dürfte der Anteil von Ärzten, die sich die Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ zu Gemüte führen, gering sein. Doch wurde soeben bei der Tagung „Herzmedizin 2026“ in Mannheim die Serienentwicklung der jüngsten Vergangenheit zum Pausenthema: Die Kardiologin Prof. Maria Weber (Annett Renneberg) ist an einem Hirntumor erkrankt, an dem sie bald sterben wird. Lebensverlängernde Maßnahmen wünscht sie nicht, ihre Organe hat sie vorab zur Transplantation freigegeben.

Zu viele Schicksalsfügungen im TV?

Nach einem Bootsunfall kurz nach ihrer Hochzeit (in Folge 1131) ist sie hirntot, ihr weiterhin schlagendes Herz wird ausgerechnet in die Brust eines Patienten verpflanzt, der in der Leipziger „Sachsenklinik“ auf der Intensivstation liegt. Dieser Patient ist Jakob Heilmann, der Sohn von Maria Webers TV-Arztkollegen Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann). Kann das? Darf das? Wie realistisch oder wie absurd ist eine solche Schicksalsverknüpfung? Kardiologen sind gegen Herzschmerz in der Regel gefeit, aber das hier war einigen zu viel.

Der positive Aspekt ist die schauspielerische Leistung. Annett Renneberg kennen viel von ihrer früheren Rolle als Signorina Elettra in den „Commissario Brunetti“-Verfilmungen von Donna Leon, nun hat sie an Reife und Tiefe gewonnen. Über Wochen spielte sie famos ihre Zerrissenheit: zwischen der Todesangst, dem Schmerz, ihre Familie zurücklassen zu müssen, ihren neurologischen Ausfällen und ihrem Vorsatz, ihre Erkrankung möglichst geheim zu halten, sogar vor ihrem Lebenspartner und Klinikkollegen Dr. Kai Hoffmann (Julian Weigend). Am Ende heiraten beide, viel Blumen, viel Weichzeichner, doch das Glück ist –wie gesagt: der Bootsunfall – nicht von langer Dauer.

Große Themen: das Leben, der Tod und die Medizin

Die Episode wird damit zu einem Lehrstück über Grenzziehung. Sie erinnert daran, dass jedes Leben nur begrenzt erweitert werden kann und dass die Akzeptanz dieser Grenze nicht Niederlage, sondern Selbstbehauptung ist. Weber, die im Laufe ihrer Serienbiografie immer wieder um Verantwortung und Professionalität gerungen hat, entzieht sich am Ende einem System, das oft auf Verlängerung ausgelegt scheint. Ihr Tod setzt damit ein Zeichen gegen das zuweilen apodiktische Fortschrittsdenken der Medizin: Er erinnert daran, dass Sterben Teil des Menschseins bleibt – und dass gerade die Aufrichtigkeit des Verzichts die Würde des Einzelnen bewahrt.

Die Herztransplantation in Folge 1132 bietet den erzählerischen Kulminationspunkt. In der medizinischen Realität wie in der Fiktion ist sie ein Akt höchster Ambivalenz: Sie verwandelt den Tod in die Bedingung des Weiterlebens. Der Transplantationsprozess verlangt dabei mechanische und moralische Genauigkeit zugleich – das Herz darf nur entnommen werden, wenn der Hirntod festgestellt ist, wenn klare Zustimmung in Form eines Spenderausweises oder einer Angehörigenentscheidung vorliegt. Die Serie nutzt das, um in symbolischer Dichte das Spannungsfeld zwischen persönlicher Trauer und kollektiver Ethik zu beleuchten.

Wie realistisch war die Herztransplantation?

In der Regel behandelt „In aller Freundschaft“ medizinische Sachverhalte sorgfältig. In den aktuellen Folgen erlebt man zuverlässige Diagnostik und Therapiemanöver bei einem Fall von Morbus Fabry (einem Enzymdefekt) oder bei dem anfangs unerklärlichen Fieberschub eines Patienten, der einen Afrika-Aufenthalt in der Klinik unerwähnt ließ; nun hat er Malaria.

Doch wie präzise und realistisch schildert Folge 1132 die Herztransplantation? Unsere Redaktion bat Professor Udo Boeken, Herzchirurg am Universitätsklinikum Düsseldorf und dort Bereichsleiter für die Herztransplantationen, sich die Folge anzuschauen. Sein Fazit: „Einiges ist korrekt recherchiert, vieles aber auch falsch und total unrealistisch.“

Jener Jakob Heilmann, der Empfänger, liegt also auf der Intensivstation. Warum? Seit langer Zeit ist er schwer herzkrank und wartet dringend auf eine Transplantation. Als sich sein Zustand verschlechtert, bekommt er ein LVAD-System, ein sogenanntes linksventrikuläres Unterstützungssystem. Es handelt sich um eine mechanische Pumpe, die in einer Operation implantiert und an das Herz des Patienten angeschlossen wird. Ein Kunstherz ist es nicht; das LVAD unterstützt lediglich das Herz dabei, mehr Blut mit weniger Kraftaufwand zu pumpen. Es kann über Monate seine Arbeit tun.

Eine dramatische Serienbeschleunigung tritt nun ein, als die Kanüle von Jakobs LVAD-System einen schweren Infekt in der linken Herzkammer hervorruft, an der er unbehandelt „nach wenigen Stunden“ verstürbe, wie die Fernsehärzte befürchten. Boeken bezweifelt dieses Zeitintervall, zumal „wenn das LVAD sonst gut läuft. Solche Patienten warten bei uns in der Uniklinik oft Monate im Status HU (high urgent = sehr dringend).“ Gewiss sei eine solche „flottierende Struktur im linken Ventrikel wie in diesem Fall durchaus lebensbedrohlich, aber in der Regel führt sie nicht zum Tod in wenigen Stunden oder auch Tagen. Das lässt sich mit Antibiotika und auch Blutverdünnung meist gut unter Kontrolle halten, aber nie ausheilen – deshalb die Höherstufung in den Status HU.“

Ein Beispiel für hanebüchene Abläufe, so Boeken, sei die Szene mit dem Telefonanruf, um die fiktive Organisation „Neotransplant“ zu informieren, dass Jakob Heilmann wegen seiner massiven Verschlechterung mit hoher Priorität wieder auf die Liste müsse. Boeken: „Das geht nie per Telefon, sondern immer per Eingabe vieler Parameter in eine Datenbank bei Eurotransplant. Ebenso funktioniert die Status-Höherstufung auch nur mit Eingaben und Mail-Übermittlung; danach gibt es eine mehrstündige Begutachtung durch drei Auditoren.“

Unstimmigkeiten zugunsten der Fernsehtauglichkeit

Dass das Herz von Maria Weber ausgerechnet in der Brust von Jakob Heilmann weiterschlagen darf, findet Boeken fachlich problematisch: „Normalerweise würde man für einen großen kräftigen männlichen Empfänger, zumal mit LVAD, niemals ein Spenderherz einer zierlichen weiblichen Spenderin nehmen. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Größen-Mismatch, das geht meist schief.“

Sehr verkürzt und vereinfacht im Sinne der Fernsehtauglichkeit sei die gemeinsame Ankunft der sogenannten Entnahmeteams aus unterschiedlichen Städten. Boeken: „Die reisen niemals gemeinsam an. Außerdem kommt jedes Team mit einem großen Equipment und nicht nur mit einer einzelnen traurigen Transportbox. Diese Styroporboxen sind auch gar nicht mehr Standard.“

Weiterhin hadert Boeken mit den drastischen Verkürzungen bei den Abläufen. Völlig unrealistisch sei es, dass die Entnahmeteams die medizinischen Voraussetzungen für die Organentnahme „vorgelesen bekommen, während sie sich steril waschen“. In Wirklichkeit müssen alle Protokolle, Dokumente und medizinischen Daten vorab ausführlich studiert werden. Solche Gründlichkeit ist in 45 Minuten Sendezeit gewiss unmöglich, aber in Folge 1131 entsteht der Eindruck, als sei eine solche Entnahme ein flüchtiger Vorgang zwischen Tür und Angel.

Dafür geht Folge 1135 übertrieben auf Nummer sicher: Da ist bei einer Herzkatheteruntersuchung eine Narkoseärztin anwesend. Das ist an der Realität völlig vorbei und bereitet echten Kardiologen (die diesen Eingriff ja stets allein durchführen) ziemliche Herzschmerzen. Nun, die „Sachsenklinik“ hat medizinisch in diesem Detail ebenfalls ihre eigenen Leitlinien.