Sie ist die meistgesehene Netflix-Serie aller Zeiten und zog weltweit unzählige Haushalte in ihrem Bann: Die Miniserie Adolescence erzählt in vier Episoden den schockierenden Fall des Jungen Jamie (Owen Cooper), der scheinbar völlig aus dem Nichts ein unfassbares Verbrechen begeht.

Die Serie von Jack Thorne und Stephen Graham erhielt viel Lob für ihre erschütternde und brandaktuelle Thematik sowie die aufwendige Machart als One Shot-Episoden. Allerdings meldeten sich auch Gegenstimmen zu Wort. So zum Beispiel die Psychologin Emily Edlynn, die in der Serie zwei große Probleme sieht.

Adolescene auf Netflix spielt mit den schlimmsten Ängsten von Eltern

Auf der Website Psychology Today  setzte sich Edlynn bereits letztes Jahr mit den potentiellen Ängsten auseinander, die Adolescence besonders in Eltern schüren könnte. Die Handlung dreht sich um den 13-jährigen Jamie, der unbemerkt von seinen Eltern immer tiefer ins Netz der sogenannten Manosphere geraten ist und seinen Hass auf Frauen schließlich in einer schockierenden Tat entlädt.

Die Serie zeigt hautnah die Überforderung seiner Eltern, als sie mit Jamies Tat konfrontiert werden. Edlynn betont hier vor allem die vielen Fragezeichen, mit denen uns die Serie zurücklässt: Am Ende können wir nur mutmaßen, was genau sich in Jamies Kinderzimmer abgespielt hat und ihn zu seiner furchtbaren Tat veranlasst hat – und das löst auch in seinen Eltern eine unfassbare Schuld aus, die Edlynn persönlich getroffen hat:

Die Schlussszene, in der sich die Eltern mit ihrer Schuld auseinandersetzen und zugeben, dass sie keine Ahnung hatten, was ihr Sohn all die Stunden allein in seinem Zimmer online getrieben hat, und dass sie ‚mehr hätten tun sollen‘, hat mich völlig mitgenommen. Das ist wirklich die schlimmste Angst aller Eltern, und die Serie hat bewusst damit gespielt.

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So bewertet eine Psychologin die Netflix-Serie Adolescence

Edlynn hält die Darstellung von Jamies Fall für wenig konstruktiv. Die Serie zeige Teenager «außer Kontrolle, respektlos und auf Erwachsene angewiesen, die sie im Zaum halten.» Sowohl sie und ihr Mann, die beide hauptberuflich mit Teenagern arbeiten, können diesen Eindruck jedoch nicht bestätigen. Auch die Idee, dass es mehr Kontrolle brauche, um die eigenen Kinder aus gefährlichen Internet-Strömungen fernzuhalten, führt sie zu einem bitteren Fazit über die Serie:

Ich fand die Sendung äußerst beunruhigend in der Art und Weise, wie sie Ängste verstärkt, die zu einem ängstlichen Erziehungsverhalten beitragen, unter dem die moderne Elternschaft ohnehin schon leidet.

Laut Edlynn sei der Weg zur Prävention nicht mehr Angst und Kontrolle, sondern eine offene, angstfreie Kommunikation und Vertrauen in die eigenen Kinder. Ein «gesundes Maß an Sorge» sei angebracht, um wachsam zu bleiben. Doch diese Wachsamkeit sollte nicht in übermäßige Kontrolle umschlagen. Kinder seien eher zu Gesprächen bereit und offen für Ratschläge, wenn sie das Gefühl haben, von ihren Eltern verstanden – und eben nicht zwanghaft kontrolliert – zu werden.

Adolescence auf Netflix sollte euch keine Angst machen

Im selben Atemzug ihres Fazits kommt Edlynn zu dem Schluss: Eine Serie, die diese gesunde Kommunikation zeigen würde, wäre vermutlich eher langweiliges Fernsehen. Es braucht eine gewisse Drastik, um auf wichtige Themen wie die Manosphere aufmerksam zu machen – und deshalb hat auch Adolescence seine Daseinsberechtigung. Allerdings sollte keine Serie dazu führen, dass Eltern Angst vor ihren eigenen Kindern bekommen.