Das durch finanzielle Unregelmässigkeiten in die Krise geratene Psychiatrie-Museum Bern ist zu neuem Leben erwacht. Als Ergänzung zu der alten Dauerausstellung wurde das Museum in einen offenen Dialograum verwandelt, der Geschichte, Gegenwart und Forschung der traditionsreichen Institution verbindet.

Das Psychiatrie-Museum Bern kämpft seit 2022 mit massiven finanziellen Engpässen, ausgelöst durch eine Veruntreuung von Stiftungsgeldern durch einen verstorbenen Mitarbeiter. Das Vermögen wurde dadurch erheblich geschädigt, was die Existenz des Museums gefährdete und es auf externe Unterstützung angewiesen machte. Der federführenden Stiftung blieben zwei Optionen: Das Museum zu schliessen oder es neu zu konzipierten. Der Stiftungsrat entschloss sich für Option 2.

Dem Neuanfang des Psychiatrie-Museums Bern liegt eine Neukonzeption zugrunde: Anfang 2025 fand ein mehrmonatige Partizipationsprozess mit Workshops zu Vision, Programm und Partnerschaften statt. Zuvor war der Wandel mit der Ausstellung «Aufbruch» öffentlich diskutiert worden. Die Schau zeigte neue Perspektiven auf die Sammlung und lud zum Mitdenken ein. Der Anspruch: Das Museum sollte nicht nur als Ort der Geschichte, sondern als Raum für Austausch über psychische Gesundheit und Entstigmatisierung etabliert werden.

Das neu konzipierte Museum versteht sich als Forum für psychische Gesundheit, das Orientierung schafft und Präventionsarbeitet leistet.

Neue Sonderausstellung

Entstanden ist eine neue Ausstellungsreihe unter dem Titel «Perspektiven». Teil 1 widmet sich der Lehre und Forschung der «Universitären Psychiatrischen Dienste» (UPD) und der Universität Bern. Die Sonderausstellung will die unterschiedlichen Sichtweisen sichtbar machen, etwa von Forschenden, Fachpersonen, Menschen mit eigener Psychiatrie-Erfahrung und Angehörigen. Teilerneuert wurde auch die historische Dauerausstellung, die aus dem Jahr 1993 stammt und nun punktuell überarbeitet wurde. Ergänzende Texte sowie neu zusammengestellte Objektgruppen schaffen einen stärkeren Bezug zur Gegenwart. Exponate der Sammlungen von Ex-Direktor Walter Morgenthaler (Adolf Wölfli) sind auch weiterhin zu sehen.

Die Besuchenden können sich an verschiedenen Stationen ein Bild machen über Schizophrenie und Psychosen, Alkohol, Abhängigkeit und Sucht, Zwangsstörungen, Esstörungen, Demenz und Jugendpsychiatrie. Über Audiogeräte, respektive das persönliche Smartphone, erzählt eine Mutter vom Leiden ihrer schizophrenen Tochter, ein Alkoholiker über den Gang aus der Abhängigkeit, eine Personalfachfrau über ihre Demenz, zwei Jugendliche über ihre Anorexie. Auf Schautafeln werden die Krankheitsbilder verständlich erklärt.

«In der Schweiz berichten zwei von zehn Erwachsenen von psychischen Problemen, Tendenz steigend. Junge Menschen und Frauen sind besonders betroffen» (Text auf einer Schautafel).

Aus alten UPD-Zeiten erzählt die ergänzte Dauerausstellung.

Der Neubeginn wirkt nicht wie ein radikaler Bruch, sondern eher wie ein Umbau von innen: mehr Beteiligung, mehr Gegenwartsbezug und eine offenere Form der Vermittlung. Die Sammlung bleibt dabei wichtig, wird aber stärker in aktuelle Debatten und Erfahrungen eingebunden.

Stiftungsratspräsident Hubert Steinke

Treibende Kraft hinter der Neukonzeption war Stiftungsratspräsident Hubert Steinke. Der Medizinhistoriker und Professor an der Universität Bern leitet das Institut für Medizingeschichte. Seine Rolle im Partizipationsprozess war vor allem die eines wissenschaftlichen Leiters und Forschers mit Schwerpunkten in der Medizin des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie in der Wissens- und Medizingeschichte.

Steinke steht für den historischen und wissenschaftlichen Rahmen, in dem das Museum seine Inhalte neu ordnet und stärker mit Gegenwart und Forschung verbindet. In der öffentlichen Debatte wirkt er nicht als Museumsmacher im engeren Sinn, sondern als wissenschaftlicher Mitgestalter und inhaltlicher Impulsgeber. Er positioniert das Museum als Ort des Gesprächs über psychische Gesundheit, passend zur neuen Ausstellungsreihe.

Die neue Wechselausstellung richtet sich an Menschen mit oder ohne Psychiatrieerfahrung. Ein besonderer Fokus liegt auf Jugendlichen und Schulen.

Finanzielle Sorgen bleiben

Das Psychiatrie-Museum bleibt auch nach der Neueröffnung abhängig von finanziellen Förderungen. Eine Grundfinanzierung durch Kanton, Stadt Bern und Regionalkonferenz steht noch aus. Von der UPD erhält die Institution derzeit 10’000 Franken jährlich. Die Einnahmen aus Museumseintritten bleiben äusserst bescheiden (10 Franken für einen erwachsenen Besucher). Erfreulich sind Projektbeiträge einzelner Stiftungen und Partnern, welche die Serie von Sonderausstellungen möglich machen.

Besucherzahlen veröffentlichte das Museum bisher keine, weshalb es nach dem Neubeginn keine Vergleichswerte geben wird. Ein Handicap ist zweifellos der abgelegene Standort der Institution am östlichen Stadtrand, auf dem Gelände des Waldau.

Historisches Gebäude

Das Psychiatrie-Museum Bern und sein Archiv sind im Pfründerhaus untergebracht, das der Kanton Bern 1989-1991 umbauen und restaurieren liess. Der Bau des historischen Gebäudes war 1755 vom Berner Rat beschlossen worden. Als Projektleiter zeichnete damals Ludwig Emanuel Zehender. 1759 war der Rohbau vollendet, erst um 1765 konnten die ersten Patienten einziehen. Das Gebäude hiess anfänglich Blattern- und Pfründerhaus und diente der Unterkunft von Hautkranken sowie Pfründern (Alterspatienten). 1891 wurde das Blatternspital mit seinen Insassen auf das Areal des Inselspitals Bern verlegt. Darauf beherbergte das Pfründerhaus bis 1980 Kranke der Waldau.

Das Berner Psychiatrie-Museum befindet sich auf dem Areal der UPD im alten Pfründerhaus. 

Das schmucke Bauwerk in bernischem Spätbarock wirkt durch die ausgewogenen Proportionen des Gesamten und seiner Einzelteile. Die elfachsige Hauptfront verläuft parallel zur Strasse, zwei Seitenflügel schliessen den rückseitigen Hof ein. Besondere Beachtung verdient die prächtige Eingangspartie mit den Louis-XV-Konsolen der Portalbekrönung von Johann Friedrich Funk dem Älteren.

LINKS

Psychiatrie-Museum Bern

AUF SENIORWEB SIND BEREITS ERSCHIENEN:

27. Mai 2021: Kopfreisen durch imaginäre Welten

16. September 2023: Hinter Mauern leben

Auf die erste Sonderausstellung (Perspektive 1) werden in den kommenden Monaten und Jahren fünf weitere Sonderausstellung folgen. Alle Fotos PS

Adresse des Museums: Bolligenstrasse 111 in Bern. An der Bern Mobil-Haltestelle «UPD Waldau» (Linie 28) auf dem Fussweg (alte Bolligenstrasse) entlang der heutigen Strasse Richtung Bolligen gehen.