Ja-Komitee lanciert Abstimmungskampf | 23. April 2026
Am 14. Juni entscheidet das Stimmvolk über die Zukunft des Berner Kunstmuseums. Während die Befürworter eine «einmalige Chance» mit privaten Millionen sehen, warnt das Referendumskomitee vor einem finanziellen Abenteuer. Beide Seiten werfen sich vor, nicht mit offenen Karten zu spielen. Der Abstimmungskampf für das 147-Millionen-Projekt «Eiger» startet mit verhärteten Fronten.
Über eines sind sich alle einig: Das Kunstmusem Bern muss dringend aufgefrischt werden. Der historische Stettlerbau ist in die Jahre gekommen, der Anbau von 1983 müsste ab 2030 aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Am Donnerstag trat ein ungewöhnlich breites Bündnis aus Politik und Wirtschaft vor die Medien, um den Abstimmungskampf für das 147-Millionen-Projekt «Eiger» zu lancieren. Es geht um den Projektierungskredit von 15,7 Millionen Franken, doch das Stimmvolk entscheidet schlussendlich über die Zukunft des Projekts.

FDP-Grossrat und Unternehmer Daniel Arn sieht in der Sanierung eine unumgängliche Pflicht: «Damit die nächsten Generationen weiterhin Kunst erleben können, so wie wir und unsere Vorgänger das durften.»Fotos: Max Saladin
FDP-Grossrat und Unternehmer Daniel Arn sieht in der Sanierung eine unumgängliche Pflicht: «Der historische Stettlerbau steht hier seit 150 Jahren, die Erneuerung ist notwendig und dringend.» Mit dem Projekt schaffe man «die Basis für die nächsten Generationen, damit sie weiterhin Kunst erleben können.» Von den Bauaufträgen und der neuen touristischen Strahlkraft werde zudem die lokale Wirtschaft massiv profitieren.
Das Projekt «Eiger»
Das Siegerprojekt des Zürcher Architekturbüros Schmidlin Architekten umfasst die Sanierung des historischen Stettlerbaus sowie des Gebäudes an der Hodlerstrasse 6. Der stark sanierungsbedürftige Atelier-5-Erweiterungsbau aus dem Jahr 1983 wird durch einen markanten Ersatzneubau aus Berner Sandstein ersetzt. Dieser soll die Ausstellungsfläche vergrössern, das Museum zur Aare hin öffnen und einen attraktiven Vorplatz schaffen.
Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 147 Millionen Franken. 52 Millionen Franken stammt von privaten Geldgebern, Stiftungen und aus der Wirtschaft, darunter 30 Millionen von Mäzen Hansjörg Wyss. Der Kanton Bern beteiligt sich mit einem fixen Kostendach von 81 Millionen Franken. Bei einem «Ja» an der Urne soll das Museum für die Bauarbeiten rund vier Jahre komplett schliessen und voraussichtlich 2033 in neuem Glanz eröffnen.

Blick auf das Kunstmuseum Bern von der Aareseite. Die Aufnahme zeigt die verschiedenen Bauetappen: den historischen Stettlerbau von 1879 (rechts) und den sogenannten Atelier-5-Anbau von 1983 (links), der aus statischen Gründen seit Jahren nur noch mit Sondergenehmigungen und Stahlprovisorien betrieben werden darf.

Das Siegerprojekt «Eiger» des Zürcher Büros Schmidlin Architekten. Die Visualisierung zeigt, wie der geplante, freistehende Ersatzneubau aus Sandstein den Stettlerbau ergänzt. Ein unterirdischer Ausstellungsraum verbindet die Gebäude. Die Kosten von 147 Mio. Franken sind bis 2033 kalkuliert und umfassen eine Teuerung von rund 13 Mio. Franken.Visualisierung: www.kunstmuseumbern.ch/de/zukunft
Kostendach als Hauptargument
Unterstützung erhält Arn über alle Parteigrenzen hinweg, auch aus dem bürgerlichen Lager, in welchem das Projekt umstritten ist. Katharina Baumann, Grossrätin der EDU aus Münsingen, stellt sich offen gegen die Mehrheit ihrer eigenen Partei, die das Referendum mitprägt. Für sie ist das Vorhaben überzeugend, da ein Kostendach für die kantonale Beteiligung bestehe und viel privates Geld fliesse.

Katharina Baumann zitiert die Künstlerin Louise Bourgeois: «Ohne Kunst wären wir alle verrückt.» Die EDU-Grossrätin aus Münsingen ist sehr kunstaffin.
Baumann ärgert sich über die aktuelle Debatte in ihren Reihen. Das Kunstmuseum sei zum «Sündenbock» für den generellen Unmut über teure kantonale Bauprojekte geworden. Dabei präsentiere sich die Ausgangslage an der Hodlerstrasse völlig anders: Der Kanton tritt gar nicht als Bauherr auf, sondern die Stiftung Kunstmuseum selbst. Folglich trage der Kanton bei unvorhergesehenen Kosten kein Risiko, und es werde auch keine unangenehmen Debatten über Nachkredite im Parlament geben.

Die SP-Grossrätin und Thuner Gemeinderätin Katharina Ali-Oesch aus Thun ist überzeugt vom Projekt: «Endlich wird das Kunstmuseum ein Haus für alle und barrierefrei zugänglich.»
Zeitgemässe Anpassungen
Für die SP-Grossrätin und Thuner Gemeinderätin Katharina Ali-Oesch steht der gesellschaftliche Nutzen im Zentrum. Das Kunstmuseum sei ein Ort, der den Zusammenhalt im ganzen Kanton fördere. Das aktuelle Projekt biete nach der Prüfung unzähliger Varianten das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis. Vor allem aber werde das Museum durch den Neubau «ein Haus, das für alle zugänglich sein wird», da erstmals eine vollständige Barrierefreiheit erreicht werde.
Am Ende muss wieder der Kanton die Mehrkosten zahlen
Samuel Krähenbühl SVP-Grossrat und Mitglied Referendumskomitee «NEIN zum Millionenkredit»
Zudem entkräftet Ali-Oesch die Sorge vor explodierenden Folgekosten: Durch die energetische Sanierung und den Neubau nach modernsten Standards würden die Nebenkosten sinken und der Betrieb wesentlich effizienter werden.

Laut SVP-Grossrat Samuel Krähenbühl spielen die Befürworter «nicht mit offenen Karten». Foto: Ben Abegglen
Die Argumente der Gegner
Das überparteiliche Referendumskomitee «NEIN zum Millionenkredit» warnt vor zusätzlichen Kosten für den Kanton – trotz klar definiertem Kostendach.
Die drei Hauptargumente der Gegner:
1. Masslose Kosten: Mit 147 Millionen Franken sprenge das Projekt aus Sicht der Gegner jeden vernünftigen Rahmen für ein einzelnes Gebäude.
2. Ungerechte Lastenverteilung: Der Kanton trage das Hauptrisiko, während die Standortgemeinde Stadt Bern keine direkten Baukosten übernimmt.
3. Falsche Prioritäten: In Zeiten von Sparmassnahmen bei Schulen und Gesundheit sei ein solches «Leuchtturmprojekt» das falsche Signal.
Für Samuel Krähenbühl, Co-Präsident des Gegnerkomitees, ist das Projekt ein Blindflug auf Kosten der Steuerzahlenden. Er kritisiert, dass die Planung nie unabhängig geprüft worden sei und man das 147-Millionen-Vorhaben einfach als «alternativlos» präsentiere, obwohl Fachleute auch bescheidenere Lösungen für möglich hielten. Krähenbühl befürchtet eine Kostenexplosion aufgrund der schwierigen Verhältnisse am Aarehang, wie einst beim Bärenpark. Trotz des Kostendachs befürchtet er: «Am Ende muss wieder der Kanton die Mehrkosten zahlen, die Befürworter können ja nicht sagen, wer sie sonst übernimmt.»
Auch vom Argument der hohen privaten Spenden hält Krähenbühl wenig. Wenn Mäzene drohten, ihre Millionen bei einer Ablehnung des aktuellen Projekts einfach abzuziehen, grenze das für ihn an Erpressung. «Dann habe ich lieber eine günstigere, selbst finanzierte Lösung ohne solche Abhängigkeiten.»

Das Co-Präsidium des neu gegründeten Vereins «zur Förderung von Kulturinstitutionen im Kanton Bern» lanciert im Kornhausforum Bern seine Kampagne (vlnr): Milena Daphinoff (Grossrätin Die Mitte), Barbara Stotzer Wyss (Grossrätin EVP, vertritt Katja Streiff), Katharina Ali-Oesch (Grossrätin SP), Daniel Arn (Grossrat FDP), Moussia von Wattenwyl (Grossrätin Les VERT-E-S.), Claude Grosjean (Grossrat GLP) und Katharina Baumann (Grossrätin EDU).
Kanton hält sich raus
Daniel Arn widerspricht Krähenbühls Überzeugung, dass der Kanton mehr zahlen müsse, entschieden: «Es ist ein fixer einmaliger Beitrag. Der Kanton tritt auch gar nicht als Bauherr auf.» Das sei eine wichtige Unterscheidung, denn laut Arn liege somit die finanzielle Verantwortung vollends bei der Stiftung Kunstmuseum als Bauherrin. Sollten die Gelder nicht reichen, müsse diese entweder zusätzliche Mittel neu zusammensuchen oder das Projekt abspecken.
Für ihn ist klar: Werden die 15,7 Millionen für die Projektierung am 14. Juni abgelehnt, ist das Projekt «Eiger» gestorben. «Dann fängt man wieder ganz von vorne an. Ob die privaten Gelder dann nochmals generiert werden könnten, ist völlig unklar.»
Dass der Abstimmungskampf ein Selbstläufer wird, glaubt im Befürworter-Lager niemand. Die rasante Unterschriftensammlung des Referendumskomitees hat gezeigt, wie mobilisiert die Gegnerschaft ist und dass die hohen Kosten durchaus Bedenken in der Berner Bevölkerung auslösen. «Wir müssen uns anstrengen, um unsere Botschaft in die Öffentlichkeit zu tragen», räumt Arn ein. Die Zeit drängt, und für eine schlagkräftige Kampagne im ganzen Kanton benötige das Komitee ein Budget von bis zu 500’000 Franken.

Quo vadis, Kunstmuseum Bern? Die Gegner des Projekts starten am Montag ihre Abstimmungskampagne, am 14. Juni entscheidet dann das Stimmvolk.
Katharina Ali-Oesch sieht hinter dem lauten Widerstand auch ein wahltaktisches Interesse. Im aktuellen Wahljahr würden solche Vorlagen gerne als politisches Vehikel genutzt, um Aufmerksamkeit zu generieren. Trotz des Gegenwinds blickt sie zuversichtlich auf den Juni: «Wir sind breit abgestützt und haben starken Rückenwind aus dem Grossen Rat.»
Am 14. Juni wird sich zeigen, ob das Berner Stimmvolk bereit ist, ein ambitioniertes Projekt in der Bundesstadt zu tragen, oder ob für das zukünftige Kunstmuseum kleinere Brötchen gebacken werden müssen.