Gesamte Klavierkonzerte von Rachmaninow | 25. April 2026
Es gibt Konzerte, die man nicht so schnell vergisst. Die zwei Abende im Casino Bern, an denen die mehrfach preisgekrönte Pianistin Anna Vinnitskaya gemeinsam mit dem Berner Symphonieorchester unter Krzysztof Urbański die gesamten Klavierwerke von Rachmaninow mühelos hinlegt, gehören klar dazu. Das Berner Publikum feiert die Künstlerin mit anhaltendem Jubel und Standing Ovations.

Begeisterte das Berner Publikum an zwei Abenden im Casino: Die Ausnahmepianistin Anna Vinnitskaya im Bild mit BSO-Chefdirigent Krzysztof Urbański.Fotos: Marvin Mears
Zwei Klavierabende in Moll, die letzten Donnerstag im Casino Bern begonnen haben. Bereits seit Monaten ausverkauft. Es ist ein «Mount Everest» der Klavierliteratur. Mit Anna Vinnitskaya betritt eine vielfach preisgekrönte Künstlerin die Bühne. Ihr internationaler Durchbruch gelang ihr 2007, als sie als erst zweite Frau überhaupt den prestigeträchtigen «Concours Reine Elisabeth» in Brüssel gewann.
Konzises Spiel statt triefender Kitsch
Bereits mit den ersten Tönen des 1. Klavierkonzerts in fis-Moll macht Anna Vinnitskaya unmissverständlich klar, worum es ihr geht: Klarheit, Kraft und eine Dezidiertheit ohne triefenden Kitsch. Kein unnötiges Schwelgen, kein Zögern. Was für manche Ohren zunächst ungewohnt trocken wirken mag, entfaltet sich rasch als konzise Meisterschaft. Es ist ein Spiel, das nichts beweisen muss und gerade deshalb durchgehend fesselt. Die leisen Stellen drückt Vinnitskaya mit feinem Gespür und wohltuender Zurücknahme aus, perlende Läufe und satte Akkorde ergänzen sich zu einem in sich stimmigen Ganzen. Das Publikum ist bereits zum ersten Mal aus dem Häuschen.
Bereits mit den ersten Tönen des 1. Klavierkonzerts in fis-Moll macht Anna Vinnitskaya unmissverständlich klar, worum es ihr geht: Klarheit, Kraft und eine Dezidiertheit ohne triefenden Kitsch.
Rhapsodie als Brücke
Als dramaturgisch kluger Einfall erwies sich die Platzierung der Rhapsodie über ein Thema von Paganini zwischen dem 1. und 2. Konzert. Prachtvoll, einnehmend, mit Wucht und zugleich feiner Hand gespielt, bildete sie eine ideale Brücke – nicht nur programmatisch, sondern emotional. Vinnitskaya meistert dieses Werk mit jener traumwandlerischen Sicherheit, die ihrem Spiel generell eigen ist.
Dann das berühmte 2. Klavierkonzert in c-Moll. Schon der Einstieg birgt eine kleine Besonderheit: Die berühmten Akkorde zu Beginn spielt Ann Vinnitskaya mit Vorschlag – Rachmaninow selbst, mit seinen legendär grossen Händen, musste dies nicht. Was folgt, ist eine Interpretation, die das Werk vom oft zu dick aufgetragenen Schmalz befreit und der eigentlichen Intention des Komponisten folgt. Ein Ereignis!

Formklare Substanz statt hollywoodeskem Gefühlsüberschwang: Anna Vinnitskaya begeistert in Bern mit Rachmaninow und einem bestens aufgestellten Berner Symphonieorchester unter Krzysztof Urbański.
Geerdet, schlüssig, einnehmend
Rachmaninow, das belegen seine eigenen Aufnahmen, spielte ernster und klassischer, als die Rezeptionsgeschichte es oft wahrhaben wollte – kein hollywoodesker Gefühlsüberschwang, sondern formklare Substanz. Vinnitskaya, die aus einer russischen Musikerfamilie stammt, ist dieser Lesart verpflichtet. Ihre Eltern sind ebenfalls Pianisten, und ihr Grossvater war Dirigent. Ihr Konzert in Bern wirkt aus einem soliden Guss: geerdet, schlüssig, in den grossen Orchestermomenten einnehmend, in der Intimität berührend auf eine andere, unprätentiösere, weit ehrlichere Art.
Mitentscheidend für das grossartige Zusammenspiel ist auch Krzysztof Urbanski. Der polnische Chefdirigent breitet den typisch russischen, leicht schwermütigen Klangteppich aus, ohne je ins Sentimentale oder Triviale abzugleiten.

Chefdirigent Krzysztof Urbański.

Pianistin Anna Vinnitskaya.
Mitentscheidend für das grossartige Zusammenspiel ist auch Krzysztof Urbański. Der polnische Chefdirigent breitet den typisch russischen, leicht schwermütigen Klangteppich aus, ohne je ins Sentimentale oder Triviale abzugleiten. Er dirigiert fast unauffällig neben Vinnitskaya – ein Meister des gezielten Forte und der feinen Zurücknahme in den leiseren Passagen. Echte Emotion ohne Bluff. Das BSO folgt ihm mit hörbar konzentrierter Spielfreude.

Das BSO ist bekannt dafür, die anspruchsvollen Klavierkonzerte Rachmaninows regelmässig mit Weltklasse-Solisten zu besetzen wie jetzt mit der Starpianistin Anna Vinnitskaya.
Zweiter Abend: Das Rätselhafte und das Monumentale
Den zweiten Abend eröffnete das selten gespielte 4. Klavierkonzert in g-Moll – für viele im Saal unbekanntes Terrain. Das späteste der vier Konzerte, entstanden 1926 im amerikanischen Exil, zeigt einen Rachmaninow im Wandel: Die üppige Romantik seiner Frühwerke weicht einer herberen, muskulöseren Textur, der Tonfall ist schärfer, der Mittelsatz vom Jazz beeinflusst. Es ist das eigenwilligste und rätselhafteste seiner Konzerte – zu seiner Uraufführung von der Kritik verrissen, bis heute zu selten gespielt.
Vinnitskaya beweist hier, wie souverän sie die verschiedenen Schaffensepochen Rachmaninows, es liegen 35 Jahre zwischen dem 1. und 4. Klavierkonzert, nebeneinander stellen kann. Auch in diesem fremdartigeren Werk bleibt ihr Spiel traumwandlerisch präzise, die stilistische Souveränität ist bemerkenswert.
Den Abschluss bildete das 3. Klavierkonzert in d-Moll. Vinnitskaya meistert es mit einem Höchstmass an Genauigkeit und einem untrüglichen Instinkt für die Dynamik.
Innere Logik und Kontrolle
Den Abschluss bildete das 3. Klavierkonzert in d-Moll – jenes Werk, das Rachmaninow selbst scherzhaft als «Konzert für Elefanten» bezeichnete und das Pianisten bis heute an die Grenzen des technisch Möglichen führt. Vinnitskaya meistert es mit einem Höchstmass an Genauigkeit und einem untrüglichen Instinkt für die Dynamik. Der ausgedehnte Solopart, eine der anspruchsvollsten Passagen in der gesamten Klavierliteratur, wird zum Hochgenuss – nicht durch virtuose Zurschaustellung, sondern durch innere Logik und Kontrolle. Die Spannung im Saal ist greifbar. Urbański und das BSO liefern dazu den satten Klangteppich ohne aufgesetzten Bombast.
Was über beide Abende auffällt: Vinnitskaya wirkt nie angestrengt. Sie spielt mit sichtlicher Gelöstheit, hin und wieder wischt sie sich die Stirn — bei schwierigen Läufen formt sich unwillkürlich ein konzentrierter Gesichtsausdruck, wie jemand, der Gas gibt, nicht weil er kämpft, sondern weil er im Flow ist. Keine Pose, keine Schwere, sondern pure Spielfreude.

Anna Vinnitskaya stellte sich dem Mount Everest der Klavierliteratur mit den gesamten Klavierkonzerten von Sergej Rachmaninow und wurde dafür vom Berner Publikum ausgiebig gefeiert.
Weniger Abgrund, mehr Klarheit
Ob diese Interpretation Rachmaninows das Dunklere, Abgründigere manchmal zugunsten von Klarheit und Licht zurückstellt – diese Frage darf gestellt werden. Doch wer meint, damit einen Mangel zu benennen, liegt falsch: Es ist eine bewusste ästhetische Entscheidung, die näher an Rachmaninows eigenem Interpretationsideal liegt als manch dramatisch aufgeladene Einspielung der Tradition. Weniger Abgrund, dafür mehr Wahrhaftigkeit.
Der Schlussapplaus war überwältigend. Bern bejubelte die russische Pianistin mit grosser Zuneigung und Begeisterung, sie kam mehrfach auf die Bühne, verbeugte sich, war sichtlich gerührt. Urbański schloss auch am Freitag – wie schon am Vorabend – schmunzelnd den Klavierdeckel, um damit anzudeuten, dass die Tour de force nun ihr sehr verdientes Ende finden darf. Das war Weltklasse-Klassik in Bern.