von Sandy Hedinger, Fabian Babic und Lucas Blumer
Kurz nach 19.30 Uhr am Donnerstagabend klingelt bei der Schaffhauser Polizei das Telefon: Ein Mann wurde angeschossen. Direkt vor der Thaynger Coop-Filiale, wo sich gleichzeitig noch andere Menschen und Kinder aufhielten, die gerade mit Einkaufen beschäftigt waren. Der Verletzte, ein 46-jähriger Österreicher, wird noch vor Ort versorgt. Wie ein Bild, das den «Schaffhauser Nachrichten» vorliegt, zeigt, scheint der Mann am Bein verletzt worden zu sein. Die Schaffhauser Polizei spricht derweil von «schweren Verletzungen», die der Mann erlitten habe. Er musste mit einem Helikopter in ein Spital geflogen werden, wo er nach wie vor behandelt wird.

Die Polizei schirmte den Tatort ab. Bild: zVg/SHPol
Der mutmassliche Täter, ein 48-jähriger Türke, konnte von der Schaffhauser Polizei noch vor Ort verhaftet werden. Auch die Tatwaffe, eine Pistole, wurde umgehend sichergestellt. Der Mann wurde am Freitag vernommen und die Staatsanwaltschaft hat Untersuchungshaft beantragt. Er befindet sich aktuell in Gewahrsam.
Männer kennen sich
Am Freitag teilte die Schaffhauser Polizei mit, dass sich die beiden Männer vermutlich kennen. Was den Türken veranlasst haben könnte, auf seinen mutmasslichen Bekannten zu schiessen, ist aber nach wie vor unklar. Auch wie viele Schüsse der Mann abgegeben hat, ist noch nicht abschliessend geklärt. Die Schaffhauser Polizei bittet derweil Personen, die Angaben zum Vorfall machen können und eventuelles Video- und Fotomaterial zur Verfügung stellen können, sich unter der Telefonnummer 052 624 24 24 zu melden.
Dunkle Flecken vor dem Coop-Eingang
Augenschein vor Ort am Tag nach der Tat: Auf den ersten Blick lässt sich kaum erschliessen, dass nur wenige Stunden zuvor eine brutale Gewalttat auf offener Strasse stattgefunden hat. So erblickt man am Freitagvormittag auf einer Bank vor dem Coop eine Gruppe Handwerker, die ausgelassen und lachend ihren Znüni essen. Auch das Lebensmittelgeschäft selbst ist rege besucht.
Nur eine Spur zeigt sich noch augenfällig: Unmittelbar vor dem Eingang, wo Petunien und Rosen mit reduzierten Preisen angeboten werden, fällt ein grosser, dunkler Fleck auf. Hier kam der 46-jährige Österreicher zu Fall, nachdem ihn der 48-jährige Türke angeschossen hatte.
Im Geschäft selbst herrscht Courant normal. Dennoch zeigt sich, dass das Delikt die Kundinnen und Kunden vor Ort beschäftigt. An der Kasse werden betretene Bemerkungen gemacht, wie schlimm und unerwartet die Tat gewesen sei. Hie und da stellt jemand eine Frage.
«Ich habe plötzlich Schüsse gehört»
Vor der Filiale zeigen sich die Menschen betroffen. «Ich war gestern kurz vor den Schüssen noch hier am Einkaufen», sagt eine Thayngerin zu den SN. «Dass so etwas auf einem öffentlichen Platz am helllichten Tag passiert, ist einfach nur tragisch.» Trotzdem gehe sie auch heute in den Coop, um Einkäufe zu erledigen. «Was will man denn machen?», fragt sie rhetorisch. Sie fühle sich generell weniger sicher als früher, meint sie. «Ich bin ja froh, auf dem Land zu leben, aber der Vorfall zeigt, dass selbst bei uns im Dorf so schreckliche Dinge passieren können.»
Peter Sticher, der 1. Staatsanwalt des Kantons Schaffhausen, über den aktuellen Stand. Video: SHf
Eine andere Frau, die in unmittelbarer Nähe der Coop-Filiale lebt, erzählt, wie sie das Geschehene wahrgenommen hat: «Ich habe plötzlich Schüsse gehört und bin auf den Balkon gegangen, um zu schauen, was da vor sich geht.» Daraufhin habe sie den verletzten Mann am Boden liegend erblickt. «Ich habe mich gefragt: Was ist da bloss los?» Verängstigt sei sie allerdings nicht gewesen, gibt sie zum Protokoll. Dennoch habe sie der Vorfall überrascht.
«Es hätte weitere Unbeteiligte treffen können.»
Eine Thayngerin
Eine weitere Thayngerin bezeichnet das Geschehene als «einfach nur krank». Dass so etwas geschehe, während die Menschen friedlich ihren Einkäufen nachgehen, schockiere sie: «Es hätte weitere Unbeteiligte treffen können.» Das Opfer selbst habe gemäss der Frau Arbeitskleidung getragen. Diese Angabe deckt sich mit dem Bildmaterial, das den SN vorliegt. «Da geht ein Mann nach dem Feierabend in den Coop und so etwas Schlimmes passiert? Ich kann es nicht fassen.»
Türen verschlossen, Kinder allein
Ein Augenzeuge berichtet den SN, dass er durch die Schüsse auf das Geschehen aufmerksam wurde. Er meint, sieben bis zehn Schüsse gehört zu haben. Der Eingang zum Coop sei sofort verschlossen worden, dabei seien Kinder, die den Laden bereits verlassen hätten, von ihren Aufsichtspersonen, die noch an der Kasse waren, getrennt worden. Wie er sagt, hätten sich Passanten um den verletzten Mann gekümmert.
Auf Anfrage der «Schaffhauser Nachrichten» bestätigt die Coop-Medienstelle, dass ihre Mitarbeitenden gemäss einem internen Notfallkonzept geschult werden, das bei solchen Vorfällen angewendet werden soll. Ob darin auch vorgeschrieben ist, die Türen zu verschliessen, gibt die Medienstelle allerdings nicht an. Den Coop-Mitarbeitenden sei psychologische Betreuung angeboten worden, um das Erlebte zu verarbeiten.
Keine Hinweise auf die Tat im Vorfeld
Der Thaynger Gemeindepräsident, Christoph Meister, betreut auch das Sozialreferat der Gemeinde. «Dem Gemeinderat lagen keinerlei Hinweise vor, dass so etwas passieren könnte», sagt er. Es seien keine Gefährdungsmeldungen bei der Gemeinde eingegangen, und von der Gemeinde seien auch keine gemacht worden. Zudem seien auch keine Fälle pendent.
Er macht auch darauf aufmerksam, dass die Gemeinde aktuell keine Hinweise darauf habe, dass es sich beim mutmasslichen Täter oder dem Opfer um Personen handle, die in Thayngen wohnhaft sind. «Gewalt ist ein trauriges Thema», hält er fest und sagt: «Dass am helllichten Tag Schusswaffen abgefeuert werden, ist sehr bedenklich.» Er stehe mit der Schaffhauser Polizei in Bezug auf den Fall im Austausch.