Farvel BaselZumba auf zwei Rädern

Aadie Basel; oder wies die Dänen sagen: Farvel Basel! Was passiert, wenn die Heimat plötzlich nicht mehr der Ort ist, an dem man lebt? Unsere Kolumnistin Aimee Baumgartner schreibt über das Unterwegssein zwischen Abschied und Ankommen – und darüber, wie sich der Neuanfang in Kopenhagen anfühlt.
Auf den Velowegen Kopenhagens wird es schnell mal eng.
Bild: Flickr
Eigentlich macht es keinen Sinn. Kopenhagen gilt weltweit als Velo-Paradies. Und ich habe Angst. Angst vor dänischen Verkehrsregeln, Autos, Touris auf dem Veloweg und vor allem: den anderen Velos. Rund die Hälfte der Einheimischen pendelt hier täglich per Fahrrad.
Entsprechend gross ist der Dichtestress. An Hotspots sind die Leute oft dreispurig unterwegs. Eine falsche Bewegung und sie fallen samt «Geppel» wie Dominosteine um. In Kopenhagen herrscht eiserne Disziplin. Wer überleben will, muss die Regeln beherrschen. Die wichtigste: Immer rechts halten. Wer trödelt, gehört an den Rand. Und wehe dem, der einfach so bremst. Bevor man anhält, muss die Hand senkrecht nach oben gestreckt werden. Das Signal bedeutet: «Achtung, ich stoppe, rast mir bitte nicht ins Hinterrad.»
Tückisch ist das indirekte Linksabbiegen. Direktes Abbiegen an Kreuzungen ist illegal, anders als in der Schweiz. Man fährt erst geradeaus zur gegenüberliegenden Ecke, hält an und wartet auf das nächste Grün. Wer sich todesmutig in die Mitte der Kreuzung begibt, erntet ein hupendes Orchester. Ich spreche aus Erfahrung. Sobald man den Sattel verlässt, muss man zudem sofort aufs Trottoir wechseln. Und wehe, das Licht fehlt nach dem Eindunkeln!
Mit dem Fachwissen klappt es schon mal. Es ist wie damals beim Autofahren: Die Theorieprüfung habe ich fehlerfrei bestanden, die Praxisprüfung habe ich trotzdem nie absolviert. In Kopenhagen ist das schwieriger, denn das Velo gehört hier zur Integration wie der Haferbrei zum Frühstück. Den ganzen Winter konnte ich mich mit Kälte und Glatteis rausreden – genau wie in Basel. Doch jetzt ist Frühling und die Ausreden schmelzen dahin.
Die Dänen auf ihren Velos wirken so perfekt eingespielt, dass ich mir vorkomme wie eine Anfängerin, die in einen Zumba-Kurs für Fortgeschrittene stolpert. Alle bewegen sich synchron, nur ich suche den Takt. Aber ich will keine ewige Fussgängerin sein, schliesslich habe ich Drämmli-Schienen in Basel überlebt. Wenn ich das Chaos am Centralbahnplatz geschafft habe, werde ich wohl auch dänische Velos meistern. Ich werde mich also demnächst in die Choreografie wagen. Ganz vorsichtig, ganz rechts – und hoffentlich ohne jemanden aus dem Takt zu bringen.
Keinen Platz im heimischen Stall?

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