Im ersten Teil von Kylián kommt es zu Brüchen mit dem klassischen Ballett. Im Bild: Rosario Guerra und Ana Paula Camargo.
Bild: Rahi Rezvani
Ein Ballett-Abend beflügelt, wenn er durchwegs stimmig ist. Genau das ist dem Basler Ballett-Ensemble gelungen. In «Van Manen/Kylián/Goecke» werden Stücke dreier Choreografen gezeigt, die in ihrer Abfolge ein neues Werk schaffen. Eines, welches das Archiv der Bewegungssprachen zum Leben erweckt und deutlich macht, dass sich Bewegung nur in Körpern abspeichert.
Das erste Stück ist vom tschechischen Choreografen Jiří Kylián. In «Bella Figura», uraufgeführt 1995, sind Brüche mit dem klassischen Ballett zu sehen, etwa einwärts gedrehte Füsse oder kollabierende Körper. Die Choreografie zeigt Schönheit, deren Brüchigkeit jedoch eine Verletzlichkeit freilegt, die noch grössere Schönheit ausstrahlt.
Die teils barocke Musik wird zart interpretiert und in wechselnden Formationen ertanzt. Präzise Körperpräsenz, unterbrochen mit Privatheit, macht die Bühne zu einem Ort der Menschlichkeit. Die Nichtperfektion führt in eine Modernität, die mit vollendeten Formen bricht und diese in Frage stellt. Deshalb berührt der private Schluss, bei dem eine Tänzerin die Schultern hochzieht und ihr Partner ihr hilft, sie wieder zu entspannen.
Die Moderne zeichnet sich ab
Die zweite Choreografie vom kürzlich verstorbenen niederländischen Hans van Manen «The Old Man and Me», uraufgeführt 1996, erzählt den Verlauf einer Liebesbeziehung. Mit viel Witz und tiefer Auseinandersetzung loten zwei Tanzende im Pas de deux ihre Gemeinsamkeiten aus, zu Klaviermusik etwa von Mozart. Die Neubesetzung mit der ausdrucksstarken Lydia Caruso, die seit 2012 dem Basler Ballett-Ensemble angehört, und Rosario Guerra könnte besser nicht sein.
Mit aufflackernden Momentaufnahmen, die wie Bilder mit Blacks abgegrenzt sind, werden die Phasen der Beziehung gerafft. Auch hier ist der Schluss beeindruckend gesetzt: Die beiden Protagonisten wenden sich voneinander ab, entfernen sich, Black, und dann sind sie nicht mehr auf der Bühne. Der Schmerz, dass die Beziehung endet, ist durch die plötzliche Abwesenheit der Darstellenden auch einer für das Publikum.
Die dritte Arbeit des Abends «Le Spectre de la Rose» hat eine wegweisende Choreografie von Mikhail Fokine von 1911 als Ausgangspunkt. Marco Goecke erhielt das Angebot, eine neue Version davon zu schaffen, die 2009 zur Uraufführung kam. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Mädchen kommt von einem Ball und schläft ein. In ihrem Traum erscheint ein Rosengeist. Schon Mikhail Fokine hat zu seiner Zeit eine innovative Perspektive auf gängige Rollenverhältnisse zwischen Mann und Frau geschaffen.
Goecke überschreibt in seiner Version die Innovation von damals in eine von heute. Carl Maria von Webers «Aufforderung zum Tanz» aus der Romantik interpretieren die acht Tanzenden auf eine radikale Weise, indem sie sich in verschiedenen Formationen mit ruckartigen, synchronen Bewegungen ausdrücken. Erneut ist der Schluss von extremer Intensität. Fast bis zur Erschöpfung stellen Sandra Bourdais und Louis Steinmetz ihre Körper der Musik zur Verfügung, damit sie sich durch deren Körper entfaltet.
Tanz im Jetzt angekommen
Goeckes Bewegungssprache ist im Kontext mit denjenigen von Kylián und Van Manen überaus zugänglich. Im Kontrast zeigt sich deutlich Goeckes Suche nach Form. Diese Suche hat etwas Ungeduldiges, etwas Ehrgeiziges. Damit findet er zu einem Tanz-Ausdruck, der die heutige Zeit spiegelt. Die angestrengte Bemühung, einer Sache eine Form geben zu wollen, ohne dass es vollendet gelingen will. Doch gerade darin zeigt sich eine Vollendung: Diejenige der Frage nämlich, ob man heute überhaupt noch Form geben kann. Das macht Goeckes Arbeit ehrlich und auch verletzlich.
Die Choreografien des Ballett-Abends «Van Manen/Kylián/Goecke» hatten am Samstag ihre Schweizer Erstaufführung und sind vom Ballett-Ensemble neu einstudiert worden. Die drei Stücke verbinden Gemeinsamkeiten wie präzise Lichtführung, die Farbe Rot und Enden, die in der Erinnerung Spuren hinterlassen. Sie schaffen eine publikumsnahe Hinführung zum Verständnis von heutigem tänzerischem Ausdruck.
«Van Manen/Kylián/Goecke», Grosse Bühne, nächste Vorstellungen: 30.4., 13.5., 17.5., www.theater-basel.ch
Van Manen/Kylián/Goecke
Theater Basel, Grosse Bühne. Nächste Vorstellungen: 30. April sowie 13. und 17. Mai.