Der Gastgeber des 70. Eurovision Song Contest (ESC) möchte offenbar kein weiteres Finale ausrichten. So könnte man zumindest interpretieren, dass Österreich mit dem Künstler Cosmo und dem Lied „Tanzschein“ eine arg dünne Nonensens-Nummer mit Anklängen an die längst begrabene Neue Deutsche Welle ins Rennen um die europäische Pop-Krone schickt. Bislang rangiert der Beitrag bei den Buchmachern und auf Fan-Portalen denn auch verlässlich unter den Letztplatzierten. Leider stößt auch der deutsche Song „Fire“ von Sarah Engels dort bisher auf wenig Gegenliebe – die Buchmacher sehen ihn auf Platz 22 mit einer Siegchance von weniger als einem Prozent.

ESC international – 25 Nationen nehmen teil

Das muss natürlich nichts heißen, wenn am 16. Mai in Wien 25 Nationen um den ESC-Sieg wetteifern. Erst an dem Abend entscheiden internationale Jurys und die Fernsehzuschauer zu gleichen Teilen über die Platzierung der Künstlerinnen und Künstler. Überraschungen sind dabei durchaus möglich. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass sowohl die Buchmacher, deren Einschätzungen auf der Seite Eurovisionworld.com gebündelt werden, als auch Datenerhebungen und Umfragen in Fan-Clubs ziemlich gut die erfolgreichsten Beiträge vorhersagen. Zwar stimmt nicht unbedingt die Prognose, was den Sieg oder die genaue Platzierung betrifft, wer aber am Ende weit vorne oder weit hinten liegt, lässt sich damit gut vorempfinden.

In diesem Jahr treten Künstler aus insgesamt 35 Ländern an, für das Finale immer gesetzt sind die größten Geldgeber des ESC, die sogenannten Big Five: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien. Spanien boykottiert in diesem Jahr allerdings den Wettbewerb, genauso wie Irland, die Niederlande, Slowenien und Island. Die öffentlich-rechtlichen Sender dieser Länder protestieren damit gegen die Teilnahme Israels. Wegen des Vorgehens Israels im Gaza-Krieg hatten sie einen Ausschluss Israels gefordert, auf den die veranstaltende Europäische Rundfunkunion nicht eingegangen war. In zwei Halbfinals am 12. und 14. Mai scheiden zehn Nationen aus, die verbliebenen 25 (statt der üblichen 26) tragen das Finale untereinander aus. Im vergangenen Jahr hatte der österreichische Countertenor JJ mit dem Lied „Wasted Love“ gewonnen, vor Israel und Estland.

Das sind die Favoriten beim ESC 2026

In diesem Jahr liegt bei Eurovisionworld derzeit Finnland auf dem ersten Platz mit einer 31-prozentigen Siegchance. Dahinter folgen ziemlich abgeschlagen mit einer elfprozentigen Siegchance Frankreich, dahinter Dänemark, Australien und Griechenland. Das Datenmodel von James Stephenson, genannt „The Model“, listet dagegen Schweden vor Frankreich und Finnland, Israel und Dänemark. „The Model“, veröffentlicht auf escinsight.com, basiert auf diversen Parametern, unter anderem auf Abstimmungsmustern und Online-Umfragen. Auch in Facebook-Foren rangieren Finnland, Dänemark und Schweden unter den Top drei. Die Skandinavier haben beim ESC generell eine beeindruckende Historie aufzuweisen – alleine Schweden gewann den Wettbewerb sieben Mal und ist gemeinsam mit Irland (ebenfalls sieben Siege) die am häufigsten siegreiche Nation.

Wie sind die favorisierten Beiträge nun einzuschätzen? Für Finnland starten Linda Lampenius und Pete Parkkonen mit dem Lied „Liekinheitin“, einer theatralischen, effekthascherisch inszenierten Ballade. Er singt, sie spielt Violine, das Stück steigert sich von leisen Tönen zu einem schwülstigen, pompösen Spektakel. Mit seinem wilden Violinenspiel schaffte es schon der Norweger Alexander Rybak 2009, das ESC-Publikum zu erobern. Jetzt gibt es sozusagen eine Neuauflage. Die Schwedin Felicia dagegen setzt mit dem Song „My System“ auf eine plakative Elektro-Europop-Nummer mit druckvollen Synthesizer-Klängen. Das discotaugliche Stück besitzt im Kontext der immergleichen ESC-Balladen auf jeden Fall Wiedererkennungswert.

Zwischen Gefühl und Beliebigkeit

Der dänische sowie der französische Beitrag kommen dagegen vergleichsweise ruhig daher. Sowohl Soren Torpegaard Lund als auch die Französin Monroe setzen auf Balladen. Während „For Vi Gar Hjem“ etwas moderner aufgebaut und mit Chorgesang untermalt ist, setzt „Regarde!“ auf Streicher, Opern- und Musical-Elemente. Fast schon chansonesk wirkt das Lied „Michelle“ des israelischen Sängers Noam Bettan, während sich die Australierin Delta Goodrem mit eher wenig einprägsamer Stimme an einer klassischen ESC-Ballade versucht. Warum Goodrem wie der Grieche Akylas zum erweiterten Favoritenkreis gehören, erschließt sich nicht – sowohl ihr Lied „Eclipse“ als auch der griechische Song „Ferto“, eine nervige, unausgegorene HipHop-Pop-Nummer, besitzen keinerlei Hit-Qualitäten.

Insgesamt fehlt es beim diesjährigen Finale an Liedern, die sich qualitativ abheben von der ESC-Einheitskost. Zu nennen wären in dieser Hinsicht etwa Essyla aus Belgien mit ihrem Stück „Dancing On The Ice“, einem zeitgemäßen Popsong mit interessanten Rhythmuswechseln oder Jonas Lovv aus Norwegen, der mit „Ya Ya Ya“ den Rock der 1970er Jahre zumindest ansatzweise, wenn auch nicht besonders eigenständig aufgreift. Inwieweit sich Sarah Engels in dem Umfeld behaupten kann, bleibt abzuwarten. Eins ist nach dem Durchhören aller Songs aber klar: So schlecht, wie „Fire“ bei den Prognosen abschneidet, ist das Stück nicht. So gut, um zu gewinnen, allerdings genauso wenig.