Für Laura Aberham ist es ein besonderer Moment – denn so hat die Künstlerin ihre Werke selbst noch nicht gesehen. Gerade lässt Miroslaw Mickiewicz eine ihrer Arbeiten emporsteigen: In mehreren Metern Höhe soll sie an einer der weißen Wände im Kirchenschiff von Christ-König platziert werden. Mickiewicz, der ehemals als Küster für die Gemeinde im Dienst war, hilft bei der Hängung. „Natürlich habe ich die Bilder auch in meinem Atelier schon einmal aufgestellt, aber hier sehe ich sie zum ersten Mal in einem größeren Abstand“, erzählt Aberham. Sechs abstrakte Arbeiten im Großformat hat sie speziell für diese Räume geschaffen.
Lange war es Tradition, dass in der Christ-König-Kirche im halbjährlichen Wechsel zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt wurden. Doch da mit möglichen Renovierungsarbeiten in der Kirche geplant wurde, habe es eine längere Pause im Ausstellungsprogramm gegeben. Umso mehr freut sich Hans-Dieter Feuerlein, Leiter des Arbeitskreises Kunst und Kultur der Neusser Nordstadt, dass nun wieder neue Werke in Christ-König gezeigt werden können. Dafür stand er im Austausch mit der Düsseldorfer Galerie Rupert Pfab, die ihm die Arbeiten von Aberham ans Herz legte.
Die Künstlerin wurde 1994 geboren und studierte als Meisterschülerin von Ellen Gallagher an der Düsseldorfer Kunstakademie. Sie lernte aber auch in den Klassen von Jürgen Drescher und Katharina Grosse. Bereits einige Gruppenausstellungen und sieben Einzelausstellungen – eine davon sogar in London – sind in ihrer Vita zu finden. Doch in einer Kirche stellt sie zum ersten Mal aus: „Man ist vielleicht noch ehrfürchtiger als in anderen Ausstellungsräumen“, sagt sie, „Kirchen sind traditionell ein Ort der Kunst und Kultur, da ist es schön, mit seinen eigenen Arbeiten einsteigen zu können.“
Auch freut sie sich über die Gelegenheit, großformatig zu arbeiten: Für gewöhnlich hätten ihre Bilder Maße von 50 Zentimeter mal zwei Meter. Die Malereien, die sie nun für Christ-König erstellt hat, sind drei Meter hoch und 2,20 Meter breit. „Eine solche Größe müssen sie auch haben, damit sie in dem Raum nicht untergehen“, sagt Feuerlein. Gemalt hat Aberham sie in einer privat ereignisreichen Phase, wie die Künstlerin verrät. „Man kann es als eine Achterbahnfahrt der Gefühle beschreiben, vielleicht werden die Besucher auch einige dieser Emotionen wiedererkennen.“ Dazu sei die Kirche ein geeigneter Ort, ein Raum der Gefühle, in dem das Leben verarbeitet wird.
Einen Titel für ihre Arbeiten hat sie bisher noch nicht gefunden. „Oft entstehen sie auch erst auf der Reise der Arbeiten“, sagt sie. Außerdem möchte sie mit den Titeln die Betrachter nicht beeinflussen. „Ich mag das Unkonkrete, ich habe auch keine Erwartung, was ein Bild bei den Betrachtern bewirken soll. Schön finde ich es, wenn meine Bilder überhaupt etwas auslösen, wenn sie in der Lage sind, die Menschen zu erreichen.“ Die Größe war dabei die einzige Vorgabe, an die sie sich während ihres Schaffensprozesses halten sollte: Und so sind sechs Bilder mit völlig verschiedener Farbgebung entstanden. All das habe sich erst im Prozess ergeben, sagt Aberham. Neben ihrer Farbfeldmalerei spielt dabei auch die Auftragstechnik eine besondere Rolle. Jene Bewegungen sorgen dafür, dass die Betrachter keine geschlossene Bildkomposition vor sich sehen, sondern ein Werk, das sich dynamisch entwickelt hat. Dennoch sind einzelne Elemente durchaus präzise platziert worden – und laden zum Assoziieren ein. Engelsflügel und Heiligenschein meint man beispielsweise in einem Werk zu entdecken, während in einem anderen Eindrücke eines Fischteichs wach werden. Im Mittelpunkt stehen jedoch immer die Farben, die nun die weißen Wände in Christ-König zieren. „Bilder sind ein Schmuck der Kirche genau wie die Blumen vor dem Altar“, sagt Mickiewicz. Ungefähr ein halbes Jahr lang werden die Werke in dem sakralen Raum ausgestellt.