{"id":105322,"date":"2026-04-30T21:58:09","date_gmt":"2026-04-30T21:58:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/105322\/"},"modified":"2026-04-30T21:58:09","modified_gmt":"2026-04-30T21:58:09","slug":"georg-baselitz-ist-tot-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/105322\/","title":{"rendered":"Georg Baselitz ist tot \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Sympathietr\u00e4ger war er keiner. Welcher erfolgreiche K\u00fcnstler seiner Generation, Georg Baselitz wurde 88 Jahre alt, ist das, welcher war das schon? Frauen k\u00f6nnen nicht gut malen, war die Ansage, die ihm seit 2013 bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen wurde, hiermit auch hier, in seinem Nachruf. Die wichtigste deutsche Kunstausstellung, die Documenta, nannte er \u201eParalympics\u201c. Und die besten Bilder? Die malte nat\u00fcrlich er. <\/p>\n<p>Aggression, Hass und Zerst\u00f6rung nutzte Georg Baselitz als Antrieb, er wollte dadurch etwas in Bewegung bringen. In der Kunst. Aber auch beim Betrachter. Die Provokation war das Mittel der Revolte, um die erstarrte deutsche Gesellschaft aufzubrechen, um \u00fcberhaupt in ihr atmen, leben zu k\u00f6nnen. \u201eIch bin in eine zerst\u00f6rte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerst\u00f6rte Landschaft, ein zerst\u00f6rtes Volk, in eine zerst\u00f6rte Gesellschaft\u201c, sagte er. <\/p>\n<p>Die drei Fenster in dem alten Schulhaus im s\u00e4chsischen Deutschbaselitz sind heute mit Farbe umrandet, markiert: Hier wuchs Hans-Georg Kern, Sohn eines Lehrerehepaars, auf. Im Osten. Maler wollte er werden, aber flog schnell aus der Akademie. 1958 floh er nach Westberlin, studierte weiter. Erstmals h\u00f6rte er von Paul Klee, Kandinsky, Malewitsch, er reiste nach Paris, nach Italien. Ihn aber interessierte die Abstraktion, die \u201eKunst der Siegerm\u00e4chte\u201c, die damals alles beherrschte nicht. Im Gegenteil. Ihn interessierte das Rohe, auch die Art Brut, damals die \u201eKunst der Geisteskranken\u201c genannt. Sp\u00e4ter w\u00fcrde er selbst mit den Fingern malen, \u00e4hnlich wie Arnulf Rainer, der \u00d6sterreicher, mit dem ihn sp\u00e4ter eine enge Freundschaft verband. Aber auch Emilio Vedova, der abstrakte italienische Maler, dessen runde Bilder schon die Gesetze der Schwerkraft ignorierten. <\/p>\n<p>Der junge Herr Kern war also auf Krawall geb\u00fcrstet: Ab 1961 nannte er sich Baselitz, zwei Jahre sp\u00e4ter provozierte er den ersten richtigen Skandal: \u201eDie gro\u00dfe Nacht im Eimer\u201c wurde in einer Galerie beschlagnahmt. Darauf zu sehen: Ein deformiert wirkender Bub, der mit einem pinocchiohaften Penis onaniert. Genau das, was damals sicher niemand sehen wollte. Viele weitere groteske Glieder und K\u00f6rperteile begannen bei Baselitz die Leinw\u00e4nde zu f\u00fcllen, fleischig, wulstig, absichtlich eklig, aber auch selbstbewusst und roh. Die L\u00e4cherlichkeit der Nacktheit \u00fcbertrug er auch auf das, was weltweit als \u201edeutsch\u201c wahrgenommen wurde, das Heldentum. Seine gro\u00dfformatige Serie \u201eHelden\u201c von 1965\/66 waren absichtlich kaputte \u201eNeue Typen\u201c. Baselitz zerst\u00f6rte, um sich lebendig zu f\u00fchlen, erkl\u00e4rte er. Selbst vor der Erdanziehung machte er nicht halt. <\/p>\n<p>Ab 1969 malte er seine Motive auf dem Kopf stehend. Er malte sie nach verkehrt gehaltenen fotografischen Vorlagen. Nein, er drehte die Bilder nicht einfach um und h\u00e4ngte sie verkehrt auf. Denn Baselitz wollte malen, was noch nie gemalt worden war. Eine geniale Wende, die zu einem der genialsten k\u00fcnstlerischen Markenzeichen der Geschichte wurde. Was man neidlos anerkennen muss. <\/p>\n<p>Der Erfolg stellte sich ab den Achtzigerjahren in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe ein. Die deutsche Malerei begann ihren Siegeszug am Markt, Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Sigmar Polke und eben Georg Baselitz. Was tat Baselitz? Er griff zur Kettens\u00e4ge. Und s\u00e4gte einen halben Adolf Hitler mit erhobener Hand aus einem Holzklotz und zeigte dieses \u201eModel einer Skulptur\u201c 1980 im Deutschen Pavillon bei der Biennale Venedig. <\/p>\n<p>Hitler? K\u00f6nne er beim besten Willen nicht erkennen darin, sagte er. Der n\u00e4chste Skandal. Mit Wiederbet\u00e4tigung hatte das nat\u00fcrlich nichts zu tun, im Gegenteil, der Unterk\u00f6rper Hitlers steckte noch im Holz fest, er befand sich in jeder Hinsicht in misslicher Lage, ein Kr\u00fcppel, nichts sonst. Mitten in der NS-Architektur dieses L\u00e4nderpavillons, die damals bei weitem noch nicht derart Thema war wie danach, bis heute. <\/p>\n<p>In seinen rauen, kantigen Holzfiguren scheint Baselitz am ehesten noch der Expressionist, als dessen \u201eletzter gro\u00dfer\u201c er in deutschen Medien zu Grabe getragen wird. Expressionismus wie Baselitz als Bildhauer waren schlie\u00dflich von afrikanischer Skulptur beeinflusst. In seiner Malerei war er weniger Expressionist als Manierist. Als Verehrer des barocken Manierismus zeigte er sich auch bei seiner gro\u00dfen Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien vor drei Jahren. Die Nacktheit hatte es dem damals schon schwerkranken, im Rollstuhl sitzenden Maler angetan, auf ihre Spur machte er sich in der Gem\u00e4ldegalerie und setzte seine Portr\u00e4ts der nackten Ehefrau Elke, zeitlebens sein weibliches Modell, und seiner selbst dagegen. Verkehrt, versteht sich.<\/p>\n<p>Bis zuletzt malte, wollte er malen, in seinem von Herzog und de Meuron gebauten Atelier am Ammersee in Bayern unterzog er seine alten Bilder nach und nach einem \u201eRemix\u201c, wie er das nannte \u2013 er malte sie also wieder, er wiederholte sie, mit immer leichterer Hand, immer heller, schwereloser, bis sich die Figuren fast ganz aufl\u00f6sten. Zuletzt aber kam noch eine Wende, man wird sie ab n\u00e4chster Woche in Venedig sehen, wo sein Galerist Thaddaeus Ropac sie rechtzeitig bei Biennale-Beginn im Palazzo Cini ausstellt. Baselitz malte zuletzt auf Goldgrund. In der Kunstgeschichte die Farbe, die G\u00f6ttlichkeit, Ewigkeit und Transzendenz symbolisiert. Kein anderes Ende war f\u00fcr Baselitz m\u00f6glich. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sympathietr\u00e4ger war er keiner. 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