{"id":107572,"date":"2026-05-02T18:25:17","date_gmt":"2026-05-02T18:25:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/107572\/"},"modified":"2026-05-02T18:25:17","modified_gmt":"2026-05-02T18:25:17","slug":"rosalia-auf-tour-mein-christus-weint-diamanten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/107572\/","title":{"rendered":"Rosal\u00eda auf Tour: \u201eMein Christus weint Diamanten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ihre Tour ger\u00e4t zum Gottesdienst: Der spanische Superstar Rosal\u00eda macht Station in Deutschland. Es gibt sie als Nonne, Mephisto und im Tutu zu sehen. Aber in Berlin wollen alle nur das eine.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der erste Blick in den Raum ist ungewohnt: Es ist erstaunlich viel Wei\u00df im Publikum f\u00fcr einen ersten Mai in Berlin. Ist man doch auf einem Vortrag, anstatt auf dem Konzert der von der Kritik meistgefeierten Pops\u00e4ngerin unserer Zeit gelandet? Frauen und M\u00e4nner tragen wei\u00dfe Schleier auf den K\u00f6pfen, bei manchen erinnern sie an Br\u00e4ute, bei anderen an alte Damen auf sizilianischen Kirchenb\u00e4nken. Einige haben sich einen Strahlenkranz in die Haare gesteckt oder tragen eine Kreuzkette um den Hals. \u201eLux\u201c, Latein f\u00fcr Licht, hei\u00dfen das vierte Album und die Tour der spanischen S\u00e4ngerin Rosal\u00eda, die sich zu Werbezwecken zwischenzeitlich einen Heiligenschein in die dunklen Haare gef\u00e4rbt hatte. N\u00e4her an Gott wollte sie mit ihrem Album kommen.<\/p>\n<p>Zweieinhalb Jahre hat sie daf\u00fcr gebraucht und ein Jahr davon nur an den Liedtexten geschrieben, wie sie in einem Interview erz\u00e4hlte. Das Album erreichte die Journalisten dann mit der Empfehlung, es im Dunkeln zu h\u00f6ren, um sich ganz auf die Texte zu konzentrieren. Bescheiden ist Rosal\u00eda nicht, zumindest darin ist sie sicher Pop, auch wenn viel dar\u00fcber debattiert wird, ob ihre Musik dieses Label verdient. Rosal\u00eda wurde mit einer Fusion aus Pop und Flamenco weltber\u00fchmt, den sie noch klassisch am Musikkonservatorium in Barcelona gelernt hatte. Mit dem Album \u201eMotomami\u201c folgten dann karibische Sounds und Reggaeton-Rhythmen.<\/p>\n<p>Rosal\u00eda kam mit dieser Mischung aus Kl\u00e4ngen und Kulturen zu einer Zeit auf die Weltb\u00fchne, als man sich \u00fcber vermeintliche kulturelle Aneignung noch deutlich lauter emp\u00f6rte als heute. Selbst f\u00fcr ihren Flamenco-Gesang wurde sie kritisiert, schlie\u00dflich \u2013 so die simple Logik \u2013 sei Rosal\u00eda Katalanin und Flamenco habe seine Urspr\u00fcnge in Andalusien. Als sie in Frankreich mal gefragt wurde, wie sie dazu komme, sich bei ihrer Musik ungefragt bei anderen Kulturen zu bedienen, antwortete sie schlicht: \u201ePorque me gusta mucho\u201c. Weil es mir gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Auf \u201eLux\u201c vereint sie nun dreizehn Sprachen, darunter Ukrainisch, Deutsch, Latein, Hebr\u00e4isch und Italienisch. Als Inspiration f\u00fcr die Texte h\u00e4tten ihr Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen gedient, gleichzeitig habe sie viel weibliche Literatur gelesen, \u00fcberhaupt sei es ihr, so sagte sie im Interview, bei dem Album in erster Linie um die Texte gegangen. Alles keine einfachen Voraussetzungen f\u00fcr ein Popkonzert.<\/p>\n<p>Wohl auch um den Texten eine Chance zu geben \u2013 den Mittelpunkt k\u00f6nnen und sollten sie bei einem solchen Event gar nicht stellen \u2013 ist das B\u00fchnenbild reduziert. Als sich die B\u00fchnentore \u00f6ffnen, die an die R\u00fcckseite einer Gem\u00e4lde-Leinwand erinnern, sind zun\u00e4chst nur eine mit Laken bedeckte Kiste und zwei Treppen zu sehen. Als die Kiste wie ein Kunstwerk im Museum ge\u00f6ffnet wird, steht Rosal\u00eda im Ballett-Tutu da, wie die T\u00e4nzerin auf einer Spieluhr. In der Mitte des Raumes beginnen die Streicher des Orchesters zu spielen, des London Symphony Orchestra, um genau zu sein. G\u00fcnstig d\u00fcrfte diese Tour f\u00fcr die Veranstalter nicht ausfallen.<\/p>\n<p>Die S\u00e4ngerin er\u00f6ffnet das Konzert wie schon das Album mit den Liedern \u201eSexo, Violencia y Llantas\u201c und \u201eReliquia\u201c, die sie \u00fcberwiegend auf Spanisch und teils auf Katalanisch und Englisch singt. Dazu gibt es in gro\u00dfen Buchstaben die \u00dcbersetzung: \u201eWie sch\u00f6n es w\u00e4re, zwischen beidem zu leben. Zuerst liebe ich die Welt und dann liebe ich Gott.\u201c Die B\u00fchne hat die Form eines Kruzifixes.<\/p>\n<p>Sprache war bei Berichten \u00fcber Rosal\u00eda von Anfang an Thema. Nur war es da noch umgekehrt: nicht die Variation, sondern das Beharren auf der Muttersprache trotz Weltruhms, bestimmte die Debatten. Lange bevor <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article244629974\/Bad-Bunny-Jetzt-will-jeder-Latino-sein.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article244629974\/Bad-Bunny-Jetzt-will-jeder-Latino-sein.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bad Bunny <\/a>mit seinem puerto-ricanischen Slang die Halbzeit-Show des Super Bowl aufwirbelte, machte Rosal\u00eda Spanisch zur neuen Popsprache, die in Kinderzimmern weltweit nachgesungen wurde \u2013 auch jetzt in der Berliner Uber-Arena.<\/p>\n<p>Bei alldem wei\u00df man gar nicht, wohin man gucken soll. Auf die K\u00fcnstlerin, die sich auf den Spitzen ihrer Ballettschuhe von links nach rechts neigt und ihre Stimme kraftvoll und gleichzeitig sanft in Opern-H\u00f6hen schraubt? Auf die \u00fcber der B\u00fchne laufenden \u00dcbersetzungen: \u201eIch bin deine Reliquie\u201c, \u201eIch bin das Nichts\u201c, \u201eIch bin das Licht der Welt\u201c? Oder zu der sich wiegenden Dirigentin in der Mitte des Raums? Hatte Rosal\u00eda nicht mal behauptet, sie wolle weg von der gesamtgesellschaftlichen Dopamin-Sucht \u2013 hin zu einer Kulturerfahrung, die Konzentration erfordert?<\/p>\n<p>Alle warten auf \u201eBerghain\u201c<\/p>\n<p>Irgendwie schafft sie dann beides. So wie es ihr gelingt, aus Streichorchester, flackernden B\u00e4ssen, sanfter Operette und hin und wieder Flamenco-Gesang eine neuartige Harmonie zu weben. Nur um diese dann pl\u00f6tzlich mit einer sehr klassischen Interpretation von Didos \u201eThank You\u201c zu brechen und die gerade auf h\u00f6here Sph\u00e4ren gehobenen Zuschauer wieder sanft auf den Boden zu geleiten.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfteil der Symbolik des Abends kommt aus der christlichen Mythologie, auch wenn sich die S\u00e4ngerin, wie sie selbst sagt, von Mystikerinnen verschiedener Kulturen hat inspirieren lassen. Bei aller Avantgarde, dem Klang- und Sprachmix, spricht sie dann recht konservativ, wenn sie \u00fcber Gott redet. Von ihm n\u00e4mlich, dem einen gro\u00dfen Gott, nicht, wie heute im Neusprech gerne verwendet, von Energien oder dem Universum. Doch sie performt das Traditionelle mit einer leidenschaftlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die es wieder neu scheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Vom Ballett-Kost\u00fcm wechselt Rosal\u00eda dann in eine wei\u00dfe Nonnenrobe und singt \u201eMein Christus weint Diamanten\u201c auf Italienisch. Die S\u00e4ngerin bleibt auch in den Kost\u00fcmwechseln minimalistisch. Sie verwandelt sich von wei\u00df gekleideter Heiliger, die pl\u00f6tzlich rote lange Handschuhe tr\u00e4gt, als h\u00e4tte sie die H\u00e4nde in Blut getaucht, in ein Korsett und Kopffedern tragenden weiblichen Mephisto.<\/p>\n<p>In dem Mephisto-Outfit performt Rosal\u00eda dann auch den Song, auf den in Berlin alle warten. \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/boulevard_nt\/article690bff2e154e6f61444c6eb3\/darum-sprechen-gerade-alle-ueber-rosalia.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/boulevard_nt\/article690bff2e154e6f61444c6eb3\/darum-sprechen-gerade-alle-ueber-rosalia.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berghain\u201c<\/a> soll zwar von Hildegard von Bingen und nicht vom gleichnamigen Berliner Club inspiriert worden sein, hat im abschlie\u00dfenden Techno-Remix aber eher weniger mit der ber\u00fchmten Mystikerin zu tun. Auf Deutsch singt sie zum Streichquartett: \u201eDie Flamme dringt in mein Gehirn ein, wie ein Blei-Teddyb\u00e4r\u201c; und: \u201eSeine Angst ist meine Angst, seine Wut ist meine Wut. Seine Liebe ist meine Liebe. Sein Blut ist mein Blut.\u201c Das Lied hat sie zusammen mit S\u00e4ngerin Bj\u00f6rk aufgenommen, ihrer \u201eLieblingsfrau\u201c, wie sie selbst sagt, und wohl die K\u00fcnstlerin, mit der Rosal\u00eda als neue Anf\u00fchrerin der Pop-Avantgarde am h\u00e4ufigsten verglichen wurde.<\/p>\n<p>Am Ende steht die Spanierin im Stroboskoplicht, w\u00e4hrend \u00fcber ihr ein gro\u00dfer Klotz schwenkt und Rauchschwaden verteilt, wie ein \u00fcbergro\u00dfes Weihrauchfass. Jetzt wieder in wei\u00dfer Unterw\u00e4sche steht sie barfu\u00df da, mit flatterndem Gewand an den Armen inszeniert sie sich als gefallenen Engel. Es regnet Federn. Ohnehin rieselt an diesem Abend viel auf die B\u00fchne, in wei\u00dfem Gegenlicht sieht man Partikel tanzen. Dann streckt die S\u00e4ngerin die Arme aus, die Fl\u00fcgel sind nun deutlich zu erkennen, und l\u00e4sst sich nach hinten von der B\u00fchne fallen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ein guter Abschluss gewesen, doch kann es bei diesem Album kein Ende ohne Auferstehung geben. Rosal\u00eda kehrt zur\u00fcck auf die B\u00fchne und singt auf Spanisch \u201eMagnolias\u201c. Darin sinniert sie feierlich \u00fcber ihre eigene Beerdigung und ihre R\u00fcckkehr zu den Sternen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ihre Tour ger\u00e4t zum Gottesdienst: Der spanische Superstar Rosal\u00eda macht Station in Deutschland. 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