{"id":110125,"date":"2026-05-04T17:04:10","date_gmt":"2026-05-04T17:04:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/110125\/"},"modified":"2026-05-04T17:04:10","modified_gmt":"2026-05-04T17:04:10","slug":"ausstellung-von-paris-nach-hamburg-wie-f-c-gundlach-die-modefotografie-praegte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/110125\/","title":{"rendered":"Ausstellung: Von Paris nach Hamburg \u2013 Wie F. C. Gundlach die Modefotografie pr\u00e4gte"},"content":{"rendered":"<p>Das Bucerius Kunst Forum w\u00fcrdigt im Rahmen der Triennale der Photographie deren Gr\u00fcnder im Jahr seines 100. Geburtstags mit der gro\u00dfen Ausstellung \u201eF.C. Gundlach. You\u2018ll Never Watch Alone\u201c \u2013 und zeigt Verbindungen zu seinen Weggef\u00e4hrten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Wendeltreppe besticht durch ihre klaren Formen. Licht und Schatten spielen mit den filigranen Gel\u00e4ndern, definieren die verschiedenen Stockwerke. Die Treppe im Hochbunker Feldstra\u00dfe, der 1942 gebaut wurde und w\u00e4hrend der Bombenangriffe auf Hamburg bis zu 25.000 Menschen Schutz bot, ist ein ideales, oft gew\u00e4hltes Fotomotiv. Ein gro\u00dfformatiges, vom K\u00fcnstler G\u00fcnther F\u00f6rg 1986 geschossenes Bild der Treppe, die sich durch das denkmalgesch\u00fctzte Stahlbetonbauwerk schl\u00e4ngelt, h\u00e4ngt jetzt in der Ausstellung \u201eF. C. Gundlach \u2013 You\u2019ll never Watch Alone!\u201c im Bucerius Kunst Forum.<\/p>\n<p>F\u00f6rderer der Fotografie als Kulturgut<\/p>\n<p>Das Wirken des Modefotografen und Sammlers F. C. Gundlach (1926\u20132021), der hier im Rahmen der \u2013 1999 von ihm initiierten \u2013 9. Triennale der Photographie zum 100. Geburtstag gew\u00fcrdigt wird, ist eng mit dem Betonkoloss auf dem Heiligengeistfeld verbunden. Dort gr\u00fcndete Gundlach 1971 ein Dienstleistungsunternehmen f\u00fcr Fotografen. Die Firma PPS (Professional Photo Service) bot unter anderem Schwarz-Wei\u00df- und Farblabore, einen Equipment-Handel, Mietstudios und eine Fachbuchhandlung. \u201eDer ganze Bunker war PPS\u201c, sagt Sebastian Lux, Leiter der Stiftung F. C. Gundlach, der die Ausstellung zusammen mit den Kuratorinnen Franziska Mecklenburg und Sophie-Charlotte Opitz eingerichtet hat.<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter erg\u00e4nzte der Fotograf sein professionelles Service-Imperium um die \u201ePPS. Galerie\u201c. Zwischen 1975 und 1992 stellte er einerseits internationale Koryph\u00e4en wie Richard Avedon und Irving Penn aus, andererseits zeigte und unterst\u00fctzte er auch Newcomer wie Wolfgang Tilmans: \u201eEr betrieb die F\u00f6rderung der Fotografie als Kulturgut\u201c, so Lux. Auch Maler wie Martin Kippenberger und Albert Oehlen experimentierten in den PPS-Laboren und waren in der Galerie pr\u00e4sent. Nebenbei wuchs Gundlachs Sammlung, die heute von der Stiftung verwaltet wird. Aus dem Bestand von rund 15.000 Werken konnten die Kuratoren f\u00fcr die Schau sch\u00f6pfen.\u00a0<\/p>\n<p>Die berufliche Reise begann in Paris<\/p>\n<p>Dass der Modefotograf aus dem hessischen Heinebach nicht nur mit seinen eigenen Arbeiten gro\u00df herauskam, sondern auch ma\u00dfgeblich Einfluss auf die Fotoszene nahm, lag vor allem an seinem Talent als Netzwerker, der zahllose Kontakte in der internationalen Welt der Mode, Fotografie und Kultur pflegte. So stellt die Ausstellung titelgem\u00e4\u00df Gundlachs ikonische Modefotos in Schwarz-Wei\u00df sowie Farbe vor, f\u00e4chert zugleich aber auch das Schaffen seiner Vorbilder, Weggef\u00e4hrten und Nachfolger auf. Viele Bez\u00fcge werden zwischen den Bildern hergestellt und viele Geschichten erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die berufliche Reise startete f\u00fcr den in Kassel zum Fotografen ausgebildeten Gundlach in der franz\u00f6sischen Hauptstadt: \u201eEr kam aus der Enge Nachkriegsdeutschlands nach Paris. Dort fing sehr viel f\u00fcr ihn an\u201c, sagt Mecklenburg. Der junge Lichtbildner nahm die Stadt bei Tag und Nacht auf, schloss Bekanntschaften und studierte eifrig die Modestrecken von Avedon und Penn in Magazinen wie \u201eVogue\u201c und \u201eHarper\u2019s Bazaar\u201c, um ihre Kompositionen zu \u00fcbernehmen. \u201eEr war ein Bildbauer\u201c, erkl\u00e4rt Opitz, \u201eer hat schon fr\u00fch einen Stil entwickelt und ihn durchgezogen\u201c.<\/p>\n<p>Architektonische Hintergr\u00fcnde als Kontrast zur Mode<\/p>\n<p>So spielten architektonische Hintergr\u00fcnde stets eine wesentliche Rolle in Gundlachs Bildern \u2013 etwa in der Aufnahme \u201eAbendkleid von Manguin\u201c, die einen spannenden Kontrast aufbaut zwischen dem flie\u00dfenden Stoff des Kleides und der strengen Geometrie einer Steintreppe, auf der das Model steht. F\u00fcr die Wahl perfekter Locations hatte Gundlach von Anfang an ein H\u00e4ndchen: Zum Beispiel lichtete er, schon damals bestens vernetzt, seine Modelle auf dem ideal gelegenen Balkon der Kosmetikunternehmerin und M\u00e4zenin Helena Rubinstein so ab, dass im Hintergrund Notre-Dame zu sehen ist.<\/p>\n<p>In Paris trat Gundlach eine Assistenz im Atelier des Mode- und Portr\u00e4tfotografen Harry O. Meerson an, dessen Pr\u00e4zision und Stilbewusstsein ihn weiterbrachten. Mit der 1953 getroffenen Entscheidung, fortan f\u00fcr die in Hamburg verlegte Zeitschrift \u201eFilm und Frau\u201c zu arbeiten, nahm seine Karriere als Modefotograf Fahrt auf. \u201eGundlach war immer am Puls der Zeit\u201c, sagt Lux. So verinnerlichte er das Frauenbild der 1960er-Jahre, das mit neuen Formen der Inszenierung einherging. Er verst\u00e4rkte den geometrischen Ansatz, verwandelte etwa ein Model in eine \u201eOp-Art-Silhouette\u201c oder nahm das \u201eSputnik-Girl\u201c ganz in Wei\u00df vor einer wei\u00dfen Wand auf.<\/p>\n<p>New York als Sehnsuchtsort<\/p>\n<p>Die Reportagereise \u201eMit der Lufthansa nach New York\u201c f\u00fchrte Gundlach an einen Sehnsuchtsort: \u201eNew York war sehr, sehr wichtig, hier hat er sich die Ideen f\u00fcr sein Wirken in Deutschland geholt, hier begann er zu sammeln\u201c, berichtet Opitz. Im goldenen Zeitalter der Magazine, der Werbung und der technischen Neuerungen war die Stadt am Hudson Treffpunkt der Kulturszene. Gundlach, nun als Lufthansa-Fotograf etabliert, begleitete den Flug deutscher Modesch\u00f6pfer nach New York, fotografierte die Mannequins auf dem Dachgarten eines Wolkenkratzers oder zwischen den H\u00e4userblocks von Manhattan: \u201eDie Stra\u00dfe wurde zum Laufsteg\u201c, sagt Mecklenburg.<\/p>\n<p>In New York besuchte Gundlach gro\u00dfe Kollegen wie Horst P. Horst oder Erwin Blumenfeld in ihren Ateliers, fotografierte Richard Avedon, erwarb Vintage-Prints von Martin Munk\u00e1csi sowie Werkkonvolute von Nan Goldin und ihren Weggef\u00e4hrten. Seine Begeisterung f\u00fcr die professionellen Produktionsbedingungen jenseits des Atlantiks nahm er mit nach Hamburg, wo sein \u201eProfessional Photo Service\u201c (PPS) ein voller Erfolg wurde. Vor allem durch die Anwendung des Farbdruckverfahrens Dye-Transfer wurde PPS international bekannt: Dabei werden die Farbstoffe Cyan, Magenta und Yellow von drei separaten Druckplatten nacheinander auf das Papier \u00fcbertragen. Wie das aussah, zeigt in der Ausstellung ein Werk Blumenfelds, das Gundlach farblich aufgewertet hat.<\/p>\n<p>Das Bild der Frau in der Modewelt<\/p>\n<p>Neben seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr \u201eFilm und Frau\u201c arbeitete der Fotograf auch f\u00fcr \u201eStern\u201c, \u201eQuick\u201c, \u201eTwen\u201c, \u201eBrigitte\u201c und andere Magazine. Ein festes Engagement bei der Lufthansa lehnte er ab, begleitete aber alle Er\u00f6ffnungsfl\u00fcge der neu erstandenen Nachkriegs-Fluggesellschaft fotografisch und lie\u00df sich in Meilen bezahlen. Von seinen Reisen brachte er Bilder mit, die vor spektakul\u00e4ren Kulissen entstanden waren \u2013 so schuf er Modefotos etwa in der frisch am Rei\u00dfbrett erschaffenen Planhauptstadt Bras\u00edlia oder in den Ruinen der Inka-Stadt Machu Picchu. Er reiste unter anderem nach Tokio und Hongkong, besuchte sogar eine Lepra-Station in Thailand, b\u00fcndelte seine Auftr\u00e4ge, nutzte Fotos mehrfach: \u201eEr hat konsequent Synergien gebildet in seiner Arbeit\u201c, erkl\u00e4rt Opitz.<\/p>\n<p>Auch um das Bild der Frau, das durch die Sehgewohnheiten pr\u00e4genden Modefotografie transportiert wird, geht es in der Schau immer wieder. So fotografierte Gundlach 1965 die Bildstrecke \u201eMein Tag mit Nerz\u201c: Die Dame im Pelz tobt mit einem Kind im Schnee herum, l\u00e4sst ihr Auto betanken und kauft im Supermarkt ein \u2013 ist also in allen Lebensbereichen der damals modernen Frau edel gekleidet. Dem gegen\u00fcber steht das Farbportr\u00e4t, das Gundlach 1970 von Uschi Obermaier geschossen hat: Die ehemalige Kommunarde sitzt selbstbewusst im Bild und quetscht dabei drei \u201eRitas\u201c in den Hintergrund, das waren sexistische Plastikpuppen, die f\u00fcr die Getr\u00e4nkefirma Sinalco warben.<\/p>\n<p>Am Schluss ein Kapitel \u00fcber Berlin<\/p>\n<p>In die Sammlung Gundlachs, der f\u00fcr alles offen war, zogen au\u00dferdem Werke von Fotografinnen ein, die sich von \u00fcberkommenen Sch\u00f6nheitsidealen gel\u00f6st hatten: So verwandelt Cindy Sherman ein Fotomodell in eine kaputte Schaufensterpuppe, an der das elegante Kleid nicht optimal zur Geltung kommt. Einen wichtigen Bereich stellen auch die Fotos queerer K\u00fcnstler dar, etwa der Fotografen David Armstrong und Mark Morrisroe. Gundlach trug ein Bildarchiv \u00fcber die Wahrnehmung von K\u00f6rperlichkeit zusammen, obwohl er in einer Gesellschaft lebte, in der er seine Homosexualit\u00e4t lange nicht leben konnte: \u201eDas pr\u00e4gte ihn und spiegelt sich auch in seiner progressiven Sammlung\u201c, sagt Mecklenburg.<\/p>\n<p>Der thematisch und geografisch geordnete Rundgang endet mit einem Kapitel \u00fcber Berlin, der Stadt, in der Gundlach in den 1980er-Jahren eine Professur an der Hochschule der K\u00fcnste antrat \u2013 und in der er schon als junger Mann fotografiert und markante Bauten wie den Funkturm oder das Brandenburger Tor in seine Modefotos integriert hat.<\/p>\n<p>Bucerius Kunst Forum: \u201eF. C. Gundlach. You\u2018ll Never Watch Alone\u201c, 8. Mai bis 16. August<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Bucerius Kunst Forum w\u00fcrdigt im Rahmen der Triennale der Photographie deren Gr\u00fcnder im Jahr seines 100. 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