{"id":119056,"date":"2026-05-11T09:22:13","date_gmt":"2026-05-11T09:22:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/119056\/"},"modified":"2026-05-11T09:22:13","modified_gmt":"2026-05-11T09:22:13","slug":"wie-ein-junger-mann-mit-paranoider-schizophrenie-lebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/119056\/","title":{"rendered":"Wie ein junger Mann mit paranoider Schizophrenie lebt"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Messer waren f\u00fcr ihn fr\u00fch ein rotes Tuch. Schon als Bub im Grundschulalter. Es gab bei ihm daheim gepunktete und einfarbige, erz\u00e4hlt er. Ertragen habe er Messer am Esstisch aber nur, wenn entweder alle gepunktet waren oder alle einfarbig. Gemischt gedeckt, ging f\u00fcr ihn nicht. Er musste den Tisch verlassen. Rasch. Er raste dann immer aufs Klo. Oft dreimal w\u00e4hrend einer Mahlzeit. <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/schwabmuenchen\/frau-aus-zusmarshausen-berichtet-von-ihrem-leiden-mit-der-krankheit-schizophrenie-112959863\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Zu gef\u00e4hrlich waren die Gedanken, die in seinem Kopf zu kreisen begannen,<\/a> zu gro\u00df die Panik, die in ihm anwuchs: Einer aus seiner Familie, seine kleine Schwester, sein j\u00fcngerer Bruder, seine Mutter, der Vater, einer k\u00f6nnte eines der Messer nehmen und ihn damit t\u00f6ten.\n  <\/p>\n<p>            Ein nicht ausgetrunkenes Glas, ein falsch stehender Stuhl konnten ihn in Panik versetzen<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Auch ein nicht ganz ausgetrunkenes Glas Wasser, ein Stuhl, der nicht im f\u00fcr ihn korrekten Abstand zum Tisch stand, eine f\u00fcr ihn nicht passend dastehende Playmobilfigur konnten pl\u00f6tzlich diese Panik in ihm ausl\u00f6sen. Doch nie \u2013 das ist ihm wichtig, \u201ewirklich nie hatte ich den Gedanken oder eine Stimme in mir, dass ich andere t\u00f6ten soll\u201c. Er sei keine Gefahr f\u00fcr andere, \u201evor allem bin ich eine Gefahr f\u00fcr mich\u201c. Denn er habe schon \u00f6fter versucht, sich das Leben zu nehmen.\n  <\/p>\n<p>\u201eAuch in der psychiatrischen Klinik habe ich erlebt, dass Menschen, die selbst psychisch krank sind, mit mir nicht mehr an einem Tisch sitzen wollten.\u201c<\/p>\n<p class=\"font-sans text-xs leading-xs md:text-m md:leading-xs lg:text-l lg:leading-xs\">\n      Junger Mann, der an paranoider Schizophrenie erkrankt ist\n    <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Seine Geschichte erz\u00e4hlt er hier nur, weil er wei\u00df, mit wie vielen Vorurteilen seine Krankheit verbunden ist und er zur Aufkl\u00e4rung beitragen m\u00f6chte. Er will aber anonym bleiben. Der heute 25-J\u00e4hrige leidet an paranoider Schizophrenie. Seine jahrelangen K\u00e4mpfe in seinem Kopf sieht man ihm nicht an. Wer ihn trifft, der begegnet einem gro\u00df gewachsenen, schlanken, mit T-Shirt und Sakko in l\u00e4ssigem Chic gekleideten jungen Mann mit einem sehr freundlichen, zugewandten und offenen Auftreten. Doch er hat lernen m\u00fcssen, wem er von seiner Krankheit erz\u00e4hlt und wem nicht. \u201eDenn viele weichen sofort richtig k\u00f6rperlich zur\u00fcck, wenn sie von meiner Diagnose erfahren. Auch in der psychiatrischen Klinik habe ich erlebt, dass Menschen,<a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/depression-wem-sage-ich-dass-ich-psychisch-krank-bin-ulmer-programm-hilft-113207080\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\"> die selbst psychisch krank sind, etwa an Depressionen leiden,<\/a> mit mir nicht mehr an einem Tisch sitzen wollten, nachdem sie erfahren haben, was ich habe.\u201c\n  <\/p>\n<p>            Er war ein stilles Kind, das in der Schule gute Noten schrieb<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    F\u00fcr ihn sei die Diagnose eine Erleichterung gewesen. Sie wurde erst gestellt, als er schon 20 war. Seinen Eltern macht er keinen Vorwurf: \u201eIch bin in einer Bilderbuchfamilie aufgewachsen\u201c, erz\u00e4hlt er, \u201edas Problem war nur mein Kopf.\u201c Nat\u00fcrlich sei seinen Eltern fr\u00fch aufgefallen, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. \u201eSie haben sich furchtbar viele Sorgen gemacht. Doch ich konnte als Kind nicht \u00fcber meine Gedanken sprechen. Mit mir war \u00fcberhaupt nicht gut zu reden.\u201c Er sei ein ausgesprochen stilles und zur\u00fcckgezogenes Kind gewesen. Ein Kind, das immer erst zu spielen begonnen hat, wenn die anderen weg waren. Ein Kind, das in der Schule keine Probleme machte, sondern gute Noten schrieb.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    In der Pubert\u00e4t seien seine Zw\u00e4nge aber immer qu\u00e4lender geworden. \u201eMit 14 habe ich begonnen, mich zu ritzen. Denn nur im Schmerz konnte ich das Chaos in meinem Kopf noch ertragen.\u201c Als auch das nicht mehr reichte, \u201ehabe ich zum Kiffen angefangen\u201c. Er musste sich in der Schule immer h\u00e4ufiger krankmelden. R\u00fcckblickend sagt er: \u201eIch habe den Druck vor dem Abi nicht mehr ausgehalten.\u201c Zumal seine psychischen Sch\u00fcbe nicht nachlie\u00dfen: \u201eIch dachte oft, ich bin Teil eines Experiments. Alle sind gegen mich, dieser Verfolgungswahn wurde immer abstruser.\u201c Dann kam er endlich zu einem Kinder- und Jugendpsychiater. Der empfahl einen Klinikaufenthalt. Doch in der psychosomatischen Klinik habe man ihm nicht gut helfen k\u00f6nnen. <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/neuburg\/paranoide-schizophrenie-und-straftaten-ein-experte-klaert-auf-111005170\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Wieder zu Hause h\u00e4tten seine Eltern im Arztbrief gelesen, dass der Verdacht bestehe, er leide an Schizophrenie<\/a>. \u201eDas war f\u00fcr meine Eltern ein Schock.\u201c\n  <\/p>\n<p>            Er wusste: Entweder sie retten ihn im BKH oder er nimmt sich das Leben<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Zumal es ihm immer schlechter ging: \u201eIch habe noch gehofft, das Abi zu schaffen, aber das hat leider nicht mehr geklappt.\u201c Die psychotischen Phasen seien krasser geworden. St\u00e4ndig sei er \u00fcberzeugt davon gewesen, \u00fcberwacht, verfolgt, vergiftet zu werden. \u201eMein Inneres war ein Schlachtfeld.\u201c Nur Monate nach der psychosomatischen Klinik sei er freiwillig ins BKH nach Augsburg gegangen. \u201eIch wusste: Entweder ich werde dort gerettet oder ich bring mich um. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.\u201c\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/psychiater-interview-warum-dauert-der-genesungsprozess-bei-psychischen-erkrankungen-oft-so-lange-113205093\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Die Diagnose paranoide Schizophrenie sei dort best\u00e4tigt worden<\/a>. \u201eZum ersten Mal habe ich mich dort gesehen gef\u00fchlt\u201c, sagt er. \u201eZum ersten Mal bekam ich Medikamente, die mir geholfen haben. Und mir wurde erkl\u00e4rt, dass ich mit dieser Erkrankung gut leben kann, vorausgesetzt, ich nehme meine Medikamente.\u201c Auch lernte er auf Fr\u00fchwarnzeichen zu achten, etwa, wenn er nicht schlafen will, beziehungsweise kann, wenn er gro\u00dfen Stress sp\u00fcrt. Au\u00dferdem sei er seitdem in ambulanter Behandlung: Er gehe regelm\u00e4\u00dfig zu CAP. Die Abk\u00fcrzung steht f\u00fcr Cannabis und Psycho Augsburg (CaP) und ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Klinik f\u00fcr Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (BKH) sowie Condrobs Augsburg f\u00fcr junge Erwachsene.\n  <\/p>\n<p>            Selbst sein Chef, der ihn kannte, reagierte auf die Diagnose sichtlich erschrocken<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Er absolvierte eine sogenannte gesch\u00fctzte Ausbildung f\u00fcr psychisch kranke Menschen bei einem Bildungstr\u00e4ger. Dort arbeitet er nun als Kaufmann f\u00fcr B\u00fcromanagement. Dass selbst sein Chef, der ihn bereits gut kannte, sichtlich erschrocken war, als er ihm seine Diagnose erz\u00e4hlte, ersch\u00fctterte ihn tief. Daf\u00fcr habe er bei seiner Freundin erleben d\u00fcrfen, wonach er sich so sehnt: Er h\u00e4lt kurz inne, bevor er weiterreden kann. Steht auf. Denn er kann die Tr\u00e4nen nicht mehr zur\u00fcckhalten, so sehr r\u00fchrt ihn noch heute ihre Reaktion. Sie habe zu ihm gesagt, als er ihr von seiner Erkrankung erz\u00e4hlt hat und unsicher war, ob sie dann \u00fcberhaupt noch mit ihm zusammen sein will: \u201eAber ich liebe dich doch als Mensch.\u201c\n  <\/p>\n<p>    Hilfe<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Haben Sie selbst suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei Angeh\u00f6rigen\/Bekannten festgestellt? Hier wird Ihnen geholfen: Die Krisendienste Bayern\u00a0erreichen Sie rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer\u00a00800 \/ 655 3000. Die\u00a0Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei zu erreichen unter 0800\/1110111, 0800\/1110222 oder 116123, per E-Mail und Chat online.telefonseelsorge.de<br \/>Menschen mit einer psychischen Erkrankung, die vor der Frage stehen, wem sie von ihrer Erkrankung erz\u00e4hlen und wem nicht, bietet das Programm \u201eIn W\u00fcrde zu sich stehen\u201c Unterst\u00fctzung an. Mehr Infos unter <a href=\"https:\/\/www.iwsprogramm.org\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" class=\"underline \">www.iwsprogramm.org<\/a>\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Messer waren f\u00fcr ihn fr\u00fch ein rotes Tuch. Schon als Bub im Grundschulalter. 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