{"id":120681,"date":"2026-05-12T12:54:11","date_gmt":"2026-05-12T12:54:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/120681\/"},"modified":"2026-05-12T12:54:11","modified_gmt":"2026-05-12T12:54:11","slug":"die-personenfreizuegigkeit-war-ein-wachstumsmotor-mit-nebenwirkungen-kof-institut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/120681\/","title":{"rendered":"\u00abDie Personenfreiz\u00fcgigkeit war ein Wachstumsmotor \u2013 mit Nebenwirkungen\u00bb \u2013 KOF Institut"},"content":{"rendered":"<p>Blicken wir nach vorne: Angenommen, die\u00a0\u00ab10-Millionen-Schweiz\u00bb-Initiative wird angenommen. Wann w\u00fcrden wir die Folgen sp\u00fcren?<\/p>\n<p>Siegenthaler:\u00a0Die Effekte w\u00fcrden schneller eintreten, als viele denken. Schon die Annahme w\u00fcrde Unsicherheit schaffen. Unternehmen planen langfristig \u2013 wenn sie bef\u00fcrchten m\u00fcssen, k\u00fcnftig keine Fachkr\u00e4fte mehr zu finden oder der Zugang zum EU-Markt unsicher wird, reagieren sie sofort. Das k\u00f6nnte bedeuten, dass Investitionen verschoben oder Standorte \u00fcberdacht werden.<\/p>\n<p>Droht tats\u00e4chlich eine Abwanderung von Unternehmen \u2013 oder ist das eine Drohkulisse?<\/p>\n<p>Siegenthaler:\u00a0Das ist kein rein hypothetisches Szenario. Bereits nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative haben wir gesehen, dass Unternehmen Investitionen aufgeschoben haben. Wenn die Personenfreiz\u00fcgigkeit und damit potenziell auch die bilateralen Vertr\u00e4ge wegfallen, w\u00e4re das ein erheblicher Standortnachteil.<\/p>\n<p>Beerli:\u00a0Man k\u00f6nnte das auch als Umkehr der Firmenansiedlungen sehen, die wir als Folge der Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit gesehen haben.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Und was geschieht mit den L\u00f6hnen: w\u00fcrden diese steigen aufgrund des knapperen Angebots an Fachkr\u00e4ften?\u00a0<\/p>\n<p>Beerli:\u00a0Da muss man differenzieren. In einigen Branchen k\u00f6nnten sie sinken, weil produktive Firmen, die heute Lohnvorreiter sind, das Land verlassen. In lebenswichtigen Bereichen hingegen \u2013 wie in der Landwirtschaft, im Baubereich, im Gastgewerbe oder in der Pflege \u2013 d\u00fcrften die L\u00f6hne steigen. Aber wichtig: steigende L\u00f6hne bedeuten oft auch steigende Preise. Diese Produkte und Dienstleistungen w\u00fcrden teurer. Es ist daher unklar, ob auch die realen L\u00f6hne\u00a0steigen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte die Schweiz den R\u00fcckgang der Zuwanderung nicht durch mehr inl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte kompensieren?<\/p>\n<p>Beerli:\u00a0Das w\u00fcrde nicht ausreichen. Selbst wenn mehr Frauen Vollzeit arbeiten oder wenn alle bis 70 im Erwerbsleben bleiben, wird das die demografische Entwicklung nicht vollst\u00e4ndig kompensieren. Wir steuern auf eine Situation zu, in der das inl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fteangebot strukturell sinkt. Ohne Zuwanderung wird es schwierig, dieses Defizit auszugleichen.<\/p>\n<p>Ohne Personenfreiz\u00fcgigkeit m\u00fcsste die Schweiz die Zuwanderung neu regeln. Welche Alternativen gibt es?<\/p>\n<p>Siegenthaler:\u00a0Es gibt verschiedene Modelle \u2013 etwa Punktesysteme oder Kontingente. In der Praxis sind diese aber weniger effizient. Sie sind b\u00fcrokratischer, weniger flexibel und reagieren langsamer auf die Bed\u00fcrfnisse des Arbeitsmarkts. Wozu ein Punktesystem f\u00fchren kann, zeigt sich jetzt gerade im Vereinigten K\u00f6nigreich. Seit dem Brexit hat man dort mehr statt weniger Zuwanderung. Auch die Qualifikationsstruktur der Zugewanderten hat sich unvorteilhaft entwickelt, mitunter weil die Zugewanderten vermehrt von ausserhalb der EU kommen. Gleichzeitig musste die britische Regierung die Bildungsanforderungen im Punktesystem senken, weil viele Sektoren, die auf mittelqualifizierte Fachkr\u00e4fte angewiesen sind, aufgrund der Zuwanderungsbeschr\u00e4nkungen mit der EU Personalengp\u00e4sse verzeichneten.\u00a0<\/p>\n<p>Ist es denkbar, dass diese Debatte eigentlich obsolet ist, weil wir aufgrund der KI-Revolution auf dem Arbeitsmarkt k\u00fcnftig viel weniger Zuwanderung ben\u00f6tigen?\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Siegenthaler:\u00a0Das\u00a0ist relativ unplausibel, da viele Berufe im Arbeitsmarkt trotz KI sehr relevant bleiben werden. Eine aktuelle\u00a0KOF-Studie\u00a0gibt aber erste Hinweise darauf, dass KI tats\u00e4chlich bestimmte T\u00e4tigkeiten ersetzt und\u00a0gewisse Berufe unter Druck geraten. Aber noch ist unklar, ob es sich dabei um einen vor\u00fcbergehenden Effekt oder um eine strukturelle Entwicklung handelt.\u00a0\u00c4hnlich\u00a0beunruhigend wie\u00a0\u00a0allf\u00e4llige Verdr\u00e4ngungseffekte durch Roboter sind derzeit allerdings die Folgen des demographischen Wandels.<\/p>\n<p>Inwiefern?<\/p>\n<p>Beerli:\u00a0Aufgrund des demografischen Wandels wird das Arbeitskr\u00e4fteangebot in der Schweiz strukturell sinken. Und in 15 bis 20 Jahren werden wir eine ganz andere Bev\u00f6lkerungsdebatte f\u00fchren: jene einer schrumpfenden Bev\u00f6lkerung, wie sie in Japan oder Korea heute schon existieren. Das bedeutet dann: weniger Betriebe, weniger Investitionen und ein schmerzhafter Strukturwandel. Dann kommt es zu Desinvestitionen, 5% weniger Stellen pro Jahr, sinkenden H\u00e4userpreisen. Im Vergleich dazu sind die heutigen Zuwanderungs-Schmerzen\u00a0verkraftbar.<\/p>\n<p>Gegner der 10-Millionen-Schweiz-Initiative sprechen von einer\u00a0\u00abChaos-Initiative\u00bb. Ist das aus \u00f6konomischer Sicht berechtigt \u2013 oder eher Angstmacherei?<\/p>\n<p>Siegenthaler:\u00a0Die letzten 20 Jahre zeigen, dass die Offenheit des Arbeitsmarkts\u00a0\u00a0volkswirtschaftlich ein zentraler Wachstumsmotor war mit einigen Nebenwirkungen. Eine starke Begrenzung der Zuwanderung w\u00fcrde dieses Modell infrage stellen &#8211; kurzfristig durch Unsicherheit und langfristig durch geringeres Wachstum und st\u00e4rkeren Druck durch den demografischen Wandel. Eigentlich br\u00e4uchte die Schweiz in Zukunft m\u00f6glichst viel Flexibilit\u00e4t in Sachen Zuwanderung. Mit der 10-Millionen-Obergrenze geschieht jedoch genau das Gegenteil: wir w\u00fcrden uns freiwillig Handschellen anlegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Blicken wir nach vorne: Angenommen, die\u00a0\u00ab10-Millionen-Schweiz\u00bb-Initiative wird angenommen. Wann w\u00fcrden wir die Folgen sp\u00fcren? 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