{"id":123381,"date":"2026-05-14T10:44:13","date_gmt":"2026-05-14T10:44:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/123381\/"},"modified":"2026-05-14T10:44:13","modified_gmt":"2026-05-14T10:44:13","slug":"verdis-forza-entzweit-bern-wenn-bei-der-oper-das-feuilleton-mehr-zaehlt-als-ein-gluecklicher-besucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/123381\/","title":{"rendered":"Verdis \u00abForza\u00bb entzweit Bern &#8211; Wenn bei der Oper das Feuilleton mehr z\u00e4hlt als ein gl\u00fccklicher Besucher"},"content":{"rendered":"<p>Verdis \u00abForza\u00bb entzweit Bern | 7. Mai 2026<\/p>\n<p>Das Feuilleton jubelt, das Stammpublikum flieht, und die Politik beginnt zu rechnen. Wer heute die Bilanzen der grossen Opernh\u00e4user in Deutschland und der Schweiz liest, blickt in einen Spiegel der gezielten Selbstt\u00e4uschung. W\u00e4hrend Fachmagazine wie die \u00abOpernwelt\u00bb intellektuelle Dekonstruktion als notwendige Reibung pr\u00e4mieren, findet an der Abendkasse eine Erosion statt, die das Genre seine Existenz kosten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"ptimg typ_foto\" id=\"img_1201n8ec\" data-mediamode=\"16\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/gosimg10FM02c001d5808080b300001201n8ec.jpg\" data-mediacode=\"gosimg00WE0bb807d08080800000001201n8ec.jpg\" style=\"width:704px;height:469px;\" alt=\"Dekonstruktive Lesarten wie diejenige von Julia Lwowski zu Giuseppe Verdis Opus \u00abLa forza del destino\u00bb am Stadttheater Bern spalten das Publikum.\"\/><\/p>\n<p>Dekonstruktive Lesarten wie diejenige von Julia Lwowski zu Giuseppe Verdis Opus \u00abLa forza del destino\u00bb am Stadttheater Bern spalten das Publikum.Fotos: Florian Spring<\/p>\n<p class=\"pg\">Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gef\u00e4lscht hast, heisst es im Volksmund. Gef\u00e4lscht w\u00e4re nun im Bereich von Zuschauerzahlen im Theater \u00fcbertrieben, doch getrickst wird auf jeden Fall. Besetzte Pl\u00e4tze bedeuten nicht, dass sie auch ad\u00e4quat bezahlt sind. Honi soit qui mal y pense \u2013 Ein Schelm, wer B\u00f6ses dabei denkt.<\/p>\n<p>Freikarten f\u00fcr Gefl\u00fcchtete<\/p>\n<p class=\"pg\">Offizielle Besucherzahlen sind zur W\u00e4hrung der Existenzberechtigung in der Kulturszene geworden, doch sie verschleiern mitunter die \u00f6konomische Realit\u00e4t. In Metropolen wie Berlin wird die Auslastung durch ein Heer von \u00abSubventionsnomaden\u00bb gest\u00fctzt. Freikarten f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und 15-Euro-Tickets f\u00fcr Studenten f\u00fcllen zwar die R\u00e4nge, doch sie ruinieren gleichzeitig den Deckungsgrad.<\/p>\n<p class=\"zitat\">Um den Verlust eines einzigen Stammgastes, der wegen einer misslungenen Inszenierung wegbleibt und zuvor 150 Euro beziehungsweise 150 Franken zahlte, zu kompensieren, m\u00fcssen zehn rabattierte Neukunden gewonnen werden<\/p>\n<p>Die Verj\u00fcngung des Publikums kostet<\/p>\n<p class=\"pg\">Das \u00f6konomische Gesetz ist simpel: Um den Verlust eines einzigen Stammgastes, der wegen einer misslungenen Inszenierung wegbleibt und zuvor 150 Euro, beziehungsweise 150 Franken zahlte, zu kompensieren, m\u00fcssen zehn rabattierte Neukunden gewonnen werden. Statistisch ist der Saal zwar \u00abvoll\u00bb, finanziell ist er im schlimmsten Fall ein Sanierungsfall oder er wird es mit der Zeit. Man erkauft sich eine optische Verj\u00fcngung durch den Verzicht auf wirtschaftliche Substanz. Doch wie lange geht dieses Spiel weiter? In Deutschland ist die Situation prek\u00e4r (siehe Kasten).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"ptimg typ_foto\" id=\"img_1201mt9h\" data-mediamode=\"16\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/gosimg10QA015a0207808080b300001201mt9h.jpg\" data-mediacode=\"gosimg00KI08550c808080800000001201mt9h.jpg\" style=\"width:346px;height:519px;\" alt=\"B\u00fchnen Bern startete die aktuelle Saison im Musiktheater mit einer v\u00f6llig entkoppelten Version von Puccinis Werk \u00abManon Lescaut\u00bb.\"\/><\/p>\n<p>B\u00fchnen Bern startete die aktuelle Saison im Musiktheater mit einer v\u00f6llig entkoppelten Version von Puccinis Werk \u00abManon Lescaut\u00bb.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"ptimg typ_foto\" id=\"img_1201mt9f\" data-mediamode=\"16\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/gosimg10QG015a0207808080b300001201mt9f.jpg\" data-mediacode=\"gosimg00Ky08550c808080800000001201mt9f.jpg\" style=\"width:346px;height:519px;\" alt=\"Die Inszenierung von Anna Bergmann erhielt von den regionalen Medien schlechte Kritiken, w\u00e4hrend das Feuilleton jubelte.\"\/><\/p>\n<p>Die Inszenierung von Anna Bergmann erhielt von den regionalen Medien schlechte Kritiken, w\u00e4hrend das Feuilleton jubelte.<\/p>\n<p>Bern und Basel: Ein Schweizer Lehrst\u00fcck<\/p>\n<p class=\"pg\">Die Schweiz liefert das Labor f\u00fcr dieses Dilemma. In Basel unter Benedikt von Peter wird das Musiktheater zum Hochamt des Experiments \u2013 mit fatalen Folgen. Gem\u00e4ss dem Gesch\u00e4ftsbericht 2023\/24 lag die Auslastung der Opernsparte bei 66,2 Prozent, jene der Grossen B\u00fchne isoliert sogar nur bei rund 61,6 Prozent (Spielzeit 2022\/23) \u2013 kein \u00e4sthetisches Statement, sondern ein Politikum. Charakteristisch f\u00fcr den Kurs ist dabei eine schleichende Verschiebung: Klassische Opernwerke treten zunehmend zugunsten von \u00abMusiktheater\u00bb-Projekten zur\u00fcck, die oft weiter vom tradierten Repertoire entfernt sind. Wenn politische Kr\u00e4fte die Subventionen hinterfragen \u2013 wie es in Baselland bereits mehrfach geschehen ist \u2013 brennt die Lunte am Fundament. Ein Haus, das die \u00abb\u00fcrgerliche Mitte\u00bb verliert, verliert seine demokratische Legitimation.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"ptimg typ_foto\" id=\"img_1201ls00\" data-mediamode=\"16\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/gosimg100E02c001d5808080b300001201ls00.jpg\" data-mediacode=\"gosimg00NY12c00c808080800000001201ls00.jpg\" style=\"width:704px;height:469px;\" alt=\"Anfang Mai 2024 war Operndirektor Rainer Karlitschek (links) Gast von Kulturredaktor Peter W\u00e4ch im Talkformat \u00abZ\u00e4me im Z\u00e4ntrum\u00bb der Plattform J.\"\/><\/p>\n<p>Anfang Mai 2024 war Operndirektor Rainer Karlitschek (links) Gast von Kulturredaktor Peter W\u00e4ch im Talkformat \u00abZ\u00e4me im Z\u00e4ntrum\u00bb der Plattform J.Foto: Max Hutmacher<\/p>\n<p>Ist \u00abJesus Christ Superstar\u00bb eine Oper?<\/p>\n<p class=\"pg\">In Bern hingegen herrscht unter Florian Scholz und seinem Operndirektor Rainer Karlitschek die Kunst der statistischen Mimikry. Man rettet die Quote durch \u00abEventisierung\u00bb. Wenn die \u00e4usserst erfolgreiche Produktion \u00abJesus Christ Superstar\u00bb unter dem Label \u00abOper\u00bb l\u00e4uft, ist das Etikettenschwindel zur Sicherung der Subventionsbeitr\u00e4ge. Den eigentlichen Geldregen bringt dann eine konventionelle \u00abZauberfl\u00f6te\u00bb aus dem Haus in Klagenfurt, die in Bern mehrfach in die Wiederaufnahme ging.<\/p>\n<p class=\"pg\">Ohne diesen \u00e4sthetischen Anker w\u00e4re das Budget f\u00fcr dekonstruktive Experimente l\u00e4ngst im Minus. In Bern wird die Oper also etwas \u00abfrisiert\u00bb, um den Schein der Relevanz zu wahren. Dazu dienen auch sparten\u00fcbergreifende Projekte wie \u00abDido and Aeneas\u00bb mit dem Tanzensemble. Letzteres ist in Bern ein Garant f\u00fcr ein volles Haus.<\/p>\n<p class=\"zitat\">Wenn die \u00e4usserst erfolgreiche Produktion \u00abJesus Christ Superstar\u00bb unter dem Label \u00abOper\u00bb l\u00e4uft, ist das Etikettenschwindel zur Sicherung der Subventionsbeitr\u00e4ge<\/p>\n<p>Z\u00fcrich: Matthias Schulz im Spagat<\/p>\n<p class=\"pg\">Auch in Z\u00fcrich muss sich Matthias Schulz erst noch beweisen. Sein Einstand mit einer Fledermaus, in der die Kult-Figur des Frosch durch drei mythologische Nornen (und Texte der Kabarettistin Patti Basler) ersetzt wurde, sorgte bereits f\u00fcr Debatten im Stammpublikum \u2013 ein riskantes Spiel mit der Tradition in einer Stadt, die auf Sponsoren angewiesen ist. Die Verpflichtung von Julia Lwowski f\u00fcr Donizettis \u00abL\u2019elisir d\u2019amore\u00bb (Premiere April 2027) wirkt wie ein Spiel mit dem Feuer: Lwowski dekonstruiert aktuell in Bern Verdis \u00abForza\u00bb so radikal, dass sie weite Teile des Publikums verst\u00f6rt zur\u00fcckl\u00e4sst (<a class=\"pt\" href=\"https:\/\/www.plattformj.ch\/artikel\/242698\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die Plattform J berichtete<\/a>). Wer solche Handschriften in das Belcanto-Repertoire Z\u00fcrichs tr\u00e4gt, riskiert, die zahlungskr\u00e4ftige Klientel nachhaltig zu verprellen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"ptimg typ_foto\" id=\"img_1201n8eg\" data-mediamode=\"16\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/gosimg10FQ02c001d5808080b300001201n8eg.jpg\" data-mediacode=\"gosimg00WI0bb807d08080800000001201n8eg.jpg\" style=\"width:704px;height:469px;\" alt=\"Verst\u00f6rende Bildgewalt von Regissuerin Lwowski f\u00fcr Verdis gewaltige \u00abForza\u00bb in Bern: Christian Valle als Padre Guardino und Caterina Marchesini als Leonora.\"\/><\/p>\n<p>Verst\u00f6rende Bildgewalt von Regissuerin Lwowski f\u00fcr Verdis gewaltige \u00abForza\u00bb in Bern: Christian Valle als Padre Guardino und Caterina Marchesini als Leonora.<\/p>\n<p>Die Star-Blockade und das Schweigen der B\u00fchne<\/p>\n<p class=\"pg\">Ein oft verschwiegener Aspekt ist der Qualit\u00e4tsverlust. Weltstars wie Benjamin Bernheim oder Anna Netrebko meiden H\u00e4user, in denen sie gegen die Logik der Partitur in M\u00fcllcontainern singen m\u00fcssen. Wer radikal dekonstruiert, bekommt keine Weltklasse-Stimmen mehr und im Hinblick auf Bern vielleicht auch keine Sprungbrett-K\u00fcnstler mehr. Das Ensemble beklagt sich hinter vorgehaltener Hand \u00fcber die Konzepte, die Solisten schweigen f\u00fcr die Karriere, die an relevanteren H\u00e4usern weitergeht. Das Publikum merkt den Unterschied: Man zahlt keine Premium-Preise f\u00fcr zweitklassige Besetzungen in erstklassig-h\u00e4sslichen Kulissen.<\/p>\n<p>Italien als Korrektiv des Marktes<\/p>\n<p class=\"pg\">In Italien verhindert der finanzielle Druck den deutschen Wahnsinn \u00abRegietheater\u00bb. Da Sponsoren aus der Luxusindustrie eine tragende Rolle spielen, herrscht ein Diktat der \u00c4sthetik. Ein Sponsor will Sch\u00f6nheit und Repr\u00e4sentation, keine ideologisch gef\u00e4rbte Schlachtplatte. Das mag konservativ wirken, sichert aber das \u00dcberleben des Genres als popul\u00e4re Kunstform, w\u00e4hrend es im Norden zur hermetischen Nische f\u00fcr eine winzige, subventionierte Elite verkommt. Heute ist man mit der schnellsten Verbindung von Bern nach Mailand in etwas mehr als drei Stunden an der Scala f\u00fcr ein Opernerlebnis.<\/p>\n<p class=\"zitat\">Wenn die Oper nur noch f\u00fcr Fachmedien wie \u00abOpernwelt\u00bb und in steigendem Masse f\u00fcr \u00abStudierende\u00bb spielt, s\u00e4gt sie den Ast ab, auf dem sie sitzt<\/p>\n<p>Der Preis der Arroganz<\/p>\n<p class=\"pg\">In Deutschland und Frankreich ist das Theatersterben in der Fl\u00e4che bereits Realit\u00e4t. Kleinere H\u00e4user stehen vor der Abwicklung, weil die Schere zwischen steigenden Kosten und Netto-Erl\u00f6sen nicht mehr schliessbar ist. Wenn die Oper nur noch f\u00fcr Fachmedien wie \u00abOpernwelt\u00bb und in steigendem Masse f\u00fcr neudeutsch \u00abStudierende\u00bb spielt, s\u00e4gt sie den Ast ab, auf dem sie sitzt. Und Musicalproduktionen wie aktuell \u00abMamma Mia!\u00bb auf Schweizerdeutsch in der Maag-Halle in Z\u00fcrich brauchen definitiv keine Subventionen. F\u00fcr das hat es in Bern jetzt eine eigene Festhalle.<\/p>\n<p>Krise der deutschen Opernh\u00e4user<\/p>\n<p class=\"pg\">Finanzielle Notlage: Der Deutsche St\u00e4dtetag warnt vor fl\u00e4chendeckenden Schliessungen, da steigende Betriebskosten und kommunale Haushaltsl\u00f6cher die Finanzierung von rund 140 \u00f6ffentlich getragenen H\u00e4usern gef\u00e4hrden (Quelle: Deutscher St\u00e4dtetag, 2024).<\/p>\n<p class=\"pg\">Wirtschaftlicher Druck: Die Eigenkapitalquote vieler H\u00e4user ist gering; oft werden weniger als 20 Prozent der Kosten durch Ticketverk\u00e4ufe gedeckt, was die Institute extrem abh\u00e4ngig von staatlichen Zusch\u00fcssen macht (Quelle: Deutscher B\u00fchnenverein, Theaterstatistik 2022\/23).<\/p>\n<p class=\"pg\">Publikumsschwund durch \u00c4sthetik: Umstrittene moderne Regie-Interpretationen f\u00fchren laut Kritikern zu einer Entfremdung vom Stammpublikum und gef\u00e4hrden die Auslastung, w\u00e4hrend die Gesamtzuschauerzahl seit den 1960er-Jahren massiv gesunken ist (Quelle: FAZ \/ Studie \u00abPublikumserwartungen im Musiktheater\u00bb).<\/p>\n<p class=\"pg\">Sanierungsstau: Ein Investitionsstau in Milliardenh\u00f6he, insbesondere bei Grossbauten in Berlin und Stuttgart, versch\u00e4rft die Debatte um die Existenzberechtigung kostenintensiver Hochkultur (Quelle: Bundesrechnungshof \/ Landesrechnungshof BW).<\/p>\n<p class=\"pg\">Warnungen vor dem \u00abTheatersterben\u00bb<\/p>\n<p class=\"pg\">Der Deutsche St\u00e4dtetag warnte Ende 2025 unter Pr\u00e4sident Burkhard Jung explizit davor, dass die St\u00e4dte bei ausbleibender finanzieller Entlastung durch Bund und L\u00e4nder zunehmend Leistungen k\u00fcrzen oder einstellen m\u00fcssen \u2013 ausdr\u00fccklich auch im Kulturbereich. Eine spezifische Warnung vor dem Schliessen einzelner Theatergeb\u00e4ude wurde nicht formuliert, die strukturelle Bedrohung des Theaterwesens ist aber Teil dieser allgemeinen Alarmierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Verdis \u00abForza\u00bb entzweit Bern | 7. 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