{"id":13694,"date":"2026-02-20T22:13:07","date_gmt":"2026-02-20T22:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/13694\/"},"modified":"2026-02-20T22:13:07","modified_gmt":"2026-02-20T22:13:07","slug":"vatikan-wie-der-reichste-mensch-der-welt-die-schweizergarde-in-den-kirchenstaat-brachte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/13694\/","title":{"rendered":"Vatikan: Wie der reichste Mensch der Welt die Schweizergarde in den Kirchenstaat brachte"},"content":{"rendered":"<p>Als vor einem halben Jahrtausend Jakob Fugger in Augsburg starb, da schied der seinerzeit wohl reichste Mensch der Welt dahin. Von seinem gesch\u00e4ftlichen Wirken ist Gro\u00dfes \u00fcberliefert. \u00dcber sein Privatleben wird spekuliert.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Was heute Elon Musk, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos sind, das war einst Jakob Fugger. Nicht im damals gerade erst \u201eentdeckten\u201c Amerika lebte vor einem halben Jahrtausend einer der verm\u00f6gendsten Menschen der Erde, wenn nicht der Reichste \u00fcberhaupt, sondern mitten im alten Europa, in Augsburg. Von Schwaben aus machte der Kaufmann wirtschaftliche wie weltpolitische Winkelz\u00fcge. So s\u00e4he es ohne ihn im Vatikan heute wohl anders aus.<\/p>\n<p>Denn eines der Wahrzeichen dort ist die ber\u00fchmte Schweizergarde. Sie ist Fugger zu verdanken. \u00dcber seinen r\u00f6mischen Handelsposten wurden dem Kirchenstaat immer wieder Kredite vermittelt. \u201eMit einem dieser Darlehen wurden 1506 S\u00f6ldner aus der Schweiz als Leibgarde f\u00fcr Papst Julius II. angeworben\u201c, schreibt Karin Schneider-Ferber in ihrer Biografie \u201eJakob Fugger der Reiche. Kaufmann, Bankier, Kaisermacher\u201c (172 Seiten, Verlag Friedrich Pustet 2025). Die Schweizergarde existiert bis in die Gegenwart, 500 Jahre nach Fuggers Tod.<\/p>\n<p>Geboren wurde Jakob am 6. M\u00e4rz 1459 in Augsburg, als j\u00fcngster Sohn und vorletztes von elf Kindern. Den Vornamen teilte er sich mit dem Vater, einem Kaufmann, der erfolgreich das Hab und Gut seiner aufstrebenden Vorfahren vermehrt hatte. Die Mutter war die Tochter eines reichen M\u00fcnzmeisters. Keine schlechte Ausgangslage also f\u00fcr Jakob den J\u00fcngeren \u2013 jenen Fugger, der in seiner Familie zun\u00e4chst als Benjamin, als Kleinster, galt und sp\u00e4ter deren ber\u00fchmtester Spross werden sollte.<\/p>\n<p>Nach der Kindheit k\u00f6nnte f\u00fcr Fugger eine geistliche Laufbahn vorgesehen gewesen sein. 1471 erhielt er eine Chorherrenstelle in Franken. Die kirchliche Stelle bot eine Option auf die Zukunft, aber mehr auch nicht. 1473 ging Fugger nach Venedig.<\/p>\n<p>Wie lange er in der Handelsmetropole blieb, ist unklar. Gewiss ist, dass diese Zeit ihn pr\u00e4gte; er gewann Kenntnisse wie Kontakte. Dass seine Erinnerung an die venezianischen Jahre gut gewesen sein muss, bewies etwa seine Angewohnheit, auch in der schw\u00e4bischen Heimat eine vornehme goldene Brokatkappe zu tragen, die der venezianischen Mode entstammte. \u00c4hnlich l\u00e4sst sich Fuggers architektonisches Wirken deuten: In Augsburg lie\u00df er Heim und Handelssitz im Renaissancestil herrichten, analog zu italienischer Palazzo-Pracht.<\/p>\n<p>Dass er sich das leisten konnte, belegt den Aufstieg vom Benjamin zum Chef im Fugger&#8217;schen Familienunternehmen. Jakob hatte sich nach seiner Venedig-Zeit, also Ende des 15. Jahrhunderts, erfolgreich ins Bergbau-Business in Tirol gest\u00fcrzt. Von seinen Br\u00fcdern lebten damals noch zwei; sein Vater war schon 1469 gestorben. Gemeinsam leiteten die drei den Betrieb, der vom fr\u00fcheren Schwerpunkt Textilien in Richtung Montan- und Kreditgesch\u00e4ft ausgebaut wurde. Nach dem Tod von Georg 1506 und Ulrich 1510 sicherte sich Jakob gegen\u00fcber seinen Neffen die dominierende Stellung in der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Durch Macht- und Gesch\u00e4ftssinn in h\u00f6chste Kreise gelangt<\/p>\n<p>Eigene Kinder hatte Jakob wohl nicht, verheiratet war er schon. 1498 ehelichte er die etwa 20 Jahre j\u00fcngere Sibylla Artzt. Ob sie ihren Br\u00e4utigam aus Liebe heiratete oder nur \u2013 wie \u00fcblich \u2013 in eine arrangierte Ehe einwilligte, wei\u00df niemand zu sagen. Es gibt Annahmen, Fugger habe eine uneheliche Tochter gehabt. Beweise daf\u00fcr fehlen aber.<\/p>\n<p>Belegt indessen ist, dass Fugger durch seinen Macht- und Gesch\u00e4ftssinn in h\u00f6chste Kreise gelangte. Seine Finanzkraft war so stark, dass er Papst und Kaiser Geldspritzen gew\u00e4hren konnte. Fugger bot sodann auch die Kulisse f\u00fcr weltpolitische Vorg\u00e4nge: 1518 bezog der p\u00e4pstliche Legat Kardinal Thomas Cajetan in seinem Augsburger Stadtpalast Quartier, um <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article242058847\/Reformation-Zweifel-am-Geburtsdatum-Martin-Luthers.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article242058847\/Reformation-Zweifel-am-Geburtsdatum-Martin-Luthers.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Martin Luther<\/a> zu verh\u00f6ren. Der Reformator wiederum kritisierte Fugger f\u00fcr seinen Prunk und seine Verwicklung in den Ablasshandel.<\/p>\n<p>Fugger war klassisch romtreu. F\u00fcr den Vatikan interessierte er sich sehr \u2013 so sehr, dass er ihn vor allzu fantastischen Pl\u00e4nen des deutschen Kaisers Maximilian sch\u00fctzte. Dieser erwog 1511 w\u00e4hrend einer lebensgef\u00e4hrlichen Erkrankung von Julius II., sich selbst an die Kirchenspitze w\u00e4hlen zu lassen. Doch Fugger z\u00f6gerte die daf\u00fcr n\u00f6tigen Kreditverhandlungen einfach so lange hinaus, bis der Papst wieder genesen war.<\/p>\n<p>Andersherum lie\u00df Fugger sich Standeserh\u00f6hungen gew\u00e4hren: Maximilian ernannte ihn 1511 zum Freiherrn, 1514 stellte er ihn einem Reichsgrafen gleich und machte ihn zum kaiserlichen Rat. Auch verschaffte er Fugger Grundbesitz: Am Ende seines Lebens war der b\u00fcrgerliche Kaufmann Herr \u00fcber mehr als 50 D\u00f6rfer.<\/p>\n<p>Dieses Ende kam am 30. Dezember 1525. Fugger litt seit L\u00e4ngerem an einem Gew\u00e4chs am Bauch, wie es aus zeitgen\u00f6ssischer Quelle hei\u00dft. Was nicht endete, ist Fuggers Wirken. Drei Stiftungen existieren bis in die Gegenwart: die Familienkapelle in der Anna-Kirche und die Predigerstelle von Sankt Moritz, beides Gottesh\u00e4user in der Augsburger Innenstadt. <\/p>\n<p>Und dazu ebenfalls in Augsburg die Fuggerei, die heute als <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article235934608\/Fuggerei-Hier-kostet-eine-Wohnung-88-Cent-pro-Jahr.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article235934608\/Fuggerei-Hier-kostet-eine-Wohnung-88-Cent-pro-Jahr.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00e4lteste Sozialsiedlung der Welt<\/a> gilt. Sie ist eine ummauerte \u201eStadt in der Stadt\u201c im Zentrum Augsburgs. Rund 150 Menschen leben in 67 H\u00e4usern und 142 Wohnungen, verteilt auf acht Gassen. Das 15.000-Quadratmeter-Areal umfasst etwa eine Kirche und vier Museen, davon eines in einem Bunker; fr\u00fcher gab es auch eine Schule und eine Krankenstation. Finanziert wird die Fuggerei aus forstwirtschaftlichen Ertr\u00e4gen und Museumseintrittsgeldern.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bewohner gilt seit jeher: Sie m\u00fcssen in Augsburg wohnhaft, katholisch und bed\u00fcrftig sein. Die Jahreskaltmiete f\u00fcr eine Wohnung betr\u00e4gt t\u00e4glich drei Gebete (Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Ave Maria) und den Nominalwert eines Rheinischen Guldens, was einst etwa der Wochenlohn eines Handwerkers war \u2013 heute sind das 88 Cent. Hinzu kommen 88 Cent im Jahr f\u00fcr den Pfarrer sowie die Nebenkosten.<\/p>\n<p>Gedacht hatte Fugger die Einrichtung f\u00fcr arme, aber ehrbare (nicht bettelnde) Menschen \u2013 als Zwischenstation, um wieder auf die Beine zu kommen. Die ersten H\u00e4user standen bereits 1516. Fugger wollte seine Siedlung f\u00fcr die Ewigkeit angelegt wissen. Entsprechend wurde sie nach Verw\u00fcstungen im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und einer Zwei-Drittel-Zerst\u00f6rung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut.<\/p>\n<p>Zum 500. Geburtstag der Fuggerei 2021 teilte die Einrichtung mit, die Idee der Sozialsiedlung solle in die Welt hinaus getragen werden. Laut Fuggerei entstanden daraufhin in Sierra Leone und Litauen Sozialprojekte, die auf eigenst\u00e4ndigen Initiativen beruhen. Die Fuggerei verstehe sich dabei als ideeller Impulsgeber.<\/p>\n<p>Die Fugger sind in Augsburg seit 1367 nachgewiesen. Damals war in Hans Fugger (gestorben 1408\/09) der erste Vertreter der Familie in die Stadt gekommen, der Gro\u00dfvater des Fuggerei-Gr\u00fcnders. Zun\u00e4chst im Textilgewerbe t\u00e4tig, avancierten die Fugger ab 1494 zum zeitweise f\u00fchrenden Montan- und Finanzkonzern Europas. Sie finanzierten Kaiser und K\u00f6nige, zudem organisierten sie f\u00fcr einige P\u00e4pste in weiten Teilen des Kontinents den Ablasshandel und pr\u00e4gten M\u00fcnzen f\u00fcr sie. Mehrere Fugger wurden ferner Bisch\u00f6fe in Regensburg und Konstanz.<\/p>\n<p>Heute besteht die Familie in Schwaben in drei Linien. Es gibt die Grafen Fugger-Kirchberg, die F\u00fcrsten Fugger von Gl\u00f6tt und die ebenfalls gef\u00fcrsteten Fugger-Babenhausen. Das Geschlecht geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen Privatwaldbesitzern Deutschlands und bewirtschaftet \u00fcber Stiftungen rund 3200 Hektar Baumbestand.<\/p>\n<p>KNA\/mak<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als vor einem halben Jahrtausend Jakob Fugger in Augsburg starb, da schied der seinerzeit wohl reichste Mensch der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13695,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[3437,1845,5727,5728,42,40,5729,49,48,47],"class_list":{"0":"post-13694","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-augsburg","9":"tag-familie","10":"tag-fugger","11":"tag-jakob","12":"tag-nachrichten","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-sozialer-wohnungsbau","15":"tag-welt","16":"tag-world","17":"tag-world-news"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13694"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13694\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}