{"id":144714,"date":"2026-05-29T14:52:12","date_gmt":"2026-05-29T14:52:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/144714\/"},"modified":"2026-05-29T14:52:12","modified_gmt":"2026-05-29T14:52:12","slug":"europa-und-russland-schlittern-in-einen-offenen-krieg-offener-brief-von-us-oekonom-jeffrey-sachs-an-bundeskanzler-merz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/144714\/","title":{"rendered":"\u00abEuropa und Russland schlittern in einen offenen Krieg\u00bb: Offener Brief von US-\u00d6konom Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz"},"content":{"rendered":"<p>Dies ist ein offener Brief von US-Geostratege Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University. Wir dokumentieren ihn im Wortlaut. Er erschien zuerst in der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/jeffrey-sachs-an-open-letter-to-chancellor-friedrich-merz-10038768\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berliner Zeitung<\/a>.<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,<\/p>\n<p>als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegen\u00fcber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate sp\u00e4ter hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europ\u00e4ischer Staats- und Regierungschef \u2013 weder in Paris noch in Warschau noch in Rom \u2013 verf\u00fcgt \u00fcber das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie pers\u00f6nlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich f\u00fcr den Frieden einsetzen?<\/p>\n<p>                <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Sachs-Merz-scaled-6-1024x683-1.jpg\" alt=\"\" itemprop=\"contentUrl\" class=\"story-img story-img--landscape\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><\/p>\n<p>                                                    \u00abEuropa und Russland schlittern in einen offenen Krieg\u00bb: Offener Brief von US-\u00d6konom Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz<\/p>\n<p>Sie selbst forderten im Januar 2026 gemeinsam mit Premierminister Meloni und Pr\u00e4sident Macron die Wiederaufnahme der Beziehungen Europas zu Russland und bezeichneten Russland als \u00abein europ\u00e4isches Land\u00bb. Dennoch haben Sie die Diplomatie nicht verfolgt. Angesichts der Zukunft Europas, die auf dem Spiel steht, ist dies ein beispielloser Verzicht auf Ihre F\u00fchrungsrolle. Haben Sie in Ihrer Zeit als Bundeskanzler auch nur einen einzigen substanziellen Dialog mit Pr\u00e4sident Putin versucht? Hat Ihr Aussenminister jemals einen substanziellen Dialog mit Aussenminister Lawrow versucht? Echte Gespr\u00e4che, so wie jene, die den Kalten Krieg beendeten? Soweit die \u00f6ffentlichen Aufzeichnungen belegen, lautet die Antwort: Nein. Nicht ein einziges Mal. Und nicht etwa, weil die Dringlichkeit nicht erkannt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Die vergangenen Tage haben eine gef\u00e4hrliche Eskalation mit sich gebracht, die alle Europ\u00e4er aufr\u00fctteln sollte. Beide Hauptst\u00e4dte stehen nun unter anhaltendem Beschuss: Ukrainische Langstreckendrohnen haben tief in Moskau eingeschlagen, darunter auch zivile Ziele. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew haben sich massiv verst\u00e4rkt. Ukrainische Drohnen sind in den Luftraum der baltischen Staaten eingedrungen und haben damit die unmittelbare Gefahr eines Zwischenfalls geweckt, der Europa direkt in den Krieg hineinziehen k\u00f6nnte. Ein entsetzlicher ukrainischer Angriff auf eine Jungenschule in Luhansk hat die letzten Reste der Zur\u00fcckhaltung weiter untergraben. Am 25. Mai informierte Aussenminister Sergej Lawrow auf Anweisung von Pr\u00e4sident Putin den US-Aussenminister offiziell dar\u00fcber, dass die russischen Streitkr\u00e4fte nun \u00absystematische und anhaltende Angriffe\u00bb auf Einrichtungen und Entscheidungszentren in Kiew durchf\u00fchren. Das russische Aussenministerium riet den Vereinigten Staaten und anderen L\u00e4ndern, \u00abdie Evakuierung ihres diplomatischen Personals und ihrer Staatsb\u00fcrger aus der ukrainischen Hauptstadt sicherzustellen\u00bb. Diese Nachricht ist der Auftakt zu einer massiven Eskalation. Diplomatie ist dringender denn je.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Der Weg zur Verteidigung der Ukraine ist nicht die Fortsetzung des Gemetzels, sondern ein Frieden zu Bedingungen, die f\u00fcr alle Parteien akzeptabel sind. Stattdessen droht uns eine Eskalation mit noch mehr Toten, noch mehr Zerst\u00f6rung und der realen Gefahr eines Krieges, der sich \u00fcber die Ukraine hinaus ausweitet. Indem Sie immer mehr Waffen, immer gr\u00f6ssere Kriegskapazit\u00e4ten und immer lautere Demonstrationen von \u00abEntschlossenheit\u00bb fordern und signalisieren, dass Deutschland sich auf einen Krieg vorbereitet, anstatt an dessen Beendigung zu arbeiten, haben Sie Berlin zum Beschleuniger statt zur Bremse eines europaweiten Krieges gemacht.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Deutschlands Verantwortung: Sechs Punkte<\/p>\n<p>Deutschland tr\u00e4gt eine erhebliche Verantwortung f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Situation. Bevor die deutsche Politik auf Frieden ausgerichtet werden kann, muss Deutschlands Vergangenheit ehrlich aufgearbeitet werden. Im Folgenden f\u00fchre ich sechs schwerwiegende Vers\u00e4umnisse der deutschen Aussenpolitik gegen\u00fcber Russland seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 auf.<\/p>\n<p>Erstens \u2013 der Zwei-plus-vier-Vertrag und die Osterweiterung der Nato<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Am 12. September 1990 unterzeichnete Deutschland in Moskau den Vertrag \u00fcber die endg\u00fcltige Regelung der Angelegenheiten Deutschlands \u2013 den Zwei-plus-vier-Vertrag \u2013, der die deutsche Wiedervereinigung vollendete. Dieser Vertrag kam zustande, weil Michail Gorbatschow von Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen westlichen Staats- und Regierungschefs die feierliche Zusicherung erhielt, dass die Nato nicht nach Osten expandieren w\u00fcrde. Die freigegebenen Akten \u2013 darunter die nun \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Memoranden des National Security Archive der George Washington University \u2013 sind eindeutig: Diese Zusicherungen wurden gegeben und sollten sich, wie damals klar formuliert, \u00fcber das Gebiet der ehemaligen DDR hinaus auf Osteuropa erstrecken. Sie wurden 1990 und 1991 bekr\u00e4ftigt. Der Zwei-plus-vier-Vertrag beschr\u00e4nkt die Stationierung von Nato-Truppen in der ehemaligen DDR und erinnert an die Grunds\u00e4tze der Schlussakte von Helsinki, die betont, dass die Sicherheit keiner Nation auf Kosten der Sicherheit einer anderen gehen darf. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Sowjetunion westliche Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ablehnte, aber Nato-Armeen in Warschau, Vilnius oder Kiew gleichg\u00fcltig gegen\u00fcberstand? Nat\u00fcrlich nicht. Die Nato-Erweiterung wurde ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert, und Deutschland gab der sowjetischen F\u00fchrung ausdr\u00fcckliche Zusicherungen, die Erweiterung nach Osten zu verweigern \u2013 und brach diese sp\u00e4ter. Deutschland profitierte am meisten von diesen Zusicherungen, die die Gegenleistung f\u00fcr die deutsche Wiedervereinigung darstellten. Doch bereits 1993 begannen deutsche Politiker, diese Zusicherungen zu brechen.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Zweitens \u2013 Bundeskanzlerin Merkels eigene Aussage<\/p>\n<p>In ihren Memoiren schreibt Angela Merkel mit bemerkenswerter Offenheit, dass sie zum Zeitpunkt des Bukarester Gipfels 2008 verstand, dass die Einladung der Ukraine und Georgiens in die Nato einer Kriegserkl\u00e4rung an Russland gleichk\u00e4me. Sie kannte Russlands rote Linie. Und dennoch gab sie dem amerikanischen Druck nach und akzeptierte die Kompromisserkl\u00e4rung, wonach die Ukraine und Georgien irgendwann Nato-Mitglieder \u00abwerden k\u00f6nnen\u00bb. Dieser eine Satz setzte die Katastrophen von 2014 und 2022 in Gang. Merkels sp\u00e4tere Offenheit ist ein Geschenk an ihre Nachfolger: Sie hat Ihnen klar und deutlich gesagt, was damals klar war. Deutschland sollte jetzt nicht so tun, als ob nicht.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Drittens \u2013 der Verrat am Abkommen vom 21. Februar 2014<\/p>\n<p>Am 21. Februar 2014 vermittelte der damalige deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier in Kiew gemeinsam mit seinen polnischen und franz\u00f6sischen Amtskollegen ein Abkommen zwischen Pr\u00e4sident Janukowitsch und der Opposition. Das Abkommen sah die Wiedereinf\u00fchrung der Verfassung von 2004, die Bildung einer nationalen Einheitsregierung und vorgezogene Pr\u00e4sidentschaftswahlen vor. Pr\u00e4sident Putin wurde konsultiert; das Abkommen wurde best\u00e4tigt. Es war ein bedeutender diplomatischer Erfolg in einer Situation heftiger Spannungen und offener Gewalt. Doch innerhalb von 24 Stunden wurde Janukowitsch durch einen gewaltsamen Putsch gest\u00fcrzt. Deutschland bestand nicht auf dem Abkommen, das es gerade noch garantiert hatte. Stattdessen unterst\u00fctzte Deutschland, dem Beispiel der USA folgend die neue Regierung, als ob es nie ein Abkommen gegeben h\u00e4tte. Diese Entscheidung best\u00e4rkte Moskau in der Annahme, dass westlichen Unterschriften nicht zu trauen sei.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Viertens \u2013 Minsk II<\/p>\n<p>Im Februar 2015 verhandelte Bundeskanzlerin Merkel pers\u00f6nlich das Minsker Abkommen II im Normandie-Format und sicherte in der am 12. Februar 2015 in Minsk verabschiedeten Unterst\u00fctzungserkl\u00e4rung Deutschlands politische Unterst\u00fctzung zu. Sieben Jahre lang wurde die zentrale politische Bestimmung \u2013 die Autonomie der Donbass-Regionen innerhalb einer souver\u00e4nen Ukraine \u2013 von Kiew nicht umgesetzt. Deutschland \u00fcbte keinen Druck auf Kiew aus, die von ihm selbst geforderte Autonomiebestimmung umzusetzen. Merkel r\u00e4umte sp\u00e4ter ein, dass das Abkommen als Druckmittel genutzt worden war, um der Ukraine die Wiederbewaffnung zu erm\u00f6glichen. Pr\u00e4sident Hollande \u00e4usserte sich \u00e4hnlich. Die Garantie war also in Wirklichkeit keine Garantie. Sie war eine Strategie \u2013 wiederum auf Geheiss Washingtons. Wieder einmal lautete die Botschaft an Moskau: Westlichen Unterschriften kann man nicht trauen.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>F\u00fcnftens \u2013 Nord Stream<\/p>\n<p>Am 7. Februar 2022 verk\u00fcndete Pr\u00e4sident Biden im East Room des Weissen Hauses \u2013 in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz: \u00abWenn Russland (in der Ukraine) einmarschiert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.\u00bb Auf die Frage nach dem Wie antwortete er: \u00abIch verspreche Ihnen, wir werden dazu in der Lage sein.\u00bb Sieben Monate sp\u00e4ter wurden die Pipelines durch einen Sabotageakt in der Ostsee zerst\u00f6rt. Die vorliegenden Beweise \u2013 investigative Recherchen in den USA und Deutschland, die Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft und \u00f6ffentliche Aussagen ehemaliger Beamter \u2013 deuten \u00fcberw\u00e4ltigend auf eine gemeinsame ukrainisch-amerikanische Operation hin. Die deutsche Bundesregierung wusste dies schon lange. Und dennoch hat Deutschland zugelassen, dass die \u00f6ffentliche Schuld entgegen den eindeutigen Beweisen Russland zugeschoben wird, w\u00e4hrend ein Akt industrieller Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft ungestraft und unbeantwortet blieb.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Sechstens \u2013 das Istanbul-Abkommen vom April 2022, das zum Greifen nah war<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen nach Russlands Invasion im Februar 2022 trafen sich russische und ukrainische Unterh\u00e4ndler in Istanbul, um die Bedingungen eines Friedensabkommens auszuhandeln: Neutralit\u00e4t der Ukraine ausserhalb der Nato, multilaterale Sicherheitsgarantien, vereinbarte Truppenbegrenzungen und die schrittweise politische L\u00f6sung der Donbass- und Krim-Frage. Das Abkommen stand kurz vor der Unterzeichnung. Der ehemalige israelische Ministerpr\u00e4sident Naftali Bennett, einer der Vermittler, best\u00e4tigte \u00f6ffentlich, dass die Einigung kurz bevorstand und dass der Westen \u2013 insbesondere die Vereinigten Staaten und Grossbritannien \u2013 versucht hatte, sie zu verhindern. Die Mission von Premierminister Boris Johnson nach Kiew im April 2022, um die Ukraine anzuweisen, das Abkommen nicht zu unterzeichnen, ist aktenkundig. Hunderttausende ukrainische und russische Menschenleben sowie die gesamte europ\u00e4ische Ordnung haben den Preis f\u00fcr diese US-amerikanisch-britische Intervention bezahlt. Deutschland hat dazu geschwiegen \u2013 obwohl Deutschland wie kein anderes europ\u00e4isches Land die wirtschaftlichen Folgen zu tragen hatte.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Deutschlands wirtschaftliche Selbstzerst\u00f6rung<\/p>\n<p>Ihre oberste Priorit\u00e4t muss der Frieden sein. Die aktuellen Nachrichten aus Moskau verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage. Doch parallel zur ersten Katastrophe bahnt sich eine zweite an: die vors\u00e4tzliche Zerst\u00f6rung der deutschen Wirtschaft, wobei Berlin sowohl Urheber als auch Opfer ist.<\/p>\n<p>Deutschlands Industrie basierte auf dem Handel mit Russland. Die Zerst\u00f6rung von Nord Stream und der darauffolgende Abbruch der deutsch-russischen Handelsbeziehungen haben dazu gef\u00fchrt, dass Deutschland Erdgas aus den USA zu Preisen kauft, die um ein Vielfaches h\u00f6her sind als die Preise des russischen Pipelinegases, welches es ersetzt. Dies ist industrieller Selbstmord. Deutschlands Chemieindustrie, Stahlindustrie, Glasindustrie, energieintensive Hersteller \u2013 das Fundament des Mittelstands \u2013 verlieren Tag f\u00fcr Tag an internationaler Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Qualifizierte Arbeitspl\u00e4tze verschwinden aus der deutschen Wirtschaft. Und der deutsche Steuerzahler und der deutsche Verbraucher transferieren nationales Verm\u00f6gen in einem in der Nachkriegszeit Europas beispiellosen Ausmass von Deutschland zu amerikanischen Gasproduzenten.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus plant die Bundesregierung nun einen massiven R\u00fcstungsausbau \u2013 Hunderte von Milliarden Euro im kommenden Jahrzehnt \u2013, um sich f\u00fcr einen Krieg zu r\u00fcsten, der durch Diplomatie leicht h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen. Dies ist eine eklatante Fehlallokation nationaler Ressourcen. Die zentrale Herausforderung f\u00fcr Deutschland in diesem Jahrzehnt ist die Wettbewerbsf\u00e4higkeit im digitalen Zeitalter. Jeder Euro, der f\u00fcr Panzer, Raketen und Artilleriegranaten ausgegeben wird, fehlt Deutschlands KI-Kapazit\u00e4ten, seine Chipentwicklung und -fertigung, seine Energieinfrastruktur und die Hochgeschwindigkeits-Digitalnetze, die es ben\u00f6tigt, um eine f\u00fchrende Wirtschaftsmacht zu bleiben.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Die bittere Realit\u00e4t, Herr Bundeskanzler, ist: Mit diesen Waffen l\u00e4sst sich jene Sicherheit nicht erkaufen, die durch Diplomatie zu einem Bruchteil der Kosten erreicht werden k\u00f6nnte. Und ohne die Investitionen in Digitalisierung und Energie, die durch diese Aufr\u00fcstung verdr\u00e4ngt werden, ist kein Wohlstand zu erzielen.<\/p>\n<p>Mein Appell: Herr Bundeskanzler, mehr als jeder andere europ\u00e4ische Staats- und Regierungschef sind Sie gefragt, wenn es darum geht, ob Europa in einen allgemeinen Krieg abgleitet oder zu Verhandlungen und wirtschaftlicher Vernunft zur\u00fcckkehrt. Es ist h\u00f6chste Zeit zu handeln. Die aktuelle offizielle Botschaft Moskaus an Washington belegt dies eindeutig. Bitte nehmen Sie den Dialog mit Pr\u00e4sident Putin auf. Bitte entsenden Sie Ihren Aussenminister nach Moskau oder laden Sie den russischen Aussenminister nach Berlin ein. Bitte \u00f6ffnen Sie die OSZE-Kan\u00e4le wieder, die Deutschland verk\u00fcmmern liess. Bitte fordern Sie Kiew auf, die Angriffe auf zivile Ziele einzustellen.<\/p>\n<p>\n                 _e(&#8218;Werbung&#8216;, &#8218;weltwoche&#8216;); ?&gt;\n            <\/p>\n<p>Vor allem aber: Sagen Sie der deutschen \u00d6ffentlichkeit die Wahrheit. Ein auf der Neutralit\u00e4t der Ukraine basierender Verhandlungsfrieden ist der realistische Weg aus der Katastrophe, und die Wiederherstellung normaler Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ist der realistische Weg aus dem industriellen Niedergang Deutschlands.<\/p>\n<p>Die Bedingungen eines akzeptablen Abkommens, das Deutschland vorschlagen k\u00f6nnte, sind klar: Die K\u00e4mpfe werden an einer Waffenstillstandslinie eingestellt. Alle Seiten verzichten auf jegliche zuk\u00fcnftige Gewaltanwendung in Grenzfragen. Die Ukraine stellt ihre Neutralit\u00e4t wieder her, die Nato verzichtet dauerhaft auf eine weitere Osterweiterung. Europa und Russland nehmen ihre Wirtschaftsbeziehungen wieder auf und beenden die Kriegstreiberei. Die OSZE wird wieder zum zentralen Forum f\u00fcr europ\u00e4ische Sicherheit, mit dem Grundsatz, dass europ\u00e4ische Sicherheit unteilbar ist und nicht auf milit\u00e4rischen Bl\u00f6cken beruht, die Europa spalten. In einem solchen Szenario des Friedens kann Deutschland seine nationalen Ressourcen auf die Investitionen in Digitalisierung, KI, Halbleiter und Energie konzentrieren, die Deutschlands wirtschaftliche Zukunft erfordert.<\/p>\n<p>Die Geschichte wird sich daran erinnern, was Sie in den kommenden Wochen tun und was Sie unterlassen. Dasselbe gilt f\u00fcr die deutsche \u00d6ffentlichkeit, die V\u00f6lker Russlands, der Ukraine und ganz Europas. Es ist Zeit f\u00fcr Diplomatie, Herr Bundeskanzler. Sie haben die Wahl.<\/p>\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n<p>Jeffrey D. Sachs,<br \/>Professor an der Columbia University<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dies ist ein offener Brief von US-Geostratege Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University. Wir dokumentieren ihn im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":144715,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[9],"tags":[2598,35261,1258,2798,3472,42,175,1633,40,49,48,47],"class_list":["post-144714","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-welt","tag-diplomatie","tag-europapolitik","tag-geschichte","tag-konflikt","tag-merz","tag-nachrichten","tag-politik","tag-russland","tag-schlagzeilen","tag-welt","tag-world","tag-world-news"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/116658427183155605","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/144714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=144714"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/144714\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/144715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=144714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=144714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=144714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}