{"id":144790,"date":"2026-05-29T15:38:10","date_gmt":"2026-05-29T15:38:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/144790\/"},"modified":"2026-05-29T15:38:10","modified_gmt":"2026-05-29T15:38:10","slug":"giganten-treffen-sich-rodin-und-michelangelo-im-louvre-ganz-schoen-heiss-hier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/144790\/","title":{"rendered":"Giganten: Treffen sich Rodin und Michelangelo im Louvre: Ganz sch\u00f6n hei\u00df hier!"},"content":{"rendered":"<p>Michelangelo war Rodins \u00fcberm\u00e4chtiges Vorbild. In einer Pariser Ausstellung zeigt sich nun, wie souver\u00e4n der franz\u00f6sische Bildhauer neben dem Renaissance-Meister besteht. Beide zehren von der Erotik des Unvollendeten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Nippelalarm! Sexy Kerle fl\u00e4chendeckend in der Pariser Metro. Meterbreit und ungeniert krempeln sie zwischen den historischen Kachelrahmungen der Werbefl\u00e4chen die Shirts hoch oder zeigen sich gleich, wie Gott sie schuf. Besser: zwei G\u00f6tter \u2013 Rodin und Michelangelo. Die marmorhellen und bronzedunklen Posterboys sollen n\u00e4mlich auf eine spektakul\u00e4re Louvre-Ausstellung hei\u00df machen.<\/p>\n<p>Da wird man gern misstrauisch. Man t\u00fcrmt zwei ber\u00fchmte Namen aufeinander, das l\u00e4uft dann schon als Ausstellung. Eben <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.louvre.fr\/en\/exhibitions-and-events\/exhibitions\/michelangelo-rodin\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.louvre.fr\/en\/exhibitions-and-events\/exhibitions\/michelangelo-rodin&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eMichelangelo und Rodin \u2013 Lebende K\u00f6rper\u201c<\/a>. Das m\u00f6gen andere so machen und dann meist auch noch nur wenige Originale zeigen. Das hat, mag er in den letzten Monaten vornehmlich f\u00fcr schlechte Schlagzeilen gesorgt haben, der Louvre zum Gl\u00fcck nicht n\u00f6tig. Zumindest f\u00fcr gute, spannende, \u00fcppige Ausstellungen ist dort immer noch Budget vorhanden. Und eine solche ist mit diesen beiden gro\u00dfartigen Bildhauern gelungen, die durch den direkten Vergleich, der historisch belegt ist, nur gewinnen k\u00f6nnen. Der eine durch seine Zeitlosigkeit, der andere durch seine Vitalit\u00e4t und Originalit\u00e4t, die ihn am fast vier Jahrhunderte \u00c4lteren spielerisch Ma\u00df nehmen lie\u00df.<\/p>\n<p>Zaubern k\u00f6nnen die beteiligten Kuratoren des Louvre wie des Pariser Mus\u00e9e Rodin freilich auch nicht. Aber ihre Fantasie k\u00f6nnen sie kreativ spielen lassen. Das schmale malerische Werk Michelangelos wird kaum ausgeliehen. Die Statuen sind auch meist gro\u00df, selten transportabel und kaum noch aus Italien herauszubekommen. Und auch wenn bei Auguste Rodin die Ausgangslage besser ist: Auch da ist vieles f\u00fcr eine museale Pr\u00e4sentation im Dutzend zu gro\u00df und zu unhandlich.<\/p>\n<p>Trotzdem hat der Louvre nat\u00fcrlich mit den beiden unvollendeten, sich schmerzlich-sinnlich aus dem Carrara-Marmor windenden Sklaven vom unvollendeten, weil immer wieder umgeplanten r\u00f6mischen Papst-Julius-Grabmal zwei Inkunabeln der Bildhauerei in seiner Sammlung. Wie herrlich, sie einmal aus der angestammten Pr\u00e4sentation in eine ganz andere, clean-moderne und wei\u00df strahlende Atmosph\u00e4re verbracht zu sehen, wo sie mit den dunklen Rodin-Bronzen des \u201eEhernen Zeitalters\u201c, \u201eAdams\u201c und \u201eJean d\u2019Aire nu\u201c aus dem Kontext der \u201eB\u00fcrger von Calais\u201c bestens korrespondieren. So stehen sie stolz in der Eingangsrotunde der Ausstellung, von Punktstrahlern umschmeichelt, ganz neue Details und Finessen offenbarend.<\/p>\n<p>Und schon hier gilt: Rodin, der Titan der Belle \u00c9poque, kann sich mit seinen gegen den Zeitgeist sich stemmenden, trotzdem gefeierten, ebenfalls oftmals bewusst unvollendeten, halb noch im Stein oder im unbearbeiteten Material steckenden Statuen, als Gips-, Wachs- oder Ton-Bozzetti grob gequetscht und provisorisch und trotzdem nicht selten vollendet in Form gebracht, ganz leicht neben dem \u00fcbergro\u00dfen Meister des Steins behaupten. Obwohl Rodin sich nicht erst seit seiner Italienreise 1876 immer wieder neben den Renaissance-Meister stellte, ihn als Vorbild pries, der ihm, dem Seelenverwandten \u00fcber die Zeiten, den Akademismus ausgetrieben habe \u2013 und dem er wiederum auf seine ganz eigene, oft sehr nah verwandte Weise gerecht wurde.<\/p>\n<p>Kraftkerle mit sensibler Seite: Michelangelo und Rodin<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte schiefgehen k\u00f6nnen, wenn man am Beginn der opulenten Ausstellung sieht, wie \u00fcbergro\u00df das zu Ende gehende 19. Jahrhundert Michelangelo zum g\u00f6ttlichen Wiederbeleber des menschlichen K\u00f6rpers in Marmor wie Malerei auf einen schier unerreichbaren Sockel gehoben hatte. Rodin lie\u00df sich davon nicht beeindrucken, zollte ihm auf seiner Grand Tour, die nat\u00fcrlich auch eine \u00e9ducation sentimentale war, Tribut, indem er kopierte und damit lernte. Er stellte im \u201eMann mit der gebrochenen Nase\u201c aber auch eine unidealisierte, widerst\u00e4ndige K\u00f6rperlichkeit dagegen, oder nutzte den Schwung der verdrehten K\u00f6rper auf dessen Florentiner Medici-Grabm\u00e4lern als erotische Verhei\u00dfung in seinen offenherzigen T\u00e4nzerinnen-Skizzen.<\/p>\n<p>Michelangelo wird vom damaligen Zeitgeist durch Kleinmeister in ehrenden Hommagen als himmelhohes Vorbild festgeschrieben. Rodin bricht das auf, sucht auf \u00e4hnlich grimmig-temperamentvolle Weise wie der erratische Renaissance-W\u00fcterich nach dem Muskel unter der Haut, der Kraft im angespannten Fleisch, dem Willen und der Energie des K\u00f6rpers. Der gerade so, als Abbild unter seinen H\u00e4nden, ebenfalls mehr wurde als nur unbelebte Materie. In der animalischen Dynamik oftmals grob behauener Texturen findet sich eine aufregend gemeinsame, die Historie \u00fcberspringende Basis f\u00fcr diese Kraftkerle mit sensibler Seite.<\/p>\n<p>Lebendiger Geist in unbewegter Form. Bildhauerei als K\u00f6rperforschung. Anatomie mit charaktervollem Mehrwert. Darum wird hier in den mehr als 200 ausgestellten Werken gerungen: dem Material genau diese eine, in ihm schlummernde M\u00f6glichkeit k\u00fcnstlerischen Ausdrucks zu entwinden. Das ist nat\u00fcrlich Geniekult. Aber es ist auch ein schwei\u00dftreibender Kampf, Schwerarbeit. Man sieht das immer wieder an den schroffen, vom Arbeitsaufwand k\u00fcndenden Oberfl\u00e4chen, dem gef\u00fcgig gemachten Metall und Stein. Oder eben auch an der sich filigran aus dem Marmor dr\u00fcckenden Rodin-\u201eHand Gottes\u201c, die doch so ganz anders und trotzdem auf die ber\u00fchmte, freskierte Michelangelo-Geste der Erschaffung Adams von der Decke der Sixtinischen Kapelle zu antworten scheint.<\/p>\n<p>Von beiden K\u00fcnstlern sind in Paris vielfach Abg\u00fcsse vorhanden, doch die erlauben interessante wie \u00fcberraschende Werkkombinationen. Zwischen sie werden dann freilich auch noch \u2013 als universeller Vergleichsma\u00dfstab \u2013 Werke von Hans Arp, Joseph Beuys, Bruce Nauman, Ossip Zadkine, Baccio Bandinelli, dem Salonschmeichler Alexandre Cabanel, Delacroix, Degas oder C\u00e9zanne eingeflochten und sinnig dazwischengeschmuggelt.<\/p>\n<p class=\"c-inline-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p>Weltplus ArtikelNiederschwellige Kunstbetrachtung<\/p>\n<p>Ganz besonders intensiv wirkt diese produktive Zweisamkeit, die nat\u00fcrlich nur eine einseitige war, in der von den volumin\u00f6sen Figuren, B\u00fcsten, K\u00f6rperteilen und Formationen schier an den Rand ger\u00fcckten Flachware der Zeichnungen. Die k\u00f6nnen sich freilich souver\u00e4n dank ihrer Qualit\u00e4t behaupten. Besonders in den \u00fcber 30 Papierwerken Michelangelos, wo es analytisch, experimentell, ausgewogen, expressiv und oftmals sehr z\u00e4rtlich zugeht. <\/p>\n<p>Allein daf\u00fcr lohnt schon diese Schau, w\u00e4hrend Rodin viel breiter, weniger konzentriert die B\u00f6gen oftmals nur als repetitive Spielfl\u00e4che nutzt, um sich dann doch pl\u00f6tzlich an einem Detail zu verbei\u00dfen, es dorthin zu entwickeln, wo es f\u00fcr ihn dann in der Dreidimensionalit\u00e4t relevant und zielf\u00fchrend wird. Und zum anderen lebt Rodin nat\u00fcrlich schon so sehr in der Moderne, dass er die Zeichnung auch als eigene Kunstform begreift \u2013 w\u00e4hrend sie f\u00fcr Michelangelo eigentlich nur Hilfsmittel, Mustervorlage, vertiefende Arbeitsgrundlage und Vorarbeit war.<\/p>\n<p>Man staunt, wie spannungsvoll pl\u00f6tzlich Rodins wuchtiger Balzac in seinem den K\u00f6rper verh\u00fcllenden Mantel, den es als eigene, fast wie Arte Povera wirkende Gipset\u00fcde gibt, auf den d\u00e4monisch wilden, geh\u00f6rnten Moses Michelangelos trifft \u2013 obwohl beide nur Abg\u00fcsse sind. Doch durch die vielen, in diverser Bedeutungshinsicht klug gedrehten wie gewendeten Originale ist der Blick l\u00e4ngst sensibilisiert. Das atmende Licht tut sein \u00dcbriges, um die grandiose K\u00f6rperlichkeit dieser Artefakte zu beleben. Die Ausstellung, \u00fcber der als Nenner wieder einmal auch das ewige Kunstthema von Ovids \u201eMetamorphosen\u201c schwebt, hat nicht zu viel versprochen: Die Kumulation zweier Giganten l\u00e4sst diese gemeinsam betrachten, aber auch einzeln genie\u00dfen und gerade durch den Vergleich neu wertsch\u00e4tzen. Als Vision Michelangelos und als Aufbruch in eine neue Bildhauerzeit bei Rodin.<\/p>\n<p>Ein letzter Blick gilt noch einmal dem rebellischen und dem sterbenden Sklaven. Sehen sie in diesem hellen, ihre Einzigartigkeit, aber auch ihre ungest\u00fcme, sehnige Sinnlichkeit offenbarenden Licht nicht gleich noch einmal unmittelbar n\u00e4hergebracht aus? Rodin, ihr aufrichtigster Bewunderer, hat es verschuldet \u2026<\/p>\n<p>\u201eMichelangelo und Rodin: Lebende K\u00f6rper\u201c, bis zum 20.\u00a0Juli, Louvre, Paris<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Michelangelo war Rodins \u00fcberm\u00e4chtiges Vorbild. 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