{"id":148959,"date":"2026-06-01T17:15:45","date_gmt":"2026-06-01T17:15:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/148959\/"},"modified":"2026-06-01T17:15:45","modified_gmt":"2026-06-01T17:15:45","slug":"schutz-fuer-neugeborene-neue-therapie-soll-hirnhautentzuendungen-ohne-antibiotika-verhindern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/148959\/","title":{"rendered":"Schutz f\u00fcr Neugeborene: Neue Therapie soll Hirnhautentz\u00fcndungen ohne Antibiotika verhindern"},"content":{"rendered":"<p>Hirnhautentz\u00fcndungen bei Neugeborenen geh\u00f6ren zu den gef\u00e4hrlichsten Infektionen im fr\u00fchen Leben. H\u00e4ufig verlaufen sie lebensbedrohlich, und bei \u00fcberlebenden Kindern k\u00f6nnen sie schwere und dauerhafte Sch\u00e4den, etwa Entwicklungsst\u00f6rungen, hinterlassen. Zum Gl\u00fcck sind Hirnhautentz\u00fcndungen bei Neugeborenen insgesamt selten. Fr\u00fchgeborene sind aber h\u00e4ufiger davon betroffen: in Industriel\u00e4ndern jedes 500. fr\u00fchgeborene Kind, in Entwicklungsl\u00e4ndern d\u00fcrften es mehr sein.<\/p>\n<p>Einer der bedeutendsten Erreger, die solche Hirnhautentz\u00fcndungen verursachen, ist das E.-coli-Bakterium vom Typ K1. Forschende der ETH Z\u00fcrich und der Universit\u00e4t Basel haben nun einen Ansatz entwickelt, um eine \u00dcbertragung auf Neugeborene zu vermeiden.<\/p>\n<p>Um den Ansatz zu verstehen, muss man im Darm von Erwachsenen beginnen: E. coli K1 ist bei jedem dritten gesunden Menschen Teil der Darmflora. Als stiller Mitbewohner verursacht das Bakterium dort keine Probleme. Andere Bakterien und ein funktionierendes Immunsystem halten es in Schach.<\/p>\n<p>Ist eine werdende Mutter Tr\u00e4gerin des Erregers, kann es bei der Geburt jedoch zu einer \u00dcbertragung auf das Kind und in dessen Darm kommen. Bei Fr\u00fchgeborenen mit noch schwachen Abwehrfunktionen kann der Erreger in die Blutbahn gelangen und ins Gehirn wandern. Dort verursacht er eine schwere Entz\u00fcndung.<\/p>\n<p>Erreger erst schw\u00e4chen, dann bek\u00e4mpfen <\/p>\n<p>Die Forschenden unter der Leitung von Emma Slack, Professorin f\u00fcr Schleimhaut-Immunologie an der ETH Z\u00fcrich, und M\u00e9d\u00e9ric Diard, Professor f\u00fcr Infektionsbiologie am Biozentrum der Universit\u00e4t Basel, m\u00f6chten, dass es gar nicht erst zu einer \u00dcbertragung kommt. Sie verfolgen die Idee, bei schwangeren Frauen, die den Erreger im Darm tragen, ihn zu eliminieren. Das ist jedoch einfacher gedacht als getan.<\/p>\n<p>Bereits vor einem Jahr entwickelten die beiden Forschenden aus Z\u00fcrich und Basel gemeinsam ein Konzept, um andere im Darm lebende Krankheitserreger auszumerzen (<a href=\"https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2025\/04\/neues-impfkonzept-bekaempft-gefaehrliche-bakterien-im-darm.html\" class=\"eth-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ETH-News berichtete<\/a>). Damals setzten sie auf eine Kombinationstherapie aus zwei Komponenten: einer Schluckimpfung, welche das krankmachende Bakterium schw\u00e4cht, gefolgt von einer Dosis gutartigen Mikroben, die dem geschw\u00e4chten Erreger die Nahrung streitig machen, ihn aushungern und letzten Endes verdr\u00e4ngen. In Versuchen an M\u00e4usen zeigten die Forschenden damals, dass man mit diesem Ansatz bestimmte Salmonellen und E.-coli-St\u00e4mme im Darm beseitigen kann.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>So hartn\u00e4ckig, dass es drei Komponenten braucht <\/p>\n<p>Der K1-Typ von E. coli ist jedoch ein z\u00e4her Gegner: Anders als andere E.-coli-Bakterien wird dieser Typ von einer glitschigen \u00e4usseren Schicht gesch\u00fctzt. Sie verhindert, dass die durch die Schluckimpfung gebildeten Antik\u00f6rper das Bakterium angreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Forschungsteam um Slack und Diard erg\u00e4nzte deshalb seinen bisherigen zweiteiligen Ansatz um eine dritte Komponente: Bakteriophagen (Phagen). Das sind Viren, die spezifisch Bakterien befallen und t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Allerdings k\u00f6nnen sich die Bakterien der Gefahr durch die Phagen entziehen, indem sie sich ver\u00e4ndern. Die Phagen greifen die Bakterien an, indem sie an deren Schutzschicht andocken. Die Bakterien versuchen dies zu verhindern: in einer Art schnellen Evolution entledigen sich dieser Schicht. Schnell heisst in diesem Fall: Weil die Bakterien so zahlreich sind und sie sich so schnell vermehren, brauchen sie weniger als 24 Stunden, um sich anzupassen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abEs handelt sich im Grunde um einen Resistenzmechanismus der Bakterien gegen\u00fcber den Phagen\u00bb, sagt Slack. \u00abDiesen machen wir uns zunutze: Gegen K1-Bakterien ohne Schutzschicht wirken die durch die Schluckimpfung gebildeten Antik\u00f6rper.\u00bb<\/p>\n<p>Grossteil der Jungtiere gesch\u00fctzt <\/p>\n<p>Teil des Projekts war die Suche nach wirksamen Phagen-St\u00e4mmen. Wissenschaftler:innen finden Phagen meist dort, wo viele Bakterien leben: in n\u00e4hrstoffreichen Gew\u00e4ssern, in der Darmflora oder besonders h\u00e4ufig im Abwasser und in Kl\u00e4ranlagen. F\u00fcr die in dieser Studie verwendeten Phagen wurden die Forschenden vom Biozentrum Basel in Abwasserproben aus der Kl\u00e4ranlage der Agglomeration Luzern f\u00fcndig. Im Labor gelang es ihnen, aus solchen Proben mehrere Phagen zu isolieren, die das Bakterium E. coli K1 besonders effizient angreifen.<\/p>\n<p>In Versuchen mit tr\u00e4chtigen M\u00e4usen, die die Forschenden zuvor mit krankmachenden E. coli K1 infizierten, konnten sie die Wirksamkeit ihrer Dreifachtherapie aufzeigen: Die Forschenden verabreichten diesen M\u00e4usen erstens Phagen, die die Bakterien dazu zwingen, ihre Schutzh\u00fclle abzustreifen, zweitens eine Schluckimpfung, die im Darm Antik\u00f6rper erzeugt, die die Bakterien schw\u00e4chen, sowie drittens ein harmloses probiotisches Konkurrenzbakterium, das gegen die geschw\u00e4chten Bakterien eine Chance hat und dessen \u00f6kologische Nische im Darm besetzen kann.<\/p>\n<p>Bei einem Kontrollexperiment, bei dem die Forschenden die Muttertiere nicht therapierten, wurde E. coli K1 bei der Geburt auf 83 Prozent der Jungtiere \u00fcbertragen. Die Dreifachtherapie hingegen reduzierte E. coli K1 im Darm der Mutter stark, sodass der Erreger nur auf 23 Prozent der Jungtiere \u00fcbertragen wurde. Die restlichen Jungtiere waren gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Funktioniert auch wenn Antibiotika versagen <\/p>\n<p>Die Forschenden m\u00f6chten ihren Ansatz nun weiterverfolgen, um daraus eine Therapie f\u00fcr Menschen zu entwickeln. In einer Welt, in der wirksame Antibiotika immer \u00f6fters fehlen, brauche es neue Therapieans\u00e4tze, sagt Slack. \u00abBakterien wie E. coli K1 sind schwierig zu bek\u00e4mpfen. Unser Ansatz ist m\u00f6glicherweise der einzige, mit dem dieser Erreger und andere ohne Antibiotika bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p>E. coli K1 kann nicht nur zu Hirnhautentz\u00fcndungen bei Neugeborenen f\u00fchren, die heute in einem Wettlauf gegen die Zeit mit Antibiotika behandelt werden m\u00fcssen. Es ist auch einer der h\u00e4ufigsten Verursacher von Blasen- und Nierenbeckenentz\u00fcndungen. Ausgehend von solchen Entz\u00fcndungen kann es auch zu schweren Blutvergiftungen kommen.\u00a0<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu einer wirksamen Therapie f\u00fcr Menschen sieht die ETH-Professorin keine gr\u00f6sseren H\u00fcrden: \u00abSchluckimpfungen, Probiotika und auch Phagen werden in der Medizin alle schon angewendet\u00bb, sagt sie. Auch werde es m\u00f6glich sein, alle drei Komponenten gemeinsam in eine Kapsel zu verpacken, die man einfach schlucken k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ausserdem planen die Wissenschafter:innen Projekte, in denen sie mit demselben Ansatz auch andere Bakterien als E. coli K1 bek\u00e4mpfen wollen, darunter multiresistente Erreger, gegen die viele Antibiotika nicht mehr wirken.<\/p>\n<p>Dieses Forschungsprojekt wurde unterst\u00fctzt durch das Basel Research Centre for Child Health.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hirnhautentz\u00fcndungen bei Neugeborenen geh\u00f6ren zu den gef\u00e4hrlichsten Infektionen im fr\u00fchen Leben. 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