{"id":152854,"date":"2026-06-04T07:48:12","date_gmt":"2026-06-04T07:48:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/152854\/"},"modified":"2026-06-04T07:48:12","modified_gmt":"2026-06-04T07:48:12","slug":"ibm-quantencomputer-offensive-verschaeft-bitcoin-risiko-cvj-ch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/152854\/","title":{"rendered":"IBM-Quantencomputer-Offensive versch\u00e4ft Bitcoin-Risiko &#8211; CVJ.CH"},"content":{"rendered":"<p>IBM verpflichtet mehr als 10 Mrd. USD f\u00fcr Quantencomputing \u00fcber die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre. Die Roadmap nennt erstmals konkrete Etappenziele f\u00fcr fehlertolerante Systeme und bewertet damit das Quantencomputer Bitcoin-Risiko entlang einer klareren Zeitlinie neu.<\/p>\n<p>Quantencomputer nutzen Quantenmechanik wie Superposition und Verschr\u00e4nkung statt klassischer Bits. Damit l\u00f6sen sie bestimmte Rechenprobleme exponentiell schneller. Dazu z\u00e4hlt das Faktorisieren grosser Zahlen, auf dem asymmetrische Kryptographie wie Bitcoins ECDSA beruht. Heutige Systeme mit einigen Hundert physischen Qubits reichen f\u00fcr einen realen Kryptographie-Angriff allerdings noch nicht aus. IBM betreibt seit 2017 das IBM Quantum Network, das heute mehr als 340 Partnerorganisationen umfasst. Weltweit laufen zudem mehr als 90 IBM-Quantensysteme, mehr als beim Rest der Branche zusammen. Die neue Verpflichtung deckt Forschung, Kapitalausgaben, Produktionsskalierung und \u00dcbernahmen ab. Eckpfeiler ist ferner die Gr\u00fcndung von Anderon, der weltweit ersten reinen Quanten-Wafer-Fabrik. IBM bringt dort 1 Mrd. USD in bar ein.<\/p>\n<p>IBMs Roadmap: Von Kookaburra bis Starling<\/p>\n<p>Den Auftakt macht zun\u00e4chst 2026 der Prozessor Kookaburra, der erste modulare Chip, der fehlerkorrigierte Informationen zugleich speichert und verarbeitet. Damit verschiebt sich die Architektur von reiner Rechenleistung hin zu verl\u00e4sslichem Quantenspeicher auf einem einzigen Baustein. Im selben Jahr erwartet IBM zudem, dass Partner erstmals einen verifizierten Quantum Advantage demonstrieren. Gemeint ist ein nachweisbarer Vorsprung gegen\u00fcber klassischen Rechnern bei einem konkreten Problem. F\u00fcr 2027 ist sp\u00e4ter Cockatoo geplant, der zwei Kookaburra-Module \u00fcber sogenannte L-Couplers verbindet. Diese Schritte bauen auf den Hardware-Fortschritten von Ende 2025 auf, als IBM 120 Qubits in einem GHZ-Zustand verschr\u00e4nkte und kurz darauf den 120-Qubit-Prozessor Nighthawk vorstellte.<\/p>\n<p>Die entscheidende Schwelle markiert jedoch Starling, f\u00fcr 2029 angek\u00fcndigt und im Werk in Poughkeepsie, New York, angesiedelt. Das System soll 200 logische Qubits bereitstellen und 100 Mio. Quantengatter ausf\u00fchren, rund 20&#8217;000-mal mehr Operationen als heutige Maschinen. Ein logisches Qubit besteht aus vielen physischen Qubits, die gemeinsam Fehler erkennen und korrigieren. Somit erfordern 200 logische Qubits bereits Tausende physischer Einheiten. Schliesslich folgt laut Plan Blue Jay mit 2&#8217;000 logischen Qubits und einer Milliarde Quantenoperationen. Damit verzehnfacht die Roadmap die Gr\u00f6ssenordnung gegen\u00fcber Starling nochmals.<\/p>\n<p>Getragen wird diese Roadmap von einem breiten Entwickler-\u00d6kosystem und einer langen Vertragshistorie. IBMs Open-Source-Software Qiskit wird von rund 70% aller Quantenentwickler weltweit genutzt und hat bislang mehr als 4 Bio. Quantenschaltkreise ausgef\u00fchrt. Seit dem Start des IBM Quantum Network 2017 hat der Konzern zudem Vertr\u00e4ge im Volumen von rund 1.1 Mrd. USD abgeschlossen. Anderon liefert das Produktionsfundament dazu und wird ferner vom US-Handelsministerium unterst\u00fctzt. CEO Arvind Krishna ordnet die Lage so ein, dass das Quantenzeitalter nicht mehr bevorstehe, sondern bereits begonnen habe.<\/p>\n<p>Wie viele Qubits braucht ein Bitcoin-Angriff<\/p>\n<p>Bitcoin sichert seine Transaktionssignaturen \u00fcber ECDSA auf der Kurve secp256k1. Shors Algorithmus k\u00f6nnte dieses Verfahren auf einem ausreichend leistungsf\u00e4higen, fehlertoleranten Quantencomputer brechen. Dazu kehrt er die zugrunde liegende mathematische Einwegfunktion um. Ein Paper von Google Quantum AI sch\u00e4tzte im M\u00e4rz 2026, dass sich secp256k1 unter bestimmten Hardware-Annahmen mit weniger als 500&#8217;000 physischen Qubits angreifen liesse. Zwischen dieser Gr\u00f6ssenordnung und IBMs Starling-Ziel von 200 logischen Qubits klafft 2029 folglich noch eine erhebliche L\u00fccke. IBM-Experte Jeff Crume verortet den sogenannten Q-Day, also den Zeitpunkt eines kryptographisch relevanten Systems, dementsprechend zwischen 2030 und 2035.<\/p>\n<p>&#171;Das Argument dar\u00fcber, ob Quantencomputing real ist oder ob wir es ernst nehmen sollten, f\u00fchre ich kaum noch, denn langfristig wird die Realit\u00e4t dieses Argument f\u00fcr sich entscheiden.&#187; &#8211; Ethan Heilman, Kryptograph und BIP-360-Co-Autor.<\/p>\n<p>Das dr\u00e4ngendere Kurzfristrisiko liegt jedoch im Prinzip \u201eHarvest Now, Decrypt Later&#187;. Angreifer k\u00f6nnen heute Blockchain-Daten sammeln und sie sp\u00e4ter entschl\u00fcsseln, sobald ausreichend starke Quantenhardware verf\u00fcgbar ist. Besonders relevant ist das wegen der \u00f6ffentlichen Schl\u00fcssel auf der Blockchain. Sie bleiben dauerhaft sichtbar und lassen sich anders als bei zentralisierten Systemen nicht nachtr\u00e4glich verbergen. Rund 6.9 Mio. BTC liegen in Wallets mit sichtbaren \u00f6ffentlichen Schl\u00fcsseln. Davon entfallen 1.7 Mio. BTC auf \u00e4ltere Adressformate mit dauerhaft exponiertem Schl\u00fcssel und gelten somit als besonders verwundbar.<\/p>\n<p>Nicht alle kryptographischen Bausteine sind gleich stark gef\u00e4hrdet. Bitcoins Hash-Funktion SHA-256 wird durch Grovers Algorithmus nur quadratisch geschw\u00e4cht, von 256 auf effektiv 128 Bit Sicherheit, und gilt daher als robust. Das Signaturverfahren ECDSA bleibt somit das deutlich dr\u00e4ngendere Problem, da Shors Algorithmus es nicht bloss schw\u00e4cht, sondern grunds\u00e4tzlich brechen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bitcoins strukturelles Problem bei der Migration<\/p>\n<p>Zentralisierte Akteure wie Banken k\u00f6nnen veraltete Verschl\u00fcsselung still per Software-Update austauschen. Bei Bitcoin hingegen m\u00fcssen alle Nodes einer \u00c4nderung im Konsens zustimmen, was eine Migration ungleich schwerer macht. Hinzu kommt das Gr\u00f6ssenproblem: eine heutige Bitcoin-Signatur umfasst 64 Bytes, der Post-Quanten-Standard ML-DSA dagegen 2&#8217;420 Bytes, also rund das 38-Fache. Eine Umstellung k\u00f6nnte den Transaktionsdurchsatz somit um bis zu 90% senken. Das w\u00fcrde die Geb\u00fchren erh\u00f6hen und die ohnehin begrenzte Blockkapazit\u00e4t zus\u00e4tzlich belasten.<\/p>\n<p>Die Bitcoin-Community diskutiert mehrere technische Antworten darauf. BIP-360 sieht vor, gef\u00e4hrdete Coins schrittweise auf sicherere Adressen zu verschieben, w\u00e4hrend das Hourglass-Konzept nicht bewegte Coins graduell beschr\u00e4nken w\u00fcrde. Rund 1 Mio. BTC konzentrieren sich zudem auf elf grosse Adressen, die als Fr\u00fchwarnsystem dienen k\u00f6nnten. Bewegt sich dort etwas Auff\u00e4lliges, w\u00e4re das ein m\u00f6gliches Signal f\u00fcr einen laufenden Angriff. Anders als ein Software-Update bei einer Bank verlangt jeder dieser Schritte allerdings eine breite Einigung im Netzwerk.<\/p>\n<p>Den \u00e4usseren Rahmen setzen schliesslich regulatorische Fristen. NIST ver\u00f6ffentlichte im August 2024 die ersten finalisierten Post-Quanten-Standards FIPS 203, 204 und 205 und empfiehlt, die Migration bis 2035 abzuschliessen. Die NSA setzt mit CNSA 2.0 f\u00fcr nationale Sicherheitssysteme hingegen bereits 2030 als Pflichtdatum. Diese externe Zeitlinie erh\u00f6ht den Druck auf alle Beteiligten und \u00fcberschneidet sich mit dem von IBM projizierten Q-Day-Fenster.<\/p>\n<p>Wie andere Krypto-Netzwerke reagieren<\/p>\n<p>Andernorts ist die Industrie bereits konkreter unterwegs. Coinbase berief einen sechsk\u00f6pfigen unabh\u00e4ngigen Beirat ein, dem unter anderem Scott Aaronson, Dan Boneh, Justin Drake, Sreeram Kannan, Yehuda Lindell und Dahlia Malkhi angeh\u00f6ren. Die Ethereum Foundation gr\u00fcndete zudem bereits 2025 ein dediziertes Quantum-Forschungsteam. Bitcoins eigener Prozess rund um BIP-360 bleibt im Vergleich dazu hingegen noch offen und ohne verbindlichen Zeitplan.<\/p>\n<p>Auch jenseits der grossen Netzwerke gibt es konkrete Massnahmen. Algorand f\u00fchrte ebenfalls die erste Post-Quanten-Transaktion aus. Optimism setzte mit dem \u201eFlag Day&#187; im Januar 2036 einen festen Stichtag f\u00fcr die Migration. Solana wiederum bietet optional ein \u201eWinternitz Vault&#187; mit hashgest\u00fctzten Signaturen an, die als quantenresistent gelten. NIST w\u00e4hlte im M\u00e4rz 2025 ferner HQC als vierten Standard-Kandidaten, um die Algorithmenvielfalt abzusichern und nicht von einem einzigen Verfahren abh\u00e4ngig zu sein.<\/p>\n<p>Der Blick \u00fcber die Krypto-Branche hinaus zeigt, wie weit die Umstellung andernorts schon fortgeschritten ist. Apple iMessage, Signal und Zoom unterst\u00fctzen l\u00e4ngst Post-Quanten-Kryptographie, und Meta migrierte 2026 seine internen Systeme auf die neuen Standards. W\u00e4hrend diese Anbieter die Umstellung still vollziehen, m\u00fcssen Blockchain-Netzwerke jeden Schritt im offenen Konsens aushandeln. Letztlich bestimmt genau dieser Unterschied, wie viel Vorlauf Bitcoin gegen\u00fcber IBMs Zeitlinie tats\u00e4chlich noch hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"IBM verpflichtet mehr als 10 Mrd. USD f\u00fcr Quantencomputing \u00fcber die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre. 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