{"id":154300,"date":"2026-06-05T06:05:18","date_gmt":"2026-06-05T06:05:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/154300\/"},"modified":"2026-06-05T06:05:18","modified_gmt":"2026-06-05T06:05:18","slug":"wim-wenders-und-nastassja-kinski-debatte-um-nacktszene-mit-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/154300\/","title":{"rendered":"Wim Wenders und Nastassja Kinski: Debatte um Nacktszene mit 13"},"content":{"rendered":"<p>Wie soll man heute mit problematischen Szenen in \u00e4lteren Filmen umgehen?\u00a0Diese Frage wird aktuell heftig in der deutschen Filmbranche diskutiert. Ausl\u00f6ser ist\u00a0\u201eFalsche Bewegung\u201c aus dem Jahr 1975, einem Film des deutschen Regisseurs Wim Wenders. Darin ist die Schauspielerin Nastassja Kinski als 13-J\u00e4hrige in\u00a0einer\u00a0Szene\u00a0mit nacktem Oberk\u00f6rper\u00a0zu sehen. Ein Mann ohrfeigt sie und streichelt dann ihr Gesicht. Seit Jahren fordert sie, die Szene zu entfernen.\u00a0<\/p>\n<p>Inzwischen hat\u00a0Wenders den Film\u00a0vorerst\u00a0aus allen\u00a0aktuellen Auswertungsformen genommen.\u00a0Doch\u00a0der Fall ist kein Einzelfall. In der Filmgeschichte gibt es immer wieder Beispiele, in denen Schauspielerinnen sp\u00e4ter sexualisierte Darstellungen oder Machtverh\u00e4ltnisse am Set kritisierten.\u00a0<\/p>\n<p>Wenders hatte vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis erkl\u00e4rt, er w\u00fcrde die Szene \u201eheute nie mehr so machen\u201c. Er sagte aber auch, seinem damaligen 29-j\u00e4hrigen \u201eIch\u201c k\u00f6nne er keinen Vorwurf machen. Er habe einen Film \u201ein seiner Zeit\u201c gemacht. Aus dem Fall ergibt sich laut Wenders aber eine Frage, die alle Filmschaffenden betreffe: Wie geht man mit Filmerbe um? Er fragte, ob man eine Szene schneiden d\u00fcrfe oder solle, wenn sie einer Schauspielerin wehtue, und bat die Deutsche Filmakademie um eine Debatte.\u00a0 <\/p>\n<p>Die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch nannte die \u00c4u\u00dferungen von Wenders \u201eausgesprochen unangemessen\u201c. Sie kritisierte, Wenders habe die Verantwortung, die eigentlich bei ihm liege, mit seinem Appell an Publikum und Filmakademie \u201eauf Tausende verteilt\u201c. Seine Verweise auf den damaligen Zeitgeist, sein Alter und das Filmerbe wertete sie als Versuch, sich der pers\u00f6nlichen Verantwortung zu entziehen. <\/p>\n<p>Auch Kinskis Anwalt Christian Schertz kritisierte die Rede sp\u00e4ter als Versuch, sich der pers\u00f6nlichen Verantwortung zu entziehen. Da Wenders ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch mit Kinski zu der Szene laut Schertz bereits seit Jahren verweigert, hatte der Anwalt den \u00dcbergang zu formalen juristischen Schritten angek\u00fcndigt. <\/p>\n<p>Wim Wenders hat \u201eFalsche Bewegung\u201c nun vorerst zur\u00fcckgezogen. Das Werk von 1975 werde aus allen aktuellen Auswertungsformen genommen, teilte die Wim Wenders Stiftung am 3. Juni 2026 mit. Streaming-, TV- und Vertriebspartner w\u00fcrden angewiesen, den Film nicht mehr \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich zu machen. In der Mitteilung entschuldigte sich Wenders bei Kinski: Die Schauspielerin h\u00e4tte damals besser gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Au\u00dferdem erkl\u00e4rt er, die Gesellschaft m\u00fcsse angemessene Umgangsweisen f\u00fcr strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts finden.<\/p>\n<p>Annette Brauerhoch erkl\u00e4rt den Neuen Deutschen Film in den 1970ern als Gegenbewegung zum Kino der Bundesrepublik der 1950er-Jahre. Die damals jungen Regisseure h\u00e4tten sich von diesem alten Kino absetzen wollen, auch durch andere Produktionsformen. Nicht mehr Produzenten sollten den Film bestimmen, sondern die Autoren, also die Regisseure selbst. <\/p>\n<p>Genau darin sieht Brauerhoch aber ein Problem: Der Autorenfilm habe die Vorstellung vom K\u00fcnstler als Genie wieder stark gemacht, \u201ewas unter Umst\u00e4nden entlastend gewirkt hat f\u00fcr einen Regisseur wie Wim Wenders, der nat\u00fcrlich den Sexismus unverhohlen praktiziert hat, wie er in der Filmbranche \u00fcblich war\u201c, so Brauerhoch. Zwar h\u00e4tten die Jungfilmer ein neues Kino schaffen wollen, beim Sexismus der Branche h\u00e4tten sie sich nach Brauerhochs Einsch\u00e4tzung aber nicht grunds\u00e4tzlich von den \u00e4lteren Filmemachern unterschieden.<\/p>\n<p>Unter dem Schlagwort der sexuellen Revolution hat sich nach Ansicht der Filmexpertin auch nicht automatisch Gleichberechtigung durchgesetzt: \u201eEs war ein Klima, in dem das, was als Befreiung vorgesehen war, immer auch nat\u00fcrlich patriarchal gepr\u00e4gt war und deswegen sehr ungleichm\u00e4\u00dfig sich ausgedr\u00fcckt hat und meistens auf Kosten der Frauen ging.\u201c<\/p>\n<p>Eine 13-J\u00e4hrige nackt an einem Filmset, noch dazu ohne ausreichende Vorbereitung auf diese Nacktheit, sei \u201eheute nicht in Ordnung\u201c und sei es auch damals nicht gewesen, meint Schauspieler und Regisseur Julius Feldmeier. \u201eUnd wenn Wim sagt, dass es damals eine andere Zeit war, dann w\u00fcrde ich sagen: Das stimmt nicht ganz.&#187;<\/p>\n<p>Zwar habe es in den 1970er-Jahren weniger Schutzmechanismen an Filmsets und weniger \u201eVokabular\u201c f\u00fcr \u00dcbergriffigkeit und Grenz\u00fcberschreitung gegeben. Gleichzeitig gab es aber auch schon ein Bewusstsein daf\u00fcr, erkl\u00e4rt Feldmeier. Nastassja Kinski h\u00e4tte selbst gesagt, dass sie schon damals gesp\u00fcrt h\u00e4tte, es f\u00fchlte sich nicht richtig an.<\/p>\n<p>Dabei hat es laut Feldmeier durchaus andere Modelle gegeben. Als Gegenbeispiel nennt er Edgar Reitz. Der habe 1968 an einem M\u00e4dchengymnasium Film unterrichtet, den Sch\u00fclerinnen Kameras und Tonequipment gegeben und sie ermutigt, ihre eigenen Geschichten zu erz\u00e4hlen. Feldmeier sieht darin einen radikalen Gegenentwurf zu einem Autorenkino, in dem Regisseure Drehb\u00fccher schrieben, am Set \u00fcber alles bestimmten und Entscheidungen trafen wie \u201eDie Szene drehen wir nackt.\u201c <\/p>\n<p>Der Fall Wenders\/Kinski steht nicht allein. In der Filmgeschichte gibt es mehrere Beispiele, in denen Schauspielerinnen sp\u00e4ter sexualisierte Darstellungen oder Machtverh\u00e4ltnisse am Set kritisierten. Kinski selbst war bereits gegen eine Nacktszene im Tatort \u201eReifezeugnis\u201c von 1977 vorgegangen. Auch Maria Schneider beschrieb die Sexszene mit Marlon Brando zu \u201eDer letzte Tango in Paris\u201c sp\u00e4ter als verletzend. Brooke Shields kritisierte r\u00fcckblickend \u201eDie blaue Lagune\u201c, in dem ihr sexuelles Erwachen als 14-J\u00e4hrige ausgenutzt worden sei.<\/p>\n<p>Die Filmwissenschaftlerin Brauerhoch sagt, es sei \u201eeine sehr grunds\u00e4tzliche Frage\u201c, ob man Geschichte nachtr\u00e4glich korrigieren k\u00f6nne oder solle. Diese Frage ber\u00fchre auch Debatten \u00fcber Cancel Culture und Political Correctness. Wenn man damit anfange, m\u00fcsse man konsequenterweise die gesamte Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte in den Blick nehmen. Eine solche Korrektur mache das Geschehene f\u00fcr Kinski aber nicht ungeschehen. \u201eGanz wichtig ist es, die Debatte zu er\u00f6ffnen. Aber auf keinen Fall sollte man versuchen, die Geschichte zu korrigieren. Denn das sind ja auch wichtige Dokumente\u201c, so die Filmwissenschaftlerin.<\/p>\n<p>Schauspieler und Regisseur Julius Feldmeier sagt, es m\u00fcsse ein Umgang damit gefunden werden, dass damals etwas stattgefunden habe, \u201ewas nicht h\u00e4tte stattfinden sollen\u201c. Er k\u00f6nne Wenders nicht auffordern, die Szene herauszuschneiden. Das sei Sache Kinskis. M\u00f6glich seien aus seiner Sicht aber auch andere L\u00f6sungen. Man k\u00f6nne zum Beispiel die Szene schw\u00e4rzen. Entscheidend sei, dass Wenders nicht anderen eine Mitverantwortung gebe. \u201eDen Ball will ich zu ihm zur\u00fcckspielen und zu ihm sagen: Nein. Sehr geehrter Herr Wenders, es ist deine und ihre Verantwortung, damit jetzt umzugehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie soll man heute mit problematischen Szenen in \u00e4lteren Filmen umgehen?\u00a0Diese Frage wird aktuell heftig in der deutschen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":154301,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[24],"tags":[101,46,10199,23441,68,498,36807,36806,102,45,44,69,584],"class_list":["post-154300","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-prominente","tag-celebrities","tag-ch","tag-debatte","tag-deutscher-filmpreis","tag-entertainment","tag-film","tag-nacktszene","tag-nastassja-kinski","tag-prominente","tag-schweiz","tag-switzerland","tag-unterhaltung","tag-wim-wenders"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/116695991564386742","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/154300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=154300"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/154300\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/154301"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=154300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=154300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=154300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}