{"id":158874,"date":"2026-06-08T15:29:16","date_gmt":"2026-06-08T15:29:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/158874\/"},"modified":"2026-06-08T15:29:16","modified_gmt":"2026-06-08T15:29:16","slug":"fotografie-erkenne-dich-selbst-im-bild-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/158874\/","title":{"rendered":"Fotografie: Erkenne dich selbst \u2013 im Bild der anderen"},"content":{"rendered":"<p>Die Triennale der Fotografie feiert in elf Ausstellungen in acht Museen das verbindende und kritische Potenzial der Fotografie. Ein besonderer Schwerpunkt ist zu dessen 100. Geburtstag Triennale-Gr\u00fcnder F. C. Gundlach gewidmet.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Zusammengerollt wie ein Embryo liegt eine Frau schlafend inmitten einer wild wuchernden, exotischen Pflanze, die sich, am Wegesrand bodennah wachsend, als bequemes Lager anbietet. Mensch und Natur verschmelzen auf der Fotografie der portugiesisch-angolanischen K\u00fcnstlerin M\u00f3nica de Miranda zu einer Einheit, was dem Bild eine tiefere Bedeutung verleiht. Denn die Pflanze Welwitschia Mirabilis, die bis zu 1500 Jahre alt werden kann und als lebendes Fossil gilt, gedeiht nur in der Namib-W\u00fcste in Namibia und S\u00fcdangola. \u201eDie Mirabilis-Pflanzen tragen das gesamte Archiv der angolanischen Geschichte in sich\u201c, erkl\u00e4rt die Fotografin.<\/p>\n<p>\u201eAuf der Reise zu einem neuen Ort des Verstehens\u201c<\/p>\n<p>Angola war bis 1975 portugiesische Kolonie. De Miranda, als Tochter angolanischer Eltern 1976 in Porto geboren, setzt sich als K\u00fcnstlerin, Filmemacherin und Forscherin mit ihrem afrikanischen Erbe in der Diaspora und der postkolonialen Geschichte ebenso auseinander, wie mit Fragen der Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit. Ihre Arbeiten sind jetzt im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg in den Deichtorhallen zu sehen. Unter dem Titel \u201eAlliance, Infinity, Love \u2013 In the Face of the Other\u201c zeigt die zentrale, titelgebende Ausstellung des Festivals dort rund 500 Fotos, Videos und Filme von 30 internationalen K\u00fcnstlern.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe, h\u00f6chst beeindruckende Schau wurde von Mark Sealy kuratiert, dem diesj\u00e4hrigen k\u00fcnstlerischen Leiter der Photo-Triennale und Direktor von Autograph ABP (Association of Black Photographers). Die eingeladenen Fotografen, darunter etwa Dawoud Bey, Tyler Mitchell, Teresa Margolles oder Mao Ishikawa, bilden eine transglobale Gemeinschaft, die neue Formen des Austauschens erkundet.<\/p>\n<p>Aus gesellschaftspolitischen Verflechtungen kristallisieren sich pers\u00f6nliche Geschichten heraus. Dabei verdeutlichen die einzelnen Arbeiten, worum es in der Triennale insgesamt gehen soll: das verbindende und zugleich kritische Potenzial der Fotografie, die soziale Strukturen reflektiert, Wahrnehmungen pr\u00e4gt und zum Perspektivenwechsel auffordert. Die Fotografie sei derzeit auf einer \u201eReise zu einem neuen Ort des Verstehens\u201c, erkl\u00e4rt Sealy.<\/p>\n<p>300 Bilder aus der Sammlung F. C. Gundlach<\/p>\n<p>Acht Museen sind mit elf Ausstellungen an dem Gro\u00dfevent beteiligt, das rund 279 fotografische Positionen vereint. Die Triennale f\u00f6rdere das \u201eTraining des Muskels der Kooperation zwischen unseren Institutionen\u201c, sagt Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Dar\u00fcber hinaus habe sie eine Bedeutung f\u00fcr uns als soziale Wesen: \u201eSind wir noch in der Lage, andere zu sehen? Sind wir noch zu Mitmenschlichkeit f\u00e4hig?\u201c, fragt der Politiker. Es gebe \u201eeinen Wandel in der zeitgen\u00f6ssischen Fotografie\u201c, erg\u00e4nzt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen: \u201eSie er\u00f6ffnet R\u00e4ume des Dialogs. Sie fordert Empathie und ein Mitdenken des anderen ein.\u201c<\/p>\n<p>Die Deichtorhallen steuern vier Pr\u00e4sentationen zum Festival bei. So stellt \u201eCocktail Prolong\u00e9\u201c rund 300 Arbeiten aus der Kollektion des Modefotografen und Sammlers F. C. Gundlach (1926\u20132021) vor, der die Triennale der Fotografie im Jahr 1999 auf den Weg brachte. \u201eEr hat die \u00dcberzeugung verfochten, dass die Fotografie eine Kunstform ist\u201c, sagt Luckow. Mit dieser Grundthese im Kopf pr\u00e4gte Gundlach von den 1950er- bis 1980er-Jahren die Modefotografie und damit die Sicht auf den weiblichen K\u00f6rper entscheidend mit.<\/p>\n<p>Familiengeschichten in Schnappsch\u00fcssen<\/p>\n<p>Als Sammler wandte er sich aber auch provokanteren, tiefgr\u00fcndigeren Formen der K\u00f6rperlichkeit zu, interessierte sich f\u00fcr Extravaganz, Unangepasstheit und Queerness. Zu den rund 70 Fotografen, die sich mit der Inszenierung des K\u00f6rperlichen besch\u00e4ftigt haben, z\u00e4hlen Diane Arbus, Richard Avedon, Erwin Blumenfeld, Irvin Penn und Cindy Sherman. Mit der Ausstellung \u201eF. C. Gundlach \u2013 You\u2019ll Never Watch Alone\u201c widmet sich anl\u00e4sslich der Triennale auch das Bucerius Kunst Forum dem umtriebigen Fotografen, Galeristen, Sammler und Netzwerker (WELT AM SONNTAG berichtete).<\/p>\n<p>Die dritte Schau der Deichtorhallen stellt im Phoxxi zwei Lichtbildner einander gegen\u00fcber, die raumgreifend mit analoger Fotografie arbeiten: den deutsch-t\u00fcrkischen K\u00fcnstler Abdulhamid Kircher und die deutsch-ghanaische K\u00fcnstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah.<\/p>\n<p>Kircher setzt sich mit Patriarchat und Gewalt einerseits, mit der Suche nach Vers\u00f6hnung und N\u00e4he andererseits auseinander. Seine neun mal zwei Meter gro\u00dfe Installation aus Schnappsch\u00fcssen und pers\u00f6nlichen Texten versteht er als fragmentarisches Familienalbum. Auch Adu-Sanyah verarbeitet ihre Familiengeschichte. So verwendet sie historische Archivbilder vom Geburtsort ihres Vaters in Ghana und entwirft eine alternative Erz\u00e4hlung, indem sie Bildelemente aus dem kolonialen Zusammenhang herausl\u00f6st und neu kombiniert.<\/p>\n<p>Werke von Gerhard Richter und Marcel Duchamp<\/p>\n<p>In der Sammlung Falckenberg ist viertens die Ausstellung \u201eInner Mornings, or Forms of Counterculture\u201c zu entdecken, die vom Leben und Werk der surrealistischen Fotografin Claude Cahun (1894\u20131954) inspiriert wurde und Kunst in ihrem Sinne als Praxis des Widerstands begreift. Gezeigt werden rund 170 Werke von 80 K\u00fcnstlern \u2013 darunter etwa Gerhard Richter, Wolfgang Tillmans, Nan Goldin, Walker Evans, Martha Rosler oder Gilbert &amp; George \u2013, die einseitige Geschichtsschreibung hinterfragen, Kritik an Darstellungen \u00fcben, eine alternative Historie entwerfen oder das Absurde als Waffe einsetzen.<\/p>\n<p>Auch die Kunsthalle pr\u00e4sentiert zum Festival eine Gruppenschau. Dort korrespondieren die Werke von mehr als 40 internationalen K\u00fcnstlern verschiedener Generationen, darunter etwa Marcel Duchamp, Richard Hamilton, Pierre Huyghe, Rosemarie Trockel, Tacita Dean oder Walid Raad. In drei Kapiteln geht es um Erinnerungen, Mythen und Ideologien sowie um die Nutzung von Fotos und Artefakten zur Sichtbarmachung verborgener Bedeutungen.<\/p>\n<p>Mit historischen Quellen setzt sich auch die Schau \u201eBilderechos aus Peru\u201c im Museum am Rothenbaum (MARKK) auseinander. Dort wird gezeigt, wie Fotos und Musikaufnahmen des deutschen Amateurforschers Hans Heinrich Br\u00fcning (1848\u20131928), der sich f\u00fcnfzig Jahre lang in Peru aufhielt und das Leben der Menschen vor Ort dokumentierte, bis heute widerhallen und durch zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler in Peru neu interpretiert werden.<\/p>\n<p>Einzelausstellungen von vier Fotografinnen<\/p>\n<p>Die Triennale stellt au\u00dferdem vier Fotografinnen in Einzelausstellungen vor. So pr\u00e4sentiert der Kunstverein die britische Konzeptk\u00fcnstlerin Nina Porter, die sich mit der Dynamik zwischen Kamera, Motiv und Bild auseinandersetzt, w\u00e4hrend das Kunsthaus von der in K\u00f6ln lebenden K\u00fcnstlerin Melike Kara bespielt wird, die ihr kurdisches Verm\u00e4chtnis erforscht.<\/p>\n<p>Im Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe sind neue Arbeiten der \u00e4gyptischen, in den Niederlanden lebenden Fotografin Sara Sallam zu sehen, die sich eigens mit der arch\u00e4ologischen und fotografischen Sammlung des Museums sowie dessen kolonialem Erbe befasst.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihr Werk \u201eSuturing Wounds\u201c etwa n\u00e4hte die K\u00fcnstlerin aus fragmentierten Faksimiles koptischer Textilien aus der Antikensammlung ein Gewand, das sie anschlie\u00dfend auf inszenierten Selbstportr\u00e4ts trug. Der Akt des Zerlegens und Neuzusammenf\u00fcgens stellte f\u00fcr sie ein heilendes Ritual dar, mit dem sie ihrer unbekannten Vorfahren im alten \u00c4gypten gedachte. Das Museum der Arbeit schlie\u00dflich widmet sich dem Werk der britischen Fotografin Franki Raffles (1955\u20131994), die sich in den 1970er- und 1980er-Jahren mit der Lebens- und Arbeitswirklichkeit von Frauen in Schottland, Osteuropa und Asien besch\u00e4ftigt hat. Mit ihrem Werk wollte die Fotografin, Feministin und Aktivistin soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten aufzeigen. Die aktuelle Relevanz hat ihre Arbeit mit den vielen anderen Positionen der Photo-Triennale gemeinsam.<\/p>\n<p>Triennale der Photographie Hamburg: bis 22. September. Programm und Infos: 2026.phototriennale.de\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Triennale der Fotografie feiert in elf Ausstellungen in acht Museen das verbindende und kritische Potenzial der Fotografie.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":158875,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[23],"tags":[97,96,46,37683,98,34883,37684,68,28566,256,37170,37686,28565,358,27875,177,100,99,37685,34041,37687,11216,13271,45,44,103,69],"class_list":["post-158874","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-kunst-und-design","tag-art","tag-art-and-design","tag-ch","tag-deichtorhallen-hamburg","tag-design","tag-dirk","tag-duchamp","tag-entertainment","tag-f-c-fotograf","tag-fotografie","tag-gerhard-kuenstler","tag-goldin","tag-gundlach","tag-hamburg","tag-hamburger-kunsthalle","tag-kultur","tag-kunst","tag-kunst-und-design","tag-luckow","tag-marcel","tag-nan","tag-pohle-julika","tag-richter","tag-schweiz","tag-switzerland","tag-texttospeech","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/116715196076280628","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/158874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=158874"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/158874\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/158875"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=158874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=158874"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=158874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}