{"id":159582,"date":"2026-06-09T04:45:15","date_gmt":"2026-06-09T04:45:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/159582\/"},"modified":"2026-06-09T04:45:15","modified_gmt":"2026-06-09T04:45:15","slug":"wohnungsnot-ist-ein-angebotsproblem-seniorweb-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/159582\/","title":{"rendered":"Wohnungsnot ist ein Angebotsproblem &#8211; Seniorweb Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Tragen Neu- und Ersatzbauten wesentlich zur Minderung der Wohnungsnot bei? Zwei aktuelle Studien gelangen zum Schluss, dass die Knappheit nur mit mehr Wohnungsbau reduziert werden kann. Kritiker der Studien argumentieren, dass mehr Neubau nicht automatisch mehr bezahlbaren Wohnraum bedeutet. <\/p>\n<p>Im Kanton Z\u00fcrich mangelt es an Wohnraum. Drei Initiativen, \u00fcber die die kantonalen Stimmberechtigten am 14. Juni abstimmen, wollen diese Situation verbessern. Die Wohneigentumsinitiative des Hauseigent\u00fcmerverbands will, dass bei Bauprojekten, an denen Kanton oder Gemeinden beteiligt sind, gleich viele Eigentums- wie Mietwohnungen entstehen muss. Bei den anderen beiden Initiativen geht es um Mietwohnungen. Die eine verlangt, dass der Kanton selber gemeinn\u00fctzige Wohnungen erstellt, die andere will Leerk\u00fcndigungen verhindern. Die Chancen aller drei Initiativen sind begrenzt.<\/p>\n<p>Neubauten schaffen Umzugsketten<\/p>\n<p>Von Interesse sind da zwei aktuelle Studien, die das Marktforschungsinstitut Sotomo im Auftrag der Z\u00fcrcher Handelskammer bzw. der Initiative F\u00fcrschi Z\u00fcri zur Wohnraumsituation im Kanton Z\u00fcrich erstellte. Beide Studien gelangen zum Schluss, dass die Wohnungsnot in Z\u00fcrich vor allem ein Angebotsproblem ist. Mehr Wohnungsbau \u2013 insbesondere Verdichtung und Ersatzneubauten an gut erschlossenen Standorten \u2013 wird als wesentlicher Hebel gesehen, um die Knappheit zu reduzieren. Neubauten kommen laut den Analysen nicht nur wohlhabenden Haushalten zugute, sondern schaffen \u00fcber Umzugsketten zus\u00e4tzliche Wohnm\u00f6glichkeiten f\u00fcr breitere Bev\u00f6lkerungsschichten.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Erkenntnisse der beiden Studien lassen sich wie folgt zusammenfassen:<\/p>\n<p>Von den grossen Schweizer Agglomerationen ist Z\u00fcrich die einzige, in der die Bev\u00f6lkerung schneller w\u00e4chst als der Wohnungsbestand. Dadurch versch\u00e4rft sich die Wohnungsknappheit st\u00e4rker als in anderen Regionen.In Z\u00fcrich entstehen bei Ersatzneubauten durchschnittlich 2,8 neue Wohnungen f\u00fcr jede abgerissene Wohnung. Trotz Abrissen f\u00fchrt die Verdichtung somit zu einem deutlichen Nettogewinn an Wohnraum.Neubauwohnungen werden \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von j\u00fcngeren Haushalten und Familien bezogen. Ohne zus\u00e4tzliche Neubauten h\u00e4tten diese Gruppen deutlich schlechtere Chancen, geeigneten Wohnraum in der Region Z\u00fcrich zu finden.Wer in eine Neubauwohnung zieht, gibt eine bisherige Wohnung frei. Dadurch entstehen weitere Umzugsm\u00f6glichkeiten. Laut Studie finden pro Person, die in eine Neubauwohnung zieht, indirekt zwei weitere Personen Wohnraum in der Agglomeration Z\u00fcrich.Viele Neubauprojekte schaffen zwar teurere Wohnungen, die daraus entstehenden Umzugsketten kommen jedoch auch Haushalten mit mittleren Einkommen zugute. Die Autoren argumentieren deshalb, dass Neubau insgesamt eher entlastend als verdr\u00e4ngend wirkt.Durch gezielte Verdichtung innerhalb bestehender Siedlungsgebiete k\u00f6nnte schweizweit Wohnraum f\u00fcr bis zu zwei Millionen zus\u00e4tzliche Einwohner geschaffen werden \u2013 ohne neue Bauzonen einzuzonen. Besonders grosse Potenziale liegen in Agglomerationsgemeinden rund um die grossen St\u00e4dte.Rund 83 % der Personen, die 2016 in der Agglomeration Z\u00fcrich lebten, wohnten 2024 noch immer in derselben Gemeinde. Die Bev\u00f6lkerung wird also deutlich sesshafter als h\u00e4ufig vermutet.Die Umzugsquoten blieben im Betrachtungszeitraum mit j\u00e4hrlich acht bis zw\u00f6lf Prozent bemerkenswert stabil. Weder aus der Stadt noch aus der Agglomeration Z\u00fcrich l\u00e4sst sich eine steigende Verdr\u00e4ngung beobachten. Wegz\u00fcge machen nur einen kleinen Anteil aller Umz\u00fcge aus und haben nicht zugenommen; in der Stadt Z\u00fcrich ist ihr Anteil zuletzt sogar gesunken.F\u00fcr die Mehrheit der Haushalte gelten die Wohnkosten laut Studie als tragbar. Das unterste Einkommensdrittel ist jedoch deutlich st\u00e4rker belastet und tr\u00e4gt einen \u00fcberproportionalen Teil der Wohnkostenlast.Die Wahrnehmung, dass Leerk\u00fcndigungen zugenommen haben, l\u00e4sst sich in den Daten nicht best\u00e4tigen. In der Stadt Z\u00fcrich bewegt sich der j\u00e4hrliche Anteil der Betroffenen zwischen 0.3 und 0.7 Prozent, in der Agglomeration Z\u00fcrich zwischen 0.2 und 0.3 Prozent. Nach einem Ausreisser im Corona-Jahr 2020 ist der Anteil in der Stadt Z\u00fcrich wieder kontinuierlich zur\u00fcckgegangen und erreichte 2024 mit 0.3 Prozent das Niveau von 2018.<\/p>\n<p>Soziale Folgen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Studien sind in der Fachwelt nicht unumstritten. Kritiker \u2013 insbesondere aus der Stadt- und Wohnforschung \u2013 weisen darauf hin, dass die positiven Markteffekte von Neu- und Ersatzbauten zwar plausibel seien, die sozialen Folgen von Leerk\u00fcndigungen, Verdr\u00e4ngung und Quartierver\u00e4nderungen jedoch zu wenig ber\u00fccksichtigt w\u00fcrden. ETH-Stadtforscher David Kaufmann beispielweise argumentiert, \u00a0dass Ersatzneubauten immer mit Leerk\u00fcndigungen verbunden sind und jede Leerk\u00fcndigung zun\u00e4chst eine Form von Verdr\u00e4ngung darstellt. Die Studien fokussierten stark auf die gesamtwirtschaftlichen Effekte (mehr Wohnungen, Umzugsketten), w\u00e4hrend die sozialen Folgen f\u00fcr die direkt Betroffenen weniger sichtbar w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die beiden Studien zeigen auf, dass mehr Neubau langfristig die Wohnungsnot entlastet, jedoch nicht das Problem nach gen\u00fcgend bezahlbaren Wohnraum l\u00f6st. Da w\u00e4re eine st\u00e4rkere F\u00f6rderung von gemeinn\u00fctzigem Wohnungsbau, Genossenschaften oder preisgebundenen Wohnungen statt einer ausschliesslichen Fokussierung auf Marktbau angezeigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Tragen Neu- und Ersatzbauten wesentlich zur Minderung der Wohnungsnot bei? 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