{"id":161744,"date":"2026-06-10T12:48:28","date_gmt":"2026-06-10T12:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/161744\/"},"modified":"2026-06-10T12:48:28","modified_gmt":"2026-06-10T12:48:28","slug":"ns-verfolgungsbedingt-entzogen-von-den-muenchener-pinakotheken-restituiertes-gemaelde-von-lesser-ury-wird-versteigert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/161744\/","title":{"rendered":"NS-verfolgungsbedingt entzogen: Von den M\u00fcnchener Pinakotheken restituiertes Gem\u00e4lde von Lesser Ury wird versteigert"},"content":{"rendered":"<p>Bevor Lesser Ury zum impressionistischen Chronisten des Gro\u00dfstadtlebens wurde, malte er realistische Genrebilder. Nun wird ein fr\u00fches Werk versteigert, das auch von j\u00fcdischer Sammlerkultur und nationalsozialistischer Enteignung erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Lesser Ury war der Gro\u00dfstadtmaler des urbanen, pulsierenden Berlin. Ber\u00fchmt wurde er mit seinen Stra\u00dfenszenen, oft bei Nacht und Regen: Pferdedroschken rollen \u00fcber das nasse Pflaster des Kurf\u00fcrstendamms, Automobilscheinwerfer und elektrische Stra\u00dfenlaternen spiegeln sich auf der Fahrbahn. Elegante Damen erscheinen schemenhaft im Licht der Boulevards, auf dem Weg zum Restaurant oder zur Tanzveranstaltung, begleitet von Herren im Zylinder. Ury folgte ihnen in die Kaffeeh\u00e4user der Hauptstadt, ins Caf\u00e9 Bauer, ins Josty \u2013 und wurde zum Chronisten des feineren st\u00e4dtischen Lebens, das er in \u00d6l auf Leinwand ebenso virtuos impressionistisch festhielt wie in Pastellkreiden auf Papier.<\/p>\n<p>Das Auktionshaus <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.kettererkunst.de\/result.php?limit_von_details=0&amp;objsei=1&amp;shw=1&amp;kuenstler=ury&amp;auswahl=alles\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.kettererkunst.de\/result.php?limit_von_details=0&amp;objsei=1&amp;shw=1&amp;kuenstler=ury&amp;auswahl=alles&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Ketterer in M\u00fcnchen versteigert<\/a> nun ein fr\u00fches Gem\u00e4lde, das eine ganz andere Seite des K\u00fcnstlers zeigt. Denn die Teilhabe an jener besseren Gesellschaft war Ury keineswegs in die Wiege gelegt. Geboren 1861 in eine j\u00fcdische Familie im damals preu\u00dfischen Birnbaum in der Provinz Posen, verlor er seinen Vater im Alter von zehn Jahren. Mit der Mutter zog er nach Berlin, wo er unter schwierigen Bedingungen aufwuchs und Anschluss suchte. Sein Charakter, der als eigenbr\u00f6tlerisch, einzelg\u00e4ngerisch und nerv\u00f6s beschrieben wird, d\u00fcrfte ihm dabei nicht nur geholfen haben. Eine kaufm\u00e4nnische Lehre brach Ury ab, um nach D\u00fcsseldorf zu gehen und sich an der dortigen Kunstakademie der Malerei zuzuwenden.<\/p>\n<p>Die 1880er-Jahre sind f\u00fcr Lesser Ury unstete Zeiten. Er wechselt die Ausbildungsorte, geht nach Br\u00fcssel, Paris, Stuttgart und M\u00fcnchen. 1883 entsteht das Gem\u00e4lde \u201eDie Geschwister, Interieur mit Kindern\u201c, das noch von einem veristischen Realismus gepr\u00e4gt ist, formal aber bereits Einfl\u00fcsse des franz\u00f6sischen Impressionismus erkennen l\u00e4sst. Urys sensibles Gesp\u00fcr f\u00fcr Licht und Schatten f\u00e4llt hier schon auf.<\/p>\n<p>Das durch das ge\u00f6ffnete Fenster einfallende Sonnenlicht modelliert die drei Kinderfiguren, die ganz still, jedes f\u00fcr sich, im Raum verharren. Ein M\u00e4dchen schaut hinaus in die Landschaft, der Junge sitzt lesend am Tisch, die J\u00fcngste blickt den Betrachter scheu an, als habe er sie beim Binden der eben gepfl\u00fcckten Blumen gest\u00f6rt. Allein die Lichtregie verleiht dem streng komponierten Bild h\u00e4uslicher Ruhe einen Hauch von Dramatik \u2013 eine Stilistik, die Ury Jahre sp\u00e4ter zur Meisterschaft bringen wird.<\/p>\n<p>1887 kehrt Ury nach Berlin zur\u00fcck. Adolph Menzel unterst\u00fctzt ihn dabei, wieder Fu\u00df zu fassen. Vom einflussreichen Secessionspr\u00e4sidenten Max Liebermann wird Ury zun\u00e4chst gef\u00f6rdert, bis sich beide wegen eines Plagiatsvorwurfs \u00fcberwerfen. Erst als Lovis Corinth Liebermann nachfolgt, erh\u00e4lt Ury auch in der Berliner Secession seine Chance. Auch Paul Cassirers Galerie (siehe Text oben) war an Urys sp\u00e4tem k\u00fcnstlerischen Durchbruch beteiligt. Zu seinem 60. Geburtstag wird Lesser Ury als \u201ek\u00fcnstlerischer Verherrlicher der Hauptstadt\u201c gefeiert. 1931 stirbt er in Berlin.<\/p>\n<p>Ketterer weist im Auktionskatalog darauf hin, dass Lesser Urys fr\u00fches Kinderbildnis auch ein bedeutendes Dokument j\u00fcdischer Sammlerkultur der fr\u00fchen Moderne ist. Der erste bekannte Eigent\u00fcmer war der Kunsthistoriker und Publizist Julius Elias, einer der wichtigsten F\u00f6rderer der Berliner Secession und ein fr\u00fcher Unterst\u00fctzer Urys. Sp\u00e4testens ab 1921 geh\u00f6rte das Bild dem Berliner Bankier und Kunstsammler Curt Goldschmidt. Im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung wurde das Werk 1935 im Rahmen der Zwangsverwertung seines Besitzes versteigert. Goldschmidt floh 1937 nach Paris und lebte w\u00e4hrend der deutschen Besatzung zeitweise versteckt. Sein gesamtes Verm\u00f6gen ging verloren. Er starb am 31. M\u00e4rz 1947 in Paris.  <\/p>\n<p>Die Provenienz ist l\u00fcckenhaft. 1940 tauchte das Gem\u00e4lde \u201eDie Geschwister, Interieur mit Kindern\u201c beim Auktionshaus Lempertz in K\u00f6ln wieder auf, gekennzeichnet als aus \u201enicht arischem Besitz\u201c stammend; Einlieferer und K\u00e4ufer blieben bis heute unbekannt. 1969 gelangte es in den Bestand des Kunsth\u00e4ndlers Rudolf Neumeister. Wie und wo Neumeister das Gem\u00e4lde erworben hatte, lie\u00df sich nach Informationen des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste bislang nicht kl\u00e4ren. 1972 wurde es von den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255555098\/NS-Raubkunst-Wenn-Nachfahren-der-Opfer-hingehalten-werden.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255555098\/NS-Raubkunst-Wenn-Nachfahren-der-Opfer-hingehalten-werden.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bayerischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen<\/a> erworben.<\/p>\n<p>In diesem Fr\u00fchjahr restituierte der Freistaat Bayern das Lesser-Ury-Gem\u00e4lde als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut an die Erben nach Curt Goldschmidt. \u201eDie R\u00fcckgabe w\u00fcrdigt die doppelte j\u00fcdische Provenienz des Gem\u00e4ldes \u2013 von seinem Sch\u00f6pfer \u00fcber seine Sammler bis hin zu seinem Verlust infolge nationalsozialistischer Verfolgung\u201c, sagte der Direktor der Staatsgem\u00e4ldesammlungen Anton Biebl bei der Bekanntgabe Ende M\u00e4rz 2026. Nun kommt das Bild bei Ketterer am 13. Juni 2026 mit einem Sch\u00e4tzpreis von 80.000 bis 100.000 Euro unter den Hammer. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bevor Lesser Ury zum impressionistischen Chronisten des Gro\u00dfstadtlebens wurde, malte er realistische Genrebilder. 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