{"id":16983,"date":"2026-02-23T12:39:06","date_gmt":"2026-02-23T12:39:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/16983\/"},"modified":"2026-02-23T12:39:06","modified_gmt":"2026-02-23T12:39:06","slug":"zum-tod-der-kuenstlerin-henrike-naumann-ideologie-beginnt-im-wohnzimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/16983\/","title":{"rendered":"Zum Tod der K\u00fcnstlerin Henrike Naumann: Ideologie beginnt im Wohnzimmer"},"content":{"rendered":"<p>Henrike Naumann ist mit nur 41 Jahren gestorben. Die Gegenwartskunst verliert mit ihr eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Naumanns Verm\u00e4chtnis wird nun der Deutsche Pavillon auf der Biennale von Venedig.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">M\u00f6bel, Design, Einrichtungsgegenst\u00e4nde, ganze Schrankw\u00e4nde \u2013 das war das Material, aus dem Henrike Naumann Kunst machte. Auf den ersten Blick sahen ihre Installationen aus wie Wohnzimmer aus erst k\u00fcrzlich vergangenen Zeiten. Besonders aus ostdeutschen Wohnverh\u00e4ltnissen sch\u00f6pfte sie die Inspiration f\u00fcr ihr Werk. Nostalgisch waren ihre Ausstellungen jedoch nie. Sie wirkten wie begehbare Protokolle einer Gesellschaft, die sich nach 1989 neu einrichtete, sich vom ideologischen Ballast jedoch nicht so leicht trennen konnte. Wie statten sich politische Milieus aus, in denen Geschmack zur Haltung und Interieur zum Weltbild wird? Diese Frage schien Naumanns Werk zu stellen.<\/p>\n<p>Geboren 1984 in Zwickau, geh\u00f6rte Naumann zu jener Generation, die ihre Kindheit noch in der DDR erlebte und ihre Jugend im radikalen Umbruch der Nachwendezeit. Sie gestaltete Zust\u00e4nde: die Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit, das Gef\u00fchl des Abgeh\u00e4ngtseins, die Versuchung autorit\u00e4rer Erz\u00e4hlungen. In Installationen wie \u201eDas Reich\u201c oder \u201eTag X\u201c arrangierte sie M\u00f6bel aus den 1990er- und 2000er-Jahren zu r\u00e4umlichen Essays \u00fcber gepflegte Ressentiments, Rechtsradikalismus und Reichsb\u00fcrger-Denken. Ihre Kunst hatte eine dokumentarische, fast forensische Grundlage \u2013 umso entlarvender war ihre Wirkung.<\/p>\n<p>Zuletzt nahm Henrike Naumann an der Ausstellung <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article68c7dd98a38eaa1ecdddc9f9\/Wohnen-Warum-die-Platte-unsere-Zukunft-ist-ob-man-will-oder-nicht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article68c7dd98a38eaa1ecdddc9f9\/Wohnen-Warum-die-Platte-unsere-Zukunft-ist-ob-man-will-oder-nicht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eWohnkomplex\u201c im Potsdamer Museum Das Minsk<\/a> teil. Ausgangspunkt f\u00fcr ihre Installation \u201eTriangular Stories (Amnesia &amp; Terror)\u201c war ein Foto der sp\u00e4teren NSU-Terroristin Beate Zsch\u00e4pe. Ein Zeitsprung ins Jahr 1992, als rassistische Ausschreitungen in Ostdeutschland die Gesellschaft ersch\u00fctterten. Naumann zeigte inszenierte Homevideos aus dem Leben einer Gruppe von Nachwuchs-Nazis und von partymachenden Jugendlichen auf Ibiza. Sie gehe der Frage nach, erkl\u00e4rte Naumann ihr Projekt, \u201ewo die Unschuld von drei jungen Neonazis aufh\u00f6rt \u2013 und die Verantwortung von unpolitischen Hedonistinnen und Hedonisten beginnt.\u201c<\/p>\n<p>Ihre sozialen, fast soziologisch komponierten R\u00e4ume erzeugten eine unangenehme N\u00e4he. Wer sie betrat, stand nicht vor einem Werk, sondern in einer Situation \u2013 und musste sich fragen, warum einem das alles so vertraut vorkommt. Man befand sich in einem Setting des L\u00e4cherlichen, Banalen und Peinlichen \u2013 und musste aushalten, dass solche \u00c4sthetisierung von Ideologie nicht nur \u201edie anderen\u201c betrifft. Naumann verband analytische Klarheit mit einer trockenen Ironie.<\/p>\n<p>Am 14. Februar 2026 ist Henrike Naumann im Alter von nur 41 Jahren gestorben, nach einer viel zu sp\u00e4t diagnostizierten Krebserkrankung, wie es in einer Mitteilung hei\u00dft. Erst wenige Monate zuvor war Naumann als eine von zwei K\u00fcnstlerinnen f\u00fcr den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2026 berufen worden. Ihr Tod hinterlasse eine \u201eschmerzhafte L\u00fccke\u201c, erkl\u00e4rte das Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa), das f\u00fcr den deutschen Beitrag auf der wichtigsten internationalen Ausstellung f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst verantwortlich ist. \u201eMit Henrike Naumann verlieren wir nicht nur eine bedeutende Vertreterin der deutschen Gegenwartskunst, sondern auch eine warmherzige, wache und hoch engagierte Pers\u00f6nlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Dass sie f\u00fcr den Deutschen Pavillon ausgew\u00e4hlt wurde, war eine folgerichtige Entscheidung. Naumanns Arbeit stand f\u00fcr eine Gegenwartskunst, die Deutschland die politische Temperatur misst \u2013 mit den Mitteln der Installation. Ihr fr\u00fcher Tod verleiht dem Projekt in Venedig eine tragische Dimension. Naumann habe es konzeptionell noch fertigstellen k\u00f6nnen, damit es dort gem\u00e4\u00df ihrer k\u00fcnstlerischen Vision umgesetzt werde, hie\u00df es.<\/p>\n<p>Zweite K\u00fcnstlerin im Deutschen Pavillon ist die vietnamesisch-deutsche K\u00fcnstlerin Sung Tieu. Kuratiert wird der Beitrag von Kathleen Reinhardt, Direktorin des Georg-Kolbe-Museums in Berlin. Die Biennale von Venedig findet vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 statt. Geleitet wird sie vom Team um die kamerunisch-schweizerische <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256101220\/Goldene-Loewen-verliehen-Venedig-eroeffnet-die-Architekturbiennale-und-trauert-um-die-Kuratorin-der-Kunstbiennale.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256101220\/Goldene-Loewen-verliehen-Venedig-eroeffnet-die-Architekturbiennale-und-trauert-um-die-Kuratorin-der-Kunstbiennale.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kuratorin Koyo Kouoh<\/a>, die am 10. Mai 2025 ebenfalls nach einer Krebserkrankung verstorben war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Henrike Naumann ist mit nur 41 Jahren gestorben. 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