{"id":200117,"date":"2026-07-08T06:19:17","date_gmt":"2026-07-08T06:19:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/200117\/"},"modified":"2026-07-08T06:19:17","modified_gmt":"2026-07-08T06:19:17","slug":"2009-der-viel-zu-fruehe-tod-des-letzten-koenigs-der-popmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/200117\/","title":{"rendered":"2009: Der viel zu fr\u00fche Tod des letzten K\u00f6nigs der Popmusik"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2009 war Popstar Michael Jackson nur noch ein Schatten seiner selbst. Dennoch wollte er es noch einmal wissen, noch ein letztes gro\u00dfes Comeback wagen. Aber dazu kam es nicht mehr. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Vielleicht ist die besonders bittere Ironie vom Tod des Michael Jackson, dass der Anfang vom Ende des gr\u00f6\u00dften Popstars der Welt ausgerechnet mit einem Freispruch begann. Es ist der 13. Juni 2005, und vor dem Gerichtssaal in Santa Maria, Los Angeles, haben sich Hunderte von Menschen versammelt. So wie auch schon an den letzten 66 Prozesstagen. Auf der einen Seite stehen die Michael-Jackson-Superfans, einige von ihnen berichten, dass sie ihre Jobs gek\u00fcndigt haben, um hier sein zu k\u00f6nnen und ihr Idol zu verteidigen. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die Jackson in der H\u00f6lle brennen sehen wollen, f\u00fcr die Taten, die ihm vorgeworfen werden.<\/p>\n<p>Dann, um 14.15 Uhr, wird das Urteil live aus dem Gerichtssaal \u00fcbertragen. Es ist totenstill auf dem Vorplatz. Der Richter verliest die Anklagepunkte einzeln. Sexueller Missbrauch an einem Kind unter 14 Jahren: nicht schuldig. Versuchter sexueller Missbrauch: nicht schuldig. Verabreichung von Alkohol an einen Teenager: nicht schuldig. Verschw\u00f6rung zu Freiheitsberaubung und Erpressung: nicht schuldig. Jacksons Anw\u00e4lte haben es geschafft, den Kl\u00e4ger, den zum Zeitpunkt der mutma\u00dflichen Taten 13-j\u00e4hrigen Gavin Arvizo, und seine Familie so unglaubw\u00fcrdig zu machen, dass die Geschworenen zu gro\u00dfe Zweifel hatten.<\/p>\n<p>Jackson verlie\u00df das Gericht als freier Mann. Zumindest auf dem Papier. In der Realit\u00e4t war er von nun an ein Gefangener seiner selbst. Die Vorw\u00fcrfe waren so schwerwiegend, dass das Bild von Jackson nachhaltig besch\u00e4digt war. Von dem einstigen \u201eKing of Pop\u201c, der die 1980er- und 1990er-Jahre musikalisch dominierte, war nur noch eine verzerrte H\u00fclle geblieben. Nicht nur sein \u00c4u\u00dferes war durch Dutzende von Sch\u00f6nheitsoperationen regelrecht entstellt, auch sein Ruf hatte gelitten. Schon vor dem Prozess hatte Jackson dem britischen Klatschjournalisten Martin Bashir verst\u00f6rende Einblicke in sein Privatleben auf seiner Neverland-Ranch gegeben, seinem f\u00fcrstlichen Anwesen, das eher einem Freizeitpark als einer Wohnanlage glich.<\/p>\n<p>Ein Aktenkoffer voller Pornos<\/p>\n<p>Hier hatte Jackson fremde Kinder eingeladen, damit sie Zeit mit ihm verbringen sollten. In der Dokumentation sieht man, wie er mit Gavin Arvizo H\u00e4ndchen h\u00e4lt und davon erz\u00e4hlt, dass die Kinder in seinem Bett schlafen w\u00fcrden und er das ganz normal f\u00e4nde. Im Prozess erfuhr man dann zus\u00e4tzlich, dass Jackson in diesem Zimmer auch einen schwarzen Aktenkoffer mit Pornos hatte, die er den Kindern gelegentlich gezeigt haben sollte. Und man wurde auch wieder daran erinnert, dass es bereits vorher Vorw\u00fcrfe gegen Jackson gab. Im Jahr 1993 behauptete auch der damals 13-j\u00e4hrige Jordan Chandler, dass er von Jackson sexuell missbraucht wurde. Der Fall wurde au\u00dfergerichtlich beigelegt. Chandler erhielt mehr als 20 Millionen Dollar f\u00fcr sein Schweigen.<\/p>\n<p>Nachdem Jackson freigesprochen wurde, verlie\u00df er seine Neverland-Ranch, die von diesem Zeitpunkt an f\u00fcr ihn als beschmutzt galt, und zog die n\u00e4chsten Jahre wie ein Nomade durch die Welt, lebte in Hotels und versteckte sich weitestgehend vor der \u00d6ffentlichkeit, die mittlerweile den Spitznamen \u201eWacko Jacko\u201c f\u00fcr ihn hatte. In dieser Zeit litt Jackson bereits unter einer schweren Abh\u00e4ngigkeit von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Er nahm immense Mengen starker Opioide und Beruhigungsmittel wie Demerol und Xanax ein, um den extremen physischen und psychischen Belastungen standzuhalten. Seine schwere chronische Schlafst\u00f6rung bek\u00e4mpfte er zudem mit dem hochgef\u00e4hrlichen Narkosemittel Propofol, das ihm \u00c4rzte abseits von Operationss\u00e4len als vermeintliche Einschlafhilfe verabreichten.<\/p>\n<p>Jackson war nur noch ein Schatten seiner selbst. Dennoch wollte er es noch einmal wissen, noch ein letztes gro\u00dfes Comeback wagen. Im M\u00e4rz 2009 trat Jackson in London vor die Weltpresse und k\u00fcndigte unter frenetischem Jubel eine Serie von Abschiedskonzerten in der O2-Arena an. Die Nachfrage war gigantisch, aus den urspr\u00fcnglich geplanten zehn Shows wurden schnell 50, doch hinter den Kulissen der aufwendigen Proben in Los Angeles k\u00e4mpfte der sichtlich abgemagerte und geschw\u00e4chte Jackson verzweifelt gegen seine k\u00f6rperlichen Grenzen und eine unbezwingbare Schlaflosigkeit. Um dem immensen Druck standzuhalten, vertraute er sich vollends seinem Leibarzt Dr. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/conrad-murray\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/conrad-murray\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Conrad Murray<\/a> an. Dieser verabreichte ihm fortan fast alln\u00e4chtlich das hochpotente Narkosemittel Propofol im privaten Schlafzimmer. Eine medizinische Grenz\u00fcberschreitung mit fatalen Folgen.<\/p>\n<p>F\u00fcr WELT war das Wattenmeer wichtiger als der Tod Jacksons<\/p>\n<p>Am Morgen des 25. Juni 2009 injizierte Murray seinem Patienten eine erneute, dieses Mal t\u00f6dliche Dosis des An\u00e4sthetikums, kombiniert mit einem Cocktail aus Beruhigungsmitteln. Wenige Stunden sp\u00e4ter erlitt <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/michael-jackson\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/michael-jackson\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Michael Jackson<\/a> im Alter von nur 50 Jahren einen pl\u00f6tzlichen Herzstillstand. <\/p>\n<p>Als sich die Nachricht verbreitete, trauerte die Welt um den \u201eKing of Pop\u201c, aber die WELT hielt den Ball lieber flach. Im Gegensatz zur restlichen Weltpresse wurde der Tod von Jackson in der Zeitung nicht zum Aufmacher erkoren. Der lautete \u201eEhrentitel f\u00fcr den Schatz der Weite\u201c und befasste sich mit dem Wattenmeer, das von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt worden war.<\/p>\n<p>Immerhin wurde Jackson eine Doppelseite gewidmet. Dort wurde er als \u201eletzter K\u00f6nig\u201c der Popmusik beschrieben, als K\u00fcnstler, der sich konsequenter als jeder andere in eine \u00f6ffentliche Figur verwandelt habe. Ein Autor argumentierte sogar, Jackson habe \u201eim rechten Moment\u201c die Augen geschlossen \u2013 unmittelbar vor einer Comeback-Tour, die ihn erneut mit den Erwartungen seines Mythos konfrontiert h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Andere Texte besch\u00e4ftigten sich mit seinem Verh\u00e4ltnis zu Ruhm, Fernsehen und Selbstinszenierung, mit den Sch\u00f6nheitsoperationen, seiner Verwandlung in eine globale Ikone und der Frage, wie sein Bild am Ende sein Werk \u00fcberlagerte. Die wird heute ganz aktuell \u00fcbrigens neu verhandelt.<\/p>\n<p>\u201eMichael\u201c, das Biopic \u00fcber zumindest einen kleinen Ausschnitt von Jacksons Leben, brach im Fr\u00fchjahr 2026 Kassenrekorde im Kino. Und der \u201eKing of Pop\u201c wird 17 Jahre nach seinem Tod von einer ganz neuen Generation wieder neu entdeckt. Genauso wie auch die Missbrauchsvorw\u00fcrfe, die in einer gro\u00dfen Netflix-Doku aufgegriffen wurden und die Lager genauso spalten wie damals. Zumindest die Musik von Jackson ist bis heute \u00fcber jeden Zweifel erhaben. <\/p>\n<p>Und sein Leibarzt Murray? Der wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, vorzeitig entlassen und arbeitet nun in Trinidad und Tobago wieder als Mediziner.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/dennis-sand\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/dennis-sand\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dennis Sand<\/a> schreibt \u00fcber Popkultur und Zeitgeist. Seine B\u00fccher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Jahr 2009 war Popstar Michael Jackson nur noch ein Schatten seiner selbst. 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