{"id":206433,"date":"2026-07-13T06:25:12","date_gmt":"2026-07-13T06:25:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/206433\/"},"modified":"2026-07-13T06:25:12","modified_gmt":"2026-07-13T06:25:12","slug":"wenn-kunst-die-unsichtbare-kraft-hinter-dem-alltag-sichtbar-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/206433\/","title":{"rendered":"Wenn Kunst die unsichtbare Kraft hinter dem Alltag sichtbar macht"},"content":{"rendered":"<p>13.07.26 &#8211; Was bedeutet &#171;Druck&#187; \u2013 jenseits von Technik und Maschine? Und wie wirkt er, wenn er nicht nur Material verformt, sondern auch Menschen, Biografien und gesellschaftliche Beziehungen? Diese Fragen stellt die neue Wechselausstellung &#171;Gesellschaft unter Druck&#187;, die ab Sonntag, dem 12. Juli, im Museum Modern Art in H\u00fcnfeld zu sehen ist. <\/p>\n<p>Im Zentrum stehen Arbeiten von Guido K\u00fchn, Christian Fischer und der Bildhauerin Patricia K\u00fchn Meisenheimer, die den Begriff &#171;Druck&#187; als sichtbare Spur und zugleich als unsichtbare Kraft untersuchen. Gezeigt werden klassische und experimentelle Drucke, Fotografien, Videokunst und interaktive Installationen.<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>Ein Wort \u2013 drei Bedeutungen<br \/>\n<a class=\"fancybox\" data-fancybox=\"galerie\" data-caption=\"\" rel=\"on_group\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153901.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"imgbdr\" style=\"max-width: 98%;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153901.jpg\"\/><\/a><\/p>\n<p>Der Titel der Ausstellung ist ein bewusstes Spiel mit der Doppeldeutigkeit des Wortes \u2013 und Professor Dr. Christian Fischer von der Hochschule Fulda, einer der drei ausstellenden K\u00fcnstler, gliedert das Konzept in drei Ebenen.<\/p>\n<p>&#171;Der erste Druck ist der, den wir alle kennen&#187;, erkl\u00e4rt Fischer. &#171;Zeitdruck, sozialer Druck, das st\u00e4ndige Gef\u00fchl, funktionieren zu m\u00fcssen.&#187; Die zweite Ebene sei der Druck als Technik: &#171;Bis auf zwei Plastiken sind alle Arbeiten hier Drucke \u2013 vom Digitaldruck \u00fcber die Fotografie bis hin zu klassischen Verfahren wie dem Bleisatz.&#187; Und schlie\u00dflich die dritte, f\u00fcr ihn pers\u00f6nlichste Ebene: &#171;Der druckende Mensch als kreativer K\u00fcnstler, der aufgreift, was um ihn herum passiert \u2013 sozial oder weltpolitisch \u2013, es in sich aufnimmt und wieder nach au\u00dfen gibt.&#187;<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>Drei Positionen \u2013 ein Raum<br \/>\n<a class=\"fancybox\" data-fancybox=\"galerie\" data-caption=\"\" rel=\"on_group\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153710.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"imgbdr\" style=\"max-width: 98%;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153710.jpg\"\/><\/a><\/p>\n<p>Die drei K\u00fcnstler haben die Ausstellungsfl\u00e4che unter sich aufgeteilt: Im hinteren Bereich sind die Druckarbeiten von Guido K\u00fchn zu sehen, im mittleren die Werke Fischers, im vorderen die Plastiken von Patricia K\u00fchn Meisenheimer. Trotz dieser Vielfalt verstehen sich die Beteiligten als gemeinsame Werkschau \u2013 etwas, das Professor K\u00fchn von der Hochschule Neu-Ulm ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft: &#171;Sch\u00f6n finde ich, dass wir mit unserer Bandbreite von konkreten bis gegenst\u00e4ndlichen Arbeiten hier gemeinsam auftreten d\u00fcrfen.&#187;<\/p>\n<p>K\u00fchn zeigte sich zudem beeindruckt vom Haus selbst: &#171;Das Museum ist ein Juwel in der Landschaft. Ich kannte es vorher nicht und war von der G\u00fcte der Sammlung sehr angetan \u2013 auf jeden Fall einen Besuch wert.&#187;<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>Der Druck der digitalen Gegenwart<br \/>\n<a class=\"fancybox\" data-fancybox=\"galerie\" data-caption=\"\" rel=\"on_group\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153703.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"imgbdr\" style=\"max-width: 98%;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153703.jpg\"\/><\/a><\/p>\n<p>Einen besonderen Akzent setzen die interaktiven Installationen. Sie spiegeln den digitalen Alltag aus Feeds, Rankings und Kennzahlen wider \u2013 eine Welt, in der neuer Druck nicht durch sichtbare Gewalt entsteht, sondern durch permanente R\u00fcckkopplung und die st\u00e4ndige Erwartung, sich optimieren zu m\u00fcssen. In einer dramaturgisch aufgebauten Raumfolge verbindet die Ausstellung das, was Bilder technisch tun \u2013 formen, standardisieren \u2013, mit dem, was gesellschaftliche Strukturen mit Menschen machen: normieren, beschleunigen, bewerten. So wird nachvollziehbar, warum der Druck durch die Digitalisierung immer weiter steigt.<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>Werkzeug oder Bedrohung? Die K\u00fcnstler und die KI<br \/>\nKaum ein Thema treibt die kreative Szene derzeit so um wie die K\u00fcnstliche Intelligenz \u2013 und beide Professoren beziehen dazu eine bemerkenswert klare Position.<a class=\"fancybox\" data-fancybox=\"galerie\" data-caption=\"\" rel=\"on_group\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153635.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"imgbdr\" style=\"max-width: 98%;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153635.jpg\"\/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Fischer ist KI zun\u00e4chst einmal ein Werkzeug. &#171;Ein gro\u00dfes Sprachmodell greift immer nur auf das zur\u00fcck, womit es gef\u00fcttert wurde&#187;, sagt er. &#171;Es gibt letztlich einen Durchschnitt dessen wieder, was in den Datenbanken steckt. Etwas wirklich Neues, wirklich Kreatives entsteht so nicht.&#187; Wer sich jedoch auskenne und eigene Ideen mitbringe, k\u00f6nne eine KI gezielt trainieren und einsetzen: &#171;Lasse ich mir dagegen ein komplettes Plakat einfach von der KI gestalten, wird das sehr wahrscheinlich ziemlich langweilig \u2013 und das ist nicht meins.&#187; Von einer pauschalen Ablehnung h\u00e4lt er wenig: &#171;Das w\u00e4re so, als w\u00fcrde man das Internet ablehnen. Die Technik ist da, und sie geht auch nicht wieder weg.&#187;<\/p>\n<p>Zugleich mahnt Fischer, die eigentliche Frage nicht zu verwechseln: &#171;Wir m\u00fcssen uns als Gesellschaft \u00fcberlegen, wie viel Druck wir uns selbst machen und wie stark die KI in unser Leben eingreifen darf. Das ist aber eine gesellschaftliche und politische Frage \u2013 mit der Kunst hier hat sie erst einmal nichts zu tun.&#187;<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>&#171;Im Kopf laufen 14 Millionen Vorg\u00e4nge ab&#187;<\/p>\n<p>Auch K\u00fchn, der nach eigener Aussage schon mit KI arbeitete, &#171;als es den Namen KI noch gar nicht gab&#187;, sieht in ihr ein Werkzeug \u2013 betont aber den fundamentalen Unterschied zwischen Bestellen und Erschaffen: &#171;Wenn ich mir etwas von der KI machen lasse, ist das so, als w\u00fcrde ich bei Amazon etwas bestellen. Etwas selbst zu gestalten ist ein v\u00f6llig anderer Prozess; im Gehirn werden ganz andere Bereiche aktiv.&#187; Er rechnet vor: &#171;Allein bei der Entscheidung, welche Farbe ich nehme, laufen im Kopf rund 14 Millionen Vorg\u00e4nge ab. Sage ich der KI, sie solle mir ein Bild prompten, sind es vergleichsweise nur ein paar Hundert.&#187;<\/p>\n<p>Gelassenheit zieht K\u00fchn aus einem Blick in die Kunstgeschichte: &#171;Das kennen wir schon vom \u00dcbergang der Malerei zur Fotografie um 1900. Auch damals hie\u00df es, die Maler k\u00f6nnten ihre Paletten wegwerfen. Tats\u00e4chlich sind daraus v\u00f6llig neue Kunstrichtungen entstanden \u2013 Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Und die gegenst\u00e4ndliche Malerei ist bis heute pr\u00e4sent.&#187;<\/p>\n<p>Im Alltag hingegen sei die neue Technik durchaus auch anstrengend. &#171;Da kommt ein Kollege und sagt: Du kannst doch gut zeichnen, schau mal, das habe ich eben geprompted. Dann sage ich: Ja, aber da hast du sechs Finger, und im Hintergrund stimmt die Schrift nicht.&#187; Warum er weiterhin selbst zeichnet, begr\u00fcndet er grunds\u00e4tzlich: &#171;Das Zeichnen, das ich mir \u00fcber Jahrzehnte erarbeitet habe, ist f\u00fcr mich auch eine Schule. Ich lerne, Dinge zu erkennen \u2013 all das passiert im Kopf, wenn ich etwas selbst gestalte.&#187; Ob er KI in seine k\u00fcnstlerische Arbeit einbinde, l\u00e4sst er offen: &#171;Da bin ich zwiegespalten.&#187;<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>Zwischen historischer Technik und H\u00f6rsaal<br \/>\n<a class=\"fancybox\" data-fancybox=\"galerie\" data-caption=\"\" rel=\"on_group\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153143.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"imgbdr\" style=\"max-width: 98%;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/11796544-20260712-153143.jpg\"\/><\/a><\/p>\n<p>Dass seine Zur\u00fcckhaltung auch mit seinem Handwerk zu tun hat, macht K\u00fchn deutlich: &#171;Ich arbeite mit sehr historischen Techniken \u2013 Bleisatz, Holzschnitt, Linoldruck \u2013 auf Maschinen, von denen keine j\u00fcnger als 70 Jahre ist.&#187; V\u00f6llig ausgeschlossen sei eine \u00d6ffnung aber nicht: &#171;Vorstellbar w\u00e4re, irgendwann die Formerstellung \u00fcber Computerprogramme oder KI einzubinden. In den 1960er-Jahren gab es das in der konkreten Kunst schon einmal mit prozedural erzeugten Mustern \u2013 einige davon h\u00e4ngen sogar hier in der Sammlung.&#187;<\/p>\n<p>In seiner Lehre erlebt K\u00fchn die Kehrseite der neuen M\u00f6glichkeiten. &#171;Viele Studierende nehmen bei einer Aufgabe gern die Abk\u00fcrzung. Nach 30 Sekunden ist die Antwort da \u2013 aber dann haben sie nichts gelernt, manche haben den Text nicht einmal gelesen.&#187; Seine Hochschule steuere deshalb bewusst gegen: &#171;Wir bauen im Grundstudium wieder verst\u00e4rkt analoge Erfahrungen ein und kehren zur Pr\u00e4senzlehre zur\u00fcck.&#187; In h\u00f6heren Semestern werde KI dagegen ganz selbstverst\u00e4ndlich eingesetzt: &#171;Da gibt es keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste.&#187;<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p>Ein Museum als Stiftung<br \/>\nGetragen wird die Ausstellung vom Museum Modern Art, das auf der Sammlung J\u00fcrgen Blums beruht und als Stiftung gef\u00fchrt wird. Martina Sauerbier, Kulturbeauftragte der Stadt H\u00fcnfeld und Vorsitzende des Stiftungsbeirats, verweist auf die besondere Struktur des Hauses: Neben der Dauerausstellung der Sammlung bieten die Pavillons Raum f\u00fcr wechselnde Ausstellungen wie die aktuelle. &#171;Wir freuen uns \u00fcber jeden Besucher, der die Werke der ausstellenden K\u00fcnstler und die Institution als solche wahrnimmt und wertsch\u00e4tzt&#187;, so Sauerbier. Ge\u00f6ffnet ist das Museum von Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 15 bis 18 Uhr.<\/p>\n<p>Die Besucher erwartet eine Ausstellung, die den Druck in all seinen Facetten erfahrbar macht \u2013 als Handwerk, als Kunstform und als jene stille Kraft, die den Alltag einer ganzen Gesellschaft pr\u00e4gt. (Marvin Hucke) +++<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"13.07.26 &#8211; Was bedeutet &#171;Druck&#187; \u2013 jenseits von Technik und Maschine? 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