{"id":207332,"date":"2026-07-13T18:26:20","date_gmt":"2026-07-13T18:26:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/207332\/"},"modified":"2026-07-13T18:26:20","modified_gmt":"2026-07-13T18:26:20","slug":"warum-wir-alle-ein-bisschen-monster-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/207332\/","title":{"rendered":"Warum wir alle ein bisschen Monster sind"},"content":{"rendered":"<p>\n          Emil Ferris im Interview <\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt aus dem Englischen.<\/p>\n<p>Wir haben gerade schon \u00fcber Monster gesprochen. Deine Graphic Novel heisst ja nicht umsonst \u00abAm liebsten mag ich Monster\u00bb (My Favorite Thing Is Monsters). Warum magst du Monster eigentlich so sehr? Warum sind sie dein absolutes Lieblingsthema?<\/p>\n<p>Emil Ferris: Weil ich glaube, dass sie die Grenzen sprengen, die wir uns selbst setzen. Monster sind ein Symbol daf\u00fcr, dass wir wandelbare Wesen sind und diese starren Grenzen gar nicht haben. Unsere \u201eAndersartigkeit\u201c wird oft in Form des Monsters externalisiert, aber wir alle erleben dieses Gef\u00fchl. Wir alle kennen das fast l\u00e4hmende Wissen, dass wir anders und seltsam sind. Und oft sind wir das ja auch f\u00fcr die meisten Leute \u2013 aus Gr\u00fcnden, die wir nicht kontrollieren k\u00f6nnen. Manchmal, weil wir queer sind, weil wir eine Behinderung haben, trans oder neurodivergent sind. Ich liebe das Paradigma des Monsters, weil es eine Gabe ist und kein Makel.<\/p>\n<p>Genau diese Andersartigkeit f\u00fchrt oft dazu, dass jemand als Monster abgestempelt wird, oft nur wegen des Aussehens. Die Annahme ist: Je h\u00e4sslicher und fremder, desto b\u00f6ser. Wie spielst du in deinen Werken mit diesen Annahmen?<\/p>\n<p>Das tue ich eigentlich gar nicht. Meine Hauptfigur Karen begreift ihr Monster-Dasein vielmehr als absolute Freiheit. Alles, was sie f\u00fcr den Mainstream inakzeptabel machen w\u00fcrde, nimmt sie an. Sie hat einen krummen R\u00fccken, h\u00e4lt ihre H\u00e4nde auf eine seltsame, fast monstr\u00f6se Art. Sie hat Reissz\u00e4hne \u2013 genau wie ich fr\u00fcher, bevor ein Zahnarzt sie mir genommen hat. Sie ist behaart, was ich auch war und bin. All diese Dinge, die der Mainstream als h\u00e4sslich betrachten w\u00fcrde, nimmt sie an. Das \u201eMonster-Sein\u201c ist also eine Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von diesem \u00e4usseren Druck und den Sch\u00f6nheitsstandards. Standards, die, besonders bei Frauen, erfunden wurden, um sie einzuschr\u00e4nken und klein zu halten. Ein Monster zu sein bedeutet zu sagen: \u201eJa, ich bin anders, und ich k\u00f6nnte dir den Kopf abreissen.\u201c Verstehst du?<\/p>\n<p>Das verleiht dem Ganzen eine gewisse Sch\u00e4rfe.<\/p>\n<p>Ja, es besteht Gefahr. Und es gibt auch die Erkenntnis, dass diese transformative Qualit\u00e4t sehr mit der Erde verbunden ist. Sie ist extrem taktil. Alles, was Karen liebt, sind Dinge, die man sehen, riechen oder h\u00f6ren kann. Ein Monster zu sein, ist eine sehr reale, irdische, menschliche Erfahrung.<\/p>\n<p>Das bedeutet also, Dinge so zu erfahren und aufzunehmen, wie sie wirklich sind, anstatt sie nur zu interpretieren und in Boxen zu stecken?<\/p>\n<p>Genau. Wenn ich B\u00fccher lese, liebe ich es, wenn mich jemand an einen Ort bringt, an dem ich noch nie war. Wenn ich die Welt riechen, schmecken, f\u00fchlen, h\u00f6ren und sehen kann. Das kann sehr brutal sein. Oder anders. Ich kenne die Temperatur von Kalkutta oder den Geruch von Bosnien nach dem Regen, weil ich B\u00fccher gelesen habe, die mir das fast schon \u00fcbernat\u00fcrlich vermittelt haben. Wir brauchen diese tiefen Erfahrungen. Diese digitale Welt, die aktuell f\u00fcr uns geplant wird, kann uns das nicht geben. Es sind die menschlichen Dinge, die uns tiefer und dauerhafter ber\u00fchren und Poesie in unsere Seelen weben.<\/p>\n<p>Besonders, weil diese digitale Welt gar nicht f\u00fcr unsere menschlichen Bed\u00fcrfnisse gemacht ist. Vielmehr wird sie von Konzernen so gestaltet, dass sie uns formt.\u00a0Es gibt ja diese &#8218;Dead Internet Theory&#8216;, die besagt, dass mittlerweile mehr Bots als Menschen im Netz unterwegs sind.\u00a0Alles zielt darauf ab, uns alle in die exakt gleiche Form zu pressen. In so einer durchdigitalisierten Welt wird es einfach immer schwieriger, Mensch zu bleiben.<\/p>\n<p>Amen, Schwester! Ich h\u00e4tte es nicht besser sagen k\u00f6nnen. Weisst du, eine der pr\u00e4gendsten Erfahrungen f\u00fcr einen Menschen ist dieser Moment, in dem er noch nicht sehen kann, aber den K\u00f6rper seiner Mutter riecht, weil er ganz nah an sie gehalten wird. Man ist gerade erst auf die Welt gekommen. Man kann riechen. Das ist unsere allererste Erfahrung von der Welt. Und ich habe noch nie \u2013 auch wenn jetzt bestimmt eines erfunden wird, nur weil ich das gesagt habe \u2013 aber ich habe noch nie ein Videospiel gesehen, das so etwas erm\u00f6glicht. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich das wollen w\u00fcrde. Ich f\u00e4nde es sehr be\u00e4ngstigend, diese extrem durchl\u00e4ssigen, aber so eng miteinander verkn\u00fcpften Qualit\u00e4ten der menschlichen Wahrnehmung zu kontrollieren. Du hast v\u00f6llig recht: Diese digitalen R\u00e4ume werden nicht als menschliche R\u00e4ume geschaffen. Sie werden als kontrollierte R\u00e4ume gebaut, um Menschen in eine Box zu stecken, und nicht, um sie zu befreien.<\/p>\n<p>Was sollen die Menschen aus deinen Werken mitnehmen, wenn sie die Bilder betrachten?<\/p>\n<p>Als ich vor \u00fcber zehn Jahren anfing, an den B\u00fcchern zu arbeiten, fiel mir auf, wie diese kleinen leuchtenden Smartphone-Bildschirme die Aufmerksamkeit der Menschen komplett verschluckten. Ich sah Leute durch Museen laufen, die sich die Gem\u00e4lde nur noch durch ihre Kameras ansehen konnten. F\u00fcr gewisse Leute h\u00f6rt es sich vielleicht nach Unsinn an, aber ich m\u00f6chte die Idee vermitteln, dass ein Objekt, wenn man direkt davorsteht, zu einem Talisman wird. Der:die K\u00fcnstler:in stand vor 300, 500 oder 1000 Jahren in seinem Atelier und hat dieses Ding ber\u00fchrt. Er:sie hat es in verschiedenem Licht betrachtet, w\u00e4hrend er:sie einen Cracker ass. Ein Teil seiner Seele floss in das Werk, weil er vielleicht gerade an ein verstorbenes Kind dachte, w\u00e4hrend er die Arme einer Frau malte. Das alles steckt in diesem Gem\u00e4lde. Es ist unsichtbar, aber es ist da! Und wenn man sich mit einem kleinen leuchtenden Bildschirm zwischen sich und diese Erfahrung stellt, verpasst man das. Geh lieber in den Louvre, besuche nur ein einziges Gem\u00e4lde, besch\u00e4ftige dich ausf\u00fchrlich damit und tritt in einen Dialog mit der Person, die es erschaffen hat.\u00a0<\/p>\n<p>Du sprichst oft von den \u201ekleinen Dingen\u201c, die Kunst zusammenhalten. Was sind diese kleinen Details, die du in deine eigenen Werke einbaust?<\/p>\n<p>Mein Vater hat mir fr\u00fcher die Arbeiten von Al Hirschfeld gezeigt, der den Namen seiner Tochter Nina auf sehr kreative Art in all seinen Zeichnungen versteckte. Das mache ich mit meinen B\u00fcchern auch. Ich verstecke kleine, geheime Zeichnungen in den grossen Bildern. Manchmal sieht man sie nicht auf den ersten Blick, es gibt sogar einige, die bis heute noch niemand gefunden hat! Ich m\u00f6chte, dass die Leser ermutigt werden, wieder richtig hinzusehen und zu beobachten. Weil wir genau diese F\u00e4higkeit gerade verlieren \u2013 und sie ist doch so zentral f\u00fcr unser Menschsein.<\/p>\n<p>Wenn du zu den Leuten sprechen k\u00f6nntest, die hier in Basel in deine Ausstellung kommen: Was m\u00f6chtest du ihnen mit auf den Weg geben?<\/p>\n<p>Ich hoffe, sie kommen hierher, um ihre eigene Freiheit und ihren eigenen Weg zu finden. Das Schulsystem zwingt uns oft dazu, uns anzupassen und uns in vorgefertigte Boxen zu zw\u00e4ngen. Wir schneiden Teile von uns selbst ab, um hineinzupassen und oft sind genau das die Teile, die uns die meiste Freude bereitet haben.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass die Menschen nach der Ausstellung das Verlangen haben, selbst zu zeichnen, frei zu sein und ihren eigenen Ausdruck zu respektieren. Und ich hoffe, sie sehen all meine Fehler! Das ist die eine Sache, was uns die KI wirklich raubt: die W\u00fcrde unserer eigenen Fehler. In meinen Originalzeichnungen gibt es tonnenweise Fehler. Man kann genau sehen, wie ich sie korrigiert habe. Ich m\u00f6chte, dass die Leute sagen: \u201eSchau, sie hat das auch nicht perfekt gemacht. Ich kann auch etwas Grosses machen, und ich kann einen Haufen Fehler dabei machen, und es ist v\u00f6llig in Ordnung.\u201c Es ist sogar wunderbar. Denn unsere Fehler sind wertvoller als jede digitale Perfektion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Emil Ferris im Interview \u00a0 \u00dcbersetzt aus dem Englischen. Wir haben gerade schon \u00fcber Monster gesprochen. 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