{"id":211243,"date":"2026-07-16T13:40:10","date_gmt":"2026-07-16T13:40:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/211243\/"},"modified":"2026-07-16T13:40:10","modified_gmt":"2026-07-16T13:40:10","slug":"zweite-schwangerschaft-formt-das-gehirn-voellig-anders-als-die-erste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/211243\/","title":{"rendered":"Zweite Schwangerschaft formt das Gehirn v\u00f6llig anders als die erste"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"article-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/zweite-schwangerschaft-formt-das-gehirn-voellig-anders-als-die-erste.jpg\"   alt=\"Zweite Schwangerschaft formt das Gehirn v\u00f6llig anders als die erste\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\n\t\t\t\t\t\t\t(Symbolbild). Eine zweite Schwangerschaft hinterl\u00e4sst eine eigene Signatur im Muttergehirn und trifft dabei andere neuronale Netzwerke als die erste. Mit wiederholten Hirnscans an 110 Frauen zeichnete ein Team des Amsterdam UMC nach, wie sich Struktur und Funktion \u00fcber Monate verschieben. Die Befunde r\u00fccken auch die Entstehung der Wochenbettdepression in ein neues Licht.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t(Foto: \u00a9\u00a0Forschung und Wissen)<\/p>\n<p>Dass eine erste Schwangerschaft das Gehirn umbaut, gilt seit einigen Jahren als gesichert. Nun zeigt eine neue Studie des Amsterdam UMC im Fachjournal Nature Communications, dass auch eine zweite Schwangerschaft eigene Spuren im Muttergehirn hinterl\u00e4sst. \u00dcber wiederholte Magnetresonanztomografien verfolgte das Team die Ver\u00e4nderungen bei 110 Frauen. Dabei traten ausgerechnet in jenen Netzwerken die st\u00e4rksten Verschiebungen auf, die bei der ersten Schwangerschaft kaum betroffen waren. Die Ergebnisse k\u00f6nnten helfen, seelische Belastungen rund um die Geburt fr\u00fcher zu erkennen.<\/p>\n<p>Die Schwangerschaft z\u00e4hlt zu den einschneidendsten biologischen Umstellungen im Leben eines Menschen. \u00dcber Wochen und Monate steigen die Spiegel der Sexualhormone \u00d6stradiol und Progesteron auf ein Vielfaches der sonst \u00fcblichen Werte, \u00fcberwinden die Blut-Hirn-Schranke und wirken direkt auf Nervenzellen und ihre Verschaltungen ein. Fr\u00fchere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass dabei das Volumen der grauen Substanz in bestimmten Regionen messbar abnimmt, was Fachleute als gezielte Feinjustierung und nicht als Verlust deuten. Dieser Umbau des Muttergehirns wird mit der F\u00e4higkeit in Verbindung gebracht, sich auf die Bed\u00fcrfnisse eines Neugeborenen einzustellen, dessen Signale zu deuten und eine enge Bindung aufzubauen. Bislang st\u00fctzten sich diese Erkenntnisse jedoch fast ausschlie\u00dflich auf Frauen, die zum ersten Mal ein Kind erwarteten, w\u00e4hrend der \u00fcberwiegende Teil aller M\u00fctter mehr als eine Schwangerschaft durchl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Genau diese L\u00fccke schlie\u00dft die aktuelle Arbeit. Sie untersucht erstmals systematisch, ob und wie sich das Gehirn bei einer zweiten Schwangerschaft erneut ver\u00e4ndert und ob dieser Umbau dem Muster der ersten folgt oder davon abweicht. Die Frage ist keineswegs nebens\u00e4chlich, denn sie ber\u00fchrt das grundlegende Verst\u00e4ndnis der weiblichen <a rel=\"noopener noreferrer nofollow\" href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/psychologie\/belastende-beziehungen-lassen-den-koerper-schneller-altern-133711238\" target=\"_blank\">Neuroplastizit\u00e4t<\/a> \u00fcber wiederholte Lebensereignisse hinweg. F\u00fcr die Neurowissenschaft ist die Schwangerschaft ein seltenes nat\u00fcrliches Modell, um zu beobachten, wie sich ein erwachsenes Gehirn unter dem Einfluss extremer hormoneller Reize umstrukturiert. Die Ergebnisse liefern damit nicht nur Wissen \u00fcber M\u00fctter, sondern auch \u00fcber die generelle Anpassungsf\u00e4higkeit des menschlichen Nervensystems an tiefgreifende k\u00f6rperliche Z\u00e4suren.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tAndere Netzwerke im Fokus als beim ersten Kind<\/p>\n<p>F\u00fcr die Studie begleitete die Arbeitsgruppe um Elseline Hoekzema, Leiterin des Pregnancy Brain Lab am Amsterdam UMC, drei Gruppen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit. Ein Teil der Frauen erwartete das erste Kind, ein weiterer Teil das zweite, eine dritte Gruppe blieb kinderlos und diente als Vergleich. Durch wiederholte Hirnscans lie\u00df sich nachzeichnen, wie sich Struktur und Aktivit\u00e4t im Verlauf verschoben. Bei der ersten Schwangerschaft zeigten sich die gr\u00f6\u00dften Ver\u00e4nderungen im sogenannten Default Mode Network, einem Ruhezustandsnetzwerk, das an Selbstreflexion, sozialem Denken und der Verarbeitung eigener innerer Zust\u00e4nde beteiligt ist. Bei der zweiten Schwangerschaft ver\u00e4nderte sich dieses Netzwerk ebenfalls, allerdings in geringerem Ausma\u00df. Stattdessen traten die deutlichsten Verschiebungen in Netzwerken auf, die Aufmerksamkeit steuern und auf Sinnesreize reagieren. Diese Prozesse k\u00f6nnten sich als vorteilhaft erweisen, wenn eine Mutter gleichzeitig f\u00fcr mehrere Kinder sorgen muss und ihre Aufmerksamkeit rasch zwischen unterschiedlichen Anforderungen verteilen muss.<\/p>\n<p>Damit widerlegt die Untersuchung die naheliegende Annahme, jede Schwangerschaft w\u00fcrde denselben Umbau einfach wiederholen. Vielmehr hinterl\u00e4sst jede Schwangerschaft eine eigene Signatur, die vom bisherigen Erfahrungsstand des Gehirns abh\u00e4ngt. Das erste Kind stellt offenbar vor allem die Grundlagen f\u00fcr Bindung und Perspektiv\u00fcbernahme neu ein, w\u00e4hrend das zweite Kind eher jene Systeme sch\u00e4rft, die das gleichzeitige Beobachten und Reagieren erleichtern. Diese Verlagerung passt zu der Alltagsbeobachtung, dass Eltern mit mehreren Kindern eine andere Form der geteilten Aufmerksamkeit entwickeln. Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist bemerkenswert, dass das Gehirn nicht nur einmalig auf die Elternschaft reagiert, sondern bei jeder weiteren Schwangerschaft flexibel dorthin umbaut, wo neue Anforderungen entstehen. Die beteiligte Forscherin Milou Straathof, die die Daten auswertete, betont die funktionale Logik hinter diesem Muster.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tNeue Hinweise auf die Entstehung der Wochenbettdepression<\/p>\n<p>\u00dcber die reine Grundlagenforschung hinaus verkn\u00fcpft die Arbeit die strukturellen Hirnver\u00e4nderungen erstmals mit dem Verlauf der peripartalen Depression, also depressiven Episoden w\u00e4hrend oder kurz nach der Schwangerschaft. Das Team fand Zusammenh\u00e4nge zwischen Ver\u00e4nderungen in der Gro\u00dfhirnrinde und dem Auftreten depressiver Symptome, und zwar sowohl bei ersten als auch bei zweiten Schwangerschaften. Nach Angabe der Forschenden ist dies der erste Beleg daf\u00fcr, dass Umbauprozesse in der Hirnrinde w\u00e4hrend der Schwangerschaft mit einer m\u00fctterlichen Depression in Verbindung stehen. Bemerkenswert ist der zeitliche Unterschied zwischen den Gruppen. Bei Erstgeb\u00e4renden zeigten sich diese Zusammenh\u00e4nge vor allem nach der Geburt, bei Frauen mit einer zweiten Schwangerschaft dagegen bereits w\u00e4hrend der Schwangerschaft selbst. Dieser Befund f\u00fcgt sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die <a rel=\"noopener noreferrer nofollow\" href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/psychologie\/wie-das-familienbett-kinder-in-ihrer-entwicklung-beeinflusst-13379450\" target=\"_blank\">Bindung<\/a> und psychische Gesundheit von M\u00fcttern gemeinsam betrachten.<\/p>\n<p>Auch die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind lie\u00df sich mit den Hirnver\u00e4nderungen in Beziehung setzen, wobei dieser Zusammenhang nach der ersten Schwangerschaft st\u00e4rker ausfiel als nach der zweiten. Wie belastbar diese Verkn\u00fcpfungen im Detail sind, bleibt offen, da die Stichprobe mit 110 Teilnehmerinnen zwar f\u00fcr ein aufwendiges Bildgebungsdesign beachtlich, f\u00fcr weitreichende klinische Schl\u00fcsse aber begrenzt ist. Die Forschenden ordnen ihre Ergebnisse daher als wichtigen Ausgangspunkt ein, nicht als abgeschlossenes Bild. F\u00fcr die Praxis er\u00f6ffnet der Ansatz dennoch eine Perspektive, seelische Belastungen rund um die Geburt anhand messbarer Ver\u00e4nderungen im <a rel=\"noopener noreferrer nofollow\" href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/medizin\/menschliche-gehirnaktivitaet-in-kuenstlichen-mini-gehirnen-beobachtet-13373292\" target=\"_blank\">Gehirn<\/a> k\u00fcnftig fr\u00fcher und gezielter zu erkennen. Vor allem f\u00fcr die Vorbeugung und Behandlung der Wochenbettdepression k\u00f6nnte ein besseres Verst\u00e4ndnis der zugrunde liegenden neuroplastischen Prozesse langfristig von Bedeutung sein.<\/p>\n<p>Nature Communications, The effects of a second pregnancy on women&#8217;s brain structure and function; doi:10.1038\/s41467-026-69370-8<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"(Symbolbild). 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