{"id":216637,"date":"2026-07-20T22:43:11","date_gmt":"2026-07-20T22:43:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/216637\/"},"modified":"2026-07-20T22:43:11","modified_gmt":"2026-07-20T22:43:11","slug":"quantencomputer-setzen-bitcoin-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/216637\/","title":{"rendered":"Quantencomputer setzen Bitcoin unter Druck"},"content":{"rendered":"<p>Binance-Gr\u00fcnder Changpeng Zhao schlug im Juli 2026 vor, Satoshi Nakamotos rund 1.1 Mio. BTC einzufrieren, falls diese nicht binnen 6 bis 12 Monaten auf quantensichere Adressen wandern. Ausl\u00f6ser ist die Aussicht, dass Quantencomputer die Kryptographie hinter Bitcoin-Transaktionen brechen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Bedrohung zielt auf ein technisches Detail. Bitcoin sichert seine Transaktionen mit dem Signaturverfahren ECDSA auf der Kurve secp256k1. Ein ausreichend leistungsf\u00e4higer Quantencomputer k\u00f6nnte daraus mit Shors Algorithmus den privaten Schl\u00fcssel berechnen, sobald der \u00f6ffentliche Schl\u00fcssel offenliegt. Das Mining \u00fcber SHA-256 bleibt hingegen verschont, weil Grovers Algorithmus nur eine quadratische Beschleunigung liefert. Die Debatte eskalierte im Verlauf des Jahres 2026 rasch. Zun\u00e4chst wanderte der Migrationsvorschlag BIP-360 im Februar in Bitcoins offizielles Entwickler-Repository, sp\u00e4ter folgte der umstrittenere BIP-361 mit einem Freeze-Mechanismus. Gleichzeitig revidierte Google Quantum AI die n\u00f6tige Qubit-Zahl drastisch nach unten. Rund ein Drittel des zirkulierenden Angebots liegt zudem mit sichtbarem Public Key vor, w\u00e4hrend verf\u00fcgbare Quantencomputer erst rund 2&#8217;000 bis 2&#8217;500 physische Qubits erreichen.<\/p>\n<p>Shor gegen Grover: Warum nur die Signaturen verwundbar sind<\/p>\n<p>Bitcoin verwendet zwei kryptographische Bausteine mit sehr unterschiedlichem Risikoprofil. Die Transaktionssignaturen laufen \u00fcber ECDSA auf der Kurve secp256k1, das Mining und das Adress-Hashing \u00fcber SHA-256. Shors Algorithmus liefert auf einem leistungsf\u00e4higen Quantencomputer eine exponentielle Beschleunigung. Folglich l\u00e4sst sich aus einem \u00f6ffentlichen Schl\u00fcssel der zugeh\u00f6rige private Schl\u00fcssel ableiten. Genau dieser Angriff trifft ECDSA direkt.<\/p>\n<p>Beim Mining sieht die Rechnung anders aus. Hier greift Grovers Algorithmus, der SHA-256 lediglich quadratisch beschleunigt. Die effektive Sicherheit sinkt dadurch von 2^256 auf rund 2^128 Operationen. Dieser Wert bleibt praktisch unerreichbar. SHA-256 gilt daher als deutlich robuster gegen\u00fcber Quantenangriffen als ECDSA. Letztlich entscheidet der Unterschied zwischen beiden Algorithmen \u00fcber das gesamte Risikoprofil, denn eine exponentielle Beschleunigung verwandelt ein unl\u00f6sbares Problem in eine Frage von Minuten.<\/p>\n<p>Auch wirtschaftlich ergibt ein Quanten-Mining keinen Sinn. Sch\u00e4tzungen beziffern den n\u00f6tigen Bestand f\u00fcr rentables Mining auf rund 10^23 Qubits. Die Energiekosten l\u00e4gen ausserdem oberhalb eines grossen nationalen Stromnetzes. Der Proof-of-Work-Mechanismus bleibt somit auch langfristig ausserhalb der Reichweite realistischer Quantenhardware. Die Gefahr konzentriert sich folglich auf den Moment, in dem ein \u00f6ffentlicher Schl\u00fcssel on-chain sichtbar wird.<\/p>\n<p>Welche Bitcoin-Best\u00e4nde bereits offen liegen<\/p>\n<p>Ein Public Key wird an drei Stellen sichtbar. Erstens bei den P2PK-Outputs aus den Jahren 2009 und 2010, zu denen auch die Satoshi Nakamoto zugeschriebenen Coins z\u00e4hlen. Zweitens bei jeder Adresse, die mindestens einmal eine Transaktion gesendet hat, denn die Signatur legt den Schl\u00fcssel offen. Drittens bei jedem Taproot-Keypath-Spend \u00fcber den Output-Typ P2TR.<\/p>\n<p>Wie viel Bitcoin dadurch exponiert ist, h\u00e4ngt stark von der Methodik ab. Eine oft zitierte Sch\u00e4tzung beziffert den Bestand auf rund 6.9 Mio. BTC, also etwa ein Drittel des Umlaufs. Ebenso kamen andere Z\u00e4hlungen Anfang M\u00e4rz 2026 auf \u00fcber 34 Prozent der zirkulierenden Menge. Eine \u00e4ltere Deloitte-Analyse aus dem Jahr 2023 kam hingegen auf rund 4 Mio. BTC, allerdings noch ohne die Taproot-Keypath-Spends. Ferner trennt der BIP-360-Kontext rund 1.72 Mio. BTC als hochgradig verwundbar von weiteren rund 4.49 Mio. BTC, die zwar verwundbar, aber migrierbar sind.<\/p>\n<p>Die Spannbreite zeigt, wie unterschiedlich die Quellen z\u00e4hlen. Als Gr\u00f6ssenordnung bleibt dennoch rund ein Drittel des Angebots. Ein Teil davon entf\u00e4llt auf einen einzelnen Halter. Sch\u00e4tzungen taxieren die Satoshi Nakamoto zugeschriebenen Best\u00e4nde auf rund 1.1 Mio. BTC. F\u00fcr institutionelle Halter verschiebt sich damit eine bislang abstrakte Frage in den Bereich der konkreten Custody-Planung.<\/p>\n<p>Wie nah ein Bitcoin-brechender Quantencomputer wirklich ist<\/p>\n<p>Die Zeithorizonte haben sich weniger durch Hardware als durch Mathematik verschoben. <a href=\"https:\/\/cvj.ch\/fokus\/blockchain\/google-quantum-ai-senkt-schwelle-fuer-angriffe-auf-bitcoin\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Google Quantum AI bezifferte 2026<\/a> den Bedarf zum Brechen von Bitcoins ECDSA auf unter 500&#8217;000 physische Qubits, mit einer Laufzeit im Minutenbereich. An dem Whitepaper wirkten neben Craig Gidney und Ryan Babbush ebenfalls Justin Drake von der Ethereum Foundation und der Stanford-Kryptograph Dan Boneh mit. Vergleichsweise hoch fiel Litinskis Wert von 2023 aus, der mit rund 9 Mio. Qubits noch etwa zwanzigmal h\u00f6her lag.<\/p>\n<p>Von dieser Gr\u00f6ssenordnung ist die reale Hardware jedoch weit entfernt. Die gr\u00f6ssten \u00f6ffentlich bekannten Quantencomputer erreichen derzeit rund 2&#8217;000 bis 2&#8217;500 physische Qubits. Zudem verlangt die Fehlerkorrektur heute zwischen 1&#8217;000 und 10&#8217;000 physische Qubits pro logischem Qubit. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft somit weiterhin eine grosse L\u00fccke.<\/p>\n<p>IBMs Roadmap zeigt allerdings, wie schnell sich das Feld bewegt. Auf den Loon-Prozessor (2025) folgen Kookaburra (2026) als erstes fehlertolerantes Modul, Cockatoo (2027) und schliesslich Starling (2028\/29) mit 200 logischen Qubits. Gleichzeitig soll der Wechsel von Surface Codes zu Quantum-LDPC-Codes den Qubit-Overhead um bis zu 90 Prozent senken. Auch die Regulierung reagiert bereits. NIST finalisierte im August 2024 die ersten Post-Quanten-Standards FIPS 203, 204 und 205, erg\u00e4nzt im M\u00e4rz 2025 um den Backup-KEM HQC.<\/p>\n<p>BIP-360 und BIP-361: Streit um Bitcoins Antwort<\/p>\n<p>Bitcoin verf\u00fcgt inzwischen \u00fcber zwei konkurrierende Antwortpfade. BIP-360 stammt von Hunter Beast, Ethan Heilman und Isabel Foxen Duke; Bitcoins offizielles Proposal-Repository nahm ihn im Februar 2026 auf. Der Vorschlag f\u00fchrt einen neuen Output-Typ ein, Pay-to-Quantum-Resistant-Hash mit dem Adress-Pr\u00e4fix \u201ebc1r&#187;. Er funktioniert wie Taproot, entfernt jedoch den quantenverwundbaren Keypath-Spend. Als Signaturschema steht unter anderem der NIST-Standard ML-DSA zur Diskussion. Sp\u00e4ter setzte BTQ Technologies im M\u00e4rz 2026 die erste funktionierende BIP-360-Umsetzung auf einem Testnet um.<\/p>\n<p>Der zweite Pfad geht deutlich weiter. Im April 2026 ver\u00f6ffentlichten Jameson Lopp, der Sicherheitschef von Casa, und f\u00fcnf weitere Entwickler BIP-361. Der Vorschlag skizziert einen phasenweisen \u00dcbergang, an dessen Ende das Netzwerk nicht migrierte Coins einfriert. Dieser Zwang ist umstritten. Bitcoin-Core-Entwickler Adam Back positionierte sich Mitte April gegen einen erzwungenen Freeze und favorisiert stattdessen optionale Upgrades.<\/p>\n<p>Die Debatte erreichte Anfang Juli ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Changpeng Zhao schlug vor, Satoshis rund 1.1 Mio. BTC einzufrieren, falls diese unbewegt bleiben, sobald Quantencomputer eine reale Bedrohung darstellen. Zun\u00e4chst soll ein Fenster von 6 bis 12 Monaten den Haltern Zeit zur Migration geben. Kritiker sehen trotzdem hohe politische H\u00fcrden. Michael Terpin verweist darauf, dass bereits das SegWit-Upgrade Jahre bis zum Konsens brauchte. Ein derart tiefer Eingriff ber\u00fchrt ausserdem Bitcoins Kernversprechen der Unver\u00e4nderlichkeit. Insgesamt steht damit erstmals ernsthaft zur Debatte, ob das Netzwerk fremde Coins stilllegen darf, um sie vor einem k\u00fcnftigen Angreifer zu sch\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Binance-Gr\u00fcnder Changpeng Zhao schlug im Juli 2026 vor, Satoshi Nakamotos rund 1.1 Mio. 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